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“IZ-Begegnung” mit der ehemaligen Sozialarbeiterin Tahira Gabriele Güldiken über ihre langjährigen Erfahrungen

"Zurück aufs Dorf"

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(iz). Von dem Dichter Rilke stammt der Satz, dass er sein Leben „in kreisenden Ringen” lebe und er nicht wisse, ob ihm der nächste noch gelingen werde. Selten, viel zu selten werden einzelne Muslime in Deutschland positiv auf ihrem Lebensweg geschildert. Zu oft steht die Tagesdebatte oder grell überzeichnete Fragen im Vordergrund und verdecken dabei, dass das Muslimsein vor allem ein Lebensweg, hin zum Herrn der Welten, ist.

Am Randes unseres letzten Sommerfestes in Köln erhielten wir die Gelegenheit zu einem Gespräch mit der lang­jährigen deutschen Muslimin Tahira Gabriele Güldiken. Frau Güldiken, aus dem ländlichen Niederbayern stammend, kann viel über die letzten Jahrzehnte Bundesdeutschlands erzählen. Sie engagierte sich bereits früh politisch, war an der feministischen Szene Berlins in den 1970er Jahren beteiligt und ­arbeitete bis zur ihrer Pensionierung vor wenigen Wochen als Sozialarbeiterin in Berlin und zuletzt im rheinischen Troisdorf.

Islamische Zeitung: Liebe ­Tahira Gabriele Güldiken, wie kommt man vom tiefsten Nie­der­­bayern zum Islam?

Tahira Gabriele Güldiken: Da in meinem Geburtsort das Mutterhaus der Franziskanerinnen steht, könnte man sagen, dass es dort viel Spiritualität gab. Aber, es lässt sich natürlich auch das Gegenteil behaupten. Die katholische Kirche hatte eine gewisse Faszination auf mich. Ich war immer bemüht, keine typische Kirchgängerin zu sein, sondern mich interessierte die Frage: Wenn ich geboren werde, werde ich sterben – wozu bin ich dann da?

Möglicherweise liegt die Ursache dafür auch in meiner Familiengeschichte.

Damals bezeichnete man die Ehe meiner Eltern als „Mischehe”. Sie war katholisch-evangelisch, was damals noch schwierig war. Die Konsequenz meiner Eltern war, dass sich keiner um Religion wirklich gekümmert hat. Meine Großmutter mütterlicherseits war aber sehr gläubig. Ich glaube, sie hat in mir den Samen für eine Suche gesetzt.

Islamische Zeitung: Durch welchen Umstand sind Sie dann in den Kontakt mit dem Islam getreten?

Tahira Gabriele Güldiken: Ich bin viel gereist und habe auf dabei viele verschiedene Menschen kennengelernt. Beruflich bin ich Sozialarbeiterin. Meinen ersten Job hatte ich in einem Berliner Asylantenheim. Zu der Zeit kamen viele Menschen vom Indischen Subkontinent nach Deutschland. Neben der Verfolgung der so genannten „Ahmadijas“ [Qadianis] und den ersten Bürgerkriegsflüchtlingen aus Sri Lanka handelte es sich dabei vorrangig um Wirtschaftsflüchtlinge aus Indien, Pakistan und Bangladesch.

An diesem Punkt wurde ich zum ersten Mal hautnah mit Muslimen konfrontiert. Ich konnte sehr schnell feststellen, dass diejenigen, die an ihrem Glauben festhielten, ihre Situation relativ gut ertragen haben. Und sie war schwer erträglich, denn man wohnte auf engstem Raum mit verschiedenen Menschen zusammen.

Islamische Zeitung: Von welcher Zeit sprechen wir hier?

Tahira Gabriele Güldiken: Das war im Jahre 1979.

Islamische Zeitung: Das heißt, Sie zählen zu den Musliminnen der ersten Stunde?

Tahira Gabriele Güldiken: Na ja, ich habe noch ein bisschen gebraucht, bis ich dann wirkliche Muslima wurde. Ich war ja auch Feministin und habe das feministische Frauen- und Gesundheitszentrum in Berlin mitbegründet. Dort habe ich mich mit gesunder Ernährung befasst und bin auf diesem Wege auf einen Aufsatz von Dr. Reckeweg, „Schweinefleisch und Gesundheit”, gestoßen. Da ich keine Milchprodukte aß, habe ich überwiegend Wurstprodukte zu mir genommen, die ja damals überwiegend aus Schweinefleisch beziehungsweise -fett bestanden. Ich entschied mich dann, kein Schweinefleisch – egal in welcher Form – mehr zu essen. Alkohol war auch nicht meine Sache, sodass ich – bevor ich Muslimin wurde – gar nichts mehr damit zu tun hatte.

Mich hatte die Spiritualität, die Frömmigkeit und die relative Gelassenheit der Kriegsflüchtlinge im Ertragen ihres Schicksals sehr beeindruckt. Die gläubigen Muslime, in der Regel nur Familienväter, waren sehr ruhig und zurückhaltend, wenn ich sie ansprach. Beruflich musste ich den Kontakt mit ihnen aufrechterhalten, sie bei Behördengängen unterstützen etc.

Ich konnte feststellen, dass sie dankbar waren, in einem Land zu sein, in dem eine relative Sicherheit herrschte. Alles andere, die anderen Schwierigkeiten, waren nicht so dramatisch für sie, was mich schwer beeindruckte. Ich bin beinahe aggressiv geworden und habe sie gefragt: „Ihr müsstet doch in die Luft gehen angesichts der Zustände, unter denen ihr hier lebt oder wie ihr hier diskriminiert werdet!”

Das habe ich zu Anfang nicht verstanden. Ich habe mir dann überlegt, dass es ihr Wissen ist, dass die Fügung bei Gott ist, dass Er sie hierher gebracht hatte und dass die relativen Schwierigkeiten vorübergehen. All das beeindruckte mich sehr.

Islamische Zeitung: Sie erwähnten zuvor die feministische Szene. Fiel man dort nicht in Ohnmacht, als eine Mitstreiterin zum Islam übertrat? Wie war die dortige Reaktion?

Tahira Gabriele Güldiken: Heftig. Es bestand danach überhaupt kein Kontakt mehr. Für die meisten war es sehr befremdlich. Ich habe mich auch ein bisschen gewundert, wie ich dahin geriet.

Natürlich habe ich mich mit den Punkten, die im Islam gegen die Frauen sprechen – wie man ja als gebildeter Nichtmuslim weiß -, beschäftigt. Ich glaube, hier hat mir sehr die Überzeugung aus meiner Kindheit geholfen, wonach ich einige der Attribute, die Gott hat, niemals in Frage gestellt habe: Er ist gerecht. Wenn er gerecht ist, und davon ging ich aus, dann kann das nicht gegen die Frau sein. Das war eine ganz entscheidende Sache, die es mir – alhamdulillah – erleichterte, zum Islam zu finden.

Islamische Zeitung: Das heißt, eine Niederbayerin, die Muslimin wird, ihre feministischen Wurzeln dabei nicht negiert, sondern weiterentwickelt… Was war Ihre berufliche Erfahrung im Umgang mit Muslimen? War das ähnlich faszinierend oder tat sich hier eher ein Abgrund auf?

Tahira Gabriele Güldiken: Ich ging dann aus Berlin weg und habe geheiratet – natürlich einen Muslim. Obwohl ich noch keine Muslima war, stand es für mich vollkommen außer Frage, dass ich nur einen Muslim heiraten werde. Wir haben dann einen Sohn bekommen und sind nach Bonn gegangen, weil mein damaliger Mann dort studierte. Dort war es schwierig mit der Jobsuche; ich erhielt aber dann bei der Stadt Troisdorf die Chance, an einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme teilzunehmen.

Zuerst kam die Betreuung von Asylsuchenden, Aussiedlern und Obdachlosen. In den letzten 18 Jahren war ich dann beim dortigen Jugendamt beschäftigt. Mittlerweile bin ich seit einem Monat Rentnerin.

Islamische Zeitung: Man hört da ein wenig Erleichterung durch… Wie ist das so beim Jugendamt, insbesondere in Hinblick auf muslimische Jugendliche, von denen es oft heißt, sie seien besonders gewaltbereit? Ist das Verleumdung oder ist doch etwas dran?

Tahira Gabriele Güldiken: Da ist schon was dran. Ich hatte den Einblick in die Elternhäuser. Man kann schon feststellen, dass bestimmte Verhaltensweisen heftig bei Jugendlichen zu Tage getreten sind, deren Eltern sich nicht um die Religion gekümmert haben. Das sind leider die meisten.

Es ist fast schon eine Anekdote: Einmal kam ein türkischer Vater zu mir und meinte, ich solle seiner Tochter sagen, dass sie auf keinen Fall mit einer nichtmuslimischen Klassenkameradin Eis essen dürfe. Als ich fragte, woher er dass denn wisse und was seine Begründung dafür sei, blieb ihm der Mund offen stehen und er zweifelte an, ob ich überhaupt Muslima sei. Ich müsste das doch wissen… Sein Sohn hingegen – was ich ihm sagte, und was er wahrscheinlich auch wusste – hatte alles mögliche an kriminellen Dingen gemacht. Das war aber nie ein Thema für ihn.

Islamische Zeitung: Wie reagiert ein muslimischer Jugendlicher, der vielleicht sogar kriminell sein mag, wenn neben ihm eine Sachbearbeiterin sitzt, die aus Niederbayern kommt und Muslima ist?

Tahira Gabriele Güldiken: Unterschiedlich. Ich kann mich an einen Jugendlichen erinnern, der erst sehr befremdet war, dass er einer Deutschen mit Kopftuch gegenüber saß, aber dann froh war, als ich ihm erklärte, dass das, was er als türkischen Islam kannte, eine Tradition war, der Islam aber eine gute Religion ist. Das wusste er bis dahin auch nicht und es war eine sehr positive Erfahrung für ihn.

Ich fahre oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Bus war das sehr schwierig, denn dort fallen diese Muslime – in Troisdorf sind das mehrheitlich die türkischen und die marokkanischen – besonders unangenehm auf, indem sie laut herumbrüllen oder die Füße auf die Bänke legen. Manchmal hatte ich keine Lust, habe mich aber dann noch überwunden, bin zu ihnen herüber gegangen und habe sie gefragt: „Seid ihr Muslime?” „Ja, hamdulillah”, war die Antwort. „Dann benehmt euch auch so!” Warum ich mich denn überhaupt einmische, wollten die Jugendlichen wissen. „Leider muss ich mich einmischen.” Denn unsere Religion sagt, dass wir das Böse verwehren und das Gute gebieten sollen. Da aber wurden sie doch ein bisschen nachdenklich.

Islamische Zeitung: Wenn wir Ihr Leben Revue passieren lassen, von Ihren Wurzeln in Niederbayern bis zu Ihrem Plan, nun in die Türkei zu ziehen – erfahren Sie das als Leben in Brüchen oder doch als in sich geschlossenes Modell?

Tahira Gabriele Güldiken: Hätten Sie mich vor zwanzig Jahren gefragt, dann hätte ich geantwortet: Es sind Brüche. Aber wenn ich das jetzt betrachte, dann sehe ich, dass Allahs Führung ständig anwesend war. Denn ich habe immer nach dem Kern der Sache gesucht und mich gefragt, worum es geht.

Als Studentin war ich in vielen politischen Gruppierungen, die sich als Sackgasse erwiesen. Ich war im Strafvollzug tätig, der sich als sehr harte Lehre für mich erwies, und habe dort einiges an der Verfassung Deutschlands in Frage stellen müssen.

Insgesamt betrachtet kann man auch hier als Muslim relativ sicher leben, aber ich muss auch sagen, dass ich mich darauf freue, mit dem Adhan geweckt zu werden, wenn ich demnächst in der Türkei bin, und dass ich zumindest nicht böse angeschaut werde, wenn ich draußen mit Kopftuch auftrete. Diese Dinge gönne ich mir jetzt…

Islamische Zeitung: Das hört sich nicht so an, als ob sie in die Fremde gingen, sondern eher im gewissen Sinne nach Hause zurückkehren, aus den Ursprüngen des Dörflichen zurück ins Dörfliche…

Tahira Gabriele Güldiken: Ja, ich gehe zurück ins Dorf.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch.

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