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“IZ-Begegnung” mit der Religionspädagogin und Autorin Lamya Kaddor

Gedanken zur "Zukunft unser Jugend"

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Der so genannte „Islamische Religionsunterricht“ gilt in den Augen vieler als eine der entscheidenden Fragen der Zukunft der Muslime in Deutschland. Über das wie und wo wird heute – lange Zeit, nachdem das Thema erstmals vorgebracht wurde – noch debattiert. Bisher haben Rivalitäten, mangelnde Anerkennung muslimischer Religionsgemeinschaften durch einzelne Landesregierungen und fehlende Struk­turen für die Aus­bildung von muslimischen Religionslehrern eine schnelle Umsetzung des Islamischen Religionsunterrichts an den allgemeinbildenden Schu­­len verhindert.

Zu diesem aktuellen Thema spra­chen wir mit der Religionspädagogin Lamya Kad­dor, die zeitgleich auch Lehrerin für Islam und deutsche Sprache ist. Sie promovierte im Bereich Islamische Theologie. Frau Kaddor, die 1978 in Ahlen zur Welt kam, hatte jüngst das Lehrbuch „Saphir“ für die Klassen 5 und 6 herausgegeben, das ein großes Medienecho fand. Von muslimischer Seite wurde, bei allem Wohlwollen, daran auch kritisiert, dass Fragen der religiösen, rituellen Praxis zu wenig berücksichtigt worden seien.

Islamische Zeitung: Das von Ihnen mit herausgegebene Schulbuch hat großes Interesse hervorgerufen. Wie sieht es damit aus? Kann es zum Lehrbuch für einen möglichen Islamunterricht an allgemeinbildenen Schulen werden?

Lamya Kaddor: Das erste Schulbuch für einen Islamunterricht, „Saphir“, bei Kösel erschienen, wurde von vier Bundeländern (NRW, Bremen, Niedersachsen und Bayern) für zwei Unterrichtsformen zugelassen: Islamkundlicher Unterricht und Islamischer Religionsunterricht. Bereits erschienen ist der Band für die Klassen 5/6, im nächsten Jahr soll der Band für die Klassen 7/8 und ein Jahr später (2010) dann der letzte Band für die Klassen 9/10 erscheinen. Dazu gibt es jeweils einen Lehrerkommentar mit ergänzenden Materialien.

Islamische Zeitung: Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der Einführung des erwähnten Unterrichts in den deutschen Bundesländern?

Lamya Kaddor: Nach wie vor verhandeln die entsprechenden Seiten (Bundesland und Religionsverband) und sind in den meisten Bundesländern nur langsam vorangekommen. Zusammen­ge­fasst lässt sich sicherlich sagen, dass die Einführung eines Islamischen Religionsunterrichts (IRU) nach Art. 7, Abs. 3 GG bisher in keinem Bundesland flächendeckend erfolgt ist. Die Gründe dafür sind vielfältig und können nur in einem Kompromiss zwischen Regierung und Religionsverband gelöst werden. Das Vertrauen scheint meiner Ansicht nach auf beiden Seiten noch zu gering zu sein.

Islamische Zeitung: Das seit Jahrzehnten betriebene Projekt eines „Islamischen Religionsunterrichts“ gilt angeblich als das wichtigste Anliegen der Muslime in Deutschland. Entspricht dies den tatsächlichen Gegebenheiten, wenn man bedenkt, dass eine Verantwortung zur Ausbildung im islamischen Wissen sicherlich nicht an staatliche Stellen delegiert werden kann?

Lamya Kaddor: Ich denke, dass ein flächendeckender IRU nach wie vor ein Herzensanliegen der Muslime in Deutschland ist. Aber ich denke nicht, dass man damit zwangsläufig etwas „wegdelegiert“. Religiöse Bildung gehört meiner Ansicht zum Bildungsauftrag der Schulen, denn man kann nicht von den Eltern verlangen, genügend Fachwissen in diesem Bereich zu haben. Ebenso halte ich (transparente) Gemeindearbeit in einer Moschee für sehr wichtig, doch auch da kann man keine „neutrale“ Vermittlung von Religion erwarten. Der einzige Ort, der eine gewisse „Neutralität in Religionsfragen“ erfüllt, wäre die öffentliche Schule – gleichwohl die Lehrperson durch die Religionsgemeinschaft ihr Placet erhält und somit in ihrem Dienste arbeitet. Doch muss eine Lehrkraft sowohl der Pädagogik als auch der Theologie verbunden sein, ohne Schüler zu indoktrinieren. Aus diesem Grund glaube ich, dass auch ein IRU an deutschen öffentlichen Schulen seinen Platz finden muss.

Islamische Zeitung: Braucht es für eine erfolgreiche Wissensvermittlung islamischer Religionsinhalte nicht auch eine unabhängige islamische ­Lehre seitens dafür geeigneter muslimischer LehrerInnen und Anstrengungen seitens der Eltern und Gemeinden auf Graswurzelebene?

Lamya Kaddor: Die Freiheit von Forschung und Lehre für Hochschullehrende als auch der wertneutrale und pädagogisch anspruchsvolle IRU bedürfen zwar eines Placets seitens der Religionsgemeinschaft (wie bei anderen Theologien), allerdings ist eine (sowohl politisch als auch ideologisch) freie, unabhängige und auch kritische Herangehensweise an theologische Komplexe für die notwendige Weiterentwicklung einer Religion samt Kultur und Anhänger unabdingbar.

Islamische Zeitung: Würden Sie es als Mangel bezeichnen, dass der hiesige „organisierte Islam“, es anders als in anderen europäischen Staaten bisher versäumte, eigenständige Lehr­einrichtungen aufzubauen?

Lamya Kaddor: Um ehrlich zu sein, wäre es wünschenswert gewesen, wenn es beispielsweise bereits einen IRU gäbe, wenn sich ein Islamisches Stiftungswesen etabliert hätte und wenn man bereits viel mehr innerislamisch, feministisch und vor allem pädagogisch gearbeitet hätte. Aber für uns Muslime – egal ob organisiert oder nicht – muss es wichtig sein, den Islam ins 21. Jahrhundert zu holen und ihn für unser Leben Deutschland beziehungsweise Europa weiterzuentwickeln.

Islamische Zeitung: In Deutschland wird gerne mit den Gegensatzpaaren „traditionell“ versus „fortschrittlich“ und „konservativ“ versus „liberal“ ­gearbeitet. Gibt es Ihrer Ansicht nach nicht auch in der muslimischen ­Tradition Elemente der Wissensvermittlung, die für uns von Interesse sein könnten?

Lamya Kaddor: Für mich als Religionspädagogin ist eine Islamische Religionspädagogik erst dann gelungen und erfolgreich, wenn man traditionelle Elemente der islamischen Erziehung mit den modernsten Pädagogischen Ansätzen kombinieren und anwenden kann. Wie bereits im „Koran für Kinder und Erwachsene“, aber vor allem auch in „Saphir“ geschehen, geht es um die spannende Möglichkeit, genau diesen Spagat zu meistern. So ist beispielsweise die Ästhetik der arabischen Sprache für eine Islamische Erziehung nicht wegzudenken. Aber man kann Kalligraphien durch moderne Kunst aufbrechen und miteinander vereinen. Islamische Zeitung: Im Umgang mit den MuslimInnen gibt es sehr häufig eine Polarisierung zwischen der Masse der Muslime und den Extremen. Die so genannten, individualisierten „liberalen“ oder „säkularen“ Muslime gelten als akzeptabel, der Rest zumeist als fragwürdig. Ist dies nicht, gerade auch Hinblick auf die Lehre des Islam, absurd, da sich dessen rechtliches Verständnis nicht politischen Maßgaben unterwirft (Stichwort: „Ich kann nur ‘richtig’ oder ‘falsch’ beten, aber nicht ‘konservativ’ oder ‘fortschrittlich’)?

Lamya Kaddor: Man kann meiner Meinung nach nicht richtig oder falsch beten – je nachdem ob ich liberal oder konservativ bin. Ich bezeichne mich als „liberale Muslimin“. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich nicht bete, faste oder meine alljährliche Spendenabgabe vollziehe. Als „liberal“ verstehe ich meine Geisteshaltung sowohl zu theologischen als auch alltäglichen Fragen. Die Grundpfeiler der Religion bleiben auch bei einer liberalen Haltung bis zu einem gewissen Grad unantastbar.

Islamische Zeitung: Der so genannte „organisierte Islam“ gilt als Repräsentant der Muslime. Können wir mit dessen jetziger Entwicklung zufrieden sein? Wenn nicht, was wäre Ihrer Ansicht nach zu verbessern?

Lamya Kaddor: Ich verstehe es als konstruktive Kritik, wenn es den Verbänden bereits früher gelungen wäre, sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsame Ziele zu definieren. Es hat beispielsweise zu lange gedauert, zu verstehen, dass die Zukunft unser Jugend beziehungsweise Kinder in Deutschland liegt und nicht in den Heimatländern der Eltern oder Großeltern. Dementsprechend hätte man bereits eher damit beginnen können, Angebote und Initiativen zu starten. Die deutschsprachige Theologen-, Lehrer- und Erzieherausbildung halte ich nach wie vor für eines der wichtigsten Ziele, um den Islam in Europa transparenter und auch lebbarer zu machen.

Islamische Zeitung: Wie bewerten Sie den jetzigen Stand der Muslime in Deutschland? Lamya Kaddor: Es ist sehr schwierig, ein Urteil über „die Muslime“ zu fällen, denn es gibt sie nicht als geschlossene und einheitliche Gruppe. Allerdings ist es offensichtlich, dass wir „Defizite“ haben und uns diesen Herausforderungen stellen müssen. Der erste Schritt ist zum Teil gemacht worden, indem man diese wenigstens erkannt hat. Genau diese Defizite und Probleme sind es auch, die jetzt medial immer mehr in den Vordergrund treten.

Die Antwort vieler Muslime darauf offenbart sich in einer Art Ohnmacht oder gar Depression und Aggression. Wir müssen aufwachen und als Muslime in Europa selbstbewusster werden, indem man klar und deutlich Position (islamistischer Terror, theologische Herausforderungen) bezieht. Dabei bedauere ich es sehr, dass sich zu wenig hier geborene, junge Muslime in die Diskussion mit einbringen.

Islamische Zeitung: Können diese dazu beitragen, etwas von der wirklichen Relevanz des Islam in unserer Zeit zu vermitteln?

Lamya Kaddor: Ich kann für meinen Teil nur einen bescheidenen Beitrag leisten. Ich nehme wahr, dass die seit Jahren anhaltende Diskussion rund um den Islam von zwei Seiten dominiert wird: den Konservativen auf der einen und den so genannten „Islamkritikern“ auf der anderen Seite. Die Stimme der Mitte, die die Mehrheit ausmacht, spricht zu wenig und findet kaum Gehör. Ich verorte mich zur goldenen Mitte und versuche der Mitte eine – vereinzelte – Stimme zu verleihen. Besonders die Schnittmenge zwischen Islam und Pädagogik sowie der innerislamische Diskurs liegt mir sehr am Herzen, und dort kann ich meinen bescheidenen Beitrag leisten. Doch auch meine Stimme verstummt, wenn es nicht Unterstützer, Dialogpartner und Kritiker gibt.

Islamische Zeitung: Liebe Frau ­Kad­dor, vielen Dank für das ­Gespräch.

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