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“IZ-Begegnung”: Wie sehen Österreichs Muslime die Beziehungen in ihrem Land? Antworten von IGGiÖ-Präsident Schakfeh

"Eine bessere Presse als in Deutschland"

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(iz). Selbst beim großen Nachbarn Deutschland, ansonsten schon lange nicht mehr zimperlich, wenn es um einen eher herben Umgang mit Muslimen in der Öffentlichkeit geht, haben die Wahlkampfslogans einer rechtskonservativen österreichischen Lokalpolitikerin für Ablehnung gesorgt. Jenseits der emotionalen Aufladung eines Vorgangs, an der am allerwenigsten die Muslime im Land zwischen Alpen und Donau ein Interesse haben dürften, wollten wir wissen, wie Österreichs Muslime mit der Provokation umgehen und wie sie ihr Verhältnis zur Gesamtgesellschaft sehen. Aus diesem Grund sprachen wir mit dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Anas Schakfeh. Die derzeitige Amtsperiode von Schakfeh geht am 31. Juni zu Ende. Er hatte im Vorfeld bereits angekündigt, dass er für eine weitere Amtsperiode nicht mehr zur Verfügung steht. Anas Schakfehs Grundeinschätzung des Verhältnisses der österreichischen Muslime zur Gesamtgesellschaft bleibt trotz der jüngsten Entgleisungen weitestgehend positiv.

Islamische Zeitung: Durch die jüngsten Äußerungen der FPÖ-Politikern Winter im Grazer Lokalwahlkampf ist das Verhältnis zwischen der österreichischen Politik und den Muslimen Ihres Landes auch jenseits der Grenze in den Blickpunkt geraten. Können Sie uns Ihre Einschätzung der aktuellen Lage in Österreich geben?

Anas Schakfeh: Die Beziehungen zwischen der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) und der Politik, beziehungsweise das Verhältnis zwischen beiden, ist nach wie vor gut. Die Äußerungen von Frau Winter haben diese Beziehung nicht beeinträchtigt. Vielmehr ist klar geworden, dass es sich dabei um eine Randerscheinung handelt. Die großen Volksparteien – die ÖVP und die SPÖ, die jetzt in einer großen Koalition gemeinsam regieren -, aber auch die GRÜNEN haben die Aussagen von Frau Winter scharf verurteilt und zurückgewiesen. Sie standen sogar auf unserer Seite. Die zweite rechtsgerichtete Partei, die BZÖ, hat auch gegen die Auslassungen von Frau Winter protestiert und diese zurückgewiesen. Insgesamt kann man sagen, dass die Beziehungen zur österreichischen Politik immer noch ausgezeichnet sind.

Islamische Zeitung: Aus der FPÖ waren bereits in der Vergangenheit verunglimpfende Stellungnahmen in Sachen Islam und Muslime zu hören. Steht die Grazer Politikerin für die Mehrheit ihrer eigenen Partei, oder stellt sie selbst bei den Rechten eine Ausnahme dar?

Anas Schakfeh: Die österreichischen Medien sprechen von einer Kerngruppe innerhalb der FPÖ. Diese wird auch mit dem Begriff der „national denkenden Parteigänger“ bezeichnet. Derartige Tendenzen lassen sich am wahrscheinlichsten dort finden. In den vergangenen Tagen hat FPÖ-Chef Strache die Aussagen Winters [die übrigens mit ihrer verleumderischen Rhetorik keinen Wahlerfolg in Graz erzielten konnte, Anm. d. Red.] relativiert und einen kleinen Rückzieher gemacht. Die Auslassungen seiner Parteikollegin seien „zugespitzt“ gewesen und man solle sie auch nicht in dieser Form derart formulieren. Diese Position identifizieren wir als eine Reaktion auf die Mehrheit der Bevölkerung. Umfragen haben ergeben, dass bei einer Mehrheit die Positionen, wie sie von Frau Winter vertreten wurden, als „inakzeptable Entgleisung“ verstanden werden – das antworteten ungefähr 70 Prozent der Befragten. Die rechtsgerichtete Politik, vertreten durch Herrn Strache, hat deshalb auch einen kleinen Rückzieher gemacht.

Islamische Zeitung: Handelt es sich bei den verunglimpfenden Aussagen der FPÖ um eine im eigentlichen Sinne ideologische Haltung innerhalb der Partei, oder haben wir es hier mit einem wahltaktischen Populismus zu tun, der Wählerstimmen gewinnen will?

Anas Schakfeh: Sowohl als auch; die FPÖ zieht, wie wir wissen, Protestwähler an sich, aber es gibt auch einen harten Kern. In dem finden sich die erwähnten „national Gesinnten“ wieder, die an der Menge der nicht-einheimischen Menschen keine Freude haben. Verbindendes Element ist auch die Fremdenfeindlichkeit, und der Islam wird daher von jener Gruppierung innerhalb der FPÖ als „Religion der Fremden“ betrachtet. Hinzu kommt natürlich ein gewisses Maß an Populismus. Die Ursache ist daher meiner Meinung zweiteilig: einerseits ein Anteil an Fremdenfeindlichkeit und andererseits ein Anteil an demagogischem Populismus.

Islamische Zeitung: Wie haben Sie die Reaktion der österreichischen Gesamtgesellschaft auf den Vorgang wahrgenommen, der ja auch in Deutschland hohe Wellen geschlagen hat?

Anas Schakfeh: Die österreichische Gesellschaft hat sich als eine demokratische und liberale Gesellschaft bewährt. Mehrheitlich wurden diese Entgleisungen zurückgewiesen. Die Vertreter und Institutionen der Zivilgesellschaft – unabhängig, ob es sich dabei um Parteien oder Kirchen gehandelt hat – haben sich insgesamt zu Wort gemeldet und mit uns solidarisiert. Einige von ihnen haben wegen der Auslassungen Winters sogar Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Wenn wir wissen, dass die evangelischen Kirchen von Graz und Wien, aber auch Parteien, Strafanzeigen erstattet haben, dann können wir sagen, dass hier ein Wind weht, der sehr liberal und tolerant ist.

Islamische Zeitung: Sie haben gesagt, dass sich die anderen Parteien distanziert haben…

Anas Schakfeh: Nicht nur distanziert, sondern auch scharf verurteilt. Es gab eben auch Strafanzeigen von Seiten der Parteien gegen Frau Winter.

Islamische Zeitung: Einmal abgesehen davon, dass aus den Reihen der FPÖ regelmäßig demagogische Äußerungen kamen, hat es ähnliches auch auf Seiten der ÖVP gegeben?

Anas Schakfeh: Eine große Volkspartei wie die ÖVP hat mehrere Fraktionen oder Strömungen. Es gibt sicherlich eine konservative Strömung, die nicht in dieser Schärfe fremdenfeindlich ist, aber in letzter Zeit versucht, sich zu artikulieren und zu kritisieren, dass es „viele Fremde“ oder „Ausländer“ gebe. Das entspricht aber nicht der gesamten ÖVP, sondern nur einem ihrer Segmente und ist in dieser Partei auch nicht bestimmend.

Islamische Zeitung: Wie schätzen Sie die Verbreitung des Ressentiments gegen Muslime und „Ausländer“ in der österreichischen Bevölkerung ein?

Anas Schakfeh: Wir können sicherlich von 16 bis 17 Prozent des gesamten Wählerpotenzials sprechen. Diese Menge teilen sich zwei Parteien: die FPÖ und die BZÖ. Beide Gruppierungen konkurrieren um jenes Stimmenpotenzial, wobei man nicht behaupten könnte, dass alle Wähler beider Parteien von vornherein fremdenfeindlich seien. Man kann aber das fremdenfeindliche Segment der österreichischen Gesellschaft auf diese beiden Parteien eingrenzen.

Islamische Zeitung: Bestehen Ihrer Ansicht nach Unterschiede zwischen der FPÖ und der BZÖ?

Anas Schakfeh: Die FPÖ ist aggressiver, während die BZÖ etwas zurückhaltender ist.

Islamische Zeitung: Wie würden Sie die Islam-Berichterstattung in den österreichischen Medien bewerten? Bei den deutschen Medien drängt sich nicht selten der Eindruck auf, dass sie tendenziell eher negativ ist, auf jeden Fall aber in einem negativen Kontext geschieht.

Anas Schakfeh: Wenn ich einen Vergleich anstellen darf, dann muss ich beim jetzigen Fall Winter sagen: Alle Achtung vor den österreichischen Medien! Es gab kein Medium, egal ob Printmedium oder elektronisch, das sich mit diesen Äußerungen angefreundet hätte. Unisono haben alle Medien diese Entgleisungen verurteilt. Insgesamt wird es ab und zu in dem einen oder anderen Medium eine negative Meldung geben, wenn etwas passiert. Das steht allerdings nicht für die Mehrheit der Medien und die Hauptlinie der Berichterstattung in diesem Land. Wir haben in dieser Hinsicht eine bessere Presse als in Deutschland. Wir müssen zufrieden sein, denn wir wissen, dass wir in einem offenen und freien Land leben. Natürlich gibt es dann eben auch kritische Stimmen. Wir können das akzeptieren und müssen uns damit auseinandersetzen. Nicht jede kritische Äußerung sollte zu einer Anfeindung führen. Wir sagen: „Kommt, wir diskutieren, was ihr zu kritisieren habt.“ Wenn es sich dabei nicht um Voreingenommenheit oder eine offenkundige Provokation handelt, dann kann man darüber reden und miteinander diskutieren.

Islamische Zeitung: Wir können Ihren Worten entnehmen, dass Sie sich als Ansprechpartner von Politik und Medien ernst genommen fühlen?

Anas Schakfeh: Das auf jeden Fall. In diesem Land, ja!

Islamische Zeitung: Hängt das auch mit dem rechtlichen Status zusammen, den Ihre Glaubensgemeinschaft in Österreich innehat?

Anas Schakfeh: Das auch. Das Zusammenleben und Wirken der Muslime in dieser Gesellschaft ist nicht neu. Wir sind ständig im Austausch mit der Zivilgesellschaft und daher auch nicht unbekannt.

Islamische Zeitung: Was sehen Sie als wichtigste Aufgaben und Ziele der IGGiÖ in der nächsten Zeit an?

Anas Schakfeh: Wir von der Islamischen Glaubensgemeinschaft sind natürlich keine politische Partei, sondern eine Verwaltung der religiösen Angelegenheiten der Muslime. Deshalb behandeln wir Themen, die manchmal auch gesellschaftspolitisch wichtig sind. Für uns ist es wichtig, dass sich die Muslime in diesem Land – aber auch in ganz Europa – integrieren. Natürlich unter Beibehaltung des Glaubens und der freien Praktizierung ihrer Religion; das ist wichtig. Dafür arbeiten wir. Selbstverständlich ist die Integrationsdebatte wie überall in Europa sehr aktuell. Zuletzt haben wir mit den führenden Kirchen und Religionsgemeinschaften in diesem Land ein gemeinsames Integrationspapier vorgelegt. Das Innenministerium hat am 21. Januar einen Integrationsbericht veröffentlicht und einige Forderungen der Kirchen und Religionsgemeinschaften sind in diesem Bericht berücksichtig worden. Das ist ein voranschreitender Prozess, bei dem wir weiterhin aktive Mitarbeit leisten wollen.

Islamische Zeitung: Wie sieht es mit den islamischen Schulen in Österreich aus?

Anas Schakfeh: Wir haben kein Problem mit dem Religionsunterricht. Seit dem Schuljahr 1982/83 wird dieser an den öffentlichen Schulen angeboten und die Islamische Glaubensgemeinschaft ist für diesen Religionsunterricht zuständig. Wir haben bei den Schülern und Schülerinnen eine jährliche Wachstumsrate von 8 bis 10 Prozent, die diesen Religionsunterricht besuchen. Wir haben eine Ausbildungsstätte für die dafür benötigten Lehrer und Lehrerinnen, und mittlerweile gibt es einen Studiengang für die islamische Pädagogik an der Universität Wien. Wir hoffen, dass es in absehbarer Zeit einen Lehrstuhl für Islamische Theologie an der Universität Wien geben wird.

Islamische Zeitung: Herr Schakfeh, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Webseite: www.derislam.at

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