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„IZ-Begegnung“ mit dem Investitionsfachmann und Berater für Firmenneugründungen Dr. Murat Ünal

Es geht nicht nur um Gewinne, es braucht auch Visionen

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(iz). Die Geschichte des Islam war lange durch eine beeindruckende Tradition des Unternehmertums ge­kennzeichnet. Muslime trieben Handel von Schweden bis China und waren für Geschäftssinn bekannt. Selbst heute haben Einwanderer eine signifikant höhere Quote bei der Selbstständigkeit. Insgesamt kam es in hier zu rund 800.000 Unternehmensgründungen, die neudeutsch als Start-Ups bezeichnet werden.

Dass es dabei nicht nur um die reine Gewinnabsicht geht, erklärt Murat Ünal im Gespräch. Der Fachmann für Investitionen und Berater ist Gründer der Funds@Work AG sowie der ­SONEAN GmbH. Beide Unternehmen operieren als internationale Beratungen für die Investmentindustrie. Der mit Preisen ausgezeichnete Unternehmer spricht über Visionen, Leidenschaften und soziales Unternehmertum und beschreibt, was für Firmengründer entscheidend ist.

Islamische Zeitung: Lieber Murat Ünal, derzeit sind viele Einwanderer – und Muslime unter ihnen – bei Unternehmensgründungen stärker vertreten als der Rest ihrer Landsleute. Was sind die wichtigsten Rahmenbedingungen für ein Start-Up?

Murat Ünal: Dass der muslimische Bevölkerungsanteil hier aktiver ist, hat mit Dynamiken zu tun, die sich seit Jahrhunderten weltweit beobachten lassen. Ist jemand neu in einer Gesellschaft, bleiben bestimmte Türen verschlossen.

Das ist beispielsweise den Chinesen passiert. Es gibt im asiatisch-pazifischen Raum große chinesische Bevölkerungsgruppen, die Anfang des 19. Jahrhunderts aus Perspektivmangel auswanderten. Interessanterweise halten sie heute die wirtschaftliche Macht in relevanten asiatischen Ländern des Pazifikbeckens in Händen. Das fängt in Malaysia an und geht über Indonesien bis nach Singapur. Das ist auch der Dynamik geschuldet, dass sie für den sozialen Aufstieg die Alternative im Unternehmertum suchen.

Viele haben sich noch nicht einmal darauf geeinigt, was ein Start-Up ist. Alleine in Deutschland gab es im letzten Jahr rund 800.000 Unternehmensgründungen. Viele verstehen darunter heute Firmen, die einen disruptiven Charakter haben, die bestehende Strukturen in Frage stellen und das wirtschaftliche Geschehen neu definieren.

Wenn es um Unternehmensgründung geht, gibt es drei ganz wichtige Dinge. Erstens, gibt es eine Kernkompetenz in dem Bereich, der angeboten wird? Kernkompetenz bedeutet: Unterscheide ich mich ganz deutlich darin von meinen Mitbewerbern? Es geht ja um ein langfristiges Geschäftsmodell. Damit dieses Bestand hat, muss ich auch eine gewisse Kernkompetenz haben, die mich von anderen absetzt.

Die zweite, noch wichtigere, Frage lautet: Wird meine Kernkompetenz auf dem Markt gesucht? Man kann natürlich von sich behaupten, dass man beispielsweise der Beste im Jonglieren von Äpfeln ist. Entscheidend wird sein, ob es dafür auch Abnehmer gibt.

Drittens, und am notwendigsten, muss gefragt werden: Ist der Markt bereit, dafür zu zahlen? Im Zuge der Technologisierung haben wir gesehen, dass der Markt immer stärker zwischen dem unterscheidet, für was er Geld bezahlen will, und für was nicht. Große Verlagshäuser haben derzeit das Problem, dass sich wegen des großen Internetcontents eine existenzbedrohende Situation entwickelt hat. Verlage erfahren, dass ihnen die Nutzer weglaufen, die auch für ihre Dienstleistung bezahlen würden.

Islamische Zeitung: Gibt es Prinzipien, die für Start-Ups wichtig sind?

Murat Ünal: Als wir unsere Gesellschaft gründeten, haben wir uns ganz klare Prinzipien gesetzt. Und ich denke, dass jeder Prinzipien setzen sollte, was man tun sollte und was nicht. Wir haben uns beispielsweise entschieden, Berater für die Investmentindustrie zu sein, haben aber seit 13 Jahren kategorisch ausgeschlossen, dass wir so genannte Hedgefonds und Investmentbanken beraten. Der Grund ist, dass wir nicht an deren Geschäftsmodelle glauben. Uns sind dadurch sicherlich siebenstellige Beträge entgangen. Aus der heutigen Perspektive aber war es das Beste. Wir gehörten auch zu den Unternehmen, die sich sehr früh um Nachhaltigkeit bemüht haben.

Derartige Prinzipien sind enorm wichtig. Wofür stehe ich? Warum mache ich das? Und da sollte man auch den Gesamtkontext berücksichtigen und die Frage stellen, welche Auswirkung das eigene Handeln auf die Gesellschaft hat. Das führt dazu, dass die Unternehmensgründung auf gewissen Prinzipien beruht und man auch von einer gewissen Langfristigkeit angetrieben wird. Was ist das Ziel meines Unternehmens? Welchen Mehrwert leistet ist? Was möchte ich beitragen? Dabei kann es sich beispielsweise auch um ein soziales Unternehmen handeln, bei dem es nicht um die reine Gewinnabsicht geht, sondern das Geschäftsmodell auch etwas für die Gesellschaft tut.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielt die Finanzierung?

Murat Ünal: Wir haben das Thema einmal in einer Matrix dargestellt. Es gibt zwei, drei oder vier Stadien, die ein Start-Up durchläuft. Hinzu kommen gewisse Geldgeber, die hier in Frage kämen. Grob gesagt, unterscheidet man zwischen „early“ oder „seed stage“. Das sind Start-Ups, die Kapital benötigen, um an den Markt zu gehen. Und dann gibt es die „growth“ oder „later stages“. Dabei handelt es sich um etablierte Unternehmensgründungen, die sich für den nächsten Schritt refinanzieren.

Betrachtet man das early/seed stage, bei dem das Start-Up lanciert wird, dann ist es aus unserer Perspektive ganz klar, dass hier die unternehmerische Unabhängigkeit bewahrt bleiben sollte.

Islamische Zeitung: Woher kann man das nötige Geld für eine neue Firma bekommen?

Murat Ünal: Eine grundsätzliche Bemerkung zur Gründung ist, dass die Unabhängigkeit beibehalten werden sollte. Wenn ich mir externe Geldgeber hinein hole, mubss ich mir im Klaren sein, dass ich Einfluss abgebe. Möglicherweise kann ich dadurch sogar ziemlich unter Druck gesetzt werden.

Im Englischen spricht man als anfängliche Geldgeber von den drei „F“: family (Familie), friends (Freunde) und fools (Narren). Mit den letzteren sind keine wirklichen Narren gemeint, sondern Leute, die einem Geld anvertrauen, aber mit dem eigentlichen Geschäftsmodell nichts anzufangen wissen. Man kann sich zum einen auf die eigenen Reserven fokussieren. Bestehen diese nicht, spielt die Familie eine zentrale Rolle. Freunde sind ebenfalls von großer Bedeutung sowie erweiterte Bekannte, die in das Geschäftsmodell investieren wollen.

Als nächste Investorenkategorie gibt es wohlhabende Personen, die selbst einmal ein Unternehmen gegründet haben. Man nennt sie in der Regel Angel-Investoren. Sie können bei Unternehmensgründungen mit kleineren Ticketgrößen dabei sein. Diese Investoren sind in der Regel selbst erfolgreiche Investoren, oder haben einfach eine Affinität zum jeweiligen Geschäftsmodell.

Darüber hinaus gibt es auch noch quasi-staatliche Investitionen. Für den vorliegenden Zweck ist das die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau). Dort gibt es verschiedene Förderprogramme. Sie hat einen eigenen Fonds, den High-Tech Gründerfonds, der zum Beispiel in Start-Ups investiert. Es investieren aber auch regionale Banken wie die Investitionsbank in Berlin, die Geld für Neugründungen zur Verfügung stellt. Diese Gelder kommen entweder über einen Fonds als Aktienbeteiligungen, oder sie können als Fördergelder in Form von Krediten und Zuschüssen kommen. Nicht nur im Start-Up-Hub Berlin, sondern auch anderswo haben die meisten Regionen ihre eigenen Fördereinrichtungen. Diese Mittel machen in Deutschland derzeit fast 50 Prozent aller Förderungen aus. Sie geben oft eine Summe, die dem vorliegenden Eigenkapital entspricht.

Anfänglich sollte man sich bei der Gründung auf das direkte Umfeld beschränken. Wichtig ist auch, dass diese Leute komplementär sind. Ein Unternehmen sollte man idealer Weise zu zweit gründen, sodass es ein Backup gibt. Das heißt, jemanden zu haben, der auch einmal unterstützt. Es gibt das Konzept des „key man risk“. Wenn es nur eine Person gibt, hat das Unternehmen ein Problem, sollte diese einmal ausfallen. Daher ist es immer gut, ein Start-Up mit einer gleichgesinnten Person zu gründen, die einen nicht nur operativ unterstützt, sondern auch finanziell.

Islamische Zeitung: Wie sieht es mit professionellen Investoren oder dem Crowdfunding aus?

Murat Ünal: Bei professionellen Investoren handelt es sich um Venture-Kapitalisten und Private-Equity-Unternehmen. Das sind Unternehmen, die in nicht-gelistete Firmen investieren, weil sie eine Gewinnabsicht haben und an den Gebühren verdienen. Diese Venture-Capital-Fonds können von ehemaligen Investoren gestartet worden sein. In Berlin gibt es beispielsweise die German Startups Group Berlin. Wir selbst verfolgen täglich tausend dieser Unternehmen, die professionell investieren. Hier muss man sich im Klaren sein, dass bei einem Investoren, der das mit Gewinnabsichten macht, ganz andere Regeln gelten. Sie kommunizieren gerne über ihre Investments, stellen klare Regeln darüber auf, was man machen sollte und was nicht und sind auch mit sehr viel Erfahrung und juristischer Beihilfe ausgestattet. Das kann dazu führen, dass man dabei den Kürzeren zieht. Diese Kategorie sollte man erst zu einem späteren Zeitpunkt berücksichtigen.

Immer stärker kommen Plattformen hinzu, die nach Gebührenmodellen funktionieren. Auch dabei muss man wissen, dass hier eine gewisse Gewinnabsicht besteht. In Deutschland gibt es Seedmatch, Bergfürst und viele andere. Dabei kann sich eine Menge an Menschen, die Crowd, bis zu einer gewissen Höhe an einem Investment beteiligen. Es gibt viele Start-Ups, die sich auf solchen Plattformen präsentiert haben. Ein Beispiel ist das Berliner Unternehmen Urbanara, das im Möbel- und Dekorationsbereich aktiv ist. Es hat über eine Crowdfunding-Plattform rund drei Millionen Euro erhalten. Urbanara ist beispielsweise über Bergfürst gegangen.

Mit einer solchen Plattform muss man erst einmal eine Idee entwickeln und präsentieren. Danach geht man in die Seeding-Phase. In diesem Zeitraum – zwei bis vier Wochen – zeichnen die Leute über das Internet und werden Anteilseigner oder Darlehensgeber.

Islamische Zeitung: Es gibt im islamischen Wirtschaftsrecht verschiedene Vertragsformen, mit deren Hilfe Leute ohne Kapital trotzdem an Investments kommen können. Gibt es heutzutage Muslime, die auf dem Gebiet aktiv sind?

Murat Ünal: Es gibt da Kollegen, die in den letzten Jahren Crowdfunding-Plattformen für die muslimische Bevölkerung aufgesetzt haben. Sie operieren von London aus, oder in den typischen Zentren wie Malaysia oder der Golfregion. Ein reines Aktienmodell beispielsweise ginge konform mit den Erwartungen vieler muslimischer Anleger. Im Start-Up-Bereich ist die zur-Verfügung-Stellung von Kapital ein zentrales Thema. Und natürlich spielt hier die Frage eine Rolle, inwieweit das vorgeschlagene Geschäftsmodell halal oder haram ist.

Islamische Zeitung: Von erfolgreichen Unternehmern hört man nicht selten die Aussage, dass der bloße Profit für sie kein ausreichender Antrieb sei…

Murat Ünal: Absolut. Ich habe das selbst bei uns gesehen. Wird ein Start-Up von einer Vision getrieben, dann ist das die große Sache schlechthin. Als Unternehmer muss man sich tagtäglich aufs Neue motivieren. Hinzu kommt natürlich auch, dass man Kernkompetenz haben muss und bereit ist, sich täglich neu zu entwickeln, um immer vorne dabei zu sein. Das ist ein ziemlicher Kampf, aber im positiven Sinne.

Eine Vision ist das, was ein Start-Up tatsächlich ausmacht. Ich kam damals aus dem Umfeld einer großen Investmentgesellschaft und hatte eine klare Vision, an der ich arbeiten wollte. Sie hat auch gesellschaftliche Relevanz, was Transparenz angeht. Und diese Vision treibt uns auch heute noch mit großer Dynamik an. Wenn diese Identifikation und Vision fehlt, dann sollte man das Start-Up erst gar nicht beginnen.

Diese Leidenschaft, wenn beispielsweise Menschen in einem muslimischen Umfeld von Muslimen gepflegt werden, ist deutlich wichtiger als die Finanzierung. Identifikation und Leidenschaft für eine Sache wird auch dazu führen, dass man Erfolg hat. Visionen sind wichtiger als tolle Businesspläne und die Ausstattung mit viel Kapital, weil sie den Menschen am Ende antreiben.

Wichtig ist dabei, dass man seinen Prinzipien treu bleibt. Es gibt Plattformen, die sich speziell dem sozialen Unternehmertum widmen. Selbst wenn es sich selbst nicht so bezeichnet, heißt das nicht, dass ein Start-Up nicht nachhaltig und sozial sein kann. Als Gesellschaft haben wir derzeit 16 Stipendien am Laufen und sind an Universitäten einer der größten Geldgeber für Bildung. Wir sponsern ausschließlich für Dinge, die dazu beitragen, dass Menschen weiterkommen. Man kann auch bei einem gewinnorientierten Geschäftsmodell den Gewinn in interessante und gesellschaftliche Dinge reinvestieren. Nicht in dem erwarteten kleinen Rahmen, sondern in einem großen.

Islamische Zeitung: Lieber Murat Ünal, vielen Dank für das ­Interview!

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