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“IZ-Begegnung” mit der Islamwissenschaftlerin Silvia Horsch

Den Ramadan nutzen, "um spirituell aufzutanken"

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Silvia Horsch ist promovierte Arabistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arabistik der Freien Universität Berlin. Sie betreibt seit 2003 die Webseite Al-sakina.de und seit 2008 mit zwei anderen deutschen Musliminnen und Akademikerinnen die Webseite Nafisa.de.

Silvia Horsch hat zahlreiche Artikel zu den Islam betreffenden Themen veröffentlicht und Vorträge gehalten. Die IZ sprach mit ihr über ihr Leben als muslimische Deutsche und Akademikerin.

Islamische Zeitung: Frau Horsch, was hat sie am Islam fasziniert und bewogen, Muslimin zu werden?

Silvia Horsch: Ich war Christin, bin christlich erzogen worden und war auch christlich engagiert, vom Kindergottesdienst an und später in der Jugendgruppe einer freikirchlichen Gemeinde. Ich habe schon immer an Gott geglaubt. Auf den Islam bin ich gestoßen, als ich meinen jetzigen Mann kennengelernt habe. Erst da wurde mir bewusst, dass der Islam alle Menschen anspricht und nicht etwa eine Religion für Türken und Araber ist.

Als ich begann, mich näher mit dem Islam zu befassen, musste ich mir die Frage stellen, ob der Prophet Muhammad wirklich ein Prophet war. Für mich als jemanden, der an Gott glaubt, war das natürlich die entscheidende Frage: War dies noch einmal eine neue Botschaft oder nicht? Ich habe mich dann intensiv mit dem Islam beschäftigt, viel gelesen, auch den Qur’an – damals in einer ziemlich alten, schlechten Übersetzung. Je länger dies ging, desto weniger konnte ich diesen Anspruch, den der Prophet Muhammad erhoben hatte, die letzte Botschaft Gottes überbracht zu haben, verneinen.

Und irgendwann habe ich dann die Konsequenz daraus gezogen und wollte Muslimin werden. Mit dem Islam haben sich für mich auch einige theologische Probleme gelöst, die ich mit dem ­Christentum hatte, insbesondere mit der Dreinigkeit und dem stellvertretenden Tod Jesu für die Sünden der Menschen. Das waren Dinge, die ich nie ganz ­nachvollziehen konnte, und ich war ­erleichtert, eine andere Antwort auf die Frage nach dem Wesen Gottes und der Verantwortung des Menschen zu ­bekommen.

Islamische Zeitung: Welche Erfahrungen haben Sie seither als muslimische Frau und Akademikerin gemacht, was den Umgang mit Ihnen oder die Reaktionen auf Ihr Muslimsein angeht? Hat sich für Sie das gesellschaftliche Klima gegenüber Muslimen in den letzten Jahren tatsächlich spürbar verschlechtert?

Silvia Horsch: Ich hatte das Glück, dass ich ziemlich jung den Islam angenommen habe, als ich gerade am Anfang des Studiums war. Ich bin dann von Spanischer Philologie im Nebenfach auf Arabistik umgestiegen und habe jetzt im Mai meine Promotion abgeschlossen, zur Figur des Märtyrers in frühen sunnitischen Schriften. Ich arbeite in einem Forschungsprojekt zu Märtyrerfiguren am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Kooperation mit dem Institut für Arabistik der Freien Universität Berlin, wo ich wissenschaftliche Mitarbeiterin bin.

Ich bin 1996 Muslimin geworden; damals gab es zwar auch schon eine Art Kopftuchdebatte, aber es war bei weitem noch nicht so schlimm, wie es dann vor allem ab 2003 geworden ist. Im akademischen Bereich habe ich eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht. Ich bin noch im Studium, als ich schon Kopftuch getragen habe, von einer Dozentin angesprochen worden, ob ich nicht ein Tutorium leiten möchte und später habe ich eine Professorin gefunden, die mich sehr fördert. Der akademische Bereich ist vielleicht einer der offensten, wo man mit weniger Vorurteilen konfrontiert wird als anderswo. Ich habe jedenfalls in dieser Hinsicht keine Probleme gehabt, auch nicht mit Kommilitonen oder Arbeitskollegen. Als Familie haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir zu den Menschen, mit denen wir direkt zu tun haben, ein gutes Verhältnis haben, zum Beispiel zu den Nachbarn in unserem Haus oder auch in der Kleingartenkolonie. Auch meine Eltern bringen meiner Entscheidung für den Islam viel Respekt entgegen, obwohl sie sie inhaltlich vielleicht nicht nachvollziehen können.

Probleme gibt es eher mit Unbekannten, mit Leuten auf der Straße, im Bus oder in der S-Bahn. Da sehe ich schon einen engen Zusammenhang mit den Debatten, die in der Öffentlichkeit und in den Medien stattfinden, und mit bestimmten Ereignissen. Auf dem Höhepunkt der Kopftuchdebatte und in der Zeit nach Terroranschlägen wurde ich auch beleidigt und bedroht. Ich denke das Klima hat sich dahingehend verschlechtert, dass bestehende Ressentiments offener ausgesprochen werden. Ich habe auch den Eindruck, dass sich in den letzten Jahren das Bild der muslimischen, insbesondere der kopftuchtragenden Frau vom unterdrückten Opfer hin zu einer potenziellen Gefährdung verändert hat. Früher wurde ich häufiger gefragt, ob mein Mann mich zum Kopftuch zwingt, in den letzten Jahren erlebe ich eher, dass ich verunsichert angeschaut werde, wenn ich mit einem Rucksack in die Bahn steige. Das flaut zwar nach solchen Ereignissen nach einer Weile wieder ab, flammt aber wieder auf, wenn die nächste Debatte stattfindet oder der nächste Anschlag berichtet wird.

Islamische Zeitung: Sie haben kürzlich geschrieben, dass dem Kopftuch von Muslimen als auch von Nichtmuslimen ein übertriebener Stellenwert und ein Symbolcharakter gegeben werde, den es nicht habe…

Silvia Horsch: Von denjenigen, die für Kopftuchverbote eintreten, wurde ihm immer ein Symbolcharakter zugeschrieben, und zwar ein negativer – als Symbol des Islamismus, der Unterdrückung der Frau und so weiter. Und viele Muslime reagieren darauf, indem sie ihrerseits dem Kopftuch einen Symbolcharakter zuschreiben, und zwar einen positiven als Symbol für Moral, für Reinheit, für Religiosität.

Wenn man das Kopftuch zum Symbol macht – es ist ein Gebrauchsgegenstand und kein Symbol – und mit Bedeutungen überfrachtet, die es nicht hat, führt das zu einer Überbewertung. Das ist die falsche Richtung. Das Kopftuch ist letztlich eine Äußerlichkeit; es ist eine Bekleidungsvorschrift, aber keine Säule des Islams, wie man manchmal meinen könnte, wenn man Muslime über das Kopftuch reden hört. Das Kopftuch alleine sagt auch nichts aus, weder über die Frau, die es trägt, noch über eine Gesellschaft, in der es häufiger oder seltener vorhanden ist.

Wir müssen natürlich darauf antworten, wenn kopftuchtragenden Frauen das Recht abgesprochen wird, in bestimmten Berufen zu arbeiten und ihnen pauschal bestimmte Einstellungen unterstellt werden. Aber es geht eigentlich nicht um das Kopftuch an sich. In der Debatte müsste es nur darum gehen, dass Frauen nicht in ihrer Kleidungswahl eingeschränkt werden sollen, weder von muslimischer noch von nichtmuslimischer Seite. Das haben die betroffenen Frauen auch versucht deutlich zu machen.

Islamische Zeitung: Sie haben seit längerem die Webseite Al-sakina.de und arbeiten auch bei Nafisa.de mit. Können Sie uns beide Projekte vorstellen, und ihre diesbezügliche Motivation und Ziele?

Silvia Horsch: Die Idee dazu hatte ich in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als ich sehr stark den Eindruck hatte, dass das Islambild vieler hauptsächlich von Vorurteilen und unzulässigen Verallgemeinerungen geprägt ist, beziehungsweise sich diese noch einmal verstärkt haben. Realisiert habe ich diese Idee aber erst 2003. Zu Beginn wollte ich in erster Linie über den Islam informieren, später habe ich auf der Seite mehr Themen gebracht, mit denen ich mich auch wissenschaftlich beschäftige, etwa Lessings Auseinandersetzung mit dem Islam oder die europäische Islam-Rezeption im Allgemeinen.

Für Nafisa.de haben wir uns als drei Freundinnen, Nina Mühe, Kathrin Klausing und ich, zusammengefunden, um eine Möglichkeit zu nutzen, unsere Gedanken in innermuslimische als auch gesamtgesellschaftliche Debatten über den Islam einzubringen. Wir erheben keinerlei Vertretungsanspruch, sondern es sind unsere persönlichen Gedanken, die aber, wie wir meinen, relevant und für einen größeren Kreis von Interesse sind. Mit der Seite wollen wir Muslime wie Nichtmuslime ansprechen.

Die Themen sind insbesondere auf muslimische Frauen bezogen, dabei werden durchaus auch bestimmte Probleme angesprochen, die wir innerhalb der muslimischen Community sehen. Die Resonanz ist eigentlich ganz gut, auch der Newsletter wird fleißig bestellt, und wir haben viele Themen, die wir künftig noch angehen wollen. Uns beschäftigt zum Beispiel auch das Frauenbild der Muslime. In vielen muslimischen Publikationen werden Frauen fast ausschließlich als Ehefrau und Mutter dargestellt. Dass diese Rolle positiv be­wertet wird, ist gut, denn das bedeutet eine hohe Anerkennung der Familienarbeit und keine Abwertung der Hausfrau und Mutter, die man in unserer Gesellschaft häufig antrifft.

Problematisch ist allerdings, dass andere Rollen weitgehend ausgeblendet bleiben. Kürzlich erzählte mir eine Frau, dass sie nach ihrer Konversion zum Islam ihr Studium vernachlässigt habe, weil sie sich an „der islamischen“ Rolle der Frau orientiert habe. Ich finde, gerade ein ­islamisches Umfeld sollte Frauen dazu anregen, das Beste aus den Fähigkeiten zu machen, die Allah ihnen gegeben hat. Und dafür müssen Rollenmodelle ­angeboten werden, die wir ja auch haben. Wie beispielsweise Nafisa, die ­Urenkelin des Propheten und Lehrerin von Imam Al-Schafi’i, nach der wir ­deshalb auch unsere Internetseite benannt ­haben.

Islamische Zeitung: Islam und Muslimsein wird von vielen noch immer überwiegend als „Migranten-Angelegenheit“ angesehen und nicht als etwas Einheimisches. Wie sehen Sie diese Problematik und wie kann man dies möglicherweise mit der Zeit ändern?

Silvia Horsch: Das hängt eng damit zusammen, inwieweit die Menschen „mit Migrationshintergrund“, wie es neuerdings heißt, als Einheimische anerkannt werden. Die Migranten machen ja nun einmal die größte Gruppe der Muslime aus, Konvertiten sind eine kleine, wenn auch wachsende Minderheit, die das Gesamtbild aber nicht prägen kann.

Daher denke ich, dass die Anerkennung des Islams als etwas Einheimisches nicht über einen größer werdenden Anteil deutschstämmiger Muslime laufen wird, sondern über die Anerkennung der Menschen „mit Migrationshintergrund“ als einheimische Deutsche.

Zu diesem Prozess können natürlich auch die Moscheegemeinden beitragen, wenn sie sich weniger auf die Herkunftsländer und mehr auf Deutschland konzentrieren. Das hat ja auch schon eingesetzt; in den letzten Jahren gab es da viele positive Entwicklungen. Es sollte zum Beispiel öfter auf Deutsch gepredigt werden, so wie es in England ja in vielen Moscheen auch üblich ist, auf Englisch zu predigen. Ich finde auch die historische Pers­pektive auf den Islam wichtig. Im Geschichtsunterricht muss der Islam als Teil der europäischen Tradition behandelt werden, der er ja ist: historisch in Andalusien und auf dem Balkan bis heute. Dann könnte der Islam weniger als fremd oder gar als Antagonist Europas wahrgenommen werden, sondern als Teil der europäischen Kultur, Geschichte und Gegenwart.

Islamische Zeitung: Der Ramadan steht ja vor der Tür. Was bedeutet der Fastenmonat für Sie, und wie verbringen Sie ihn mit ihrer Familie?

Silvia Horsch: Als ich Muslimin wurde, war dies eine Zeit, in der der Ramadan in den Winter fiel und man abends viel Zeit hatte. Wir haben viele Einladungen bekommen und Gäste empfangen. Der gemeinschaftliche Aspekt des Ramadan war besonders stark. Das ist jetzt natürlich schwieriger, wenn das Iftar um 21.30 oder 22.00 Uhr liegt und das Tarawih-Gebet nach 23.00 Uhr, und man am nächsten Tag aufstehen und arbeiten muss.

Was ich beim Ramadan immer sehr eindrücklich finde, ist dass einem mal aufgeht, wie viel Zeit am Tag man eigentlich mit Essen und Essensvorbereitung verbringt. Wenn das im Ramadan wegfällt, hat man sehr viel mehr Zeit, und ich hoffe, dass ich diese Zeit auch dieses Mal nutzen kann, um spirituell aufzutanken.

Jetzt mit meinem kleinen Sohn ist es auch noch einmal anders – früher konnte ich mich im Ramadan mehr auf mich selbst konzentrieren, jetzt muss auch das Kind versorgt werden, das ja auch tagsüber essen will. Ich werde aber auf jeden Fall ein oder zwei Wochen Urlaub nehmen und versuchen, mich auf den Qur’an zu konzentrieren – Dinge also, die sonst im Alltag manchmal etwas zu kurz kommen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Horsch, vielen Dank für das ­Gespräch!

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