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“IZ-Begegnung” mit dem Hamburger Imam Zulhajrat Fejzulahi

Die Imame in Deutschland

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Imam Zulhajrat Fejzulahi stammt aus Mazedonien und ist albanischer Abstammung. Nach Studien in Sarajevo, Kuwait, an der Al-Azhar in Kairo und diversen Tätigkeiten in Mazedonien ist er seit 1983 als Imam und Gelehrter in Hamburg tätig. Er ist derzeit Vorsitzender der Union der islamisch-albanischen Zentren in Deutschland und bei der SCHURA Hamburg zuständig für innerislamischen Dialog.

Wir sprachen mit Zulhajrat Fejzulahi über seine Erfahrungen als Imam in Deutschland.

Islamische Zeitung: Herr Fejzulahi, Fühlen Sie sich als albanischer Muslim und als Europäer voll anerkannt?

Zulhajrat Fejzulahi: Der Islam ist in Deutschland nicht offiziell anerkannt. Die gleiche Situation kenne ich auch aus Mazedonien. Ich selbst fühle mich überall als albanischer Muslim und als Europäer. Albanischer Muslim zu sein ist für mich deshalb bedeutsam, weil das, was wir albanischen Muslime in den letzten 100 Jahren erlebt haben, kaum beschrieben werden kann. Als Muslime wurden wir von Außen und von Innen bekämpft, von albanischen Atheisten und von unseren nichtmuslimischen Nachbarn, und das nur, weil wir Muslime waren. Albanien war das erste Land der Welt, das sich als kommunistisch und atheistisch deklariert hatte. Doch Gott sei Dank haben wir als Muslime unsere Identität bewahren können.

Islamische Zeitung: Was ist für Sie das wichtigste, was ein Imam in Deutschland wissen muss?

Zulhajrat Fejzulahi: Meiner Meinung nach leiden einige Imame in Deutschland unter der schlechten Organisation der Moschevereine. Nach einigen Satzungen darf der Imam nicht Mitglied im Vorstand sein, weil das angeblich negative Folgen haben könnte. Das kann sein, aber wenn ein Imam nicht im Vorstand ist, wird das sicherlich auch nachteilige Folgen haben. Das wäre so, wie wenn in einem Ärzteverein kein Arzt im Vorstand sein kann. Die islamischen Vereine sind finanziell abhängig von Mitgliedsbeiträgen oder von Spenden, so kommt es teils dazu, dass alle Mitglieder sich irgendwie als Arbeitgeber des Imams betrachten. Nach dieser Logik hat jeder, wenn es um den Imam geht, ein Recht, zu kommentieren, und das schafft eine Menge Probleme.

Ein Imam, egal wo er lebt, soll sich bewusst sein, dass er mit diesem Titel Nachfolger des Propheten Muhammad ist. Er soll diese Aufgabe als heilige Aufgabe betrachten, obwohl es leider auch Imame gibt, die sich ihrer Aufgaben nicht genügend bewusst sind.

Wenn ein Imam nach Deutschland oder in ein anderes europäisches Land als Imam kommt, wo der Islam ein relativ neues Phänomen ist, dann sollte er bereits praktische Erfahrung als Imam haben. Er soll auch wissen, dass eine Imam-Tätigkeit in seinem Herkunftsland und hier nicht das gleiche ist. Er soll den Islam richtig kennen, aber das ist nicht genug. Er soll die Sprache, den Glauben und die Traditionen der Gesellschaft, in der er lebt, kennenlernen. Er soll eine offene Person sein und mit der allgemeinen Gesellschaft auf deren Niveau kommunizieren. Er soll den Islam so präsentieren, dass er nicht als Kultur seines Herkunftslandes daherkommt, sondern so universal, wie er ist, sodass er auch für Europäer leichter annehmbar ist. Das wichtigste ist, nicht nur über den Islam zu reden, vielmehr sollte der Imam und alle Muslime sich vor allem islamisch benehmen und den Islam tagtäglich praktizieren. Und schließlich sollte ein Imam am besten mit seiner Familie hier sein und einen unbefristeten Aufenthalt bekommen.

Islamische Zeitung: Sie leben in Hamburg. War die Rolle des Imams für Sie gerade nach dem 11. September 2001 besonders schwer?

Zulhajrat Fejzulahi: Ich lebe seit 27 Jahren in Hamburg. Ich habe sehr schöne Momente in dieser Stadt erlebt. Es gibt einen Unterschied zwischen der Zeit vor und nach dem 11. September, besonders die ersten paar Monate danach waren ziemlich schwer. Es kamen viele Leute, auch aus dem Ausland, die mir Fragen gestellt haben. Ich habe ein paar mal Drohungen bekommen, aber ich habe auch oftmals die Unterstützung von offizieller Seite und den Sicherheitsbehörden erhalten, das fand ich sehr gut. Von einigen Mitgliedern habe ich Beschwerden bekommen, dass ihre deutschen Nachbarn nach dem 11. September sie mit anderen Blicke angeschaut haben, aber ich habe ihnen stets gesagt, sie sollen ihre Haltung nicht verändern, sondern weiterhin auf die beste Weise mit ihnen zusammenleben.

Islamische Zeitung: Sorgen Sie sich um den Bildungsgrad junger Muslime?

Zulhajrat Fejzulahi: Der Bildungsgrad junger Muslime ist leider alarmierend schlecht. Diese Situation macht mir große Sorgen. Ausgebildet zu sein heißt ein reifer, erwachsener und weitblickender Mensch zu sein, der den Feind zum Freund machen kann. Unausgebildet zu sein hat für einen Menschen hingegen viele Nachteile. An diesem Problem sind meiner Meinung nach viele Faktoren schuld. Ich habe über dieses Thema mit vielen Imamen und anderen Personen gesprochen. Von allen habe ich gehört, dass der erste Faktor die Eltern oder die Familie ist, die oft selbst unausgebildet sind und für die der Erwerb des eigenen Lebensunterhalts im Vordergrund steht. Einige Lehrer haben offenbar auch keine Lust, Migrantenkinder zu motivieren. Viele Moscheen machen in dieser Richtung aber auch nicht viel, obwohl sie sehr gut geeignet sind, Nachhilfeprogramme zu organisieren und zu realisieren. Es scheint, dass wir Muslime oft sehr wenig in die Zukunft unserer Kinder investieren, und das ist schade. Viele Eltern schieben die Verantwortung dafür ausschließlich auf die Lehrer und die Schule ab. Diese Sichtweise scheint aus ihren Herkunftsländern zu stammen. Ich befürworte auch den islamische Religionsunterricht in den Schulen, damit sich die muslimischen Kinder mit den nichtmuslimischen gleichgestellt fühlen, und weil man mit dem Unterricht in den Moscheen nicht alle muslimischen Kinder erreicht. Islamische Zeitung: Können Sie als Imam bemerken, wenn eine Radikalisierung bei Jugendlichen eintritt, und wenn ja, woran?

Zulhajrat Fejzulahi: Die Radikalisierung steht leider immer und überall vor der Tür. Wenn die Ausbildung nicht normal funktioniert, womit die Jugend die Mehrheit ihrer Zeit verbringen sollte, dann ist viel Zeit übrig, um diese auf falschen Wegen zu verbringen. Es gibt Jugendliche, die für ihre eigene Unfähigkeit und ihre Misserfolge andere beschuldigen wollen. Die jungen Muslime sollen Deutschland als ihre Heimat betrachten, und die deutschen Jugendlichen sollen den Islam und die Muslime als gleichberechtigte Landsleute akzeptieren. Damit dass funktioniert, muss es von beiden kommen. Viele junge Muslime leiden zudem unter der negativen Berichterstattung der Medien über den Islam und der verbreiteten Islamfeindlichkeit, und können dann manchmal zu extremen Reaktionen neigen. Wir müssen die Jugendlichen vor diesem Hass bewahren.

Islamische Zeitung: Die Anforderungen an Imame, zum Beispiel Wissen oder Sprachkenntnisse, werden immer größer. Wie kann man dem künftig begegnen?

Zulhajrat Fejzulahi: Ein Imam kann nicht Imam sein, wenn er nicht entsprechend ausgebildet ist. Die Imame sind nicht alle gleich. Es gibt Imame, die nur das Gebet leiten. Sie brauchen außer den Gebetsregeln nicht viel zu wissen. Aber ein Imam, der die Gemeinde leiten will, sollte wirklich dafür fähig sein und vieles wissen, sonst kann er das nicht schaffen.

In der Diaspora Imam zu sein, ist eine sehr komplexe und schwierige Aufgabe. Erstens kann der Imam in der Gemeinde selbst mit den Mitgliedern in Konflikt kommen. Manchmal übertragen sie Probleme und Konflikte aus ihren Heimatländern nach hier, und das kann einem Imam die Arbeit schwer machen. Wir dürfen solche Konflikte nicht hierzulande austragen. Zur Zeit des Bosnienkrieges ist uns das auch geglückt.

Sprachkenntnisse sind für einen Imam unbedingt nötig. Jeder soll sich den besten und schnellsten Weg suchen, diese zu erwerben. Ein Imam in der Diaspora sollte jeden Tag eine Zeitung lesen und jeden Tag die Nachrichten verfolgen. Mindestens einmal im Monat sollte er ein Buch lesen. Er darf nicht ausschließlich nur mit seiner Gemeinde zu tun haben, denn der Islam ist viel größer als unsere Gemeinden und auch viel größer als die Dachverbände. Wir sollen uns um den Islam kümmern, der für alle Menschen ist und nicht um einen Islam der Stämme oder von dieser oder jener Gruppe. Die Imame sollen auf die Einheit der Muslime in Deutschland hinarbeiten. Sie sollen eine Rhetorik haben, die sowohl mit den islamischen Prinzipien, als auch mit dem Gesetz des Landes, in dem er lebt, übereinstimmt. Das kann schwer sein, ist aber möglich.

Islamische Zeitung: Hat es auch Nachteile, wenn wir nur noch „Berufsimame“ haben?

Zulhajrat Fejzulahi: Wir haben heute zu 99 Prozent hauptberufliche Imame, und ich glaube nicht, dass das ein Nachteil ist – wenn sie ihre Aufgabe richtig verstehen. Ein Imam ist nicht einfch nur ein Mitarbeiter wie ein Mitarbeiter in einer Firma, mit begrenzten Aufgaben. Ein Imam sollte jeden Tag etwas neues und nützliches bringen. Er darf nicht zwei Tage hintereinander im gleichen Rhythmus verbringen. Das ist schwer und kostet viel Zeit, Nerven und Gesundheit, aber das ist so. Das heißt nicht, dass er keine Pause machen kann, aber er kann in diesen Pausen Dhikr oder Bittgebete machen. Viele Imame sind heute aber zu sehr mit ihrer eigenen Existenzsicherung beschäftigt.

Islamische Zeitung: Kann man als Imam in seiner Khutba überhaupt noch Politisches im weitesten Sinne ansprechen, ohne in Verdacht zu geraten?

Zulhajrat Fejzulahi: Die Hauptaufgabe des Imams ist es, die Religion richtig zu übermitteln, die Muslime in seinem Umfeld islamisch zu erziehen und sie auf den gesunden Weg für dieses Leben und das Jenseits zu orientieren. Er soll ein gutes Vorbild der gläubigen Menschen sein. Ein Imam kann nicht von der Gesellschaft und Umgebung, in der er lebt, isoliert bleiben, sondern er sollte in bestimmten Fragen seinen Beitrag leisten. Politik ist ein Teil des Lebens, sogar eine sehr wichtiger Teil, deswegen kann ein Imam nicht von diesem Teil abgeschnitten sein. Natürlich hat er keine Zeit, sich über alle politischen Kleinigkeiten zu äußern, aber bei bestimmten Themen kann er sehr positiv wirken. Er ist auch islamisch verpflichtet, auch in der Politik etwas Gutes zu tun. In Ex-Jugoslawien war 70 Jahre lang die Sicht vorherrschend, dass Religion eine private Sache ist und der Glaube scharf von Politik getrennt sein soll, und ein Imam konnte nicht einmal das Wort Politik erwähnen. Später haben wir gesehen, dass dies auch eine schmutzige Politik war.

Wo ist die Grenze zwischen Politik und Religion? Wer kann eine Linie zwischen diesen beiden wichtigen Elementen des Lebens ziehen? Ein Imam darf die Politik nicht ohne Grund kritisieren, aber eine positive Idee in die Politik einzubringen, dazu ist er verpflichtet. Niemand hat das Recht, den Imamen dieses Recht zu nehmen.

Falls die Politik der Religion oder den Gläubigen Schaden zufügt, dann ist ein Imam verpflichtet, „mit Weisheit und schöner Ermahnung“ etwas zu unternehmen und darauf zu antworten. Er soll seine religiöse Haltung verteidigen. Geschieht das auf diese Weise, so glaube ich nicht, das ein Imam in Verdacht geraten kann.   Islamische Zeitung: Imamausbildung ist aktuell ein großes Thema. Sehen Sie, aus den Erfahrungen Südosteuropas heraus, auch Gefahren, wenn der Staat sich zu sehr in die Ausbildung einmischt?

Zulhajrat Fejzulahi: Ausbildung ist immer gut. Niemand kann gegen Ausbildung etwas sagen. Besonders wenn es darum geht, die Position des Imams zu stärken.

Jeder Staat will gute und gut ausgebildete Imame haben, das ist normal, aber ein Imam darf nicht auf dem Rücken des Glaubens und der Muslime sein Glück mit dem Staat bauen, und umgekehrt darf er nicht auf dem Rücken des Staates irgendwelche extreme Strömungen unterstützen oder verbreiten. Ein Imam soll transparent und korrekt sein.

In Südosteuropa wurde die Religion auf nur ein paar Punkte, die mit gottesdienstlichen Handlungen zu tun haben, begrenzt, und mehr nicht. Aber die Imame mussten damit leben und die ihnen erlaubten Aufgaben erledigen. Der Staat hat die Imame kontrolliert, sie aber nicht in ihren begrenzten Tätigkeiten gestört. Einige Imame sind in schmutzige Spiele geraten und haben manchmal ohne Grund ihre Kollegen ausspioniert. So etwas stimmt nicht mit dem Islam und mit dem Gesetz in einen seriösen Staat überein, aber solche Fälle passieren. Wenn so etwas irgendwo in der Welt passiert, dann ist dies wirklich eine große Schande für den Imam und auch den Staat. In Südosteuropa gab es aber auch positive Dinge, die sehr nützlich waren. In bestimmten Momenten haben sie die Autorität des Imams auch geschützt.

Islamische Zeitung: Lieber Imam Fejzulahi, vielen Dank für das ­Gespräch.

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