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“IZ-Begegnung” mit Hasib Sahovic und Imam Mustafa Hodzic von der Bosnien-Kulturgemeinde in Köln

Eine Brücke des Islam nach Europa

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(iz). Die Moschee der Bosnisch-Islamischen Kulturgemeinschaft in Köln-Ehrenfeld ist als größte Moschee bosnischer Mus­lime in Deutschland jüngst offiziell eröffnet worden. In ihrer architektonischen Anlage und ihren Möglichkeiten zählt sie zu den besonderen Projekten in Deutschland, weil sie allein rein baulich mehr möglich macht als die bloße Verrichtung des Gebets. Immerhin, so das selbstbewusste Banner bei der Feierstunde zur Eröffnung der Moschee, verstehe man sich als „Brücke zwischen Orient und Okzident“. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden, Hasib Sahovic, und dem Imam, Mustafa Hadzic, über die Rolle der bosnischen Muslime in Deutschland und Europa, die Nachwirkungen des Krieges und die Situation junger bosnischer Muslime.

Islamische Zeitung: Nachdem Ihre Moschee nun auch offiziell eröffnet worden ist, wo möchten Sie für die Zukunft die programmatischen Schwerpunkte ihrer Arbeit setzen?

Mustafa Hadzic: Wir wollen insbesondere verschiedene Programme für Kinder und Jugendliche beginnen, zusätzlich zum Islam-Unterricht am Samstag und Sonntag. Bereits seit einem halben Jahr gibt es bei uns neu ein Treffen der Mädchen von 10 bis 16 Jahren, und so etwas würden wir gern auch für die männlichen Jugendlichen anbieten. Ich denke auch an eine intensivere Beratung für Familien. Außerdem planen wir einen Familientag, der alle zwei bis drei Monate stattfinden soll und bei dem Kinder zusammen mit ihren Eltern kommen können. Und in jedem Ramadan machen wir spezielle Iftar-Essen nur für Jugendliche; im letzten Jahr waren 350 bis 400 Jugendliche gekommen. Auch sportliche Aktivitäten wollen wir anbieten, und vielleicht auch Nachhilfe für Schüler. Wir haben bei unseren Jugendlichen kein Problem mit Integration, sondern mit Assimilation. Viele haben inzwischen Schwierigkeiten mit ihrer Muttersprache. Es besteht daher zunehmend ein Bedarf, auch die bosnische Sprache zu unterrichten.

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie die Lage der bosnischen Jugendlichen in Deutschland insgesamt?

Mustafa Hadzic: Die Probleme sind im Grunde dieselben wie bei allen anderen muslimischen Jugendlichen in Deutschland auch. Wir müssen für die Jugendlichen verschiedene Aktivitäten anbieten. Denn sie gehen ja auch in Diskos und so weiter. Gott sei Dank kommen mittlerweile jeden Freitag auch viele nach der Schule zu uns. Wir haben im Islam-Unterricht eine Gruppe von 13- bis 17-Jährigen, die etwa 20 Jugendliche umfasst. Dort reden wir über alle Probleme. Ich als Imam oder Mu’allim muss auch Familienberater und Jugendberater sein, und das mache ich auch gerne.

Islamische Zeitung: Sie sind strukturell-organisatorisch eng mit der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien unter deren Oberhaupt und Reis ul-Ulema Mustafa Ceric verbunden. Wie ist da das Verhältnis zwischen der Bindung an Bosnien einerseits und dem Leben als Muslime in Deutschland andererseits?

Hasib Sahovic: Das ist ein Problem, das nicht nur uns Bosnier, sondern alle Migranten betrifft. Wir leben zwei Leben. Wir leben hier, und wir leben irgendwie innerlich dort, sind verbunden mit unserer Heimat. Besonders die erste Generation. Die zweite Generation ist schon mehr hier als in Bosnien verortet, sie haben aber durch die Eltern natürlich trotzdem nach wie vor Verbindung zur Heimat. Die meisten fahren jedes Jahr in den Urlaub nach Bosnien und besuchen dort ihre Familien. Und natürlich bestehen auch die organisatorischen Verbindungen über unseren hiesigen Dachverband zu unserer Dachorganisation in Bosnien mit der Zentrale in Sarajevo. Besonders im Ramadan, aber auch über das Jahr verteilt kommen immer wieder Gäste von der Islamischen Gemeinschaft aus Bosnien zu uns und sprechen bei Veranstaltungen. Das ist wichtig für den Zusammenhalt unseres kleinen Volkes. Aber natürlich leben wir auch in Deutschland, und wir müssen versuchen, unsere Jugend in unserer Gemeinde zu halten, zumindest aber im Islam. Als die erste Generation nach Deutschland gekommen ist, gab es die ersten zehn Jahre hindurch überhaupt keine islamischen Organisationen aus Bosnien, nur verschiedene Clubs aus dem ehemaligen Jugoslawien. Auch nach dem Krieg kommen viele bosnische Muslime noch immer nicht in unsere Moschee. Hier in Köln haben wir ungefähr 300 Familien als Mitglieder in unserer Gemeinde, das sind vielleicht 1.000 Personen insgesamt. In Köln leben aber zwischen 4.000 und 5.000 bosnische Muslime. Das bedeutet, dass nur etwa ein Viertel bei uns ist. Was ist mit den restlichen drei Vierteln? Ebenso ist es mit den Jugendlichen: Wenn ihre Eltern hier sind, gibt es kaum Probleme, aber was ist mit den anderen Jugendlichen? Wir müssen versuchen, auch diese Jugendlichen zu erreichen.

Islamische Zeitung: Beabsichtigen Sie auch, in Zukunft bei Ihren Aktivitäten verstärkt die deutsche Sprache zu verwenden?

Hasib Sahovic: Das ist auch eines unserer Probleme, weil unsere Imame alle aus Bosnien kommen und dort oder auch in einem arabischen Land studiert haben. Natürlich lernen sie die deutsche Sprache, wenn sie hier her gekommen sind. Dennoch reicht das für die zweite und dritte Generation nicht aus, wir müssen sehen, dass wir dies verbessern; vielleicht durch eine Madrassa zur Ausbildung von Imamen in Deutschland, oder indem wir junge Leute, die hier aufgewachsen sind, auf die Madrassa in Sarajevo oder anderswo in Bosnien schicken, und ihnen Stipendien geben, sodass sie dann wieder zurückkommen und für die zweite und besonders die dritte Generation da sind. Denn bei der dritten Generation wissen wir nicht, inwieweit bei ihnen die bosnische Sprache noch erhalten bleiben wird.

Islamische Zeitung: Sie haben ja eine sehr schöne Moschee, da könnte ich mir vorstellen, dass bei einer zumindest teilweise auf Deutsch gehaltenen Khutba auch mehr nichtbosnische Muslime zum Freitagsgebet kommen würden…

Mustafa Hadzic: Ich selbst bin sprachlich noch nicht bereit, zum Beispiel die Freitagskhutba auf Deutsch zu halten. Ich habe aber vor, so bald wie möglich eine Zusammenfassung in deutscher Sprache zu geben. Eine andere Möglichkeit wäre eine Übersetzung über Kopfhörer, wie dies in manchen Moscheen auch gemacht wird. Das wäre vielleicht noch besser, weil es direkter, unmittelbarer ist, einfach „live“. Unsere Mitgliederstruktur ist derzeit allerdings so, dass ungefähr 99 Prozent Bosnier oder Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien sind. In Zukunft könnten wir vielleicht internationaler werden, aber im Moment sind wir noch eine sehr stark bosnisch geprägte Gemeinde. Unser Problem ist, dass wir auch der zweiten und dritten Generation unsere nationale und religiöse Identität vermitteln und sie bewahren müssen. Beides gehört für uns zusammen. In Bosnien gibt es jetzt in der Islamischen Fakultät Pläne für die Imam-Ausbildung, dass Imame, die in deutschsprachige Länder gehen wollen, speziell dafür vorbereitet werden. Dies soll eventuell in zwei bis drei Jahren beginnen. Sie sollen intensiver die deutsche Sprache lernen, aber auch die deutsche Kultur und Geschichte.

Islamische Zeitung: Die Bosniaken sehen sich ja als genuin europäische Muslime, da sie schon von jeher in Europa leben. Welche besondere Rolle spielen die bosnischen Muslime ihrer Meinung nach heute in Deutschland und Europa?

Hasib Sahovic: Wir sollten eigentlich eine besondere Rolle spielen. Bis jetzt waren wir aber in Deutschland lediglich einzelne lokale Gemeinden. Erst im letzten Jahr haben wir einen neuen Dachverband gegründet, und hoffen, dass wir damit nun eine professionelle und auch personell besser ausgestattete Arbeit leisten, uns besser präsentieren und mehr Kontakte knüpfen können. Bisher ist in unseren Gemeinden nur der Imam professionell, alle anderen können nur ehrenamtlich, neben ihrer eigenen Berufstätigkeit, Arbeit leisten, und das ist natürlich zeitlich begrenzt. In unserem bisherigen Dachverband gab es auch nur eine Person, die hauptamtlich tätig war, jetzt arbeiten schon drei Personen in Vollzeit in der Zentrale. Wir selbst können hier in Köln als einzelne Gemeinde nicht mehr leisten, wir haben im Moment zeitlich und personell unsere Grenze erreicht.

Mustafa Hadzic: Wir sind eine Brücke zwischen Orient und Okzident. Wir sind ein europäisches Volk und seit 600 Jahren sind wir Muslime und leben den Islam. Wir leben mit Christen und Juden zusammen. In Sarajevo zum ­Beispiel gibt es innerhalb eines Umkreises von 100 Metern eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge. Vielleicht ­haben wir den Modus für das heutige und zukünftige Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden. Wir sind im Islam etwas liberaler als Araber oder Türken, weil wir seit 600 Jahren ­Erfahrung haben mit dem Zusammenleben, aber auch mit Krieg und Frieden. Wir müssen zunächst unsere Jugend­lichen entsprechend vorbereiten, um diesen Dialog zu führen. Sie sind Europäer, und sie sind Muslime. Das beste Beispiel ist unser Großmufti Mustafa ­Ceric. Er hat gerade in Großbritannien einen Preis für den interreligiösen Dialog ­bekommen, er ist unser Botschafter. Vielleicht könnte eines Tages auch ein Bosnier europäischer Mufti sein, das ­Oberhaupt der Muslime in Europa. Mustafa Ceric hat ja auch eine entsprechende Deklaration verfasst, die ein erster Schritt in diese Richtung sein kann. Auch in Deutschland bräuchten wir einen Mufti als geistliches Oberhaupt für alle Muslime. Und wir bräuchten hier auch eine islamische Fakultät. Dann wären die Muslime verschiedener Herkunft auch mehr auf Deutschland orientiert als auf ihre Herkunftsländer. Denn wir haben hier andere Probleme als die Muslime etwa in Bosnien. Wir leben in einer ganz anderen gesellschaftlichen Situation.

Islamische Zeitung: Inwiefern hat der Krieg Anfang der 90er Jahre die bosnischen Muslime geprägt, und inwieweit spielt diese Erfahrung immer noch eine Rolle?

Mustafa Hadzic: Leider hat fast die Hälfte unseres Volkes den Krieg bereits vergessen und lebt wieder so, als ob nichts geschehen wäre. Das entsprechende Bewusstsein ist nicht so stark ausgeprägt. Viele, vor allem wohlhabende, gebildete und bewusst islamische Bosnier, sind bereits vor dem Ersten Weltkrieg in die Türkei ausgewandert, und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine erneute Auswanderungswelle. Die einfachen Arbeiter und Bauern blieben zurück. Wir müssen die nationale und religiöse Identität erst wieder aufbauen, zusammen mit den Schulen, Universitäten und den Madrassen. Islamische Zeitung: Es schien doch aber auch so gewesen zu sein, dass viele Bosniaken durch den Krieg wieder stärker zu ihrer islamischen Identität zurückgefunden haben?

Mustafa Hadzic: Das ist auch richtig. In Deutschland hatten wir vor dem Krieg nur 18 Moscheen und Zentren von Muslimen aus dem gesamten ehemaligen Jugoslawien. Heute haben wir 60 Moscheen und Zentren allein von bosnischen Muslimen. Das Problem ist aber auch, dass wir, wenn wir nach Bosnien fahren, leider etwas anderes sehen als das, was wir erwarten oder uns wünschen würden, im Hinblick auf die islamische Praxis. Es gibt vielleicht 10 oder 20 Prozent, die religiöser sind als früher, von insgesamt vielleicht 30 Prozent. Beim Freitagsgebet sind die Moscheen in Bosnien voll, aber zur gleichen Zeit sind die Cafés und Diskotheken auch voll. Natürlich gibt es in den Moscheen und islamischen Zentren in Bosnien auch viele Jugendliche. Sie haben jetzt die Freiheit, sich zu entscheiden, und so entscheiden sich viele auch für den Islam als Lebenspraxis. Viele Imame oder Professoren, die aus Bosnien zu uns kommen, sehen unsere Gemeinde- und Jugendarbeit als ein Modell, das sie auch in Bosnien übernehmen könnten. Zum Beispiel den Kontakt mit unseren Mitgliedern, der hier viel intensiver ist. In Bosnien sitzen die Imame in den Moscheen, und die Leute kommen zu ihnen. Hier hingegen muss sich ein Imam mehr bewegen und mehr machen, zum Beispiel auch Leute zu Hause, im Krankenhaus oder im Gefängnis besuchen. Unsere Erfahrungen hier können auch für Bosnien nützlich sein. Denn die Probleme, die wir hier finden, gibt es zunehmend auch in Bosnien, wie Drogen, Alkohol oder Gewalt.

Hasib Sahovic: Wir haben nach dem Krieg sehr viel erwartet. Im Krieg haben wir ums Überleben gekämpft. Wie es auch der Qur’an sagt, wenn jemand in einer schweren Situation in Bedrängnis ist, dann sagt er „Allah“. Während des Krieges waren bei uns 90 Prozent der Menschen gläubig und sind zum Gebet gekommen. Nachdem der Krieg vorbei war, hatte man bei vielen den Eindruck: Der Krieg ist vorbei, „as-salamu ‘alaikum“ ist auch vorbei; so könnte man es sagen. Trotzdem, man sieht heute beim Freitagsgebet und auch bei anderen Gebeten viele junge Leute. Früher sah man nur alte Leute oder junge Leute aus der Islamischen Fakultät oder der Madrassa. Daher sage ich, Gott sei Dank, auch wenn leider viele im Krieg zu Tode gekommen sind, sehe ich schon eine Tendenz in die richtige Richtung. Es ist schon viel besser als vor dem Krieg. Auch in Deutschland und anderen Ländern außerhalb Bosniens haben sich unsere Moscheen verdoppelt oder verdreifacht. Früher sind hier vielleicht zwei bis fünf Prozent der Leute in die Moschee ­gekommen, heute sind es 20 bis 30 ­Prozent.

Mustafa Hadzic: Vor dem Krieg gab es in Bosnien nur eine Islamische Fakultät und ein islamisches Gymnasium (Madrassa) heute haben wir sechs islamische Gymnasien, drei islamische Akademien und zwei islamische Fakultäten. Wir haben sehr hohe Zahlen von Mädchen und Jungen, die an den islamischen Gymnasien einen Abschluss machen; im islamischen Gymnasium in Sarajevo sind es mehr als 200 jedes Jahr. Das sind nicht nur angehende Imame, sie werden auch Lehrer, Ärzte oder Anwälte, und das ist sehr wichtig. Und in Zukunft wird es in Sarajevo vielleicht auch eine Islamische Universität geben. Auch haben wir heute viele Kontakte in andere muslimische Länder.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Imam Hadzic, sehr geehrter Herr Sahovic, vielen Dank für das Gespräch.

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