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„IZ-Begegnung“ mit dem syrischen Erzähler Rafik Schami

Regierungen „machen die besten Geschäfte“

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Die syrische Regierung kämpft – mit tatkräftiger Hilfe aus dem Ausland – bis zum letzten Syrer um ihre Macht. Inmitten anderer Krisen bleibt Syrien eine unvergleichliche humanitäre Tra­gödie, deren Ende nicht absehbar ist.

Trotz der jüngsten Präsidentschaftswahlen erwarten Beobachter keine wirkliche Änderung des anhaltenden Blutvergießen. Dessen Folgen werden die Verbliebenen auch noch über Jahrezehnte in dem zerstörten Land begleiten.

Eren Güvercin sprach mit dem deutsch-syrischen Schriftsteller Rafik Schami über die Lage in Syrien. Schami ist einer der bekanntesten arabischen Erzähler in Deutschland.

Islamische Zeitung: Rafik Schami, hat der Westen in Syrien versagt?

Rafik Schami: Nein, der Westen nicht, aber seine Werte für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Wenn man „Westen“ sagt, meint man die Regierungen, und die machen die besten Geschäfte nach wie vor mit allen Seiten, und heucheln wie immer. Die Menschen im Westen haben in Europa, wo immer ich sie traf, Haltung gezeigt, aber diese Haltung ob pro oder gegen das Regime ist, sie bleibt ohnmächtig.

Die Regierungen geben der Öffentlichkeit widersprüchliche Erklärungen. Sie scheinen unschlüssig, verwirrt, unentschlossen, aber im Geheimen arbeiten sie eindeutig und konsequent weiterhin zusammen mit dem Regime. Sie haben Russland gerne als Buhmann, aber kann ein seriöser amerikanischer, deutscher oder britischer Politiker ein Eid legen, dass seine Geheimdienste bis heute nicht Hand in Hand mit Assad zusammenarbeiten?

Islamische Zeitung: Warum wird über Ukraine und die Türkei so detailliert berichtet, während Syrien nur noch ein Randthema ist? Haben Sie das Gefühl als Exilsyrer, dass es dem Westen wirklich um Demokratie und Menschenrechte geht?

Rafik Schami: Ich merke gar keinen Unterschied in der Haltung der Regierungen. Die Ukraine wird bald dasselbe erfahren wie Syrien, oder wie Vietnam und Chile damals. Sobald sich die Supermächte im Hintergrund einigen, wird das anfängliche Interesse fallen gelassen. Wir haben leider in ganz Europa keinen einzigen Politiker, der Format hat für eine differenzierte Europa-Politik und sich gegen das Trio Infernale China-Russland-Amerika aufrichtet.

Erst heute kann man die Studentenrevolte in ihrer historischen Dimension schätzen. Bei aller Schwäche und dem späteren Opportunismus ihrer charismatischen Führer, hat sie es verhindert, dass die Vietnamesen isoliert vernichtet wurden, so wie es Johnson und Nixon vorhatten.

Die Türkei ist ein anderes Kapitel. Das hat nicht mit einer plötzlichen Sympathie für die Völker der Türkei, sondern mit der einheitlichen Meinung von Medien und Politiker gegen den Beitritt der Türkei in die EU, und solche brutalen Maßnahmen eines Erdogan kommen ihnen wie gerufen. Am Anfang dachten viele Beobachter, dass Assad sich nicht lange an der Macht halten kann. Aber er scheint fest im Sattel zu sitzen.

Islamische Zeitung: Woher kommt das?

Rafik Schami: Ich gehörte nie zu diesen naiven Beobachtern, weil ich wusste, wie solide sein Herrschaftssystem aufgebaut wurde. Vierzig Jahre lang haben Vater und Sohn daran gebaut und beide wussten, wie sie mit Ost und West, Sozialisten und Islamisten, mit Hamas und Israel, mit Hisbollah und den konservativen Christen im Libanon, mit Saudi-Arabien und Iran, mit der CIA und dem KGB umgehen. Alles gleichzeitig.

Das Geheimnis ist sehr einfach: Der Assad-Clan will an der Macht bleiben; koste es, was es wolle. Das ist auch heute die Strategie von Baschar Assad. Er bindet lokale und internationale Kräfte, um das Ziel zu erreichen und ist bereit, auf alles andere zu verzichten, und deshalb ist seine Front solide von China über den Westen bis Russland.

Islamische Zeitung: Aber in der Opposition sieht die Front nicht so solide aus, oder irre ich mich?

Rafik Schami: Nein, Sie irren sich leider nicht. Die Befreiung Syriens von einer Diktatur wirkt nicht so attraktiv auf all diese Mächte. Ein selbstständiges Volk in dieser geopolitisch wichtigen Region kann die Karten so mischen, dass es unangenehm für viele Mächte wird. Auch ist die Opposition selbst uneinig, außer beim Wunsch diesen Clan aus dem Land zu jagen. Danach splittert sich die Opposition in hundert Richtungen, wenn die Frage der zukünftigen Gesellschaft in Syrien gestellt wird.

Ich persönlich will eine freiheitlich demokratische Republik, in der Religion und Staat getrennt sind, in der das Militär in die Kasernen zurückkehrt und sich nie wieder in die Politik einmischt, in der alle Geheimdienste aufgelöst werden, in der Frau und Mann gleiche Rechte haben, in der alle Religionsgemeinschaften und Ethnien respektiert und geschützt werden, in der Blutfehde die höchste und nicht wie jetzt die mildeste Strafe bekommt, in der die Schulbücher keinen Spur von Rassismus, Chauvinismus und Antisemitismus enthalten, in der die Freiheit des Wortes hohen Wert hat und in der niemand für seine Meinung leiden muss. Diese Ziele trugen die Menschen in den ersten sechs Monaten hoch. Die Welt ließ sie alleine, sie ließ es zu, dass sie zusammengeschossen wurden, und heute haben diese Ziele kaum Mehrheiten unter den rivalisierenden bewaffneten Gruppen.

Islamische Zeitung: Schon Ende der 1970er Jahre gab es Massaker an Oppositionellen durch Assad Senior. Damals war das im Westen kein Thema. Wie konnte Assad so ein Machtsystem etablieren?

Rafik Schami: Der Vater Assad war kein Stratege, sondern ein großer Taktiker, ein Verschwörer, den nur eine unterdrückte Minderheit erzeugen kann. Er weihte immer nur einen kleinen Kreis in seine Ziele ein und band sie geschickt in Aktionen und in den Kämpfen der Fraktionen. Sein strategisches Ziel, die Verwandlung der Republik in ein Assad-Königreich blieb sein Geheimnis. Seine Maßnahmen aber mündeten immer in diese Richtung, und wer unter seinen Weggenossen im Kern der Macht aufmerksam wurde und es ablehnte wurde sanft oder brutal entmachtet. Genauso baute Saddam Hussein seine Macht aus. Aber Saddam Hussein war ein primitiver Killer im Vergleich zu Hafez al Assad.

Islamische Zeitung: Ging das ohne Hilfe vom Ausland, vom Westen?

Rafik Schami: Nein, überhaupt nicht, in Hama fielen zwischen 20.000 bis 30.000 unschuldige Menschen seiner Säuberungen zum Opfer und der Westen schaute zu, genauso wie der Westen die wunderbare Demokratie in Chile kaltblütig im Stich gelassen hat, weil ein Kissinger beschloss, Salvador Allende zu beseitigen.

Die jetzt von Assad inszenierten Wahlen sind natürlich bei einigen Millionen Flüchtlingen und zahlreichen Toten eine Farce.

Islamische Zeitung: Wie wird sich die Lage in Syrien weiterentwickeln?

Rafik Schami: Die Kämpfe werden lange weitergehen und Syrien wird völlig zerstört sein. Assad wird am Ende stürzen. Nicht nur die Infrastrukturen des Landes wird große Schäden erleiden, sondern die Ruinen in unseren Seelen werden lange brauchen, um einander wieder die Hand zu reichen.

Islamische Zeitung: Was ist Ihrer Meinung nach dringend notwendig?

Rafik Schami: Eine sofortige und großzügige Hilfe für die Flüchtlinge. An erster Stelle eine großherzige Hilfe für die Kinder in den Flüchtlingslagern. Die aufnehmenden Länder sind allein gelassen. Die Hilfe der UNO geht, wie die UNO selbst zugibt, was wir Syrer aber immer schon wussten, zu über 80 Prozent in die Taschen des Assad-Clans. Die Kinder müssen nicht massenhaft hierher gebracht werden, sondern dort vor Ort geschützt werden.

Man muss die Hilfe kontrollieren, damit sie an der richtigen Stelle ankommt. Schulen, Gesundheitssystem aufbauen und einen geregelten Alltag entwickeln. Das ist sehr dringend, denn diese Kinder lernen sonst nur, um jeden Preis zu überleben und das ist sehr schlimm, denn sie werden die Quelle für die Killer der Dschihadisten.

Islamische Zeitung: Lieber Rafik Schami, vielen Dank für das Gespräch.

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