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IZ-Begegnung mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten in Afghanistan Christoph R. Hörstel

Afghanistan-Pakistan: "Frieden muss man mit seinen Feinden machen"

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(iz). Seit mehr als sieben ­Jahren wird, auch unter deutscher Beteiligung, die deutsche „Demokratie am Hindukusch verteidigt“. Im anhaltenden Wechsel zwischen Gefechten und Kampfpausen ging selbst im scheinbar ruhigen Norden Afghanistan, wo das deutsche ISAF-Kontingent stationiert ist, das angebliche Ziel der Errichtung funktionierender rechtsstaatlicher Strukturen verloren.

Trotz diverser Änderungen der ursprünglichen Einsatzziele und Erweiterungen für die Bundeswehr scheint die „internationale Gemeinschaft“ in Afghanistan auf verlorenem Posten zu stehen. Erschwerend kommt hinzu, dass seit Anfang Mai mit dem offenen Krieg in Pakistan ein weiterer Konfliktherd in der Region ausgebrochen ist.

Um mehr Hintergründe zu bekommen, als im Medienmainstream erhältlich sind, sprachen wir mit dem Afghanistanexperten und Bundeswehrberater Christoph Hörstel, der zwischen 1985 und 1999 für die ARD arbeitete und umfangreich in der Region tätig war. Zwischen 2006 und 2007 coachte er Führungskräfte der Bundeswehr für ihren Afghanistaneinsatz im Rahmen der ISAF-Truppe. Hörstel veröffentlichte zwei Bücher zum Thema Afghanistan beziehungsweise Pakistan.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Hörstel, im Augenblick erlebt Pakistan die größte Flüchtlingskatastrophe seit der Indischen Teilung. Warum ist es gerade jetzt zu einer derartigen Eskalation der Gewalt gekommen?

Christoph Hörstel: Diese Eskalation der Gewalt kommt nicht von ungefähr. Sie ist Teil der US-Strategie, die Region nachhaltig zu destabilisieren und Teil einer ebenso langjährigen wie überaus erfolgreichen Eskalationsstrategie. Wir bewegen uns mit diesen beiden Aussagen bereits weit jenseits unserer Mainstream-Medien, die nicht in der Lage sind, die zur Erfassung solcher Informationen notwendige Personalstruktur zur Verfügung zu stellen – und sich von einer realitätsnahen Sachdarstellung zugunsten einer absurden Propaganda entfernt haben.

Islamische Zeitung: Was ist das bestimmende Interesse hinter der Eskalation des nun offen ausgebrochenen Krieges?

Christoph Hörstel: Wenn wir davon ausgehen, dass das korrekt ist, was Experten wie der augenblicklich führende Schriftsteller über die Region (Ahmed Rashid) schreibt und was Politiker und Generäle weltweit dazu sagen, dann sind der Bau, der Betrieb und die Abrechnung in US-Dollar der Energieströme in einer [zukünftigen] Doppelpipeline für Öl und Gas von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan und Indien entscheidende wirtschaftliche Ziele der USA in der Region.

Den anderen wichtigen Grund für die Eskalationsstrategie der Nato in der Region habe ich auch als Coach vor führendem ISAF-Personal der Bundeswehr benannt: dass in Afghanistan und in Pakistan ein militärischer Brückenkopf für geostrategische Zwecke und Interessen der USA errichtet wird. Das war schon ein entscheidender Hintergrund bei der Bildung des pakistanischen Staates 1948, als die USA das Weltreich ihrer britischen Cousins erbten.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Hörstel, reichen denn die Aktionen der so genannten „pakistanischen Taliban“ aus, um die jetzige Eskalation zu begründen?

Christoph Hörstel: Überhaupt nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass hier tausende Kämpfer auf der einen und tausende Soldaten auf der anderen Seite unter Hinzuziehung von Luftwaffe und Satellitenüberwachung agieren und in Kämpfe verwickelt sind. Dieses ist ohne eine größere Logistik beim Nachschub nicht möglich.

Wir warten als NATO-Bevölkerung und auch als Deutsche immer noch auf eine Erklärung unserer Medien und Politiker, woher denn der sagenhafte Nachschub kommt, der ja gebraucht wird, um Afghanistan unter den jetzigen Druck der Taliban zu setzen, von Pakistan einmal ganz abgesehen – wenn 92 Prozent Afghanistans maßgeblich von Taliban besetzt sind und seit einigen Tagen sogar die von Deutschen besetzte Provinz Kunduz.

In Pakistan sind die Taliban stark genug, um das ganze Land zu destabilisieren, um sogar die Hauptstadt Islamabad unter Druck zu setzen und in bis dahin ruhigen Gebieten wie Lahore im Südosten des Landes zuzuschlagen. Die USA haben über Jahre hinweg die Taliban in Pakistan mit aufgebaut. Ende 2007 haben sich aus dem Schoß der afghanischen Taliban die pakistanischen gebildet. All dies wäre nicht ohne geheimdienstliche Unterstützung möglich. Diese geschieht in Pakistan auf Betreiben der USA, mit Waffen aus US-Quellen, aus Indien, aus Russland und vor allem China.

Islamische Zeitung: Selten wird bei uns über die engere und weitere Nachbarschaft zur Krisenregion gesprochen. Welche Position nehmen augenblicklich die zentralasiatischen Staaten, Russland und China ein?

Christoph Hörstel: Russland und China sind jene Staaten, deren regionalen Einfluss die USA mit ihren Truppen zurückdrängen wollen. China ist natürlich als direkter Nachbar Afghanistans und Pakistans am dringendsten betroffen. Wir haben hier momentan einen Machtkampf zwischen amerikanischen und chinesischen Geheimdiensten um die Gunst der Taliban. Die chinesischen Geheimdienste haben in Afghanistan eindeutig die Oberhand behalten und die Amerikaner kämpfen auf verlorenem Posten. In Pakistan ist die Gemengelage komplizierter, weil der pakistanisch-indische Streit hinzukommt. China hält mit maoistischen Gruppen in Indien dagegen.

Russland behält immer noch Einfluss in Nordafghanistan, denn die Nato ist beim Nachschub streckenweise auf Russ­lands Kooperation angewiesen.

China hat am meisten zu gewinnen, wenn die US-geführte NATO am Hindukusch verliert – aber auch Russland wäre stark entlastet. China und Russland arbeiten an vielen Stellen direkt zusammen, zum Beispiel im Shanghai-Club, dem Nukleus eines gegen die NATO gerichteten Bündnisses. Und ein wichtiger Grund für die Inszenierung von 9/11 war ja zweifellos auch die weitere Einkreisung des Iran, die der Brückenkopf am Hindukusch ermöglicht. Und unser Gezeter um die Präsidentenwahl im Iran soll ja den „Regime Change“, vielleicht sogar NATO-Truppeneinsatz, dort nur psychologisch vorbereiten.

Islamische Zeitung: Sie kommen ja selbst aus den Medien. Es fällt in Deutschland auf, dass – wenn wir ­verallgemeinern wollen – selten über Absichten und Strategien geredet wird und lieber auf Vereinfachungen zurückgegriffen wird. In einem ­älteren Interview mit der „taz“ hat der Kollege pikiert reagiert, als Sie den Gedanken äußerten, vielleicht sollte doch mit den Taliban verhandelt werden. Haben die Menschen, die sich in Deutschland zu dem Thema äußern, ein einfach gestricktes Weltbild?

Christoph Hörstel: Das glaube ich überhaupt nicht. Ich glaube, dass es sich hier um eine Veröffentlichungspolitik handelt, die Teil einer politischen und militärischen Strategie ist. Diese benutzt Muslime weltweit nur als Schachfiguren. Völker und Menschen werden dabei vergessen. Nachhaltige Interessen gibt es nicht. Es gibt nur kurzfristiges Gewinnstreben der keiner Kontrolle mehr unterliegenden Großkonzerne. Diese benutzen die Staaten als Vehikel und deren Militär als Schlägertruppen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Dabei wird auf eine riesige PR-Konstruktion zurückgegriffen. Allein das Pentagon hat im vergangen Jahr 4,7 Milliarden US-Dollar und 27.000 Mitarbeiter eingesetzt, um global die amerikanische Militär- und Geostrategie in Rekrutierung, Anzeigen und Public Relations zu unterfüttern. Das heißt: Wir erfahren beim Lesen, Hören und Sehen aus den großen Medien eine gewaltige Menge von bestimmten Interessen gesteuerten Unsinns, der kaum durch Fakten gedeckt ist. Wir müssen verstehen, dass wir hier in Deutschland Teil eines weltweiten US-gesteuerten Konzerts sind – und leider Gottes nur ein ziemlich provinzieller.

Islamische Zeitung: Gelegentlich ist zu hören, dass die Taliban „vernichtet“ werden müssten. Ist das nicht ein Rückfall in eine Terminologie, die den Gegner als nichtmenschlich qualifiziert und dadurch jede Art des Vorgehens rechtfertigt beziehungsweise vorbereitet?

Christoph Hörstel: Der deutsche Philosoph Curtius sagte, Sprache sei Abbild des Geistes. Ich glaube, dass dieses Wort von der „Vernichtung“ der Taliban von vielen Seiten aus beleuchtet werden kann. Eines ist klar: Die US-geführte NATO gibt vor, seit acht Jahren am Hindukusch die Taliban vernichten zu wollen. Je stärker dies behauptet wird, desto weniger gelingt es. Je mehr Truppen wir schicken, desto stärker werden die Taliban. Ich denke, wir werden uns eher als NATO selbst vernichten, als dass uns die Taliban den Gefallen tun werden, ihre Existenz aufzugeben. Der andere Punkt ist, dass anderswo gesagt wird, dass die Taliban keine fest umrissene Gruppe sei, sondern ein Konglomerat aus ganz verschiedenen Wünschen und Absichten. Tatsächlich wird von Taliban gesprochen, aber wenn man mit Sachkennern ins Detail geht, dann sagen diese sofort, dass sich die Taliban nicht scharf umreißen ließen. Manche Dörfer leisteten auch spontan Widerstand, wenn NATO-Truppen anrückten und seien mitnichten dem Kern der Taliban zuzurechnen.

Mit anderen Worten: Wen wollen wir denn hier vernichten? Das afghanische Volk vielleicht? Diese Frage muss gestellt werden, denn wir schicken uns ja gerade an, unsere Truppenzahl am Hindukusch im Laufe der letzten zehn Monate nahezu zu verdoppeln. Es kann nicht sein, dass wir aus einem Attentat vom 11. September 2001 die Berechtigung herleiten, das afghanische Volk zu massakrieren.

In Pakistan ziehen wir den offensichtlichen Umkehrschluss aus unserem Scheitern in Afghanistan und glauben, dass auch Pakistan nicht stehen bleiben darf, wenn wir davon ausgehen können, dass die USA heimlich die folgende Strategie hat:

1. Mangels militärischer und wirtschaftlicher Kraft können wir unseren Brückenkopf nicht mehr alleine halten.

2. Dann soll ihn kein anderer bekommen.

3. Damit ihn kein anderer bekommt, werden wir ein solches Chaos anrichten, dass niemand anders in dieser Region einen Brückenkopf für sich einrichten kann.

Das kann eigentlich nicht der Weg sein, um eine nachhaltige Weltpolitik in der Region und im Rest der Welt zu betreiben. Deutschland unterstützt mit seinem Truppenbeitrag in Afghanistan die absichtliche Bombardierung von Zivilisten durch die USA, das habe ich in meinem Buch nachgewiesen; wir unterstützen Folter und Misshandlungen, außerdem die Anwendung der de facto völkerrechtswidrigen Uranwaffen. Die Völker werden sich das auf die Dauer nicht von der US-geführten NATO bieten lassen und sich gegen uns wenden. Das wiederum muss auch zu Problemen in anderen Teilen der Welt führen.

Islamische Zeitung: Bei all dem steht Deutschland mit seinem Kontingent weiterhin in Afghanistan. Was könnte denn, wohlwollend betrachtet, das begründete deutsche beziehungsweise NATO-Interesse sein, den Kampfeinsatz fortzusetzen?

Christoph Hörstel: Wir haben hier die offizielle Lesart, wonach wir mit der ISAF (Internationale Sicherheits-Unterstützungstruppe für Afghanistan) einen Beitrag zur Stabilität in Afghanistan leisten. Wir tun dies, weil wir den Demokratieaufbau und nachhaltige Sicherheit in Afghanistan fördern wollen. Ich sage, dass wir genau das Gegenteil davon tun. Die NATO fördert lokale Warlords, hetzt Afghanen gegeneinander wo sie kann.

Im deutschen Verantwortungsbereich beträgt die deutsche Entwicklungshilfe etwa ein Siebtel, bestenfalls ein Sechstel dessen, was wir dort für „Sicherheit“ (Polizei, Militär etc.) ausgeben. Hier wird Entwicklungshilfe zum Feigenblatt, und Demokratie wird nicht gefördert, sondern geschädigt. Auch wenn ich nicht in allen Punkten in Afghanistan mit ihr der gleichen Meinung bin, möchte ich hier ausdrücklich die Position der Linkspartei stützen, wonach wir das Verhältnis von Sicherheitsaufwendung und Entwicklungshilfe schlicht umdrehen müssten. Afghanistan ist unglaublich arm, auch im kommenden Winter wird es wieder viele Hungertote geben.

Gerade schrieb die „Washington Post“, dass sich Karzai auf „blutrünstige Warlords“ stützen wird, die er eigentlich vorher aus der Regierung entfernt hatte. Sie wollen auf dem Ticket seiner Vizepräsidenten und Gouverneure zurückkommen. Dass er die Wahl gewinnt, erscheint mir sicher. Die Taliban haben unterdessen in der von Deutschland kontrollierten Provinz Kunduz Straßensperren errichtet und kassieren dort Geld, das meldete Al Jazeera am 11. Juni.

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