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IZ-Begegnung mit der bekannten Moderatorin und Autorin Kristiane Backer über ihren Erfahrungen als Muslimin und den Umgang mit dem Islam

Ein Weg zu Allah

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(iz). Die neuen MuslimInnen Deutschlands werden heute leider allzu schnell mit stereotypen Kategorien belegt. Dies führt nicht nur zu voreiligen Vorurteilen, sondern verdeckt auch die relevanten Gründe, warum sich immer mehr Europäer für den Islam entscheiden.

Zu den wenigen prominenten MuslimInnen deutscher Herkunft zählt auch die Moderatorin, Autorin und Homö­opathin Kristiane Backer, durch ihre Arbeit bei Bravo TV und MTV bekannt. Sie hat, heute in England lebend, vor allem auch positive Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Nichtmuslimen gemacht. In ihrem am 15. Mai erschienenen Buch „Von MTV nach Mekka“ fasst Backer ihre Erfahrungen zusammen, die sie seit 1995 als Muslimin und im Umgang mit der Öffentlichkeit gemacht hat.

Islamische Zeitung: Frau Backer, Sie sind bereits 1995 Muslimin geworden. Warum haben Sie jetzt ein Buch darüber geschrieben?

Kristiane Backer: Aus vielen verschiedenen Gründen. Ich wurde immer wieder einmal angesprochen, meine Biografie zu erzählen, schon direkt nach meiner MTV-Zeit. Aber damals fühlte ich, dass ich noch nicht da angekommen war, wo ich hin wollte, und deshalb noch längst nicht alles erzählen konnte, was ich wirklich erzählen möchte. Denn über Partys bei MTV zu erzählen, wäre niemals meine Intention gewesen. Danach wurde ich 2004 von einer Journalistin wieder darauf angesprochen, und wir haben bereits mit Vorarbeiten dafür begonnen. Dann haben mir aber verschiedene Fernseh-Agenten und Event-Agenten ganz klar von einem Buch abgeraten, wenn ich jemals wieder in Deutschland arbeiten wollte. Damals war gerade der Mord an Van Gogh in den Niederlanden passiert, was auch in Deutschland die Islamophobie geschürt hatte. Ich wurde aber auch weiterhin darauf angesprochen, habe Emails aus der ganzen Welt erhalten von Menschen, die sich für meine Geschichte interessieren.

2006, als ich gerade von der Hadsch zurückgekommen war, habe ich in der Presse darüber erzählt, und das hat eine ganz positive Resonanz gefunden. Daraufhin hat mich ein Buch-Agent angesprochen, ob ich nicht meine Geschichte erzählen möchte. Und diesmal habe ich eingewilligt; ich fühlte mich jetzt, nach meiner Hadsch und meiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Islam, bereit dazu, meine Geschichte zu erzählen.

//2// Foto: (c) Horst Friedrichs

Islamische Zeitung: Als MTV-Moderatorin und Prominente mit vielen Bekannten hatten Sie ein Leben, von dem manch andere wohl träumen. Was hat Sie bewogen, den Islam anzunehmen? Was hat Ihnen gefehlt?

Kristiane Backer: Ich wusste nicht was mir gefehlt hatte, aber im Nachhinein stellte sich heraus: es war Gott in meinem Leben. Meine Seele war wie ausgetrocknet und sehnte sich nach Nahrung. Letztlich bin ich durch die Liebe zum Islam gekommen. Das schöne ist, die Liebe zu Gott hält immer noch. Ich habe die Religion durch meinen damaligen Freund Imran Khan kennen gelernt, der Muslim ist und den Islam damals selbst neu entdeckt hat. Er hat mich in sein Land, nach Pakistan, mitgenommen. Dort habe ich viele Muslime kennengelernt und gesehen, welch große Rolle Gott in deren Leben spielt.

Die Menschen haben über sich selbst hinaus geschaut, auf ein höheres Ziel, und alles mit Gott im Herzen getan.­ Imran Khan hat in Pakistan eine Krebs-Klinik gebaut, wo arme Leute umsonst behandelt werden, zusammen mit einer riesigen Anzahl von Freiwilligen – Tausende aus der ganzen Welt, die zehn ­Jahre lang daran gearbeitet haben, als Gottesdienst dieses Krankenhaus zu errichten. Das hat mich berührt, ich fand es überwältigend.

Ich habe dann begonnen, mich mit dem Islam näher zu beschäftigen, wobei ich zunächst die gleichen Vorurteile hatte wie viele andere Menschen auch. Ich habe dann gelesen, was hinter dieser noblen Charity-Arbeit steckt. Auch die islamische Musik und Kunst haben mich beeindruckt, zum Beispiel die Mogul-Architektur in Pakistan oder die Sufi-Musik und ihre Texte haben etwas tief in mir bewegt. In den Büchern und später beim Qur'an hat mich sozusagen die Kraft der Macht ergriffen. Wenn man den Qur'an liest, ist es so, als wenn Gott direkt zu einem spricht. Die Botschaft ist klar und logisch nachzuvollziehen, beinhaltet als letzte Religion die Wahrheiten aller früheren Religionen und fordert uns auf, sie alle zu ehren und zu respektieren.

Durch den Islam habe ich überhaupt erst verstanden, was meine Rolle hier auf der Erde ist und wie es später weitergeht. Ich habe einen Sinn im Leben ­bekommen.

Letztendlich geht es darum, ein menschenwürdiges Leben zu führen und Gott zu ehren in dem, was wir tun. Mir wurde bewusst, dass der Islam ein Weg zu Gott ist, den man gehen muss, und den man nicht als rein akademische Übung betreiben kann. Nur darüber zu lesen, hat mir irgendwann nicht mehr gereicht. Ich wollte diese Heiligkeit, von der ich las, auch in meinem Leben spüren und die spirituellen Früchte ernten. Und da gab es dann nur eins: Mich auf den Gebets­teppich zu begeben und anfangen zu beten, zu fasten und was sonst noch dazu gehört in meinem Leben umzusetzen. Und so habe ich dann die logische Konsequenz ergriffen und bin Muslimin geworden.

Islamische Zeitung: Sie haben anfangs noch wie gehabt in ihrem Beruf weitergemacht, zum Beispiel bei Bravo TV. Man hatte aber damals schon das Gefühl, dass Sie da irgendwie nicht mehr reinpassten…

Kristiane Backer: Ich bin 1995 Muslimin geworden und habe fast gleichzeitig mit Bravo TV aufgehört. Ich hatte mich aber natürlich schon vorher dem Islam angenähert, in einem Prozess, der über Jahre ging. Ich hatte einen Sinn in meinem Leben gefunden und begonnen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich habe angefangen, an meinem Charakter zu arbeiten; es ging darum, ein bewusster und guter Mensch zu werden, fürsorglich zu sein, das Ego abzubauen, und ein verantwortungsbewusster, zuverlässiger, gütiger, edelmütiger Mensch zu werden. Auch das Bewusstsein, dass es ein Nächstes Leben gibt und wir letztendlich unser Leben nicht selbst in der Hand haben, sondern dass es Gott gibt; und das Vertrauen in Gott. Diese Dinge waren es, an die ich mich angenähert hatte. Zwar habe ich meine neuen Erkenntnisse damals weitgehend für mich behalten, aber ich habe trotzdem versucht, gewisse Werte, die ich übrigens schon immer gut fand, bei Bravo TV einzubringen. Wir haben zum Beispiel Umweltschutzthemen gemacht, die sehr gut ankamen. Der Islam steht ja für den Respekt vor der gesamten Schöpfung. Auch habe ich damals angefangen, meine Familie mehr zu ehren. Früher standen immer meine Freunde an erster Stelle, noch vor der Familie. Wo es also um gute Werte ging, habe ich bei Bravo TV ab und zu versucht, etwas mit einfließen zu lassen, aber ansonsten war das ein privater Prozess. Als ich dann konvertierte, war Bravo TV auch plötzlich zu Ende.

Islamische Zeitung: Sehen Sie Unterschiede der muslimischen Community in Deutschland im Vergleich zu England?

Kristiane Backer: Es gibt in England in stärkerem Maße eine intellektuelle und kulturelle muslimische Szene. Hier finden wirklich hochinteressante Veranstaltungen statt von Gelehrten und Künstlern aus aller Welt – teilweise sogar von der Regierung gefördert. Die Regierung hat eine Initiative namens „Radical Middle Way“ gegründet, wo sie internationale Gelehrte einlädt, eine Veranstaltungstour in England zu machen, Schaikh Hamza Yusuf aus den USA war dabei, Schaikh Habib Ali Al Jifri aus Jemen, Halima Krausen aus Deutschland und andere, um die Jugend positiv zu inspirieren. Prince Charles hat schon vor Jahren eine Schule für traditionelle Kunst gegründet, wo unter anderem auch islamische Kunst gelehrt wird. Es ist natürlich immer noch ausbaufähig. In den USA kann man denke ich von einer noch weiter fortgeschrittenen Community sprechen, dort sind die Muslime noch gebildeter und noch mehr im Mainstream der Gesellschaft. Es ist absolut wichtig, dass Muslime sich bilden und aktive Mitglieder in allen Bereichen der Gesellschaft werden. Und das ist hier in England der Fall – es gibt Muslime im Parlament, bei der BBC und anderen Medien, im Finanzsektor und so weiter.

Islamische Zeitung: Als Muslimin sind Sie, wie aus dem Buch hervorgeht, sehr viel gereist und haben viele Menschen getroffen. Welche Erlebnisse oder Erfahrungen würden Sie davon besonders hervorheben?

Kristiane Backer: Das war natürlich Mekka, die Hadsch, die absolut überwältigend war, und auch die Umra, meine erste Reise nach Mekka. Ich hatte überall besondere und schöne Erlebnisse. Marokko hat mich auch sehr begeistert, zum einen die wunderschöne Architektur, überhaupt die Kultur der Menschen, auch die Kunst und Musik, die traditionelle Kleidung. Es gefällt mir, dass es auch in den Städten noch viel traditionelles Leben gibt; ähnlich wie auch in Ägypten. Die Menschen tragen den Glauben im Herzen, sie haben diese leuchtenden Augen. Ich habe viele Zawijas gesehen, wo Menschen sich zum Gemeinschaftsgebet zusammenfinden und auch zum Gesang, zum Gesang für Gott und den Propheten, und zum gemeinsamen Dhikr. Das ist so schön und bewegend, das hat mich sehr begeistert. Ähnliches habe ich auch in Damaskus erlebt. Für mich hat diese traditionelle orientalische Welt einen Segen, eine Baraka, die spürbar ist. Ich tauche sehr gern in diese Welt ein und tanke regelrecht auf. Egal wo man ist, auch in der Türkei, in Istanbul, wo die Menschen zwar keine traditionelle Kleidung mehr tragen, wo aber auch der Sufismus sehr stark lebt, obwohl er offiziell verboten ist. Auch dort habe ich bewegende Erfahrungen gemacht, die ich im Herzen trage und nie vergessen werde. In den prächtigen Moscheen in all diesen Ländern zu beten, ist etwas besonderes, oder einfach den Adhan, den Gebetsruf zu hören. Die Menschen dort nähren regelmäßig ihre Seele, denn Gott ist ganz selbstverständlich in den Alltag eingebettet. So setzen Muslime ihre Prioritäten. Wenn der Adhan erklingt, ist es Zeit für die Verbindung mit Gott, das Gebet. Es wird kurz aufgetankt, und dann kann es weitergehen mit dem Alltag.

Man kann überall Wissen finden. Ich gehe mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt, und ich habe aus vielen Begegnungen mit Muslimen gelernt – nicht nur von großen Gelehrten, sondern auch von ganz einfachen Menschen, die ich getroffen habe. Ich denke, ich werde immer eine Studentin und eine Suchende bleiben.

//3// Kristian Backer für ebru TV im Gespräch mit Murad Hofmann

Islamische Zeitung: In Deutschland ist es um Sie, seit Sie Muslimin geworden sind, ruhiger geworden. Was machen Sie heute?

Kristiane Backer: Ich hatte mich in der Tat für eine Weile zurückgezogen, habe einen großen Lernprozess hinter mir. Ich bin in dieser Zeit viel gereist, habe viel gelesen und habe auch eine Ausbildung zur Homöopathin gemacht. Es war mir wichtig, zu studieren, und zwar etwas, das mich schon immer interessiert hat, Gesundheit und Medizin, und eben Naturheilkunde. Hauptberuflich bin ich jedoch Medienprofi, also Fernseh-Moderatorin. Ich moderiere einmal im Monat eine Reisesendung für Travel Channel, der jetzt neu in Deutschland startet. Und bei Ebru TV, einem deutsch-türkischen Sender, moderiere ich eine tolle neue Sendung, „Matters Of Faith“. Sie beschäftigt sich mit Spiritualität und den verschiedenen Glaubenswegen. Für diese Sendung interviewe ich Experten und Suchende, Autoren und Künstler. In den ersten Sendungen zum Beispiel hatten wir Dr. Murad Hofmann, den ehemaligen deutschen Botschafter, zu Gast, die Sängerin Hülya Kandemir und zwei vergleichende Religionswissenschaftler. Das Ganze ist auf Englisch für den amerikanischen Markt, und da ich fließend zweisprachig, bin ist das wunderbar. Ich moderiere auch europaweit Galas, Wirtschaftskonferenzen und Unternehmenskongresse. Auf einen Medizinkongress in Mailand im Juni freue ich mich besonders, nicht zuletzt weil meine Schwester mit ihrer Familie in Mailand lebt und ich dann endlich ihr Baby bewundern kann.

Islamische Zeitung: Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Kristiane Backer: Ich konzentriere mich in nächster Zeit natürlich vor allem auf das Buch, das ich auch auf Englisch herausbringen möchte. Generell würde ich gerne zum Verständnis meiner Religion beitragen; ich möchte die Menschen einladen, einfach mal in den Qur'an zu schauen. Wer sich mit dem Islam befasst, der wird viel Erstaunliches und Interessantes finden, auch viel Überraschendes – so ging es mir zumindest – mit dem er gar nicht rechnet. Ich wünsche mir, aktiv dabei helfen zu können, Vorurteile abzubauen, Brücken zu bauen und den interreligiösen und interkulturellen Dialog zu fördern.

Und ich möchte Menschen inspirieren, einmal nach Innen zu schauen, denn jeder von uns hat eine Seele, der häufig im Alltag nicht so viel Beachtung geschenkt wird. Die Leere die vielleicht auch andere manchmal spüren, kann nur mit spiritueller Praxis, mit Religion gefüllt werden. So ging es mir zumindest. Entertainment mit Inner- tainment verbinden! Das ist inzwischen mein Motto. Wir alle haben das Paradies im Herzen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Backer, vielen Dank für das Interview.

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