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Kommt der Terror aus der Moderne?

Rezension über John Grays "Die Geburt Al-Qaidas aus dem Geist der Moderne"

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(iz). Im Westen gibt es schon seit längerem eine Reflexion über den Zusammenhang zwischen der Moderne und dem Terrorismus. Die neuzeitliche islamische Ideologie wird dabei als eine einseitige Übersetzung der islamisch-ganzheitlichen Lebenspraxis ins ausschließlich Politische gedeutet. Über Jahrhunderte hatte der Islam zwar eine politische Dimension, war aber durch die soziale und ökonomische Realität gemäßigt und fern jeder „Vernichtungsphantasie“.

Die modernen Ideologien haben aber dann auch den Islam infiziert und ihn verändert. Zweifellos haben und hatten einige der muslimischen Protagonisten der neuen Ideologie sich ihre totalen Denkformen in den Studierstuben der westlichen Politikwissenschaften angeeignet. Der Islam als eine gesellschaftliche Bewegung der Massen war geboren. Aber natürlich ist auch auf einer profaneren Ebene dem heutigen Terrorismus nachzuweisen, dass es sich kaum um eine mittelalterliche Denkschule handelt. Vielmehr sind Terroristen heute ganz augenscheinlich modern, versenden E-Mails und nutzen das Internet.

Terroristen sitzen nicht nur an ihren Laptops, sie sind ausgefeilte Techniker und finanzieren ihre technokratischen Operationen mit harten Dollars. Ihre Modernität zeigen sie auch dadurch, dass sie in der Auslegung des Islam, wenn sie denn überhaupt praktizieren, durchaus flexibel sind. Gleichwohl trifft die Bezeichnung des „Islam-Faschismus“, wie Sonja Hegasy in der FAZ schreibt, nicht den Kern und verfehlt die geschichtliche Aktualität der Begegnung mit dem islamischen Terrorismus. Zweifellos ist der Terrorismus der Al-Qaida ein Angriff auf das System und die westlichen Werte, aber sie sind ohne das Phänomen der Globalisierung doch eher undenkbar. Sie gehören de facto in dieses Jahrhundert. Neuere Publikationen weisen daher immer wieder auf die Denkverwandtschaften der modernen und totalen Denkformen hin.

Viel beachtet ist beispielsweise „Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne“ von John Gray. In seiner brillanten Analyse will Gray nachweisen, dass der Mythos der Moderne – der Glaube an Wissenschaft und Technik, freien Markt und Demokratie als Heilsversprechen für die Welt – den Terrorismus als Zwilling hervorbringt. Diese These ist nach den Foltertatbeständen im Irak mehr als aktuell: Ist der private Söldner, der einen Iraker foltert, nicht auch ein – wenn auch legaler – Terrorist? Würde man diesen Söldner befragen, würde er sich wohl auf seine Ziele berufen und den modernen Gedanken, dass „der Zweck die Mittel heiligt“. Eine Gedankenbewegung, die auch der Al-Qaida Kämpfer in seiner Totalität kaum anders formulieren würde.

Auf gut 150 Seiten versucht Gray in seinem Essay, den eingefahrenen Diskurs um die Machenschaft der Terroristen neu zu beleben. Vor allem im Glauben in die Machbarkeit und im zynischen Ideal „dass die Welt nach der Vernichtung des Feindes besser sei“ erkennt Gray modernes Denken. Der sich formende Weltsstaat erreicht seine planetarischen Ziele gerade im Zusammenspiel mit dem Terrorismus, der die Vorlage liefert für die Überwindung des Völkerrechtes und die Etablierung eines weltumfassenden Ausnahmerechts. Je mehr er als politische Form total sein will, desto eher bringt auch er Formen des Terrors hervor.

John Gray Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne Kunstmann, März 2004 Gebundene Ausgabe, 153 Seiten ISBN: 3-888-97355-4 Preis: EUR 26,80

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