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IZ-Begegnung mit dem Gelehrten und Aktivisten Dr. Xhabir Hamiti über Radikalisierungstendenzen auf dem Balkan und die Kraft der gemäßigten Tradition

„Der Syrienkrieg ermutigt viele junge Leute“

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(iz). Genau wie bei uns in Deutschland sorgen sich verschiedene muslimische Gemeinschaften Eu­ropas um die Radikalisierung anfälliger, junger Menschen. Sie wird auch durch die Aktivitäten extremistischer Personen oder Gruppierungen hervorgerufen und hat überall in unserem Kontinent zur Ausreise hunderter Muslime in die Konfliktgebiete Syriens und des Iraks geführt. Mit Sorge betrachtet die Mehrheit von Europas Muslimen diese Entwicklung.

In den letzten Monaten waren auch einige muslimische Regionen in Südosteuropa davon betroffen. So wurden umfangreiche Razzien und Strafverfahren gegen gewaltbereite Salafisten beispielsweise im Kosovo auch über die Grenzen des jungen Staates hinaus wahrgenommen. Hierzu sprachen wir mit Dr. Xhabir Hamiti, der seit langer Zeit im Kosovo wie auf dem ganzen Balkan als muslimischer Vertreter bekannt ist. Der gelernte Islamwissenschaftler und Aktivist hat sich in den letzten Jahren auch mit der Gefahr beschäftigt, die in seiner Heimatregion durch gewaltbereite Extremisten droht. Zu ihren Kennzeichen gehört auch der Angriff auf die jahrhundertealten muslimischen Traditionen des Balkans.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Xhabir Hamiti, in letzter Zeit häufen sich Berichte über Razzien bei so genannten radikalen Muslimen auf dem Balkan, insbesondere im Kosovo. Wir einflussreich sind diese radikalen Elemente, die der islamischen Tradition widersprechen?

Dr. Xhabir Hamiti: Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime auf dem Balkan – wie auch im Rest der Welt – kamen viele unterschiedliche Nichtregierungsorganisationen (NGO) aus Ländern des Westens und des Ostens, um in der Region unter dem Sammelbegriff der humanitären Hilfe die Lage zu verbessern. Aber nicht alle, die kamen, beschränkten sich auf diese Aufgabe. Aus beiden Regionen bemerkten wir neue Missionare und religiöse Aktivitäten, mit denen die hiesige Bevölkerung vor 1990 nicht vertraut war.

Nach dem Ende des Kosovo-Krieges im Jahre 1999 wurde unsere Heimat auch zu einem Zentrum für diese NGOS. Sie brachten viel Geld mit, um beim Wiederaufbau des Kosovo nach den Zerstörungen und Verheerungen zu helfen, die durch den Krieg verursacht wurden. Unsere Bürger waren dafür sehr dankbar, aber viele unterstützten und entwickelten – neben der humanitären Hilfe – gleichzeitig neue Interpretationen und Modelle der islamischen Lehre bei uns. Sie behandelten unsere Bürger so, als würden sie nicht die wahre Religion praktizieren.

Diese Organisationen begründeten ihre Lehre auf ausländische Sekten und Gruppen statt der wirklichen islamischen Quellen. Und das war absolut nicht zu vereinbaren mit unserer traditionellen islamischen Lebensweise, die in unserer Region seit beinahe 600 Jahren praktiziert wird. Das war der größte Fehler dieser Organisationen. Sie sind für die Entwicklung der Lage verantwortlich, mit der wir heute konfrontiert sind. Die islamische Lehre vor Ort war immer inklusive, anstatt dermaßen spaltend zu sein, wie sie von diesen Gruppierungen an den Tag gelegt wird.

Islamische Zeitung: Seit einiger Zeit gibt es Gerüchte beziehungsweise Meldungen über radikale Personen beziehungsweise Gruppen junger Muslime, die nach Syrien und in den Irak entsandt werden.

Dr. Xhabir Hamiti: Der Syrienkrieg ermutigt viele junge Leute; nicht nur aus Kosovo oder dem Balkan, sondern aus verschiedenen Regionen der Welt. Sie wollten damit den revolutionären Kämpfern und Bewegungen gegen das Assad-Regime helfen. Aber es scheint, als hätten diese internationalen Brigaden nicht ausreichend Kenntnis darüber gehabt, wofür diese Gruppen in Syrien eigentlich stehen. Der Aufruf – im Namen des Islam – kam von radikalen „Gelehrten“ im Konfliktgebiet und anderswo. Er wurde über virtuelle Medien wie Youtube und Facebook verbreitet, wurde aber auch in lokale Sprachen übersetzt. So wurden viele Menschen hier und anderswo dazu bewegt, am so genannten Heiligen Krieg teilzunehmen.

Aber in der letzten Zeit haben die Bürger hier viel deutlicher verstanden, dass die Teilnahme an dem Krieg nicht ihre Pflicht ist; und auch, dass dieser Krieg nicht auf den islamischen Prinzipien beruht, für die sie stehen. Als Folge haben sie andere dazu aufgerufen, nicht nach Syrien zu gehen, und nicht in diese Falle zu treten.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Dr. Hamiti, was sind die Ursachen für die Radikalisierung unter Muslimen in den Balkanländern?

Dr. Xhabir Hamiti: Die instabile politische und ökonomische Situation in der Region, die seit mehr als 20 Jahren anhält, hat die Pforten für viele Ausländer geöffnet, sich in unsere hiesigen religiösen Angelegenheiten einzumischen. Ihr Ziel war die Schaffung von Einfluss in der Region, damit sie diesen für politische und ideologische Absichten gegenwärtig und zukünftig nutzen können. Sie übersetzten und veröffentlichten viele Bücher. In diesen wird eine rigide und extreme Interpretation des Islam dar­gestellt. Sie verbreiten diese Bücher kostenlos innerhalb der muslimischen Gemeinschaft.

Den lokalen religiösen Gemeinschaften der Muslime war nicht ausreichend bewusst, was da vor sich ging und sie waren nicht stark genug, diese Entwicklung zu stoppen. Diese extreme und rigide Deutung des Islam ist kein Problem des Balkans oder Europas alleine. Vielmehr ist es eine globale Herausforderung, die zukünftig durch die Erziehung neuer Generationen in den wirklichen Prinzipien des Islam bewältigt werden muss. Wir haben in der Tat nichts mit Extremismus und Radikalismus zu tun, sondern viel mit friedlicher Koexistenz und Toleranz für alle Menschen, ungeachtet ihres religiösen Hintergrundes.

Islamische Zeitung: Die Behörden ihrer Heimat scheinen nun recht drakonisch auf diese Entwicklung reagiert zu haben. Reicht das aus, um das Problem zu beheben?

Dr. Xhabir Hamiti: Ich glaube nicht, dass das Verhaften von Leuten der beste Weg zur Problemlösung ist. Die Erziehung unserer kommenden Generationen im Sinne einer toleranten Auslegung der Religion im Allgemeinen, begleitet von einem Geist der Liebe und des gegenseitigen Respekts, soll für uns alle ein langfristiges Ziel sein. Das gilt insbesondere für religiöse Vertreter, aber auch für Einrichtungen von Regierungen.

Islamische Zeitung: Wie sieht die Haltung der Politik gegenüber den muslimischen Traditionen aus?

Dr. Xhabir Hamiti: Die Muslime auf dem Balkan gehören dem Islam nicht erst seit 10 oder 20 Jahren an, sondern sind die indigene Bevölkerung Südosteuropas. Sie praktizieren die islamische Lehre seit der Frühzeit des osmanischen Reiches. Wir haben unsere Wurzeln in der Vergangenheit und sind in der Lage, unseren Islam hier zu entwickeln, ohne Teil einer neuen ideologischen oder politischen Bewegung aus dem Osten zu sein.

Regierungseinrichtungen in dieser Region haben einen Mittelweg bei der Auslegung des Islam unterstützt – weder extrem, noch radikal. Das geschah durch die traditionellen islamischen Gemeinschaften auf dem Balkan. Ich denke, diese sollten durch eine Neuorganisation in demokratische Systeme und Modelle verwandelt werden und ihre früheren Verwaltungsstrukturen aus kommunistischer Zeit auflösen.

Islamische Zeitung: Steht die muslimische Gemeinschaft vor Herausforderungen im Umgang mit dieser extremistischen Ideologie?

Dr. Xhabir Hamiti: Die offiziellen muslimischen Gemeinschaften hier vor Ort müssen zusammenkommen und kooperieren, um die Qualitäten neu zu entdecken, die sie traditionell besessen haben. Ihre Zusammenarbeit soll eine sein, die wirklichen Nutzen hervorbringt, und ein Klima hervorbringen, in dem der Respekt vor allen Menschen garantiert ist. Das heißt, in dem die Religion nicht missbraucht wird, um andere im Namen Allahs zu verletzen, anzugreifen oder zu töten.

Ich glaube, dass unsere Gesellschaften Radikalismus und Extremismus nicht erlauben werden zum Teil der Religion und der Zukunft unserer Kinder zu werden.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Hamiti, wir bedanken uns bei Ihnen.

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