IZ News Ticker

„Wir wollen immer mehr wissen“

„IZ-Begegnung“ mit dem Naturwissenschaftler Prof. Dr. Ernst Peter Fischer

Werbung

(iz). Neben der lautstarken politischen Diskussion rund um den Islam fallen oft subtilere Aspekte unter den Tisch. Die inner­islamische Auseinandersetzung mit und Reflexion der Errungenschaften moderner Wissenschaften gehört sicher dazu.

Die Islamische Zeitung wollte einen Denkanstoss wagen und durfte den Wissenschaftshistoriker und -publizisten Prof. Dr. Ernst Peter Fischer zum Thema befragen. Professor Fischer ist Autor zahlreicher Bücher und war über Jahre Herausgeber des „Mannheimer Forums“, eines umfangreichen und hochinteressanten naturwissenschaftlichen Jahrbuchs, in der Nachfolge dessen Begründers, Hoimar von Ditfurth.

Islamische Zeitung: Wir leben einerseits in einer Zeit der exzessiven Nutzbarmachung von Energien und Ressourcen und zum anderen der Beobachtung und Einordnung aller gewonnenen Information. Dieses Strukturgebende wird nach Rudolf Clausius als „Entropie“ bezeichnet und in der Physik als „freie Energie“ verstanden, die in Arbeit und Bewegung umgesetzt werden kann. Welche Auswirkung denken Sie, hat dieses immer rasanter betriebene Sammeln von Informationen und das Einteilen in ja/nein, entweder/oder – Optionen auf den Menschen und die Gesellschaft in der wir leben?

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Eine gute Frage, die Sie genauso gut einem Soziologen oder Politikwissenschaftler stellen könnten. Mein Verdacht ist: Wir sammeln Informationen, um Sicherheit zu haben, wir wollen wissen, was passiert. Ein Grundphänomen des Menschen ist, dass er gerne die Zukunft kennen, für die Zukunft planen möchte. Astronomie zum Beispiel, wurde seit der Antike nicht betrieben, um die Sterne zu erklären, sondern dazu, herauszufinden, was sie einem sagen – und Horoskope machen wir ja heute noch. Früher fragte man: Was steht in den Sternen? Heute fragen die Genetiker: Was steht in den Genen? Wir wollen immer mehr wissen, um eine „überraschungsfreie Zukunft“ zu bekommen. Das Kuriose ist nur, dass es ein Paradox gibt, welches verhindert, dass wir jemals mithilfe von Wissen die Zukunft wissen. Denn – das Leben, das wir führen, hängt ja von dem Wissen ab, das wir haben! Das heißt, auch in Zukunft hängt das Leben, das wir führen, von dem Wissen ab, das wir in Zukunft haben.

Nun kann ich alles Mögliche wissen, nur eines nicht, nämlich das, was ich in Zukunft weiß, dann wüsste ich es ja schon. Dadurch, dass ich in keinem Fall wissen kann, was ich in Zukunft weiß, wird das Leben, das vom Wissen abhängt, immer unsicherer, je mehr ich weiß. Dieses merkwürdige Paradox bedeutet für mich, dass man gelassen sein kann! Ich persönlich freue mich, dass die Zukunft da ist, offen ist – wobei das Rätsel für mich ist, ob die Zukunft schon da ist und ob wir in sie hineingehen, wie in ein Zimmer, oder ob die Zukunft dadurch entsteht, dass wir einfach vorangehen. Aber das ist jetzt eine andere Frage.

Ich bin ein Verfechter der Offenheit, fühle mich am wohlsten, wenn ich weiß, etwas ist offen, man kann es gestalten, man kann sich etwas einfallen lassen. Ich möchte keine Vorschriften haben, nach denen ich agieren kann. Ich brauche natürlich Hilfestellung, benutze hier gerne die Metapher des Bildes: Ein Bild, das Sie malen, möchten Sie gerne „offen malen“, Sie möchten das Bild ja „erfinden“. Aber es ist nur dann ein Bild, wenn es einen Rahmen gibt. Der Rahmen kann Familie sein, kann Ihr Geburtsland, kann Glaube, eine Gemeinschaft sein. Wir geben uns alle einen Rahmen vor. Aber in dem Rahmen möchten wir eine offene Leinwand haben, die wir bemalen können mit unserem Leben. Und ich glaube, Menschen könnten gar keine geschlossene Zukunftsvorhersage ertragen. Natürlich möchte man sich absichern, aber das ist nur der Rahmen – das Bild selbst muss offen bleiben.

Islamische Zeitung: Sie bezeichnen die Entropie als „Vorratskammer des Möglichen“, durch welche die Zeit eine Richtung bekommt – welche Rolle spielt diese?

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Es gibt offenbar eine Größe, die immer wächst und durch die Zeit eine Richtung bekommt. Aber das ist nur lokal. Ich glaube, dass es Bereiche gibt, in denen die Entropie auch abnehmen kann, aber im Gesamtsystem der Erde zum Beispiel muss sie zunehmen. Das heißt, wenn Sie jetzt hier Ordnung schaffen, dann hat die Entropie hier deutlich abgenommen, aber natürlich nicht auf der ganzen Welt. Die Entropie ist eine schwierige Größe, sobald ein bewusstes Wesen dazukommt und sich da einmischt. Es gab im 19. Jahrhundert einen Physiker, Maxwell, der hat sich einen „Teufel“ ausgedacht; er hat sich überlegt, wenn dieser Teufel operieren könnte, so dass die Entropie nicht maximiert wird, was würde das bedeuten. Er stellt sich vor, er sitzt in der Mitte zwischen zwei Gefäßen – im einen ist heiße, im anderen kalte Luft –, und er sorgt dafür, dass die Energie vom kalten Bereich übergeht in den heißen Bereich, sodass der heiße Bereich heißer und der kalte Bereich kälter wird. Im Normalfall würde es ja ausgeglichen werden – die heiße und kalte Luft würden zusammenkommen und warm werden. Und das ist der Hauptsatz der Thermodynamik, die besagt, es geht nur in diese Richtung.

Nun ist die Frage, wenn so ein Teufel da sitzen und es anders machen würde, was würde das bedeuten. Der Witz an der Sache ist, der Teufel muss sehr klein sein, da er die Moleküle ja messen muss. Und er muss, um etwas über diese Moleküle zu wissen, Informationen haben. Wenn er aber Informationen in dem Umfang hat, in dem er sie braucht, dann kann er nicht so klein sein, dass man ihn nicht mehr berücksichtigt. Er muss also irgendwann sein Wissen vergessen, löschen. Und beim Löschen gerät er ganz durcheinander, so dass der eigentliche Effekt, den er hatte, aufgehoben wird. So dass nun wieder der zweite Hauptsatz gilt…

Man kann lokal Inseln der Ordnung finden: Das nennt man dann einen Garten, oder eine Gemeinschaft, oder ein aufgeräumtes Kinderzimmer. Hier müssen Sie immer Bewusstsein und Informationen einsetzen. Wenn Sie aber diese Informationen in die physikalischen Gesetze „stopfen“ wollen, dann wird es schwieriger, weil man diese physikalischen Gesetze noch nicht kennt. Sie machen ja ein Experiment: Sie entnehmen einem System Information, aber diese Information ist in den Gesetzen, die sie benutzen nicht enthalten. Das ist eine komische Sache! Ich glaube nämlich, dass die Physik nochmals neu geschrieben wird, und das hat auch damit zu tun, dass wir etwas lernen müssen, was wir immer noch nicht ganz verstanden haben: Wir denken immer noch, dass Physik die Beschreibung der Natur ist. Ist sie aber nicht! Physik ist die Beschreibung unseres Wissens von der Natur – und das ist ganz was anderes!

Islamische Zeitung: Könnte man sagen, dass dieser „Teufel/Dämon“ der Mensch ist, dass der Mensch eben das tut, was dieser Dämon tut?

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Na klar, wir sortieren. Wir sitzen da und möchten gerne Ordnung schaffen. Die Situation kann man sich in allem vorstellen. Man kann sich das am Beispiel reiches Land – armes Land vorstellen. Sie lassen sozusagen immer nur die Reichen in das reiche Land und die Armen in das arme Land. Normalerweise würde sich das ausgleichen, aber das verhindern wir. Unsere Gesetzgebung, unsere Migrationsregeln verhindern das. Dasselbe mit dem Geldfluss – hier sind die Reichen, da fließt viel Geld, die Armen haben kaum Geld. Man würde glauben, das gleicht sich aus, tut es aber nicht; die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer, da stimmt auch irgendetwas nicht „mit der Physik“. Aber ich würde auch nicht erwarten, dass es eine soziale Physik des Geldes gibt.

Islamische Zeitung: Unser Geldsystem ist ja so aufgebaut, dass wir ein möglichst großes Repertoire an Möglichkeiten generieren können, wir schöpfen Geld aus dem Nichts und schlagen Zinsen drauf. Das heißt, die Möglichkeiten entfalten sich rasant.

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Ich persönlich bin kein Ökonom. Ich verstehe das Finanzsystem nicht. Ich verstehe aber ein paar uralte Gedanken der Menschheit und was ich glaube ist, dass die Ökonomie ein alchemistisches System ist. In der Alchemie gab es den Stein der Weisen. Mit diesem Stein der Weisen konnten Sie alles machen und er veränderte sich nicht. Diesen Stein nennt man heute Kapital. Ich glaube, dass der Wirtschaftsprozess ein alchemistischer Prozess ist, der irgendwann an sein Ende kommen wird. Ich würde das jetzt nicht voraussagen aber ich glaube, dass man vieles von dem, was ökonomisch passiert, nur im Sinne des Glaubens der Alchemisten verstehen kann: Verwandlung durch Kapital! Aber das ist ein ganz großes anderes Thema.

Islamische Zeitung: Es ist trotzdem sehr interessant, Ihren Gedanken zu folgen. Können Sie diese Parallele der Idee des Kapitals zur alchemistischen Vorstellung näher erläutern?

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Die frühen Alchemisten hatten ja, ganz allgemein ausgedrückt, die Vorstellung der Transformation des Unedlen zum Edlen. Gott habe zwar die Welt geschaffen hat, aber es sei die Aufgabe des Menschen, diese Welt zu perfektionieren. Gott hat eine Erde geschaffen, auf der Menschen dafür sorgen können, dass das Paradies entsteht. Das ist sowieso der Grundgedanke, auch später bei der Evolution bei Darwin. Da wird ja Gott nicht abgeschafft, sondern Gott wird als jemand gesehen, der die Menschen so macht, damit diese die Welt gestalten können. Gott macht die Tiere so, dass sie sich selbst entwickeln können. Er hat die Natur so eingerichtet, dass sie sich selbst „machen“ kann. Das ist eine mögliche Sichtweise.

Die Alchemisten sind auch der Meinung, dass in den Dingen das Gute da ist und dass es nur „rausgeholt“ werden muss. Das nennt man heute Pädagogik. Sie glauben, dass das Wissen in den Kindern ist und sie holen es nur heraus. Es ist immer die Frage, ob im Menschen nur das Gute drin ist. Es gibt auch die Gegenposition des großen Philosophen Immanuel Kant, dass das eigentliche, das Radikale im Menschen, das Böse sei und zwar, weil Kant ein extremer Denker der Freiheit ist.

Wenn Sie als Mensch wirklich frei sind, dann sind Sie auch frei, das Böse zu tun. Wer hindert Sie daran? Ihr Gewissen. Aber wo kommt Ihr Gewissen her? Das ist wieder eine andere Frage. Also, wo immer Sie hinschauen, sie haben eine Antwort mit einer neuen Frage und das nenne ich das offene System des Diskurses – das beruhigt mich ungemein. Der Mensch sieht immer eine Grenze, will darüber hinaus – und dahinter ist nur die nächste Grenze. Aber ein Wille hört nicht auf, an diese Grenze zu kommen. Der Wille des Menschen ist unbegrenzt.

Islamische Zeitung: Wir sehen ja heute einen Berg von Antworten vor uns und es scheint, dass durch die vielen Antworten, die wir uns schon geschaffen haben, das Fragestellen gewissermaßen „aus der Mode gekommen“ sei.

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Ja, wir geben nur Antworten! Ich habe darüber einen Aufsatz geschrieben: „Wie viele Antworten hat eine Frage?“ Das Kuriose ist, dass wir in einer Kultur leben, die eigentlich vom Fragen lebt – Sokrates in der europäischen Denktradition. Ich weiß jetzt nicht, wie andere Kulturen das angegangen sind, aber klar ist, dass in der Europäischen Kultur das Fragen eine Rolle spielt. Was ist Gerechtigkeit, was ist eine Tugend, wie soll der Mensch leben, wem soll er gehorchen? Das sind alles Fragen die jeder für sich beantwortet, aus Lebenserfahrung, aus Freundschaft…

Nur in der Praxis, in der Öffentlichkeit, nennen wir es mal in der politischen Öffentlichkeit, wählen wir nie Leute, die Fragen stellen, sondern nur Leute, die Antworten geben. Also der Politiker weiß genau, wie er die Inflation bekämpft, weiß genau, wie er das Problem mit der Ukraine löst, weiß genau, welche Waffen wir nach Syrien liefern, das wissen die alle ganz genau – und ich verstehe das nicht…(lacht). Aber Sie möchten natürlich keinen Politiker haben, der keine Ahnung hat. Das Ideal des starken Mannes…

Merkwürdiges Paradox auch hier: es gibt dieses schöne Gedicht von Erich Kästner: „Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht, denk an die Frage deines Kindes ‘was tut der Wind, wenn er nicht weht’?“ Also, wir können immer nur Fragen stellen, auf Geheimnisse stoßen und durch das Fragen stellen ein Gefühl für das Geheimnisvolle der Welt, die uns umgibt, bekommen. Nach Albert Einstein ist das Gefühl für das Geheimnisvolle das Schönste, was der Mensch erleben kann. Wenn er das erlebt hat, dann hat er das Bedürfnis, Kunst und Wissenschaft zu betreiben. Ich glaube, dass das eine gute Charakterisierung einer menschlichen Ur-Eigenschaft ist. Also immer staunen. Was mich ärgert an der modernen Publizistik ist, dass die einem dieses Gefühl für das Geheimnisvolle nimmt! Es heißt immer, das hat man gemessen, jetzt verstehen wir, wie das und jenes entsteht – nichts verstehen wir! Man ist nicht mehr ganz so hilflos wie vorher. Aber man ist doch nur sozusagen wieder mit einem neuen Geheimnis konfrontiert. Es wäre mir lieber, wenn man das, auch den Schülern, vermitteln würde. Das Gefühl für das Geheimnisvolle.

Islamische Zeitung: Mir tritt immer wieder das Bild vom Dämon vor Augen, der sich aufbläht und aufbläht und irgendwann muss er sich zitternd ergeben…

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Ja, der muss immer größer werden, weil er immer mehr Informationen braucht und wenn er sie vergessen will, dann braucht er so viel Energie, dass er anfängt zu zittern und seine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann. Also, vergessen ist nicht umsonst. Ganz strikt physikalisch gibt es einen Preis des Vergessens und wenn man ihn bezahlt, kommt die ganze Kraft der Entropie wieder zum Vorschein, welche die Zeit in eine bestimmte Richtung treibt. Sie können bei jedem Satz sagen, der vernünftig und die Welt als abgeschlossen erklärt, dass in ihm eine Lücke ist, wo das Geheimnis reinkommt. In jedem Satz, der abgeschlossen zu sein scheint, der die Welt zu erklären scheint, ist ein „Loch“ wo das Geheimnisvolle sofort wieder da ist. Sie können die Metapher des Zimmers nehmen, sie können es abschließen aber das Schlüsselloch bleibt offen. Sie können sagen, „die Welt besteht aus Atomen“. Nur müssen Sie mir dann erklären, was ein Atom ist. Mich beruhigt das; manche Leute möchten alles abgeschlossen und fertig haben, aber das wäre das Schlimmste, was einem passieren kann.

Islamische Zeitung: Nicht zuletzt, wenn man die politische Welt betrachtet und sieht, wie katastrophal dieses exzessive Urteilen, Polarisieren und Besserwissen sich auswirkt und was es gerade im religiösen Bereich bewirkt, der ja das spirituelle, paradoxe und geheimnisvolle beinhalten, würdigen und hüten sollte.

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Ich bin mit Religion nicht so vertraut. Aber ich versuche immer, das Ursprungswort „Religion“ zu verstehen. Das ist die Rückbindung. Das ist auch das Erlebnis, das die Wissenschaft hat, durch das sie ein religiöses Erlebnis haben kann. In der Wissenschaft ist die große Leistung gewesen, dass das Subjekt das erkennt. Sich getrennt hat von dem Objekt, das er erkennt. Also das „Ich“ tritt aus der Welt heraus und tritt ihr gegenüber, will diese Welt beschreiben und in der Beschreibung komme ich nicht vor.

Und was wir am Schluss in der Quantenphysik gemerkt haben: das geht nicht! Ich muss in der Beschreibung drin bleiben, ich kann mich nicht aus der Welt „herausnehmen“! Das heißt, beim Nachdenken über die Welt merke ich, wie ich an die Welt gebunden bin – und das ist Religion. Also der Wissenschaftler ist eigentlich der religiöse Mensch. Das hat Max Planck ausgedrückt. Max Planck hat gesagt, es gibt zwei verschiedene Arten von Menschen: Den wissenschaftlichen und den religiösen. Der Unterschied besteht darin, dass der religiöse Mensch am Anfang bei Gott ist und der wissenschaftliche am Ende zu Gott findet…(lacht). Wenn das Religion ist, dann bin ich religiös, weil ich sehe, dass ich durch mein Nachdenken über die Welt an die Welt zurückgebunden werde und die Welt ein Wunder ist. Das ist schön und da fühle ich mich übrigens geborgen darin. Ich komme da nicht raus, ich komme immer wieder zurück.

Das haben die Romantiker schön ausgedrückt. Bei Novalis heißt es: Wo gehen wir denn hin – immer nur nach Hause! Und das wissen Sie ja auch, Sie können hingehen, wo sie wollen, auf den Himalaya oder auf die Malediven, nach LA – Sie sind immer nur bei sich selbst, Sie finden immer nur sich selbst und das Eigentliche, was Sie suchen ist ja, wer Sie selbst eigentlich sind.

Islamische Zeitung: Man kann sich als nächstes die Frage stellen, warum bin ich denn in die Welt gekommen. Darauf kann man die Antwort geben, dass dieser Ursprung Gott ist.

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Es gibt halt Fragen, die man nicht beantworten kann. Wenn Sie so fragen, setzen Sie einen Nullpunkt, einen Anfang voraus, der mit einem sinnvollen Eingreifen dafür gesorgt hat, dass ich jetzt hier sitze. Dann ist das Hier sein von Ihnen sozusagen der Endpunkt, Ihre Schöpfung ist der Anfangspunkt. Das ist aber ein einseitiges Verständnis von Zeit. Dann nämlich setzen Sie voraus, dass die Zeit geradlinig nach vorne verläuft, das muss aber nicht sein. Es könnte ja sein, dass die Zeit zyklisch verläuft und Sie sind nur deshalb hier, „weil jeder mal drankommt“.

Islamische Zeitung: Ich sehe „mich“ schon nicht als das Endpunkt. Im Islam heißt es: Gott hat die Welt geschaffen, um erkannt zu werden.

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Im Westen sagt man, die Natur hat den Menschen erschaffen, um von ihm erkannt zu werden. In unserer Gestalt „erkennt die Natur sich selbst“ es ist eine ähnliche Formulierung. Nur sage ich nicht Gott sondern „die Natur“. Das ist ja zunächst mal nur ein Wort – aber das stimmt überein. Ich glaube auch, dass der Mensch sich dadurch feiern kann, dass er die Natur ist, die in der Lage ist, sich selbst zu erkennen. Aber daraus folgere ich nicht, dass ich Gott bin…. Und jetzt bin ich wieder für das Offene…denn irgendwie klappt das ja nicht. Wir erkennen uns nicht, suchen ja nur immer weiter. Wir geben uns immer nur Mühe… wir sind sozusagen der „Gott der ewig sucht“ und der andere Gott ist der, der schon fertig ist, und wartet, dass wir das merken… Sie haben noch Fragen?!

Islamische Zeitung: Sehen Sie eine Möglichkeit, die Pole des Männlich-/ Weiblichen sozusagen quantenphysikalisch zuzuordnen?

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Männlich – weiblich? Quantenphysikalisch…? (Denkt nach…) Also meinen Sie Welle-Teilchen, der Mann ist das Teilchen, die Frau die Welle? Das könnte sein…

Islamische Zeitung: Das könnte sein…! Vielleicht sage ich Ihnen, wie ich auf die Frage komme. Ich gehe davon aus, dass heutzutage das männlich-einteilende, strukturorientierte Denken in einem ungesunden Übergewicht im Verhältnis zum weiblichen Element ist…

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Es gibt Annahmen, Vermutungen, dass die Wissenschaft ein Produkt männlichen Denkens ist, weil es ja auch ein Herrschaftsdenken ist. Die Idee der Wissenschaft ist, das Gesetz zu finden, mit dem ich die Natur beherrsche. Und ich denke mir, dass Frauen gar nicht danach suchen würden. Frauen würden danach fragen, mit der Natur in Einklang zu leben. Männer suchen nach Hierarchie und Frauen versuchen eher, ein Team zu organisieren, durch Gespräche zurechtzukommen. Dann wären also Frauen der Wellencharakter und der männliche Teil wäre der „harte Teilchencharakter“ – von mir aus kann man das so sehen, ich habe da noch nicht darüber nachgedacht. Und die sind komplementär. Das würde aber bedeuten, dass die Entscheidung, ob etwas männlich oder weiblich ist, nicht vom Objekt selbst abhängt sondern vom Beobachter, denn das Elektron ist ja unabhängig davon, es ist manchmal Welle, manchmal Teilchen. Was ich vom Elektron erfahre, hängt von der Fragestellung ab.

Islamische Zeitung: Interessanter Gedanke…

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Und wenn die Antwort von der Fragestellung abhängt, vom Interesse und der Neugierde – das stelle ich mir wieder eher weiblich vor. Wenn ich versuchen würde, den Unterschied zwischen Männern und Frauen einfach zu charakterisieren, ich glaube, dann wollen Männer immer eine Auskunft haben, Frauen wollen immer ein Gespräch anfangen.

Islamische Zeitung: ja, das ist so, tendenziell….

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Ein wissenschaftliches Experiment ist im Grunde männlich: ich will eine Auskunft haben, bist Du da oder nicht? Wie schnell bist Du? Wie schwer bist Du? Und Frauen würden denken, dass das Objekt dann antwortet und ich anschließend mit ihm in ein Gespräch trete. Das ist sozusagen die Idee der Quantenmechanik, dass das Elektron gewissermaßen eine Auskunft gibt, die eine neue Frage formuliert. Insofern ist Quantenmechanik weiblich, klassische Mechanik ist männlich. Ich habe da noch nie drüber nachgedacht, aber mir scheint, dass man das tun kann. Es ist völlig eindeutig, dass der Teilchencharakter männlich ist – Punktum, Fertig, Schluss – und die Frau ist eher überall, man versucht, noch zusammenzubleiben…

Islamische Zeitung: Könnten Sie sich vorstellen, dass bestehende Missstände durch eine Umgewichtung und Wandlung in ein anderes, besseres Lot kämen? Gibt es beispielsweise Perspektiven aus der Physik, aus denen wir schließen könnten, dass es an der Zeit wäre, dass der „Informationsdämon“ wieder vergessen muss, um einen Ausgleich zuzulassen zwischen dem polarisierenden, „strukturgebundenen“ einerseits und dem „Pool der Möglichkeiten“ auf der anderen Seite?

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Hm. Also, was ich glaube ist, dass wir immer noch erwarten, dass durch die Analyse der ganzen Informationen eine bestimmte Antwort herauskommt und nicht gewissermaßen nur ein Gefühl für eine Antwort. Es könnte allerdings sein, dass solche genauen Standortbestimmungen gar nicht wichtig sind, sondern dass das Verhalten insgesamt eine Rolle spielt und dass man ein intuitives Gesamtbild anstreben sollte, nicht ein punktuelles. Und das ist, glaube ich, wieder eine Frauensache. Also noch sind wir so, dass wir uns beim Informationssammeln übernehmen.

Denn bei der ganzen Sammlung bleibt ja die Frage nach der Bedeutung auf der Strecke. Die NSA sammelt, in der Genetik sekretiert man ein Genom nach dem anderen, nicht nur die des Menschen, sondern auch die sämtlicher Mikroorganismen. Die Datenfülle wird immer unübersichtlicher aber man müsste jetzt anfangen, sie zu verstehen und zu deuten und das Deuten ist nicht mehr eine quantitative sondern eine qualitative Aufgabe mit Einbezug der Phantasie, mit Lust auf Zusammenhänge, auf Verbindungen. Eine der größten Biologinnen des 20. Jahrhunderts, Barbara McClintock, hat ihren großen Erfolg dadurch gehabt, dass sie, wie sie das selbst ausdrückte, ein Gefühl für den Organismus entwickelte. Wir müssten aber sozusagen ein Gefühl für eine Gesellschaft entwickeln, für ein Stadtleben, dafür wie Menschen sich austauschen, ein Gefühl für die Bedeutung von Daten. Das aber kann man nicht so einfach trainieren, weil das im Ansatz dieser Wissenschaft nicht enthalten ist. Diese ist eben strukturiert männlich und ein Gefühl ist nicht etwas, das man einfach abfragen kann.

Das Gefühl ist auch etwas, das sich dauernd erneuert, es ist sozusagen immer im Werden. Um einen einfachen Kontrast zu finden – Männer interessieren sich mehr am Sein, „Wie ist das?“ und Frauen interessiert „Wie wird das, was kann daraus werden“. Frauen sind auch zukunftsoffener, zukunftszugewandt, haben die Zukunft schon intuitiv im Blick. Ich glaube, dass Frauen Information besser deuten können. Frauen würden auch andere Arten finden, um Terroranschläge zu verhindern als durch bloßes Sammeln von Daten, würden beispielsweise die Kinder besser erziehen, würden miteinander reden. Sie würden an das Migrationsproblem anders herangehen. Manche Frauen in der Regierung, wie zum Beispiel Margaret Thatcher, waren da wohl die falschen, nämlich „bessere Männer“. In der Physik gibt es das Beispiel von Marie Curie und Ilse Meitner – die waren, im Gegensatz zu Barbara McClintock, die ich noch persönlich kennenlernen durfte und über die ich in einem Buch geschrieben habe, ebenfalls „bessere Männer“. McClintock hat Wissenschaft vorgetragen, die Männer nicht verstanden haben. Ich habe sie portraitiert, in dem Buch „Aristoteles, Einstein und Co“. Es gibt eine Biografie über sie „A feeling for an organism“. Der weibliche, interpretatorische, künstlerische Aspekt gehört auf jeden Fall dazu, ich wüsste aber nicht, wie das in der Praxis installiert werden sollte.

Islamische Zeitung: Kennen Sie Joachim Ernst Behrendt?

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Nada Brahma! Ich bin ein großer Fan von Nada Brahma. Als ich das zum ersten Mal gelesen oder gehört habe, war ich fasziniert. Ich persönlich glaube, dass er völlig recht damit hat, dass wir bessere Menschen wären, wenn wir mehr hören würden. Manchmal allerdings habe ich das Gefühl, er überdehnt sein Anliegen etwas. Aber das weiß er selbst… Die Augen sind ja als Jagdaugen gemacht worden, die Ohren sind mehr für die Gesamtorientierung. Ich glaube, dass wir alle sanfter und liebevoller wären, wenn wir besser hören würden und ich nehme mir das auch fest vor. Nachrichten zum Beispiel, höre ich im Radio und sehe nicht fern. Wenn allerdings so die Gesänge des Planeten Pluto transformiert werden zu „Planetenmusik“, ist mir das irgendwann zu viel. Ich glaube, dass er dann ein bisschen zu sehr in seine Zahlenmystik verliebt ist. Aber das stört den Gesamteindruck nicht und vielleicht ist da auch etwas dran. Er ist ja selbst ein Suchender, der sich selbst wundert, dass das alles möglich ist und er lernt und lernt…

Ich habe bei ihm zum ersten Mal richtig verstanden, was eigentlich ganz selbstverständlich ist, nämlich die Bedeutung der höheren Stimmen der Frauen. Wenn Männer und Frauen zusammen sprechen, hört man die Frauen. Auch im Chor, man hört dann die Männer nur, wenn die Frauen schweigen. Also ist von der Evolution die Stimme der Frau so eingerichtet worden, dass man sie auf jeden Fall hören sollte. Aber da wir ja in einer männerdominierten Welt leben, orientieren wir uns am Sehsinn. Die Frauen würden sofort den Sehsinn reduzieren auf einfachere Dinge – weg vom „raubtierhaften Sehen“ , hin zum Hören und es könnte auch sein, dass das die „Verwandlung zu einer besseren Welt“ ist, wenn wir sie wirklich als das, was Behrendt „Klang“ nennt, verstehen. Also die Welt als Klang!

Meine Lieblingsbeschäftigung, wenn ich abends allein zu Hause bin, ist nicht fernsehen, sondern CDs zu hören. Ich spiele selbst ganz schlecht nur Querflöte aber ich höre dann einfach. Das Hören hat also wunderbare Vorzüge. Ich glaube auch, dass der Verlust des Hörsinns das schlimmere Leid ist als der Verlust des Sehsinns. „Israel höre“… „Gott sprach“….Man entnimmt ja auch der Bibel, dass da zwar Licht wird, aber es wird erst gesprochen. Das erste, was die Bibel erwartet, ist also, dass gehört wird – es muss jemand hören! Wobei mich mehr interessiert an diesem ersten Vers in der Bibel, dass am Anfang kein Gott ist sondern Finsternis. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das eigentliche, das wir verstehen müssen, die Dunkelheit ist – denn wir kommen aus der Dunkelheit und gehen in die Dunkelheit. Und wenn wir einen Gedanken denken oder einen Satz sagen, der war vorher im Dunkeln, den holen wir dann da raus – wir können nicht sagen, wo er vorher war. Der Gedanke, den wir haben, der kann ja kein Gedanke gewesen sein – das ist wieder das Problem des Anfangs, sodass ich ein „Verehrer der Dunkelheit“ bin im Sinne von Rilke „du Dunkelheit, aus der ich stamme…“ Wir stammen alle aus der Dunkelheit und in der Dunkelheit ist auch Stille.

Ich habe ein Buch darüber geschrieben, das heißt „durch die Nacht“, das erscheint im nächsten Jahr. Wir kommen alle aus der Nacht und gehen durch die Nacht, wir lieben die Nächte und wir müssen halt den Tag überstehen und das ist auch Goethe und Philine. Die Nachtzeit wird als Gegenzeit definiert, das ist die Zeit, wo man einfach da ist. Am Tag haben wir Geschäfte, – aber abends sind Sie einfach nur da, das ist die Zeit der Nacht und das ist die Zeit der Frau. Männer wollen immer ankommen, Frauen wollen da sein. Und ich glaube das ist es – es reicht, wenn wir da sind. Wir kommen jetzt ein wenig ins Schwärmen, das hat ja mit Wissenschaft immer weniger zu tun. Aber auch Wissenschaft kommt aus dem Dunklen und muss das Dunkle verstehen.

Islamische Zeitung: Das „Yin“, die Dunkelheit , das Weibliche. Die Nacht ist auch die Zeit, in der Gläubige die Nähe Gottes sucht….

Prof. Dr Ernst Peter Fischer: Und in der Dunkelheit gibt es einen „Herrn“, der heißt Luzifer – der Lichtträger. Und den gibt es in jeder Religion, soweit ich weiß. Es gibt immer den Feind, den Satan, den Luzifer, den gibt es auch im Buddhismus. Es gehört zur menschlichen Denkweise, dass wir immer das Gegenstück brauchen. Mann – Frau, oben – unten, Nacht – Tag, wir brauchen immer das Gegenstück. Redner – Zuhörer. Aber eben Hörer.

Islamische Zeitung: Herzlichen Dank, Herr Professor Fischer für dieses Gespräch!

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen