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“IZ-Begegnung” mit der muslimischen Sängerin und Liedermacherin Hülya Kandemir

"Ein anderes Bild vom Islam"

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(iz). Die in Bayern geborene und aufgewachsene Musikerin Hülya Kandemir ist durch ihre Hinwendung zum Islam und ihr autobiografisches Buch „Himmelstochter“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Die IZ sprach mit ihr über die Resonanz auf ihr Buch, ihre Entscheidung, sich als Musikerin wieder verstärkt in die Öffentlichkeit zu begeben, eine neue künstlerische Bewegung unter jungen Muslimen und über problematische Aspekte des Musikgeschäfts.

Islamische Zeitung: Hülya, du warst gerade für einen Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse…

Hülya Kandemir: Ich habe mich dort im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema „Kunst und Kreativität im Islam“ zu meiner Sichtweise zur Musik und Kunst im Islam geäußert und ein Lied vorgetragen. Es war eine Podiumsdiskussion, die vom Internationalen Zentrum in Frankfurt an deren Stand organisiert war und bei der auch eine Islamwissenschaftlerin vertreten war. Es wurde sehr gut aufgenommen, und auch das Publikum war glaube ich sehr angetan und auch berührt von der Musik, die Ammar114, der auch anwesend war, und ich gemacht haben. Es war eine sehr gute Stimmung.

Islamische Zeitung: Vor rund zwei Jahren ist ja dein autobiografisches Buch „Himmelstochter“ erschienen, das deinen Weg zum Islam beschreibt. Wie waren rückblickend betrachtet die Reaktionen darauf?

Hülya Kandemir: Insgesamt sehr positiv, sowohl von muslimischer als auch nichtmuslimischer Seite. Viele haben mir gesagt, dass sie sich gut in das im Buch geschilderte hineinversetzen konnten, wahrscheinlich weil es recht authentisch aus meinem Leben und von meiner Gefühlswelt berichtet. Die Idee zu dem Buch kam übrigens von meinem Koautor, einem professionellen Schreiber, nachdem er von meiner Geschichte und meiner Wandlung gehört hatte. Er fand meine Geschichte für die Öffentlichkeit interessant, um einmal ein anderes Bild vom Islam zu geben. Ich habe lange überlegt, ob ich das Buch machen soll, auch viel Istikhara gebetet [Bittgebet, bei dem man Allah um Hilfe bei einer Entscheidung bittet, Anm. d. Red.] und habe mich danach entschieden, es zu machen. Wir haben dann zusammen das Buch erarbeitet.

Islamische Zeitung: Du hast einmal erwähnt, dass im Zusammenhang damit in der Öffentlichkeit auch einige Missverständnisse über dich aufgetaucht waren…

Hülya Kandemir: Es gab in einigen Medien Dinge über mich zu lesen, die so nicht stimmen, etwa dass ich „Rockstar“ gewesen sei. Ich war schon immer Singer/Songwriter. Ich war auch keine „Popdiva“ oder Popsängerin, wie es auch in der Werbung zum Buch erscheint. Da hat der Verlag ein wenig mit dem Begriff gespielt, weil die Menschen damit in unserer Zeit wohl am meisten anfangen können, und auch die Medien – es geht immer um den Begriff „Popstar“. Im Buch selbst kann man aber schon erkennen, dass ich Singer/Songwriter war und auf entsprechenden Bühnen für ein bestimmtes Publikum gespielt habe. Es waren Suchende, Zuhörende, nicht so eine typische Teenie-Fangemeinde. Natürlich hat mein damaliges Publikum auch getanzt, geklatscht und war fröhlich, aber zum großen Teil waren es Leute, die sehr spirituell waren, die zugehört haben und auch nachdenken wollten. Meine Inhalte waren immer sozialkritisch und haben immer von spirituellen Dingen gehandelt, von der Seele vor allem, von der Liebe zu Gott und dem Versuch, die Wahrheit zu finden. Das war schon immer mein Thema. //2l//

Islamische Zeitung: Du hast dich kürzlich entschieden, dich nach einigen Jahren wieder mehr der Musik zu widmen und auch wieder öffentliche Auftritte zu machen. War das eine schwierige Entscheidung? Hülya Kandemir: Ich habe nie ganz aufgehört, Musik zu machen, sondern habe immer vor weiblichem Publikum gespielt oder auch bei meinen Lesungen immer ein paar Lieder, auch vor gemischtem Publikum, gespielt. Daher ist es nicht etwas ganz neues, auch wenn das teilweise so dargestellt wurde. Allerdings hatte ich auf der Abschlussgala des Kreativ-Wettbewerbs „Zeig’ mir den Propheten“ meinen ersten größeren Auftritt mit Band vor einem gemischten Publikum. Bei den Lesungen ist es immer ein kleineres Publikum und eine ganz andere Atmosphäre. Ich habe sehr viel überlegt, nicht nur wegen mir, sondern wegen der islamischen Seite, weil es so viele verschiedene Meinungen dazu gibt, ob eine Frau auch vor gemischtem Publikum singen oder sich auf der Bühne präsentieren darf. Es gibt ja viel Kritik von islamischer Seite, dass das nicht erlaubt sei. Ich habe mich mehrere Wochen mit dieser Frage beschäftigt, mich mit den entsprechenden Hadithen auseinandergesetzt und mit Gelehrten Kontakt aufgenommen, um richtig Klarheit darüber zu bekommen. Und das, was ich dazu erfahren habe, hat meine Bedenken ausgeräumt. Es ist aber andererseits auch klar, dass das Auftreten als Musikerin in der Öffentlichkeit auch seine gefährlichen Seiten hat. Man ist sozusagen immer am Rande eines Abgrunds. Wenn man auf einer Bühne steht oder Öffentlichkeitsarbeit macht, hat man eine sehr große Verantwortung für das, was man tut und sagt, denn gewollt oder ungewollt beeinflusst man seine Umwelt. Aus diesem Grund wahr es sehr wichtig, mir selbst die Frage zu stellen, warum ich das mache. Die Gründe dürfen niemals das Nafs oder Selbstdarstellung sein. Denn letztendlich muss ich meine Absichten Allah gegenüber vertreten können, und ich habe die Sicherheit in meinem Herzen gesucht, dass mich diese Taten niemals von Allahs Weg abbringen können, inscha Allah. Das ist überhaupt das wichtigste für mich, denn ich lebe nur für Allah und möchte einer der Wirkenden sein. Die meisten Menschen meinen, es wäre etwas tolles, berühmt zu sein, und können sich nicht vorstellen, wie groß der Druck ist, der auf einem lastet, allen gerecht werden zu wollen und seinen Kopf hinzuhalten. Ich habe für mich erkannt, dass es hierzulande leider kaum muslimische Frauen gibt, die in der Öffentlichkeit sind, die für die Muslime und Musliminnen sprechen und etwas tun können. Und wenn ich mich auch zurückziehe, wer bleibt dann übrig, wer spricht dann, wer tritt dann für die Kopftuch tragenden Musliminnen ein, die in Deutschland Schwierigkeiten haben, Jobs zu bekommen, die von der Gesellschaft diskriminiert und benachteiligt werden? Daher denke ich, dass es wichtig ist, wenn Allah mir eine solche Möglichkeit gegeben hat, dies zu nutzen, um Gutes zu bewirken. Zumal ich schon eine gewisse Öffentlichkeit habe und es mir leicht fällt, mich darin zu bewegen.

Islamische Zeitung: Für Muslime kann es in der Tat problematisch sein, im Hinblick auf die Begrenzung des eigenen Egos, auf der Bühne zu stehen und mit Berühmtheit, mit Bewunderung seitens des Publikums und all diesen Dingen umzugehen…

Hülya Kandemir: Das ist das wichtigste, dass man diese Demut und Bescheidenheit bewahrt, denn das sind neben Güte und Barmherzigkeit für mich die wertvollsten Eigenschaften, um Allahs Wohlgefallen erlangen zu können. Allah möge uns allen helfen, diese Schätze des Islam zu bewahren, und Allah möge uns bewahren vor den Fallen Schaitans. Denn als Mensch macht man nun einmal Fehler. Allah hat mir die Gabe geschenkt, mit meiner Stimme und meinen Liedern Herzen berühren und eine Brücke zwischen den Kulturen und Religionen sein zu können. Ich habe gemerkt, wie wichtig es für mich ist, meine Erfahrungen und die Liebe zu Allah mit meinen Mitmenschen teilen zu dürfen, denn das ist meine Berufung. Schon mit eineinhalb Jahren habe ich angefangen zu singen; die Musik ist meine Arbeit, die mich erfüllt, so wie einen Bäcker sein Brot. Das hat mir die letzten Jahre etwas gefehlt, doch die Pause war auch sehr notwendig, um eine gesunde Mitte zu finden. Ich möchte aber auf gar keinen Fall ein Beispiel oder eine Vorreiterin für andere Musliminnen sein, die dann möglicherweise wegen mir auf die Bühne gehen. Wie ich zuvor schon gesagt habe, befindet man sich in der Bühnenwelt am Rande eines Abgrunds. Es gibt viele schlechte Dinge in der ganzen Szenerie, in dem ganzen Showbusiness, und es gibt viele Menschen, die es nicht so gut meinen. Ich habe das alles schon erlebt und gesehen und kenne diese Abgründe, ich kann mich davor schützen und habe bewusst einen anderen Weg gewählt, bei dem ich damit nicht mehr konfrontiert werde. Das was ich jetzt mache, ist etwas ganz anderes als das, was ich vorher gemacht habe, auch wenn ich wieder auf die Bühne gehe.

Islamische Zeitung: In letzter Zeit gibt es zunehmend junge muslimische Musiker in Deutschland, deren Musik auch immer besser und vielfältiger wird. Entsteht da eine Art neue kreative Bewegung, eine neue Szene?

Hülya Kandemir: Ich glaube schon, dass da ein neues Bewusstsein entsteht. Man wird unter Muslimen mit verschiedenen Ansichten konfrontiert, auch zum Thema Kunst und Musik, die jeweils als richtig und gültig vertreten werden. Doch irgendwann, so glaube ich, kommt man an einen Punkt, wo man sagt: Moment mal, wir sind trotzdem Individuen und haben unseren eigenen Weg, man hat so viel Freiraum innerhalb des Islam, so viel Individualität ist erlaubt. Ich habe mit sehr vielen Muslimen gesprochen, jüngeren und auch älteren, die einfach sehen, da ist der Islam, der eine so wunderbare Form hat, allein von dem her, was der Prophet, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, ausstrahlt und gezeigt hat, eine so reine und wunderbare Seele. Und man kann trotzdem man selbst sein und das, was der Islam einem an guten Charaktereigenschaften, an gutem Lebensweg mitgibt, nutzen, und in der modernen Welt auch zeitgemäß sein, innerhalb der vorgegebenen Grenzen. Wir müssen einfach offener werden und auch offener denken in bestimmten Dingen, uns nicht verkrampfen oder Scheuklappen tragen, um lernfähig zu bleiben und um unser Wissen und Bewusstsein stets erweitern zu können.

Islamische Zeitung: Deine Musik entspricht nicht gerade dem gegenwärtigen Mainstream der Jugendkultur, der ja von HipHop und R’n’B dominiert wird. Welches sind deine musikalischen Einflüsse, und in welche Richtung wird deine Musik zukünftig gehen?

Hülya Kandemir: Meine Musik wird bestimmt ein wenig moderner werden, aber ich bin eben doch Singer/Songwriter, und darunter stelle ich mir Menschen vor wie Yusuf Islam, Tracy Chapman, Joni Mitchell, Peter Gabriel oder Sting. Es ist einfach eine Musik zum Nachdenken, es ist wie ein Cabaret – man geht nicht auf die Bühne, um zu zeigen, was für eine tolle Stimme man hat, sondern vor allem der Inhalt und die Texte sind wichtig: das, was man den Menschen vermitteln will und auch, welchen Weg man ihnen zeigen will. Musikalisch versuche ich, gewissermaßen immer mehr ich zu werden. Ich bin Deutsch-Türkin, ich bin von beiden Welten geprägt. Mein Deutsch ist zum Beispiel viel besser als mein Türkisch, aber dennoch ist auch sehr viel türkisches und orientalisches in mir. Ich versuche, das immer mehr in der Musik zu vereinen und zum Beispiel deutsche Texte mit türkischen Rhythmen zu verbinden oder umgekehrt. In meiner früheren Zeit habe ich auch sehr viel E-Gitarren, gewaltige Drums und ähnliches in der Musik gehabt, und das wird vielleicht auch in Zukunft wieder der Fall sein. Die Band wird sich erweitern, vielleicht auch mit Instrumenten wie Cello und Klarinette. Aber auch Keyboards und verschiedene moderne Sounds möchte ich gerne einbringen. Aber der Islam nimmt natürlich jetzt in meiner Musik eine noch größere Rolle ein, beziehungsweise bestimmte Wahrheiten, die mir dadurch jetzt richtig bewusst geworden sind.

Islamische Zeitung: In Darmstadt bist du mit deiner Gitarre begleitet von Ney [Rohrflöte] und Perkussion aufgetreten. Wirst du diese Kombination auch beibehalten? Hülya Kandemir: Auf jeden Fall, das sind Basics, darum herum werden auch andere Instrumente vertreten sein, das hängt aber auch von dem jeweiligen Stück ab.

Islamische Zeitung: Werden die Texte auch weiterhin auf Englisch, Deutsch und Türkisch sein?

Hülya Kandemir: Ja, ich habe allerdings jetzt wieder verstärkt begonnen, deutsche Texte zu schreiben, weil ich das sehr wichtig finde, da wir in Deutschland leben und diese Sprache auch die Verständigungssprache unter uns ist, gerade auch unter uns Muslimen, die aus den verschiedensten Ländern stammen. Ich finde es sehr wichtig, dass man die Sprache des Landes spricht und nutzt, in dem man lebt, und damit arbeitet, und natürlich können uns dann auch unsere deutschen Mitbürger besser verstehen und hoffentlich mehr Verständnis aufbringen.

Islamische Zeitung: Viele, in deren Leben Musik eine sehr wichtige Rolle gespielt hat, haben nach ihrer Annahme des Islam zunächst mehr oder weniger aufgehört, Musik zu machen oder zu hören. Später haben sie dann wieder damit begonnen, aber mit einer anderen Haltung zur Musik als vorher. Hast du eine ähnliche Erfahrung gemacht?

Hülya Kandemir: Ja, ich habe mich auch zunächst einmal von der Musik sehr distanziert, und das war glaube ich auch sehr wichtig. Denn die Musik war ein Leben lang mein Mittelpunkt. Nachdem ich erkannt habe, dass Allah der einzige Mittelpunkt ist und die einzige Wahrheit, war es wichtig für meinen Entwicklungsprozess, mich zunächst von all den Dingen zu distanzieren, damit alles den richtigen Platz im Leben finden kann. Der Mittelpunkt ist Allah, und alles andere ist eine Hilfe dazu, die Liebe zu Allah zu unterstützen und zu vertiefen, das Wissen zu erweitern, Brücken zu bauen und so weiter; es sind einfach Werkzeuge, mit denen man arbeitet. So ist das bei mir auch mit der Musik. Sie ist ein Werkzeug und eine Brücke, das ich bewusst einsetzen möchte, um Allah zu dienen.

Islamische Zeitung: Liebe Hülya, wir danken dir für das Gespräch.

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