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“IZ-Begegnung” mit dem Mitbegründer der türkisch-muslimischen Industriellenvereinigung MÜSIAD, Erol Yarar

"Die nationale Wirtschaft innerhalb der Türkei ist nach wie vor stark"

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(iz). Erol Yarar ist ein erfolgreicher türkischer Unternehmer und Mitgründer der muslimisch orientierten türkischen Unternehmervereinigung MÜSIAD. Er ist derzeit Vorsitzender des IBF (International Business Forum), das eine ähnlich ausgerichtete Vereinigung, jedoch auf internationaler Ebene vor allem der in der OIC organisierten muslimischen Staaten darstellt. Die IZ sprach mit Erol Yarar über das IBF, MÜSIAD, die Rolle muslimischer Unternehmer in der gegenwärtigen Situation und was der Islam in ökonomischer Hinsicht der Welt anbieten kann.

Islamische Zeitung: Herr Yarar, können Sie uns ein wenig über das IBF und seine aktuellen Aktivitäten berichten?

Erol Yarar: Das IBF wurde im Jahr 1995 gegründet, während eines Meetings in Pakistan, zu dem wir vom Pakistan Business Forum eingeladen worden waren. Wir kamen auf die Idee, eine internationale Unternehmerorganisation als Forum zu gründen, um verschiedene Organisationen in unterschiedlichen Ländern zu vereinen. Wir nannten es dann International Business Forum.

Im Jahr danach veranstalteten wir ein großes Treffen in Istanbul und beschlossen, dass Istanbul der Sitz des IBF sein soll. Seither haben wir viele Konferenzen in verschiedenen Ländern und Städten durchgeführt, wie Malaysia, Iran, Abu Dhabi, Dschidda und Kairo, wo auch unser diesjähriges Treffen stattfand. Unser Rhythmus ist, uns jeweils abwechselnd in Istanbul und im darauffolgenden Jahr in wechselnden anderen Ländern zu treffen.

Unser diesjähriges Meeting in Kairo fand in Zusammenarbeit mit der Cairo Chamber of Commerce statt, unter der Schirmherrschaft des ägyptischen und des türkischen Außenhandelsministeriums. Es war ein großer Event, der mehr als 1.000 Unternehmer aus Ägypten und weitere 1.000 aus dem Ausland zusammenbrachte. Es ging über zwei Tage, wobei der erste der Konferenztag war und der zweite für Geschäftskontakte sowie für einige Panels bestimmt war, die sich mit geschäftlichen Fragen und Problemen beschäftigten, mit denen wir in der islamischen Gemeinschaft, den OIC-Staaten, zu tun haben, welche Handelsbarrieren bestehen und auch mit technischen und politischen Problemen. Im nächsten Jahr werden wir uns wieder in Istanbul treffen, inscha Allah; und unsere Treffen dort finden immer in Verbindung mit der großen MÜSIAD-Messe statt, welche die größte ihrer Art in den OIC-Staaten ist. Am ersten Tag wird das IBF-Forum stattfinden, und am zweiten Tag die Eröffnung der MÜSIAD-Messe, ergänzt wiederum durch B2B-Diskussionsforen.

Islamische Zeitung: Ist das IBF ­gewissermaßen eine Erweiterung von MÜSIAD auf die internationale ­Ebene?

Erol Yarar: MÜSIAD ist in der Tat ein maßgeblich tragendes Mitglied des IBF. Natürlich ist MÜSIAD eine türkische Organisation und IBF eine internationale. Aber beide Organisationen koordinieren ihre Aktivitäten. Das IBF hat 30 Staaten und Vereinigungen aus diesen Staaten als Mitglieder, und die Repräsentanten der IBF-Mitgliedsstaaten kommen bei den IBF Meetings zusammen. Sie bilden das Leitungsgremium des IBF, das BOG, Board of Governors.

Islamische Zeitung: Inwiefern ist die Türkei von der Finanzkrise betroffen?

Erol Yarar: Die Türkei ist natürlich auch betroffen, denn sie ist ein export­orientiertes Land. Unsere Exporte sind um etwa 20 Prozent zurückgegangen. Doch die nationale Wirtschaft innerhalb der Türkei ist nach wie vor stark. Die türkische Ökonomie besitzt eine große Dynamik gerade was die Beziehungen mit den Nachbarstaaten angeht, und unsere neuen Beziehungen zu diesen haben die ökonomische Aktivität unterstützt, sodass wir die Krise vergleichsweise nicht so stark zu spüren bekommen haben. Aber wie gesagt, die türkische Wirtschaft ist in einem gewissen Maße durchaus betroffen worden.

Islamische Zeitung: Orientiert sich die Türkei aktuell wieder mehr in Richtung Osten und Süden, in Richtung der asiatischen und muslimischen Staaten, als nach Europa?

Erol Yarar: Noch vor zehn Jahren war die Türkei sehr auf Europa bezogen; damals fand ein großer Teil des Außenhandels mit dem Westen statt, und zu jener Zeit behandelte die Türkei ihre Nachbarstaaten fast so, als ob sie nicht existierten. Doch die neue Regierung, die in den letzten beinahe sieben Jahren sehr erfolgreich mit ihrer Politik war, hat diese Ausrichtung verändert und brachte eine ausgeglichenere Herangehensweise insbesondere auch was die Beziehungen zu den Nachbarstaaten der Türkei angeht. Und mit der Unterstützung des Außenhandelsministers, unseres Premierministers und der Regierung insgesamt, hat die Türkei ihre Handelsbeziehungen mit den Nachbarländern ausgeweitet. Daher haben wir jetzt ein balancierteres Verhältnis mit dem Osten und dem Westen, dem Norden und Süden, so wie es sein sollte. Die Türkei möchte nicht einseitig von einer Region abhängig sein, es ist besser, sich in einem Gleichgewicht zu befinden

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen die in MÜSIAD zusammengeschlossenen Unternehmer innerhalb der Türkei?

Erol Yarar: Sie sind sehr effektiv. Wir sind mehr als 10.000 Unternehmen. Wenn man an mehr als 10.000 exportorientierte Unternehmen denkt, dann bedeutet dies, dass MÜSIAD-Unternehmen mehr als zehn Prozent der türkischen Exporte und einen erheblichen Teil des Bruttonationaleinkommens der Türkei ausmachen, und sie beschäftigen annähernd eine Million Arbeitnehmer.

MÜSIAD ist also sehr effektiv in der türkischen Wirtschaft und wird dies von Jahr zu Jahr mehr, obwohl es eine noch relativ junge Organisation ist, die im nächsten Jahr ihr 20-jähriges Bestehen haben wird. Aber sie ist erfolgreich mit ihren Fachleuten, ihrem Führungsstil, ihrer Vision, ihrer Dynamik und Energie. Vor allem aber ist MÜSIAD zu einer Quelle der Inspiration für die OIC-Staaten geworden in Fragen der Wirtschaftspolitik, der Zivilgesellschaft, der Menschenrechte und des Unternehmertums und wie man es führt, leitet und weiter entwickelt. MÜSIAD wurde zu einem wirklich großen und wichtigen Vorbild für alle OIC-Staaten, und ich denke, dass diese Bedeutung mittlerweile jene, die MÜSIAD in der Türkei selbst hat, übersteigt.

Islamische Zeitung: Das so genannte Halal-Business spielt weltweit eine immer wichtiger werdende Rolle. Ist es auch von steigender Bedeutung für die türkische Ökonomie?

Erol Yarar: Ja, allerdings. Man muss bedenken, dass es innerhalb des Halal-Konzepts nach wie vor ein Fatwa-Problem gibt, worüber wir auch beim letzten IBF-Meeting gesprochen haben. Innerhalb von MÜSIAD befassen sich mehrere Experten mit diesem Thema. Bereits vor 20 Jahren, als wir MÜSIAD gründeten, war dies ein wichtiges Thema für uns, denn Halal-Nahrungsmittel sind ein wesentlicher, grundlegender Bereich. Wir alle essen täglich viele Dinge und wissen oft nicht genau, was wir da eigentlich essen. Dies war eine schlechte Situation für die weltweite muslimische Gemeinschaft. Wie Sie wissen, hat die jüdische Gemeinschaft den Koscher-Standard, der sehr stark von den jüdischen religiösen Gelehrten geleitet und kontrolliert wird. Und sogar Muslime kaufen koscheres Essen, wenn sie nicht wissen, was sie sonst essen sollen, weil sie zumindest sicher sein können, dass sich darin keine Bestandteile vom Schwein befinden. Es war bedauerlich für die Muslime, sich in so einer Situation zu ­befinden.

Zunächst einmal war es eine Frage von Fatwas, von Rechtsmeinungen, und wir mussten feststellen, dass viele islamische Gelehrte wenig Informationen dazu hatten. Entweder waren ihnen die technischen Fragen nicht bekannt oder sie hatten ein mangelndes Bewusstsein für das Problem als solches. Gerade in Ägypten wurde nun in diesem Bereich in den letzten Jahren viel getan. Vor kurzem sind wir jedoch noch ein neues Thema angegangen, nämlich das der gentechnisch veränderten Lebensmittel. Dies sollte ein wichtiges Thema für die ganze Halal-Frage sein. Auch diese Frage wurde von MÜSIAD-Mitgliedern aufgebracht, und auch hier gab es viele Informationsdefizite, da es zu wenige Biologen und Biomediziner in der muslimischen Gemeinschaft gab, die dazu Stellung nehmen und die islamischen Gelehrten beraten konnten. Ich denke, dies ist eine internationale islamische Angelegenheit, und ich weiß, dass die OIC hart arbeitet, um zu einer Lösung zu kommen. Professor Ekmeleddin Ihsanoglu, der Generalsekretär der OIC, ist persönlich involviert, um dieses Problem im Rahmen der Rechtsschulen zu lösen und zu versuchen, diese und ihre unterschiedlichen Positionen zu vereinen, um in dieser Frage eine einheitliche Meinung zu erreichen – was manchmal schwierig sein kann, da niemand seine Positionen leicht aufgeben will, um zu einer Einheit in einer solch wichtigen Frage zu kommen. Ich denke, dass dafür auch politischer Wille notwendig ist und seitens der Politik Entschlossenheit gezeigt werden muss. Wenn dies vorhanden ist, dann werden sich, so denke ich, die Gelehrten einen Ruck geben und mit einer einheitlichen Fatwa kommen, zum einen hinsichtlich des generellen Konzepts von Halal-Lebensmitteln und zum anderen hinsichtlich neuer Konzepte wie dem von genetisch veränderten Lebensmitteln. MÜSIAD ist sich der Relevanz dieser Frage sehr bewusst und arbeitet beständig daran.

Islamische Zeitung: In Ihrer Rede auf der Young MÜSIAD-Konferenz in Berlin kürzlich haben Sie den qur’anischen Vers erwähnt, in dem Allah den Wucher für verboten und den Handel für erlaubt erklärt hat. Sie sagten auch, dass islamische Regeln und Ethik einen positiven Einfluss auf die globale ökonomische Praxis haben können. Können Sie dies noch ein wenig erläutern?

Erol Yarar: Der Prophet Muhammad war selbst ein Geschäftsmann, und seine erste Frau Khadidscha war ebenfalls Geschäftsfrau. Und auch die meisten seiner Gefährten waren Händler. Der Qur’an Al-Karim kam also zu Menschen, die in starkem Maße mit Handel beschäftigt waren. Dies zeigt, dass auch in den kommenden Jahrhunderten die Frage der Ökonomie relevant bleiben wird, denn der Qur’an wird bis zum letzten Tag des Universums gültig sein. Wenn dies der Fall ist, bedeutet das, dass Allah uns darauf vorbereitet hat, Handel zu verstehen, die Wirtschaft zu leiten und auf eine ethische Weise zu regeln, so dass Erfolg und Wohlstand mit Gerechtigkeit einhergehen. In der kapitalistisch geprägten Welt sehen wir, dass ökonomische Prosperität keine Gerechtigkeit bringt und nicht glücklich macht. Die meisten Menschen sind nicht glücklich, denn es ist Allah, der unsere Herzen regiert. Wenn wir nur Reichtum allein wollen, dann wird Allah uns vielleicht diesen Reichtum geben, aber Er wird uns keine Zufriedenheit geben, denn Zufriedenheit und Glück werden im Herzen gefühlt. Wir müssen daher dem Weg unseres Propheten folgen und den Gesetzen Allahs gehorchen, was bedeutet, Wucher zu vermeiden und Handel und ökonomische Aktivität zu fördern, in Richtung Unternehmertum, Joint Ventures, Partnerschaft und Schulden ohne Zinsen.

Wir haben der Welt viel zu geben, und die jüngste ökonomische Krise hat gezeigt, dass diese extensive Anwendung von Riba, von Wucher, enorm viel Papiergeld in die Weltwirtschaft gepumpt hat, das auf keinen Gegenwert in Form von Produkten traf. Es gibt also enorm viel Geld aber weniger Produkte auf dem Weltmarkt. Und sie wissen nicht, was sie mit all dem Papiergeld machen sollen. Das ist noch immer eine tickende Bombe, und sie pumpten noch viel mehr Geld hinein um das Problem zu überwinden, sodass es jetzt noch mehr Papiergeld gibt als vor dem Beginn der Krise. Es ist wie ein Tsunami – man weiß nicht, wo er als nächstes zuschlagen wird.

Obwohl die Zinssätze stark gefallen sind, in manchen Ländern bis nahe Null, müssen wir auch das Thema der Unternehmerförderung aufbringen – ohne ihnen dabei Zins zu berechnen, sondern stattdessen Partnerschaften einzugehen. Und wir werden der Welt zeigen, dass Wohlstand mit Gerechtigkeit einhergehen kann. Nur mit einem gerechten Wirtschaftssystem können wir Glück und Zufriedenheit erreichen.

Es ist nicht nur ein Betrag von Geld, der Zufriedenheit bringt, sondern Gerechtigkeit. Wenn wir Erfolg haben, werden wir unsere Profite teilen, wenn wir keinen Erfolg haben, dann sind wir wenigstens nicht verschuldet, und alle Beteiligten werden gleich verlieren. Es ist entweder eine Win- oder eine Lose-Situation, für jeden. In einer Situation mit Zins hingegen wird man sein Geld verlieren, und gleichzeitig noch immer verschuldet sein. Und wenn man Geld gewinnt, muss man seine Schulden bezahlen zuzüglich des wucherischen Zinses. Dies ist ein wesentlicher Teil der Ökonomie, den jeder verstehen sollte, und ich bin davon überzeugt, dass wir Joint Ventures propagieren und fördern müssen, sowie Partnerschaften und Schulden ohne Riba, gute Darlehen (Qard Hasan), Freundschaften. Wir sollten nicht immer daran denken, Geld zu verdienen, indem wir Geld verleihen.

Islamische Zeitung: Inwiefern ­unterscheidet sich ein muslimischer Geschäftsmann von einem nichtmuslimischen Kollegen?

Erol Yarar: Ein Geschäftsmann möchte Geld verdienen, ein muslimischer Geschäftsmann aber hinterfragt die Art und Weise, dies zu tun, um den erlaubten Weg des Geldverdienens herauszufinden. Er ist nicht an Profit allein interessiert; er kann zum Beispiel nicht mit verbotenen Dingen wie Alkohol handeln. Der zweite Aspekt betrifft die Frage, wie er sein Geld ausgibt. Uns wurde von Allah gezeigt, wie wir auf erlaubte Weise unser Geld verdienen und wie wir es auf erlaubte Weise ausgeben sollen. Im Kapitalismus hingegen wird jegliche Art von Gewinn angestrebt, und es spielt keine Rolle, wie das Geld ausgegeben wird. Als Muslimen ist es uns zudem nicht erlaubt, Geld zu verschwenden, und wir müssen die Zakat entrichten und so ­weiter.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Yarar, vielen Dank für das Interview.

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