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“IZ-Begegnung” mit der Herausgeberin des emel-Magazines, Sarah Joseph, über ihr Lifestyle-Projekt

"Eine eigene Stimme haben"

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(iz). Vor ein paar Jahren – 2003 – wurde das erste und einzige muslimische Lifestyle-Magazin in Großbritannien gegründet. Die Islamische Zeitung sprach mit Sarah Joseph, der Herausgeberin des emel Magazins, über die Anfänge, Ideen und Visionen, die Rolle der Muslime in den Medien und muslimische Medien in Europa. Sarah Joseph wurde im Alter von 16 Jahren zum Muslimin. Sie studierte Theologie und religiöse Studien und arbeitete während ihrer Studienzeit für ein Studentenmagazin. Später arbeitete sie als Medienberaterin und Diversity-Trainerin, um die Sensibilität für muslimische Bedürfnisse in Großbritannien zu erweitern.

Islamische Zeitung: Wie ist die Idee eines muslimischen Lifestyle-Magazins entstanden?

Sarah Joseph: Die eigentliche Idee für emel entstand im Jahr 2000 auf einer Urlaubsreise nach Dubai mit meinem Mann. Dort entstand die Vision, ein qualitativ hochwertiges Magazin zu gründen. Damals war das aber nur eine Idee, die wir schnell wieder verwarfen. Dann kam der 11. September, und mein Mann und ich verbrachten fast ein Jahr auf verschiedenen Veranstaltungen und versuchten deutlich zu machen, dass Muslime gegen Gewalt, Terrorismus und Extremismus sind, und dass das Geschehene gegen die Prinzipien des Islams und der Muslime ist. Wir sprachen in großen Sendern wie CNN, BBC und Sky News, aber auch in Schulen, Synagogen und anderen Einrichtungen.

Nachdem wir das ein Jahr gemacht hatten, folgte eine Phase der absoluten Erschöpfung – physische, aber auch emotionale, mentale und spitituelle Erschöpfung. Es ist sehr negativ, immer zu sagen: „Wir sind nicht dies oder jenes“. Das war ein sehr negativer Diskurs, weil man niemals gesagt hat, wer man ist und wofür man steht. Man kann sich nicht nur negativ definieren. Also dachten und redeten wir. Die früher aufgekommene Idee, ein Lifestyle-Magazin zu gründen, kehrte zurück. Nun war es an der Zeit. Wir begannen, eine Dummy-Version des Magazins anzufertigen, mein Mann und ich. Unseren Freunden gefiel sie, und uns gelang es, 20.000 Pfund zu sammeln, indem wir uns hier und dort Geld borgten. Das waren die Anfänge von emel. Das war es. Ich denke nicht, dass uns damals bewusst war, wie sehr dieser Schritt unser Leben verändern würde.

Islamische Zeitung: Wie war die Reaktion der Rezipienten, als das Magazin zum ersten Mal erschien?

Sarah Joseph: Bevor das emel Magazin das erste Mal erschien, konnten sich die meisten gar nicht vorstellen, wie es aussehen würde. Dann brachten wir die erste Ausgabe heraus, und die Resonanz war sehr positiv. Es gab eine zweite und dritte und vierte, alle zwei Monate, und ab der zwölften erschienen wir jeden Monat. Es gab das Argument, dass es nicht genügend Stoff in der muslimischen Community geben würde, aber das ist mitnichten so. Wir sind inzwischen bei der 62. Ausgabe und es läuft sehr gut.

Natürlich liebt nicht jeder die emel. Manche sind der Meinung, emel sei zu liberal, andere wiederum werfen uns vor, zu streng zu sein. Ich glaube das ist eine gute Mitte. Natürlich könnten wir so und so sein, aber man es niemals jedem recht machen.

Wir schließen viele Lücken – zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Zwischen Muslimen, die im Westen leben, und Muslimen, die in mehrheitlich muslimischen Ländern leben. Zwischen dem Glauben als einem Abstrakt, einem Konzept, und dem alltäglichen, realen Glauben. Und wir können auch diejenigen einschließen, die sich von ihrem Glauben entfernt haben. emel kann ihnen ein Gefühl von Identität geben, ohne sie zu bedrängen oder zu ängstigen.

Islamische Zeitung: Wie entwickelte sich emel nach der Gründung ­weiter?

Sarah Joseph: In der ersten Zeit – in den ersten vier oder fünf Monaten – war unser Arbeitsplatz der Tisch im Esszimmer. Ich unterrichtete meine Kinder zu Hause, also hatten wir eine Tafel an der Wand, auf der wir unsere Pläne festhielten. Nach einer Weile stellte ein Bruder uns sein kleines Büro zur Verfügung, wo wir acht Monate arbeiteten, bevor wir das Büro wieder wechselten. Vor ein paar Wochen sind wir in dieses große und schöne Büro gezogen. Wir wachsen langsam und stetig.

Inzwischen sind wir ein Team von elf Personen: mein Mann und ich, (Web-) Editoren, Designer, eine Sekretärin und Leute für die Anzeigenaquise, PR und Marketing. Das Team besteht aus Muslimen und Nichtmuslimen aus der ganzen Welt, denn nicht der Hintergrund ist wichtig, sondern dass sie verstehen, was wir zu tun versuchen. Sie sollten die Vision verstehen und nach Kräften helfen, sie umzusetzen.

Islamische Zeitung: Wie ist es Ihnen ­möglich, ein solches Magazin zu ­finanzieren?

Sarah Joseph: Mein Mann, ein selbstständiger Anwalt, und ich finanzierten das Magazin anfangs für eine längere Zeit selbst. Inzwischen wird es durch Anzeigenkunden, Verkauf und unsere Abonnenten getragen. Das sind die drei Quellen. Früher haben wir ausgeholfen, wenn das Geld nicht reichte, aber das ist heute zum Glück nicht mehr nötig. Manche Monate sind natürlich besser als andere, aber die Mischung funktioniert ganz gut.

Islamische Zeitung: Wofür steht emel?

Sarah Joseph: Es steht für etwas Proaktives, was beschreibt was wir sind, nicht, wogegen wir sind. Etwas, was Muslime menschlich und normal macht und über den Alltag der Muslime spricht. Nicht jedes Gespräch unter Muslimen dreht sich um Kopftücher, Terrorismus, um die Hadsch oder Bärte. Wenn man die Zeitung liest, könnte man denken, das ist das einzige worüber wir reden, aber das ist doch kein Alltag! Muslime fragen auch: „Was hast du gestern zu Abend gegessen? Du hast ein leckeres Rezept gefunden, kannst du es mir geben?“ oder „Wo hast du den weißen Rock gekauft? Ich brauche einen neuen weißen Rock für eine Hochzeitsfeier.“ Muslime führen all die Gespräche, die jeder Mensch führt. Und ein Magazin ist wie ein Freund. Du kannst es in deinen Vertrauenskreis einschließen. Ein Magazin ist da, um Ratschläge zu geben, wenn du sie brauchst. Und wenn Ramadan kommt, will man natürlich auch darüber sprechen. Dafür gibt es dann Tipps zur Gesundheit, wie man Allah im Ramadan näher kommen kann oder auch leckere Rezepte.

Islamische Zeitung: Was hat sich seit Gründung des emel ­Magazins verändert?

Sarah Joseph: Ich denke es hat sich sehr viel verändert. Wir haben die Idee und das Konzept eines muslimischen Lifestyles geprägt, die vor emel gar nicht existierte. Heute sieht man diesen Lifestyle auf Events, in neuen Formen und an unterschiedlichen Orten. Unter den Muslimen ist tatsächlich ein Paradigmenwechsel erkennbar. Vorher wollten sie nur auf religiöse Weise über den Islam sprechen. Mit der Etablierung von emel sahen sie dann die Möglichkeit, über den Islam und das Muslimsein auf unterschiedliche Art und Weise zu sprechen. Paradigmenwechsel bedeutete aber auch hochwertige Qualität und regelmäßiges Erscheinen.

Als wir das Magazin starteten, sagte ich natürlich nicht, ich möchte einen Paradigmenwechsel herbeiführen, aber ich wusste, dass wir Herz und Verstand bewegen wollten. Wir wollten das Selbstbewusstsein der Muslime fördern. Man kann nichts schaffen, nichts geben oder beisteuern, wenn man kein Selbstbewusstsein hat. Wir wollten also eine Situation schaffen, in der man sich als Muslim, aber auch als Mensch wohlfühlt – ich habe keine Angst zu sagen, wer ich bin, ich habe keine Angst zu sein, wer ich bin, ich habe keine Angst davor, anders zu sein. Das wäre ein großes Geschenk, weil sie sich dann fähig fühlen würden, auf ihre eigene Weise etwas beizusteuern. Wenn man Menschen dazu bringt, sich unwohl zu fühlen und ihren eigenen inneren Krieg zu führen, wie können sie dann etwas beisteuern? Das zu ändern war also eine unserer Absichten, und wir hatten damit Erfolg.

Vor emel hatte der Blick auf Muslime ernsthaft und religiös zu sein – religiös im engeren Sinne, nicht im säkularen Sinne. Religion hatte sich um Gebete und Fasten und Bärte und Kopftücher zu drehen. Aber man kann auch an Allah erinnert werden, während man den Garten umgräbt, oder während man der Familie etwas leckeres kocht, oder während einer Reise zu einem schönen Ort. Es kann all das sein, und dieses Verständnis ist weniger säkular als das übliche. Wir leben in einem Land, wo Religion oft nur an Sonntagen in der Kirche praktiziert wird. Das ist nicht Islam. Religion und Gott ist jede Sekunde deines Lebens. Es ist Dhikr – immerwährende Erinnerung an Allah in allem, was man tut. Es ist weit davon entfernt, weniger religiös zu sein, sondern integriert den Glauben in das gesamte Leben und Dasein. Ich denke nicht, dass wir weniger religiös sind. Wir sind religiöser, weil wir alles zu einem Gottgedenken machen, auch wenn wir das manchmal nicht spüren.

Islamische Zeitung: Was ist die Zielgruppe von emel?

Sarah Joseph: emel wird von den veschiedensten Leuten gelesen. Die Hauptzielgruppe ist zwischen 25 und 40, Englisch ist die Hauptsprache. 45 Prozent der Leser bezeichnen sich als gut gebildet. Etwa 60 Prozent sind Frauen, 40 Prozent Männer. Inzwischen haben wir etwa 20.000 Abonnenten in über 60 Ländern. Manchmal ist das nur einer, wie auf den Fiji-Inseln, ein paar mehr haben wir in Deutschland. In Australien und Amerika haben wir recht viele Abonnenten, und natürlich in England. Wir werden auch im Mittleren Osten verkauft, wo viele zufällig über das Magazin stolpern, ohne dass wir dort wirklich systematisch verkaufen würden. Wir arbeiten aber daran, weiter zu wachsen.

Das Magazin wird hauptsächlich von Muslimen gelesen, es gibt aber auch etwa 10 Prozent nichtmuslimische Leser, die emel aus unterschiedlichen Interessen lesen und aus unterschiedlichen Gründen Interesse an der muslimischen ­Community haben. Vielleicht ist ihr Kind zum Islam konvertiert, vielleicht sind sie einfach am Islam interessiert, vielleicht arbeiten sie für die Regierung oder als Lehrer. Manche entdecken das Magazin zufällig und finden es einfach interessant.

Islamische Zeitung: Wie entscheiden Sie über die Inhalte es Magazins?

Sarah Joseph: emel ist ein dynamisches und lebhaftes Lifestyle-Magazin, was sich hauptsächlich auf die muslimische Community bezieht. Wir decken alles ab, von Essen zu Mode, von Einrichtung zu Finanzen, von aktuellen Veranstaltungen zu Reisen. Um interessante Geschichten zu finden, muss man sehr kreativ sein und sehr gute Verbindungen zur Community haben. Wir waren schon vor der Gründung von emel sehr stark in der muslimischen Community eingebunden, was uns sehr geholfen hat. Menschen haben uns vertraut. Jeder kann seine Ideen bei uns einbringen, wir sind offen dafür. Jeder in unserem Team denkt stetig über Ideen nach, jeder bringt sie ein. Es gab niemals eine Lücke oder ein Problem damit, nur eine Lösung.

Islamische Zeitung: Welche Rolle können muslimische Medienprojekte für Europa spielen?

Sarah Joseph: Sie können dabei helfen, eine eigene Stimme zu haben. Wir befinden uns in einer Situation, wo das wirklich essenziell ist. Das heißt nicht, dass wir uns nicht in Mainstream-Medien engagieren sollten. Aber ich denke es ist wirklich wichtig für Muslime auf der ganzen Welt, Raum zu haben, wo sie ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen, ihre eigene Identität und Selbstbewusstsein formulieren können. Es ist für uns von enormer Bedeutung im 21. Jahrhundert, unsere eigene Identität zu artikulieren – wer wir sind, was uns ausmacht und wo wir hinwollen. Und wir sollten die Möglichkeit haben, diese Gespräche in einer sicheren Umgebung zu führen, wo wir uns gut fühlen. Also brauchen wir muslimische Medien, jetzt – nicht, um Ghettos zu schaffen, sondern um Räume zu schaffen, wo Menschen sie selbst sein können.

Großbritannien ist in dieser Angelegenheit am fortgeschrittensten in Europa. Wir haben eine Reihe von Zeitungen, wir haben einen bekannten TV-Sender und ein paar andere, wir haben lokale Radiostationen, teilweise webbasiert, und lokale Zeitungen und Publikationen. Wir sind sicherlich besser bedient als die meisten europäischen Länder, auch wenn ich der Meinung bin, dass auch wir noch einen langen Weg zu gehen haben. Unser lang- oder mittelfristiges Ziel ist es, die emel Magazine auf Frankreich, Amerika und hoffentlich auch Deutschland anzupassen.

Islamische Zeitung: Frau Joseph, vielen Dank für das Gespräch.

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