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“IZ-Begegnung” mit Prof. Bülent Ucar, dem Inhaber des neuen Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück

"Rückkopplung an die Religionsgemeinschaft"

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Seit Wintersemester 07/08 bietet die Universität Osnabrück den neuen Studiengang „Islamische Religionspä­dagogik“ an. Seit Sommersemester 2008 ist Prof. Dr. Bülent Ucar Inhaber des neuen Lehrstuhls für Islamische Religionspädagogik.

Der im Ruhrgebiet aufgewachsene Ucar entstammt der zweiten Generation von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Er hat Islamwissenschaften sowie Rechts- und Politikwissenschaften studiert, als Lehrer für Islamkunde an Schulen gearbeitet, war an der Fortbildung und Lehrplanentwicklung für das Fach Islamkunde am Landesinstitut für Schule beteiligt und hat diese später auch geleitet. Zuletzt war er im NRW-Minis­terium für Schule und Weiterbildung tätig und hatte Lehraufträge an mehreren Universitäten.

Die IZ sprach mit ihm über die Ausrichtung seines Lehrstuhls sowie über Fragen des Islamischen Religionsunterrichts.

Islamische Zeitung: Herr Prof. Ucar, können sie den Studiengang „Islamische Religionspädagogik“ in Osnabrück kurz beschreiben?

Prof. Bülent Ucar: Der Studiengang ist ein Master- beziehungsweise Aufbaustudiengang für Studenten, die bereits einen Lehramtsstudiengang absolviert haben oder kurz vor dem Abschluss stehen. Es ist deswegen noch kein reguläres Studienfach, weil es Islamischen Religionsunterricht bisher nur in Form verschiedener Schulversuche gibt – einerseits ist das Fach an den Schulen noch nicht ordentlich etabliert, andererseits weiß man, dass wenn man dies tun würde, auch die Lehrer noch nicht da wären, weil es kaum entsprechende Studiengänge gibt. Es ist also gewissermaßen ein Teufelskreis. Wir haben im Studiengang zwölf verschiedene Module, von grundlegenden islamischen Wissenschaften bis zu Religionspädagogik und Fachdidaktik. Darüber hinaus ist die Besonderheit in Osna­brück, dass man im Rahmen des Studiengangs auch christliche Theologien studiert, es gibt also eine interreligiöse Ausrichtung, und auch Fächer wie Migrationsgeschichte und interkulturelle Pädagogik, wovon wir uns eine interdisziplinäre Vernetzung der Studenten und auch der Lehre erhoffen. Wir denken, dass durch diese dialogische Ebene und gemeinsame Lehrveranstaltungen mit anderen Fächern auch die Akzeptanz des Faches insgesamt auf Ebene der Mehrheitsgesellschaft, der Schule, aber auch der Muslime fruchten kann.

Wir legen größten Wert auf den interdisziplinären Ansatz, auf Interreligiosität, auf interkulturelle Kompetenz und dialogische Grundorientierung in der Lehre. Der Lehrstuhl ist Teil des Zentrums für Interkulturelle Islamstudien, das sich derzeit im Aufbau befindet und an dem auch andere Fachbereiche wie evangelische und katholische Theologie, Soziologie, Pädagogik und andere Disziplinen beteiligt sind. Islamische Zeitung: Worin unterscheidet sich der Osnabrücker Lehrstuhl von den ähnlichen in Münster und Erlangen?

Prof. Bülent Ucar: Erlangen und Münster haben ähnliche Voraussetzungen wie wir hier in Niedersachsen, sie sind auch in entsprechenden Zentren vernetzt und bilden jeweils in Aufbaustudiengängen Studenten für das Lehramt aus. Sicherlich gibt es gewisse Unterschiede, was die Module, die Inhalte und so weiter betrifft, insgesamt aber so denke ich bei den Inhalten doch eine weitgehende Übereinstimmung. Das muss auch so sein, denn wenn jemand etwa in Erlangen studiert hat, muss er auch in Niedersachsen als Lehrer akzeptiert werden, oder jemand, der in Osnabrück studiert hat entsprechend in Bayern.

Mir ist sehr wichtig, zu betonen, dass wir uns am Konsensprinzip der Muslime orientieren. Das heißt, wir betonen die gemeinsamen Grundelemente unabhängig von sunnitischer oder schiitischer Grundausrichtung. Das Konsensprinzip orientiert sich dabei im Wesentlichen an den so genannten “Fünf plus sechs“, das sind die Fünf Säulen und die sechs Glaubensgrundsätze; hinzu kommen ethisch-moralische Grundlagen. Das sind die Basics und religiösen Essentials, auf die wir uns beziehen, selbstverständlich auf der Basis der islamischen Primärquellen. Wir sind für einen offenen, dialogischen Religionsunterricht und unterstützen den interreligiösen Ansatz. Eine Besonderheit in Osna­brück ist auch, dass mit meiner Person erstmalig in Deutschland ein Wissenschaftler mit Zuwanderungsgeschichte berufen worden ist. Ich denke, das ist auch für die Akzeptanz und die Signale, die man wissenschafts-, islam- und migrationspolitisch aussendet, von größter Bedeutung. Damit wird auch ein wenig der Lebenswirklichkeit in Deutschland Rechnung getragen.

Islamische Zeitung: Wie wollen sie ihre Arbeit den Muslimen vermitteln? Es gibt ja beispielsweise ein gewisses Misstrauen, ob die inhaltliche Ausrichtung der bestehenden Lehrstühle dem mehrheitlichen islamischen Konsens entspricht, weswegen gerade Münster sehr umstritten ist…

Prof. Bülent Ucar: Wir haben historisch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Religion und Staat, wenn sie zu eng verknüpft sind, sich gegenseitig behindern und letztlich keinem von beiden geholfen ist. Daher haben sich in der Geschichte in Europa und auch weltweit verschiedene Modelle entwickelt, und ich glaube – und das sage ich nicht nur, weil ich in Deutschland geboren, aufgewachsen und Bürger dieses Landes bin, sondern auch aus Überzeugung – dass das hiesige Kooperationsmodell zwischen Staat und Religionsgemeinschaft viel Sinn macht, und das bedeutet für mich konkret, dass der freiheitliche, weltanschaulich neutrale Staat sich nicht an die Stelle einer Religionsgemeinschaft stellen und in deren Namen letztlich Religion definieren, bestimmen, verwalten, organisieren und kontrollieren darf, wie das beispielsweise in der kemalistischen Türkei getan wird. Das darf nicht sein, denn dann hätten wir keinen weltanschaulich neutralen Staat mehr, sondern einen Staat, der seine Grenzen überschreitet und in eine Sphäre eingreift, wie es ihm nicht zusteht. Da würde sich die Allgemeinheit über den Staat dazu erheben, religiöse Minderheiten zu dominieren. Daher hat man sich in Deutschland für ein Modell entschieden, in der es keine Staatskirche, aber auch keinen totalen Laizismus gibt, bei dem die Religion aus dem öffentlichen Leben weggedrängt und in die Privatsphäre verbannt wird. Vielmehr besteht in Deutschland ein Modell, bei dem der Staat in Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften Religionsunterricht an staatlichen Schulen anbietet und organisiert, der Staat sich allerdings nicht anmaßt, die Inhalte des Unterrichts zu bestimmen. Die Religionsgemeinschaft bestimmt den Inhalt des Religionsunterrichts und hat ein Mitspracherecht, letztlich ein Vetorecht bei der Einstellung der Lehrkräfte und der Hochschullehrer.

Dadurch ist eine gewisse Authentizität gewährleistet. Das Mitspracherecht der Religionsgemeinschaft garantiert, dass sich nicht etwas entwickeln kann, was keinen Rückhalt in der religiösen Community hat. Ob die muslimischen Verbände als Religionsgemeinschaften zu definieren sind, ist freilich eine Diskussion für sich und wird auf politischer beziehungsweise rechtlicher Ebene zu klären sein. Klar ist jedoch, dass diese Verbände definitiv viel mehr Muslime vertreten als manch eine Islamkritikerin, die in verschiedenen Islam-Gremien unterwegs ist. So wenig Alice Schwarzer in Deutschland die katholischen Christen vertreten kann, können diese die Muslime vertreten. Jeder vernünftige Beobachter des Islam und der Muslime in Deutschland, der die Hintergründe kennt, weiß dies im Grunde auch. Ich vermute, dass hinter der gegebenen Konstellation der deutschen Islam Konferenz beispielsweise gewisse Machtspielchen stehen, um ein politisches Gegengewicht zu dem traditionell-konservativen Kräften zu bilden. Was die Erfolgschancen für eine wirkliche Integration bei einer solchen Polarisierung betrifft, bin ich skeptisch. Daher sollte man sorgfältig differenzieren und nicht pauschalisieren, wie dies leider von beiden Seiten in den Medien oft getan wird.

Ich finde es wichtig, das bei meiner Anstellung an der Universität Osnabrück auch die beiden dortigen muslimischen Verbände SCHURA Niedersachsen und DITIB mitreden konnten. Die Rückkopplung an die Religionsgemeinschaft ist aus meiner Sicht von größter Bedeutung für die Akzeptanz bei den bekennenden Muslimen und ihren Kindern. Ein negatives Beispiel sind die Niederlande, wo der Staat versucht, Imame gänzlich ohne Einbeziehung der Muslime auszubilden, und die so Ausgebildeten daher von der muslimischen Gemeinschaft nicht akzeptiert werden. An dieser Stelle ist die Frage zu stellen, wer diese Imame nachher einstellen soll. Der Staat sollte daher in diesen Fragen sehr behutsam und sensibel sein, will er die Integration im Bereich der Religion wirklich ernsthaft voranbringen.

Islamische Zeitung: Es gibt ja unterschiedliche Modelle eines solchen Unterrichts in einzelnen Bundesländern. Welches Modell scheint Ihnen am zukunftsträchtigsten?

Prof. Bülent Ucar: Ich bin ein klarer Befürworter eines Religionsunterrichts nach Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes. Das heißt ein bekenntnisorientierter Religionsunterricht, ein Unterricht, der auf den Grundlagen der jeweiligen Religionsgemeinschaft und in Absprache mit diesen angeboten wird, weil ich denke, dass man nur so Authentizität und Glaubwürdigkeit vermitteln kann. Allerdings muss dieser Religionsunterricht so gestaltet sein, dass er auch kooperatives und interreligiöses Lernen in gemeinsamen Lerngruppen ermöglicht, an denen muslimische, christliche, jüdische Kinder oder auch solche mit eher nichtreligiösem Hintergrund teilnehmen können. Gleichzeitig halte ich aber eine starke eigene Identität und Selbstverortung für eine Bedingung für die Öffnung zum anderen und den Respekt dem anderen gegenüber. Nur jene, die zu sich selbst stehen, können auch Andere in ihrer Andersartigkeit stehen lassen und ohne vereinnahmen oder gleichmachen zu wollen akzeptieren und letztlich respektieren.

Islamische Zeitung: Was es in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten so gut wie nicht gibt, sind eigene islamische Schulen und Universitäten. Welche Chancen sehen sie dafür in Deutschland – ungeachtet dessen, dass deren Errichtung derzeit von den muslimischen Verbänden auch gar nicht vorangetrieben wird?

Prof. Bülent Ucar: Ich weiß nicht, ob die muslimischen Verbände personell und organisatorisch überhaupt in der Lage dazu wären, so etwas auf die Beine zu stellen. Das Hauptproblem in Deutschland ist, dass die muslimischen Organisationen in aller Regel personell nicht besonders gut aufgestellt sind, nicht nur im theologischen Bereich, sondern auch in Bereichen wie dem von Ihnen angesprochenen. Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf deren Tätigkeiten insgesamt. Ich habe einmal mit einem sehr hohen politischen Vertreter gesprochen und ihm gesagt, dass durch einige wenige repräsentative muslimische Schulen das Abendland sicher nicht untergehen würde. Ich denke persönlich, so wie es katholische, evangelische oder jüdische Schulen gibt, ist es auch eine Selbstverständlichkeit, dass es muslimische Schulen in diesem Land geben darf und aus meiner Sicht auch geben muss. Da darf man keine doppelten Standards setzen; Muslime haben genauso einen Anspruch auf konfessionell gebundene Schulen wie die anderen Religionsgemeinschaften. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise sind mindestens ein Drittel aller Grundschulen konfessionell gebunden. Allerdings meine ich, dass in dieser Phase, in der wir uns momentan befinden, wo die Muslime durch die Mehrheitsgesellschaft noch weitgehend als „Fremde“ wahrgenommen werden und sich auch selbst so empfinden, es der Integration der Muslime nicht besonders hilfreich wäre, wenn man muslimische Schulen zur Regel machen würde. Aber ich könnte es mir gut vorstellen, dass repräsentativ an bestimmten Standorten solche Schulen aufgebaut werden, die denselben wissenschaftlichen und pädagogischen Standards zu entsprechen haben wie die anderen konfessionell gebundenen Schulen. Ich finde es entwaffnend und geradezu heuchlerisch, hier gleich von Parallelgesellschaften zu sprechen und mit diesem Vorwurf zu hantieren. Ehrlichkeit im Umgang miteinander setzt Augenhöhe und gleiches Maß für alle voraus.

Islamische Zeitung: Von staatlicher Seite wird als Argument für einen Islamischen Religionsunterricht oft genannt, dass man dadurch die Kinder dem Einfluss der so genannten „Koranschulen“, also den Moscheen, entziehen wolle; und bei den universitären Lehrstühlen ist immer wieder von der Entwicklung eines „europäischen“ oder „integrierten“ Islam die Rede. Was sagen sie Muslimen, die dabei eine staatlich manipulierte Lehre des Islam befürchten?

Prof. Bülent Ucar: Nochmals, das was man in anderen Ländern kritisiert, wie in der Türkei, wo der Staat trotz des Laizismus-Prinzips Religion definiert, verwaltet und organisiert, darf man nicht im Namen des Kontrollwahns für sich in Deutschland beanspruchen. Der Staat hat weder das Recht, noch meines Erachtens nach die Möglichkeit, zu versuchen, über den Religionsunterricht eine neue Form des Islams zu schaffen. Dies steht dem Staat rechtlich nicht zu, auch wenn es manch ein etatistischer Ordnungspolitiker gern umsetzen würde. Allerdings ist es gleichzeitig eine Selbstverständlichkeit, dass wenn der Religionsunterricht an staatlichen Schulen angeboten wird, sich dieser auch öffnet, sich dialogisch-interreligiös ausrichtet, und dass dieser im Spannungsverhältnis zwischen säkularem Staat und Religionsgemeinschaft nicht gleichbedeutend sein kann mit einem Katecheseunterricht oder Gebetsunterricht, wie man ihn in den Moscheen anbietet. Es ist richtig, dass Muslime bestimmte Sensibilitäten haben, wenn sie solche Aussagen hören, aber es ist gleichzeitig richtig, dass die Rechtslage in Deutschland in diesem Bereich ganz klar ist. Da werden von beiden Seiten von bestimmten Ideologen Ängste und Ressentiments geschürt. Zum einen werden die Moscheegemeinden so dargestellt, leider nicht nur von einigen rechtsextremen und rechtspopulistischen Politikern, sondern auch von stark kemalistisch-laizistisch angehauchten türkischen Kulturmuslimen, als ob die muslimischen Gotteshäuser per se eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellten. Das ist mitnichten so. Es gibt sicherlich Moscheegemeinden, die ein äußerst gefährliches Gesinnungswerk vertreten und dies auch zu verbreiten suchen, und diese werden auch zu Recht vom Staatsschutz beobachtet. Eine wehrhafte Demokratie muss sich gegen ihre Feinde unabhängig von Weltanschauung oder Religionszugehörigkeit selbstverständlich mit allen rechtsstaatlichen Mitteln verteidigen. Die allermeisten Moscheegemeinden und Moscheebesucher sind aber genauso ordentliche und unbehelligte Bürger dieses Landes, wie es auch die katholischen oder evangelischen Christen und Kirchgänger sind. Ich kann an dieser Stelle nur vor einer Pauschalisierung warnen. Wir müssen viel stärker differenzieren und genauer hinschauen, diese allgemeinen Anschuldigungen helfen bei der Integration der Muslime nicht wirklich weiter. Sie vertiefen bestehende Gräben, statt für jene Brücken zu bauen, die einfach – um ein aus der Mode gekommenes Wort zu verwenden – fromm und religiös sind und gleichzeitig die demokratische Werteordnung dieses Landes teilen. Denn diese Muslime fühlen sich durch diese Form der Islamkritik in ihrer Identität angegriffen und schotten sich ab. Ich glaube, dass bei allen nicht zu verschweigenden Problemen das Verhältnis zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft an der Basis viel besser ist, als die Darstellung in den Medien.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Prof. Ucar, wir danken für das ­Gespräch.

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