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„IZ-Begegnung“ mit dem Philosophen Prof. Dr. Ferid Muhic über die europäischen Muslime, ihre Identität und ihre Gegenwart

„Warum ­sollte sich ein Muslim und Europäer überhaupt integrieren?!“

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(iz). Inmitten unzähliger Debatten um Integration, Identitäten, Sicherheit und anderen Themen gehen Grundfragen des ­Islams in Europa häufig unter. Hinter dem Vorgang aus undefinierbaren Begriffen geht unter, dass der Islam in Europa eine ähnlich lange Geschichte hat wie das Christentum. Und während es in westeuropä­ischen Metropolen zu sporadischen Gewaltaus­brüchen von Randalierern kommt, die oft dem Islam zugeschrieben werden, vergessen viele, dass die Mehrheit der Muslime in Europas Einheimische sind und mit Sicherheit nicht „integriert“ werden müssen.

Hierzu sprachen wir mit Prof. Dr. Ferid Muhic. Muhic lehrt an der Ss. Cyril und Methodius Universität in Skopje, Mazedonien, Philosophie. Er ist Austauschprofessor verschiedener Hochschulen in Malaysia, den USA und Frankreich. Eines seiner Fachgebiete ist die Geschichte des Islam und der Muslime in Europa, namentlich der Länder des Balkans. Augenblicklich schreibt er ein Buch über die Isla­mische Identität Europas. Mit ihm sprachen wir über die vergessene Mehrheit der europäischen Muslime, den Widersinn ihrer „Integration“ und dem Faszinosum des europäischen ­Islam.

Islamische Zeitung: Lieber Prof. Dr. Ferid Muhic, Sie behandeln seit Jahren die Frage des Islam in Europa. Gibt es etwas, das Sie besonders fasziniert?

Prof. Dr. Ferid Muhic: Es gibt viele besondere Dinge, die mit der Anwesenheit des Islam in Europa verbunden sind. Diese Frage ist für mich definitiv am faszinierendsten, da es eine totale Einstellung des „nichts hören, nichts sehen und nichts sagen wollen“ gegenüber Anwesenheit und Einfluss des Islam gibt. Geschichte und Tradition Europas wurden 13 Jahrhunderte lang durch einen starken Einfluss des Islam geprägt. Und noch wichtiger: Dieser Einfluss führte zum ersten Mal in der europäischen ­Geschichte das politische und juristische Konzept einer multireligiösen und multiethnischen Gesellschaft ein; inklusive aller Institutionen und Gesetze, damit sie funktionieren kann.

Der Islam führte in Europa viele kulturelle, politische, wirtschaftliche, wissen­schaftliche und künstlerische Innovationen ein. Sie verbesserten das allgemeine Niveau der europäischen Zivilisation. Und doch wurde jene unleugbare Tatsa­che so systematisch ignoriert oder verbannt, dass es beinahe vollkommen aus dem Selbst-Bild Europas verschwand. Währenddessen wurden die Muslime zu Erzfeinden der traditionellen Werte Europas erklärt.

Dank dieses ideologisch gefälschten Bildes leiden muslimische und nichtmuslimische Bevölkerungen gleicherma­ßen unter einem historischen Brechungs­fehler der Optik. Selbst heute noch verstehen die meisten Europäer ihren Kontinent als ein exklusiv christliches, kulturell monolithisches und historisch homogenes Ganzes. Die einfache Tatsache, dass Europa ein klassischer Fall eines Modells ist, das als ein Amalgam entworfen wurde, wird blind ignoriert.

Heute kann man in Schulbüchern lesen, dass Europa ein „jüdisch-christlicher“ Kontinent sei. Die Vorstellung bezeugt den ideologischen Charakter syste­matischer anti-islamischer Einstellungen. Aber Europa ist kein christlicher Kontinent, und war es nicht. Weder Judentum, noch Christentum oder Islam entstanden hier, noch waren sie Frucht der kulturellen Tradition Europas. Wir dürfen nicht vergessen, dass Europa ernsthaf­te Probleme mit der Kenntnis seiner eigenen Identität hat. Das heißt auch, dass Europa die gleiche Beziehung zum Christentum und Islam als externe Faktoren hat. Daher kann es keine logische Rechtfertigung der Vorstellung eines „Gastgebers“ versus eines unerwünschten „Gastes“ geben.

Noch wichtiger ist, dass der Islam von seinen ersten Anfängen im achten Jahrhundert die europäische Bühne – auf dem Niveau eines gut organisierten Gemeinwesens mit einem entwickelten rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen System von Institutionen – betrat. Die kulturelle und spirituelle Komponente des Islam war jahrhundertelang durch Aktivitäten konkreter Staaten präsent, die zu den entwickeltsten Staaten in Europa gehörte. Die Beispiele Andalusiens auf der pyrenäischen Halbinsel, das bulgarische Königreich im Gebiet des heutigen Tatarstans im achten Jahrhundert, die Khanate Krim, Kazan und Astrachan entlang des Schwarzen Meeres und im Wolgabecken sowie das Osmanische Reich in Südosteuropa bestätigen diese Tatsache.

Islamische Zeitung: Sie schreiben gerade an einem neuen Buch…

Prof. Dr. Ferid Muhic: Das Schicksal meiner Bücher wird von drei Fragen entschieden: Was? Warum? Wie? Es verweist auf das zentrale Thema der Studie, die im striktesten Sinne eine systematische Untersuchung des islamischen Charakters der europäischen Identität sind.

Das Buch behandelt Geschichte, Inhal­te und Folgen der muslimischen Anwesenheit in Europa anhand einer Analyse des islamischen Einflusses auf zwei Aspekte der Phänomene der allgemein anerkannten Kombination der „europäischen Identität“. In einer Übersicht der Lage Europas konzentriert es sich auch auf die regionale Analyse, spezifisch des Balkans und des osmanischen Erbes in Südosteuropa.

Dieser Punkt öffnet den Weg für die zweite Frage. Ich habe mich dafür entschieden, eine Einschätzung der histori­schen Entstehung der europäischen Identität anzustellen. Konkret beinhaltet dies, dass ihr Subjekt die Deutung sowie das Verstehen der sozialen, politischen, kulturellen und – offensichtlich religiösen – Komponenten ist, welche die Wirklichkeit des heutigen Europas prägen. Dies wird immer noch systematisch ­ignoriert.

Die Antwort auf die dritte Frage war die Erwartung, dass eine fundierte Bestä­tigung dieser Behauptung – basierend auf fakto-grafisch schlüssigen Grundlagen – Spannungen abbauen und die negativen Folgen des medialen Versuchs reduzieren, den Islam und Muslime als Fremdkörper darzustellen. Dieses Bild wird durch unzählige Formen anti-islamischer Einstellungen gezeichnet sowie durch eine Verteufelung des Islam. Auch wenn diese Haltungen globale sind, ­wirken sie nirgendwo so intensiv wie in Europa. Aufgrund einer systematischen Produktion nationalistischer Mythen von überwiegend christlichen Nationen in Europa findet jene Praxis ihren gemeinsamen Nenner in der unaufhörlichen Fabrizierung falscher historischer Kons­truktionen. Sie recycelt den Mythos vom angeblich exklusiv christlichen ­Charakter der europäischen Kulturen. Das Ziel ist offenkundig die Schaffung sich ergänzender Mythen und Vorurteile über den Charakter des Islam in der europäischen Geschichte.

Gleichzeitig ist es eine dringliche wie unverzichtbare Aufgabe, den Mythos vom ausschließlich christlichen Europa und die Praxis aufzugeben, die Wahrheit trotz des ausreichend dokumentierten Gegenteils zu verschleiern. Dies wird die Schlüsselrolle des Islam bei der Herausbildung des humanistischen Charakters der spirituellen Identität Europas ­demonstrieren.

Islamische Zeitung: Sind Sie glücklich angesichts der Tendenz, Europas Muslime als „Fremde“ darzustellen?

Prof. Dr. Ferid Muhic: Der Hauptzweck meines Buches ist der Beginn ­eines Prozesses, der zur Schaffung eines Selbstbewusstseins der Europäer führt. Dies beinhaltet ein authentisches Eigenbild, das Ablegen aller Klischees und Vorurtei­le, die von religiösen Feindlichkeiten motiviert sind, sowie rassistischer und natio­nalistischer Intoleranz. Dies ermöglicht eine inbegriffene europäisch-islamische Identität als authentische Basis. Seit Langem wird uns gesagt, dass Muslime ­keine Europäer sind. Dass der Islam eine asiatische Religion ist und daher alle Muslime einfach „Fremde“ in Europa sind – egal, wo oder wie lange sie in Europa leben. Wir sollten uns erinnern, dass Judentum, Christentum und Islam gewissermaßen aus dem gleichen „Hinterhof“ kamen. Und dieser liegt nicht in Europa, sondern in Asien.

Genau genommen hat Religion nichts mit dem Dasein als Europäer zu tun. Niemand kann aufgrund seiner religiösen Zugehörigkeit für sich den Status eines „Einheimischen“ beanspruchen. Noch kann niemand das Mitglied einer ­anderen Religionsgemeinschaft als „Fremden“ bezeichnen. Die historischen Beispiele dieser Schlussfolgerungen werden dadurch bekräftigt, dass Kolumbus die Karibikin­seln erst 1492 erreichte. Das waren 781 Jahre nach der Gründung des ersten isla­mischen Gemeinwesens auf europäischem Boden. Zur massenhaften Einwanderung in die Neue Welt kam es erst ab dem frühen 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit hatten die Osmanen bereits seit 400 Jahren ihre Hauptstadt in Europa; zuerst in Edirne, dann in Istanbul. Wenn wir uns erinnern, dass das Osmanische Reich – nach beinahe 600 Jahren – in ­einer Zeit seinen Niedergang begann, als Häuptling Jeronimo mit seinen Aachen immer noch in Arizona kämpfte, und ein enormer Teil der USA unbesiedelt war, dann dürfte für diejenigen, die ­Christen als „einheimische Europäer“ und Musli­me als „nicht-europäische Fremde“ bezeichnen, klar sein, dass es weiser wäre, das chronologische Argument aufzugeben. Nur so können sie Probleme vermeiden, aus denen sie nicht herauskommen. Wenn dies korrekt wäre, dann hätten die Indigenen dass Recht und die Pflicht, die Nachzügler in Reservate zu verfrachten.

Man kann nicht behaupten, dass alle Europäer, Asiaten und Afrikaner in Amerika einheimische Amerikaner wären. Sie alle kamen woanders her. Gleichzeitig wird dieser Status Muslimen verweigert, die im Rahmen eines staatlichen Gemeinwesens, einer kulturellen Matrix und einer religiösen Praxis hier 800 Jahre lebten, bevor Europa überhaupt die Neue Welt kannte.

Das christliche Europa kann sich selbst nicht als einzigen Träger der europäischen Identität einstufen. Noch kann es seine authentische islamische ­Identität auf Grundlage chronologischer Kriterien verleugnen, nur weil einige Indo-Europäer diesen Kontinent vor anderen Indo-Europäern erreichten. Diese Leugnung lässt sich auch nicht durch die zeitliche Differenz zwischen der Ankunft des Christentums und des Islam begründen. „Ankunft“ ist das Schlüsselwort, weil beide Religionen nicht-europäischen Ursprungs sind. Vor allem dann nicht, wenn der Status derjenigen, die nach Amerika kamen, unhinterfragt bleibt. Es ist aus diagnostischen Gründen wichtig daran zu erinnern, dass die US-Bevölkerung heute als „indigene Amerikaner“, „Lateinamerikaner“, „asiatische Amerika­ner“ und „Afroamerikaner“ bezeichnet wird. Die aus Europa kommenden ­Menschen beschrieben sich nichtsdestotrotz als „Amerikaner“ und niemals als „Euroamerikaner“.

Islamische Zeitung: Die einheimische muslimische Bevölkerung Euro­pas ist zahlenmäßig wesentlich größer als die mit „Migrationshintergrund“. Wie kommt es, dass letztere eine ­größere Rolle spielt, als es ihre ­Menge nahelegt?

Prof. Dr. Ferid Muhic: Diese Anmerkung ist sehr richtig und zutreffend. Die Politik der christlichen Europäer gegenüber jüdischen und muslimischen Europäern während der letzten 13 Jahrhunderte kann als Strategie des Vorurteils, der Vertreibung und des Genozids beschrieben werden. Die ethnische, reli­giöse und kulturelle Toleranz wurde in Europa von muslimischen Staaten eingeführt, die auf den innewohnenden Werten des Islam basierten. Die Rechte von Christen und Juden wurden dabei strikt eingehalten.

Der Stadtstaat Cordoba hatte in seinem Höhepunkt um 950 mehr als 600 Moscheen, 300 Kathedralen und beinahe 100 Synagogen. Beim Fall nach 1031 zerstörten die christlichen Herrscher alle Synagogen und – mit einer Ausnahme – Moscheen. Sie wurde in eine katholische Kathedrale umgewandelt. Ab 1492 wurden Muslime und Juden zwangsweise von der Iberischen Halbinsel vertrieben. Es waren die muslimischen Osmanen, die den Flüchtlingen ihre Pforten ­öffne­ten. Der am jüdischen Volk begangene Holocaust während des Zweiten Weltkriegs war ein weiterer, extrem brutaler Ausdruck der traditionellen Einstellung christlicher Europäer gegenüber Juden.

Die gleiche Animosität ereignete sich gegenüber europäischen Muslimen. Albaner und Bosniaken sind zwei europä­ische, mehrheitlich muslimische Nationen, die niemals einen Angriffskrieg gegen ihre Nachbarn führten. Und trotzdem waren sie Opfer systematischer Kriegsgräuel von Seiten der neuen, christlich-orthodoxen Staaten, umgehend nach­dem der muslimisch-osmanische Staat seine Macht verlor. In den Balkankriegen 1912 bis 1962 wurden weit mehr als 100.000 einheimische Europäer auf dem Balkan ermordet. Und nicht weniger als fünf Millionen endeten als Flüchtlinge in der Türkei, wo sie sich permanent ansiedelten. Sogar heute noch werden Muslime erheblich diskriminiert. Auch in den Regionen und Staaten, wo sie die Bevöl­kerungsmehrheit stellen.

Die Situation verbessert sich graduell – trotz erheblichen Widerstandes konser­vativer Kräfte. Trotzdem ist es noch weit zur sozialen und kulturellen Gleichheit. Die muslimische Identität gilt heute noch als Stigmata und Zeichen eines minderwertigen Zustands. Die Zugänge zu Bildung und Jobs für muslimische Bürger – in allen Staaten mit einer einheimischen muslimischen Bevölkerung – sind wesentlich geringer.

Immer noch lässt sich die Lage der indigenen Muslime in den meisten Teilen Europas am besten mit den Zeilen des bekannten Rainer Maria Rilke beschreiben: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles!“

Islamische Zeitung: Viele kritische Debatten über den Islam in Europa konzentrieren sich auf Probleme und/ oder Fragen, die sich aus Migration und ausländischen Konflikten ergeben. Glauben Sie, dass indigene europäische Muslime eine Rolle spielen könnten?

Prof. Dr. Ferid Muhic: Offen gestan­den sehe ich nicht, wie das zu bewerkstelligen wäre. Muslimischen Gemeinschaften in Europa fehlt es noch an Kapa­zität, um ihre politische Agenda effizient anzuwenden. Soweit es die Option betrifft, dass europäische Muslime eine ausgleichende Rolle spielen können, so ist das ein heikler Punkt. Es ist nicht das einheimische Segment der Muslime, die an solchen konfliktträchtigen Fragen Anteil hat. In der Mehrheit der Fälle sind es noch nicht einmal die muslimischen Einwanderer. Der aktivste Faktor wird vom einheimischen Segment der europä­ischen Christen gestellt.

Ich frage mich, warum das Opfer befriedet werden muss. Nehmen wir das Beispiel von Bosnien-Herzegowina, dem der Status eines Protektorats unter inter­nationaler Kontrolle gegeben wurde, obwohl es das Opfer der serbischen Aggres­sion wurde, was sogar vom Internationalen Strafgerichtshof anerkannt wurde. Nach allen verbindlichen Kriterien sollte es der Störenfried, und nicht sein ­Opfer, sein, der befriedet und kontrolliert werden sollte. Das gleiche gilt für die Konflikte, die sich aus Immigration ergeben.

Es sind die Regierungen und Polizeibehörden eines jeden europäischen Staates, denen die Schlüsselrolle bei der Verringerung von Konflikten zukommt.

Islamische Zeitung: Wie würden Sie jene westeuropäischen Debatten bewerten, wonach sich Muslime in ihre Gesellschaften integrieren müssen?

Prof. Dr. Ferid Muhic: Warum ­sollte sich ein Muslim und Europäer überhaupt integrieren?! Die Antwort auf dieses Paradox ist einfach. Eines der Hauptziele der strammrechten Politik im heutigen Europa ist das Ende der islamisch-europäischen Identität. Ihre Strategie bedient sich dabei zweier Hauptinstrumente. Erstens, handelt es sich um den Versuch, jede Spur islamischer Gegenwart in Eu­ropa zu tilgen. Da dies beinahe unmöglich ist – wegen der kolossalen Proportionen der islamischen Anwesenheit in Europas Geschichte –, ist das zweite Ins­trument die anhaltende Verteufelung von Muslimen. Dazu gehört die permanente Forderung, dass sich die Muslime inte­grieren müssten.

Sollten wir die ansonsten unannehmbare Idee einer Integration der europäischen Muslime akzeptieren, stehen wir vor seltsamen Widersprüchen. Einige Studien legen nahe, dass es bei einer Zunahme der religiösen Bindung von Muslimen immer unwahrscheinlicher wird, dass sie an kriminellen Verhaltensmustern wie Raub, Drogensucht oder Alkoholismus beteiligt sind. Wäre es dann nicht logischer, nichtreligiöse Muslime oder Nichtmuslime in die Gruppe ­jener armen Muslime zu integrieren, die sich ihrer Religion gewidmet haben? Warum sollten Muslime aufhören, welche zu sein, ihren Islam aufgeben und sich unter den Nichtmuslime zu integrieren oder zu assi­milieren, wenn ihr Sozialverhalten korrekt und nützlich ist?

Soweit es den Balkan betrifft, so kann eine Gesellschaft nur demokratisch sein, wenn alle ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen freizügig in Übereinstimmung mit ihrer konkreten ­Identität leben können. Diese Lektion wurde brillant durch die Tatsache illustriert, dass nach mehr als 500 Jahren alle Nationen des Balkans ihre Kultur, Religion, Sprache, Identität und Tradition beinahe vollkommen intakt hielten: Albaner, Bosniaken, Bulgaren, Kroaten, Griechen, Rumänen, Mazedonier, Montenegriner, Serben und sogar Roma. Niemand war zur Integration gezwungen. Trotz aller kulturellen Vielfalt funktionierte dies jahrhundertelang in solcher Harmonie, dass es angebracht ist, von der Pax Osmana zu sprechen, um den gesellschaftlichen Frieden des großen Reiches zu ­beschreiben.

Islamische Zeitung: Was sind die größten Herausforderungen für die muslimischen Gemeinschaften in Ihrem Teil Europas?

Prof. Dr. Ferid Muhic: Muslimische Gemeinschaften überlebten als Ganzes auf dem Balkan. Nach dem Niedergang und Fall des Osmanischen Reiches begannen die neuen christlichen Balkanstaaten mit der totalen Ausweisung, Zwangstaufe und Auslöschung ihrer mus­limischen Bürger. Dies war vorberei­tet und wurde von europäischen Großmächten unterstützt. Einigen Nationen wurde aufgrund ihrer islamischen Identität die nationale Identität verweigert. Dies ist immer noch der Fall bei Bosnia­ken und der Zentralregion des Balkans. Zu Beginn wurden alle Muslime als Erzfeinde stigmatisiert. Später pferchte man die Wahrnehmung von Muslimen in die Zwangsjacke der Islamfeindlichkeit. Die Absicht war die Schaffung eines allgemeinen Gefühls der Ablehnung des ­Islam – bei Muslimen und Nichtmuslimen – im Balkan. In den letzten beiden Jahrzehnten wandelte sich diese Haltung ­graduell zu einer Art offenen anti-islami­schen Stimmung. Sie wurde im Allgemeinen von der großen Bevölkerungsmehrheit übernommen und systematisch von den Balkanstaaten als ­Strategie unterstützt.

Gott sei Dank erwies sich diese Strate­gie als unfähig, die gesetzten Ziele zu erfüllen. Muslimische Gemeinschaften des Balkans begegneten diesen Herausforderungen mit Erfolg. Ihre Vitalität, Gewissenhaftigkeit und traditionelle Rechtstreue führten zu einer institutionellen Anerkennung der Muslime als gleichberechtigte Bürger. Trotz inoffiziel­ler wie offizieller Diskriminierung hat sich die Lage erheblich verbessert. Seit mehr als zwei Jahrzehnten spielen musli­mische Gemeinschaften auf dem Balkan eine wichtige soziale und kulturelle ­Rolle. Inspiriert werden sie von den Anforderungen des zeitgenössischen politischen Wandels, aber auch von den traditionel­len Werten des Islam.

Islamische Zeitung: Was ist ihre Vision für die Muslime in Europa?

Prof. Dr. Ferid Muhic: Meine Antwort ist einfach. Ich will ein Europa sehen, in dem Juden, Christen, Muslime und alle anderen religiösen, kulturellen, ethnischen Gemeinschaften in Übereinstimmung mit den allgemeinen Prinzipi­en der Menschenrechte und mit aufrich­tigem und vorbehaltlosem Respekt ihrer gegenseitigen Differenzen leben. Es gibt Dinge, von denen wir leben, und solche, für die wir leben. Das heißt, dass die Kategorien des Eigeninteresses und der Toleranz schrittweise auf ein höheres Niveau gehoben und durch die Kategorien des Respekts und der Zuneigung ersetzt werden müssen.

Sie haben Anspruch auf die gleichen Rechte dieses Kontinents. Diese Rechte gehören jedem einzelnen. Sie haben Anteil an der politischen, kulturellen und spirituellen Identität des modernen Europas, die durch ihren historischen Beitrag geschaffen wurde.

Wie jede andere Vision ist diese noch unwahrscheinlich, aber möglich. Für einige mag sie augenblicklich nicht erstre­benswert sein, aber langfristig ist sie für uns alle unverzichtbar.

Islamische Zeitung: Lieber Prof. Dr. Ferid Muhic, wir bedanken uns für das Gespräch.

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