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“IZ-Begegnung” mit dem Generalsekretär der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG), Harald Bock

"Freundschaftliches Verhältnis gegenüber der Islamischen Welt"

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(iz). Die Deutsch-Arabische Gesellschaft (DAG) mit ihrer traditionsreichen Geschichte hat es sich zum Zielt gesetzt, die deutsch-arabische Freundschaft auszubauen und sich um eine Vertiefung ökonomischer ­Be­zie­­hun­gen zwischen Deutschland und der Arabischen Welt sowie die Intensivierung des kulturellen Austausches bemühen. Ihr Präsident ist derzeit Prof. Dr. Peter Scholl-Latour.

Wir sprachen mit dem Generalsekretär Harald Moritz Bock über die Geschichte der DAG und das Verhältnis zwischen Deutschland und der Arabischen Welt.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Bock, wie kam es zur Gründung der Deutsch-Arabischen Gesellschaft?

Harald Bock: Die Wurzeln der DAG liegen in der 2. Hälfte der 60er Jahre im Internationalen Haus in Würzburg. Dort lebten viele aus arabischen Ländern, viele Palästinenser, viele Ägypter, und andere. Im Jahr 1965 waren die Beziehungen zwischen Deutschland und allen Ländern der arabischen Welt, mit Ausnahme Libyens und Marokkos, abgebrochen worden, und zwar wechselseitig. Die Hintergründe dürften bekannt sein.

Wir fanden damals, dass das eine Bankrotterklärung der Diplomatie war, für beide Seiten. Das machte traurig, wir haben uns gedacht, wenn die es nicht können, dann müssen wir von unten etwas tun. Denn die Beziehungen zwischen Arabern und Deutschen waren tra­ditionell gut und unbelastet, und jetzt brach dies auf einmal auseinander. Deutschland beziehungsweise Europa und die Arabische Welt standen vor einem Scherbenhaufen.

Da haben Deutsche und Araber, deutsche und arabische Jungakademiker und auch Professoren, zunächst mehrheitlich aus Franken, beschlossen, etwas dagegen zu tun.

Islamische Zeitung: Woher kam Ihre eigene Nähe zu den Arabern? Gab es vielleicht Erfahrungen durch Reisen oder ähnliches?

Harald Bock: Als Schüler bin ich per Anhalter durch Nordafrika gereist, 1959, das war ein sehr schönes Erlebnis. Aber die Gründe liegen auch im Elternhaus. Mein Vater hatte acht Jahre in Südamerika gelebt, vor dem Zweiten Weltkrieg. Wir hatten viele Freunde aus Südamerika, die uns besuchten, und für mich war das eine aufregende Sache. Das war faszinierend.

Und dann bekamen wir auch Besuch von Palästinensern. Beide brachten uns Deutschen große Sympathien entgegen. Meine Großmutter hatte eine Veranstaltung in dem niedersächsischen Flecken, in dem wir lebten, mit organisiert. Da kamen 300 Leute in ein Kino, um sich anzuhören, was der Palästinenser zu erzählen hatte über seine Heimat, über das, was sein Volk im Augenblick zu erleiden hat und über die Schönheit seines Landes, die er mit Lichtbildern untermalte. Er sagte, er hätte auch dann zu uns gesprochen, wenn nur drei Leute gekommen wären. Das fand ich großartig. Inzwischen weiß ich, dass man solche Aussagen auch nicht immer allzu ernst nehmen sollte, aber als Jungen hatte mich das sehr beeindruckt.

Islamische Zeitung: Wie war Ihre Wahrnehmung der islamischen Komponente der arabischen Welt zu jener Zeit?

Harald Bock: Deutschland hat seit langem ein besonderes Verhältnis zur islamischen Welt – das war nicht in erster Linie von Goethe oder Herder geprägt, nein das Bewusstsein der breiten Gesellschaft formten die Erzählungen von Karl May – blumenreich und liebenswürdig. Und ich habe nie, so wie man das heute darstellt, einen grundlegenden Konflikt zwischen beiden Kulturkreisen empfunden.

Übrigens: der jüngste Bruder meiner Frau, die aus einer chinesischen evangelischen Missionarsfamilie stammt, welche nach Indonesien eingewandert ist, mit dem ich auch zusammen in Deutschland studiert hatte, ist Muslim geworden – zur Überraschung der Familie. Zu ihm habe ich das beste Verhältnis; ich habe da keine Berührungsängste, wäre aber auch kein Ansprechpartner, um die Konfession zu wechseln.

Islamische Zeitung: War also die Annäherung zum Thema letztlich doch das Reisen?

Harald Bock: Ja, einmal das, und dann das erwähnte diplomatische Desaster von 1965. Das ist eine ständige Herausforderung. Wir akzeptieren auf Grund unseres 12-jährigen Abtauchens aus der Geschichte nur unsere Verpflich­tung in eine Richtung. Das ist eine gewillkürte verengte Wahrnehmung, die wir aufgrund der deutschen Schuld haben, um die erlebte Schreckensherrschaft in Deutschland zu kompensieren. Wir haben uns teils bewusst blind und taub gestellt gegenüber dem Unrecht, das in Palästina durch die Landnahme passierte und weiterhin passiert.

Islamische Zeitung: Wenn Sie das Verhältnis zwischen Deutschland, ­Israel und den Arabern betrachten, hat sich dieses in den vergangenen Jahrzehnten zum besseren oder zum schlechteren entwickelt?

Harald Bock: Es ist verlogener geworden. Inzwischen weiß man, weiß man sehr genau, dass gegenüber den Palästinaarabern permanent Unrecht geschieht, das unsere Politiker nicht wagen zu thematisieren. (vgl. das Buch unseres Präsidenten, Peter Scholl-Latour: „Lügen im Heiligen Land“)

Doch die Epoche Bush ist in Amerika Geschichte; es bricht hoffentlich neues Zeitalter an. Amüsiert sehen wir, wie sich unsere Politiker auf einmal drehen und sich gewunden ausdrücken. Das ist interessant. Ich will aber nicht sagen, dass sie dadurch aufrichtiger und wahrhaftiger werden.

Islamische Zeitung: Gehört es nicht zu den Widersprüchen oder Schizophrenien im deutsch-arabischen Verhältnis, dass die Rüstungsindustrie immer einen sehr leichten Zugang zu den Finanzquellen der Araber hatte?

Harald Bock: Die Industrie sucht sich immer den Weg zum Kapital, und wenn da Auftraggeber sind – und jetzt kommt die Antwort nicht so wie Sie dachten dann – verschenkt man deutscherseits auch U-Boote an Israel. Wer dann zahlt, ist auch bekannt.

Islamische Zeitung: Würden Sie es als zu grob empfinden, wenn man sagt, dass sobald es um Geld geht, das deutsch-arabische Verhältnis sehr gut ist, sobald es aber um Kultur oder Islam geht, eher schwierig?

Harald Bock: Sie bringen es auf den Punkt, bei der kulturellen Partnerschaft hält man sich offiziell zurück.

Das heißt aber nicht, dass der kulturel­le Dialog eher schwierig ist; es gibt ­viele Intellektuelle in Deutschland, die ein ­total entspanntes freundschaftliches Verhältnis gegenüber der Islamischen Welt haben. Es gibt sogar in Kirchenkreisen sehr viele Intellektuelle, die das Gespräch aufrichtig suchen. Wir sollten uns hüten, schwarz-weiß zu malen.

Islamische Zeitung: Die DAG unterstützt auch ein Projekt „Mit Radikalen reden“, gewissermaßen die Grundidee, auch beispielsweise mit der Hamas zu sprechen…

Harald Bock: Wir haben ja während des Irak-Abenteuers auch mit Vertretern der Regierung Bush gesprochen – wenn Sie von Radikalen reden…

Islamische Zeitung: Was war ­schwieriger?

Harald Bock: Es wird uns in Deutschland erschwert, mit der Hamas zu reden, weil Hamasvertreter nicht nach Deutschland einreisen dürfen. Wenn man eine Politik ändern und miteinander ins Gespräch kommen will, dann kann man nicht sagen: Mit dir rede ich nicht. Um jemanden zu zitieren, Herrn Genscher, der stets gepredigt hat, mit jeder Seite zu reden. Inzwischen spricht sogar Bill Clinton mit Nordkorea, das über die Atombombe verfügt, und Herr Rumsfeld hatte mit den Taliban geredet, die er für sein Manöver gegen Russland gebraucht hatte. Wenn man dies vergleicht, sieht man schon, wie verlogen unser Sprechverbot ist. Natürlich muss man mit der Hamas reden. Wie kann man zu Resultaten gelangen, wenn man sich gegenüber eine Seite eine Schweigepflicht auferlegt?

Islamische Zeitung: Sind Sie der Auffassung, dass es da eine Perspektive gäbe, zu Resultaten zu kommen, auch mit einem Ergebnis, das für Deutschland akzeptabel wäre?

Harald Bock: Der frühere Botschafter des Staates Israel Avi Primor hat auf einer Veranstaltung der DAG vor einigen Jahren in der Hanns-Seidel-Stiftung gesagt, wenn die Hamas jetzt an die Macht komme – und das war kurz vor der Wahl – dann würde man auch mit der Hamas reden. Diese Einsicht scheint sich im offiziellen Israel noch nicht durchgesetzt zu haben. Und Deutschland beobachtet sehr gespannt, was die Israelis machen – wenn die aber selbst mit Hamas reden, dann kommen wir ­Deutschen ein halbes Jahr später und schicken dort auch unsere politischen Stiftungen hin. Vorher ist das alles vermintes Gelände.

Und als der Flüchtlingsminister der Hamas, der mit einem schwedischen Schengen-Visum nach Deutschland kam, um Gespräche mit deutschen Parlamentariern zu führen, hatte ich um ein Zusammentreffen mit Frau Steinbach bemüht, die sich für Flüchtlings- und Vertriebenenfragen besonders engagiert. Doch mir wurde aus ihrem Büro mitgeteilt, dass sie zu viele Termine habe und nicht zur Verfügung stünde. Für Frau Steinbach hätten sich gewiss interessante Gesprächsthemen gefunden.

Der frühere Bundesminister für Flüchtlinge und Vertriebene, Prof. Dr. Dr. Oberländer, hat in seiner Amtszeit mehrfach Besuche in Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien und Syrien absolviert,und den jeweiligen Machthabern immer vorgehalten: Was ihr macht ist falsch, ihr schafft euch hier Camps von Pitbulls. So könnt ihr das Thema nicht regeln, schaut, was wir tun.

Nun ist es schlimmer geworden als seinerzeit angenommen. Palästina gibt es nicht mehr, und um mit Wolfgang Gerhard zu sprechen, ein durchlöcherter Käse taugt nicht als Blaupause für einen künftigen Staat Palästina. Darüber muss man einmal grundsätzlich nachdenken und versuchen, Recht zu schaffen, solange man dies noch kann. Man wird nie mehr für alle Recht herstellen können, so wie man dies nach fast 50 Jahren der deutschen Teilung auch hier nicht ­konnte.

Deutschland hat zwar viel Engagement in Palästina entwickelt; wir haben Flughäfen aufgebaut, die dann von Israel zerstört worden sind, wir haben Orangen­haine in Gaza subventioniert, und die Orangen lagen dann im Hafen und vergammelten, weil sie nicht ­ausgeführt werden durften. Kein deutscher Umweltminister hat sich je darüber aufgeregt.

Und wir, das kleine Pflänzchen Deutsch-Arabische Gesellschaft, das ­etwas dagegen sagt, werden dann als ­Israelfeind verdächtigt. Aber wir verstehen uns nicht als eine Gesellschaft, die Feindschaft in irgendeine Richtung hin entwickelt.

Ein Gründungsmitglied der DAG war der Generalsekretär des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten, Prof. Dr. Ludwig Freund, erster Adenauer-Preisträger, der das israelische Verhalten gegenüber den Palästinensern scharf kritisierte. Aber diejenigen Juden beziehungsweise Israelis, die sich für ein Miteinander in der Region stark machen, sind weiterhin in der Minderheit und werden vom Zentralrat der Juden verdächtigt. Die Politik des radikalen, ehemaligen Türstehers, der dort die Außenpolitik leitet, wird vom Zentralrat blind favorisiert.

Islamische Zeitung: Wie kann man das Bild, das die deutsche Öffentlichkeit über „die Araber“ hat, zum Positiven ändern und die kulturellen, wissenschaftlichen Seiten, die auch Goethe und Rilke fasziniert haben, wieder mehr ins Gespräch bringen?

Harald Bock: Indem wir darin wetteifern, die Deutsch-Arabische Gesellschaft größer werden zu lassen als den ADAC. Wenn wir das erreicht haben, dann haben wir unser Ziel auch erreicht [lacht]. Indem man weiter miteinander ins Gespräch kommt, ich meine nicht die Sonnentouristen nach Hourgada oder Djerba, die berichten, dass das Meer schön und warm und war, dass es gutes Essen gab, und sie auch Ägypter oder Tunesier getroffen haben. Das ist es nicht.

Doch zum Glück gibt es Tausende und Abertausende, die andere Wege beschreiten. Die nach Jemen fahren, auch wenn es bisweilen schwierig ist; die nach Syrien oder Oman fahren. Ich denke auch an die von den Kirchen veranstalteten Reisen nach Israel und Palästina – das sind ganz andere Erlebnisse.

Und das sind auch letztlich unsere Gesprächspartner. Ich mache jetzt eine Veranstaltung zusammen mit dem Asil Club, der sich mit den reinrassigen arabischen Pferden beschäftigt. Da zeigen wir arabisches Kulturgut. Wir sind ja auch stolz auf unsere Gestüte der Trakehner, Holsteiner oder Hannoveraner, die alle auch Araberblut in sich tragen. Das ist eine sehr interessante Sache, und diese Leute sind ständig im Gespräch mit Arabern, die auch so einen „Vogel“ haben wie sie und sich bewundernd die Pferde anschauen und über Züchtungsergebnisse austauschen.

Islamische Zeitung: Aus Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung heraus; was ist das größte Vorurteil, das Araber über Deutsche haben, und welches das größte Vorurteil, das Deutsche über Araber haben?

Harald Bock: Die Vorurteile der Araber gegenüber den Deutschen sind, dass wir zuverlässig sind, dass wir pünktlich sind, dass wir anständig und ehrlich sind. Alle Vorurteile, und das habe ich in meinem langen Leben inzwischen gelernt, müssen immer wieder an der Realität justiert werden.

Alexander von Humboldt hat treffend vor Weltanschauungen jener gewarnt, die die Welt nicht geschaut haben. Genauso dumm und dumpf ist ein Kollektivverdacht gegenüber der anderen Seite: Wenn einer dunkelhaarig ist und nicht so blaue Augen hat wie ich, dann ist der deshalb nicht a priori schlechter ist als ich. Ich finde, alle Vorurteile müssen ständig, revidiert werden. Kein Mensch ist frei von Vorurteilen, aber man muss sie immer wieder neu verdauen. Wenn man das schafft, dann wird man Mensch.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Bock, vielen Dank für das ­Gespräch.

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