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“IZ-Begegnung” mit Ralf Becker, Mitglied der christlichen Initiativegruppe für ein christliches Finanzsystem.

"Wir sind systemisch zinskritisch"

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(iz) Ralf Becker ist Mitglied im Fachbeirat des Regiogeldverbandes, dem derzeit 70 entsprechende Initiativen angehören, ist Vortragsreisender zum Thema Nachhaltige Finanzsysteme und Mitglied der christlichen Initiativegruppe, die im Oktober „9,5 Thesen gegen Wachstumszwang und für ein christliches Finanzsystem“ an der Frankfurter Paulskirche angeschlagen hat. Er lebt und arbeitet in einer christlich-ökumenischen Gemeinschaft in Wethen bei Kassel.

Die IZ sprach mit Ralf Becker über die christliche Kritik am derzeit herrschenden Finanzsystem, die der islamischen in vielem ähnlich ist.

Islamische Zeitung: Herr Becker, was gab für Sie persönlich den Anstoß, sich kritisch mit dem gegenwärtigen Finanzsystem auseinanderzusetzen?

Ralf Becker: Ich war von 1998 bis 2002 für die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ beim katholischen Hilfswerk Misereor zuständig und habe dort auf internationaler wie nationaler Ebene erkannt, wie auch in der Lokalen Agenda, dass zwar viel diskutiert wird, aber letztlich die Tendenz doch dahin ging, alle Probleme über wirtschaftliches Wachstum lösen zu wollen. Ich habe dann 2002 ein Sabbatjahr eingelegt aus der Erkenntnis, dass mein Engagement so keinen Sinn hatte. Und in diesem Jahr bin ich dann auf unser Zins- und Geldsystem als systemische Ursache für diesen Wachstumszwang gestoßen. Ich habe dann zum Beispiel die Initiative „Christen für gerechte Wirtschaftsordnung“ entdeckt, die sich auf Basis der Bibel und entsprechenden Aussagen zum Zins für die Erneuerung unseres Finanzsystems einsetzt.

Islamische Zeitung: Welche Ansätze lassen sich bei der Kritik am Finanz­system aus dem Christentum herleiten? Vielen ist ja heute beispielsweise das ursprüngliche christliche Zinsverbot gar nicht mehr bewusst…

Ralf Becker: Einerseits natürlich das, was in der Bibel zur Zinsfrage steht, zum anderen gibt es zum Beispiel die weltweite Kampagne „Erlassjahr 2000“, die ich mit konzipiert habe, wo sich ChristInnen aus über 50 Ländern der Erde für eine Entschuldung hoch verschuldeter Entwicklungsländer einsetzen und bei der wir uns auf die Erlassgebote der Bibel beziehen. Bei dieser Kampagne sind mir auch zahlreiche Dokumente zum Beispiels aus der katholischen Kirche bekannt geworden, wo die lateinamerikanische und die afrikanische Bischofskonferenz ihre Brüder und Schwestern in den Industrieländern aufgefordert haben, dringend etwas am Finanzsystem zu verändern, da dieses in ihren Ländern eben tatsächlich Menschenleben kostet. Ich berufe mich in meinem Engagement also auf Aussagen der Südkirche; und ähnliches gibt es auch aus dem Bereich der evangelischen und reformierten Kirchen. So hat etwa in Accra der Reformierte Weltbund ein Papier verabschiedet, in dem steht, dass das derzeitige imperiale System geändert werden muss, da es Menschenleben fordert.

Islamische Zeitung: Noch einmal zum Zinsverbot im Christentum. Können Sie dies etwas näher erläutern?

Ralf Becker: Es gibt gegenwärtig ­unter christlichen Theologen die sehr verbreitete Ansicht, dass das Zinsverbot in der Bibel sich nur auf eine agrarische Wirtschaft bezogen habe, und es deswegen heute zu vernachlässigen sei, obwohl das Zinsverbot im katholischen kanonischen Recht erst 1983 ganz herausgenommen worden ist. Bereits 1917 war es jedoch insoweit aufgeweicht worden, dass das Zinsnehmen weltlicherseits erlaubt wurde, nur kirchlicherseits war es noch verboten. Heute sagen aber Historiker, die sich mit der Bibel befassen, dass man sehr wohl nachvollziehen könne, dass sich das Verbot der Zinsnahme früher nur auf ein ganz enges Umfeld bezogen habe, dann jedoch nach und nach ­ausgeweitet wurde bis hin zu Jesus, der dann den Standpunkt der Thora bestätigte und noch erweitert hat, indem er gesagt hat, man solle von niemandem Zinsen nehmen.

Islamische Zeitung: Ist nicht gerade in Deutschland das Zinsverbot auch historisch belastet, da es mit Anti­semitismus in Verbindung gebracht wird?

Ralf Becker: Das ist sehr richtig. Es gibt seit rund 100 Jahren eine Bewegung in Deutschland, die sich auf einen zinskritischen Reformvorschlag von Silvio Gesell bezieht, der den Vermögenszins systematisch auf Null senken würde. Diese Bewegung, darunter zahlreiche Christen, die seit 50 Jahren in Deutschland versuchen, diese Idee umzusetzen, ist immer wieder angefeindet worden, sie sei antisemitisch. Gerade heute habe ich von der Regiogeld-Initiative Dreyecker im Raum Freiburg gehört, dass ihnen bei attac vorgeworfen worden sei, sie seien antisemitisch.

In Deutschland vermuten immer noch einige links denkende Menschen, dass im rechtsradikalen Spektrum anzusiedeln sei, wer zinskritisch argumentiert. Sie können nicht unterscheiden, dass wir im Unterschied zu Hitler systemisch zinskritisch sind und unsere Kritik nicht auf die Juden beziehen. Unserer Ansicht nach wurden die Juden von den Chris­ten jahrhundertelang zum Sündenbock gemacht, weil die Christen die dem ­Zinssystem an sich innewohnende ­Gefahr nicht wahrhaben wollten und ihr eigenes Unvermögen, Gottes ­Gebot zu folgen, auf die Juden projiziert haben.

Islamische Zeitung: Inwieweit sind denn die beiden großen Kirchen in Deutschland auch auf Leitungsebene an dieser kritischen Betrachtung interessiert und auch zu einer fundamentaleren Kritik, wie in den 9,5 Thesen, bei denen Sie ja mitgewirkt haben, bereit?

Ralf Becker: Das ist sehr differenziert zu sehen. Von den offiziellen Kirchenleitungen wurde das Thema bisher nicht aufgenommen. Wir haben von der Initiative 9komma5thesen.de im Dezember 2008 Briefe an alle Kirchenleitungen im deutschsprachigen Raum geschrieben. Der damalige Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz antwortete, dass er unsere Kritik ernst nehme und wir das Thema im Rahmen der christlichen Akademien diskutieren sollten, wo es ja auch schon seit geraumer Zeit ­diskutiert wird. Von der evangelischen Kirche, der EKD, kam ein doch eher ­ablehnender Brief, was wir uns denn heraus nähmen, mit dieser Aktion an die 95 Thesen von Martin Luther anzuknüpfen. Dennoch hat der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, in öffentlichen Diskussionen schon sehr klar gesagt, dass er wisse, dass dieses exponentielle Zinssystem auf keinen Fall noch sehr lange funktionieren könne. Allerdings hat er sich, wie viele andere, nicht wirklich damit auseinandergesetzt, was für Alternativen es gibt – weil er auch ein Diplomat ist und weiß, dass er von den eigenen Mitgliedern nicht mehr ­getragen würde, wenn er den Christen zumuten würde, da radikal anders zu denken. Es ist wirklich ein Thema, das Revolutionäre in der Kirche braucht. Der zuständige Referent für Finanz­fragen in der EKD ist sich dieser Problematik ebenfalls sehr bewusst und auch bereit, an der Tagung „Christen scheren aus dem gegenwärtigen Finanzsystem aus“ teilzunehmen, die wir im nächsten Jahr veranstalten. Das Katholisch-Soziale Institut in Bad Honnef veranstaltet schon seit fünf Jahren regelmäßig Tagungen zu diesem Thema, ebenfalls die Evangelische Akademie in Bad Boll.

Islamische Zeitung: Können Sie uns über das Projekt der 9,5 Thesen, dessen Hintergrund und die bisherigen Reaktionen darauf berichten?

Ralf Becker: Vier Mitglieder des Vereins Christen für gerechte Wirtschaftsordnung haben sich entschlossen, nicht nur Papiere und Aufsätze zu verfassen, sondern mit einer Aktion, die vielleicht auch in den Medien rezipiert wird, auf das Zinsgebot der Bibel und seine aktuelle Relevanz aufmerksam zu machen. Und da kam uns die Idee, am 30. ­Oktober, wo der Weltspartag und der Reformationstag am 31. Oktober so nah zusammen liegen, in Thesenform Chris­ten aufzurufen, sich mit diesem Thema wieder zu beschäftigen. Dabei wurde ganz bewusst aufgegriffen, dass Martin Luther mit seinen 95 Thesen gerade auch das Finanzgebaren der damaligen Kirche angegriffen hat, wie etwa den Ablass­handel. Mit dem Zinsthema haben wir als Christen bis in den Kernbereich der Finanzkrise hinein etwas zu sagen, wenn wir nur unsere eigene Botschaft ernst nehmen.

In den Thesen zitieren wir zum einen relevante Bibelstellen und zum anderen rufen wir ChristInnen und christliche Kirchen auf, bereits bestehende Alterna­tiven zu nutzen oder zu schaffen, von der Vergabe zinsfreier Darlehen im persönlichen Umfeld und innerhalb von Kirchengemeinden, über zinsfreie Geld­anlagen christlicher Banken, der Beteiligung an zinsüberwindenden Regionalwährungen bis hin zur Schaffung einer eigenen zinsfreien Währung im kirchlichen Raum. Wir haben einerseits ermutigende Reaktionen von einigen Bischöfen erhalten, aber auch andere, die sagten, unsere Aktion sei Nonsens. Dann haben wir am 30. Oktober die Aktion in Frankfurt gestartet. Wir haben Interesse von zahlreichen kirchlichen Medien und einzelnen ChristInnen erhalten, die das Thema aufgegriffen haben. Zwar sind von Seiten der Kirchen die Reaktionen insgesamt bisher eher verhalten, aber immerhin haben wir eine Einladung zum nächsten Ökumenischen Kirchentag erhalten, wo es ein Podium unter anderem mit Norbert Walter, dem Chefvolkswirt der Deutschen Bank, und einem Vertreter unseres Initiativkreises geben wird.

Islamische Zeitung: Können Sie den Ansatz, der hinter den Regiogeld-­Initiativen steht, und den Stand dieser Initiativen in Deutschland kurz darstellen?

Ralf Becker: Regiogeld-Initiativen sind ab 2001 entstanden, in der Zeit der Umstellung von der D-Mark zum Euro, wo viele Menschen gemerkt haben, dass sie eigentlich die Hoheit über die Gestaltung des Geldes nun an eine noch größere Ebene abgeben. Wir begrüßen, dass der Euro geschaffen wurde, weil ­jedes Geld auch eine Identität einer ­Gemeinschaft unterstützt, in diesem Fall die der Europäer. Aber gleichzeitig ­haben wir ein Instrument aus der Hand ­gegeben, die Wirtschaft mittels des ­Geldes selbst zu beeinflussen. Innerhalb weniger Jahre sind sehr viele Initiativen entstanden – heute sind es 70, die sich im Verband Regiogeld.de zusammen­geschlossen haben.

Davon haben 30 in ihrer Region schon ein neues Geldsystem eingeführt, sei es mit Bargeldnoten, sei es mit elektronischen Geldsystemen, in denen mit Karten bezahlt werden kann. 70 bis 80 Prozent der InitiatorInnen dieser Projekte ist seit über zehn Jahren bewusst, dass es aufgrund des exponentiellen Zins- und Zinseszinswachstums immer wieder zum Platzen von Finanzblasen kommen muss. Sie wissen, dass man etwa mit der Einführung von Umlaufsicherungsgebühren auf Bar- und Girargeld auf marktwirtschaftlichem Wege den langfristigen Zinssatz auf Null drücken kann, oder zumindest unterhalb der Wachstumsrate der jeweiligen Wirtschaft. Und weil sie merken, dass die Europäische Zentralbank und die Deutsche Bundesbank nichts von diesen Ideen umsetzen, haben sie erkannt, dass sie selbst es sind, die dieses neue Geldsystem und ein verändertes Zinssystem in die Wirklichkeit bringen müssen. Diese Menschen haben in ihren jeweiligen Regionen dann begonnen, neues Geld auszugeben. Einerseits, um einen Bildungseffekt zu erreichen, dass Menschen sich mit unserem Finanzsystem auseinandersetzen. Wenn Menschen selbst ein Geldsystem betreiben, dann begreifen sie, wie Geld funktioniert und was dahinter steckt. Zum anderen verknüpft Regiogeld die Zinskritik mit der Schaffung und Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe.

So sind in Regiogeldsystemen immer auch soziale und ökologische Werte mit enthalten. Regiogeld bringt also Menschen in einem Netzwerk zusammen, die auf einer anderen Wertebasis miteinander wirtschaften möchten als dies beim Euro möglich ist.

Wir erleben seit Beginn der Regiogeld-Initiativen, wo insbesondere der Chiemgauer als erfolgreiches Modell in allen Medien rezipiert worden ist, vom Fernsehen bis hin zu Finanz- und Wirtschaftszeitungen eine breite Resonanz.

Islamische Zeitung: Ist es manchmal schwierig, Menschen zu vermitteln, warum Zins schlecht ist, da er für viele ja völlig selbstverständliche Normalität ist?

Ralf Becker: Es ist eindeutig ein ­Tabuthema, auf das Menschen und Medien zunächst einmal perplex reagieren. Es beginnt so etwas wie eine Ahnung, dass die Krise auch mit so grundlegenden Dingen wie dem Zins zu tun haben kann. Und es gibt viele Vorbehalte, weil viele Menschen auch Angst haben, dass wir gleich unser gesamtes Wirtschaftssystem über Bord werfen müssten. Und unsere Marktwirtschaft, die ja schon eng mit dem Zins verknüpft ist, ist ja anschei­nend sehr erfolgreich. Sie hat uns Wohlstand gebracht. Viele Menschen haben Angst, dass diese Marktwirtschaft mit einer Veränderung im Zinssystem durch ein planwirtschaftliches System ersetzt werden müsste – das ist aber gar nicht der Fall.

Islamische Zeitung: Sie erwähnten bereits, dass es durchaus Gemeinsamkeiten mit aus dem Islam begrün­deter Kritik des Finanzsystems gibt. Haben Sie Kontakte zu in diesem Bereich ­aktiven Muslimen?

Ralf Becker: Wir haben insbeson­dere im Verein Christen für gerechte Wirtschaftsordnung schon seit Jahrzehnten engen Kontakt zur muslimischen Welt und ihrer Art, das Zinsverbot umzu­setzen; da gibt es eigene Broschüren und die muslimischen Antworten werden auch in Büchern stark rezipiert und sind uns sehr bewusst. Wir sind mit Einzel­personen, die dort aktiv sind, seit ­Längerem in engem Kontakt und haben sie auch zu Tagungen eingeladen – zum Beispiel Herrn Ibrahim El-Zayat, den Präsidenten der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland. Mittlerweile ­berichten ja auch unsere Medien über das ­Islamic Banking.

Wir können von der Denkweise lernen, Menschen am Risiko von Unternehmen zu beteiligen, in das Geld investiert wird, statt unabhängig vom Erfolg des Unternehmens Zins zu fordern, egal welche Wirtschaftsentwicklung stattfindet. Wir können uns von Muslimen erinnern lassen, dass das Zinsthema etwas mit unserem Glauben zu tun hat. Es ist wertvoll, dass wir uns in der Krise als gläubige Menschen zusammentun und sagen können, aus unserem Glauben ­heraus möchten wir etwas anderes ­umsetzen – etwas anderes als das der­zeitige Zinssystem, das über seinen ­inhärenten Wachstumszwang die Welt gefährdet.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Becker, vielen Dank für das ­Gespräch.

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