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IZ-Gespräch: Aus der Arbeit eines Düsseldorfer Kontaktbeamten

Brücke für Polizei und Muslime

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(iz). Muslime, Migranten und die Polizei. Unter diesem Schlagwort haben die wenigsten ein positives Bild, sondern insbesondere seit dem 11. September 2001 und der folgenden Aufmerksamkeit in Sachen Innerer Sicherheit oft ein problematisches Bild vor Augen. Auch nach den Vorgängen um die so genannte „Jugendkriminalität“, die mit jungen Migranten und Muslimen in Verbindungen gebracht wurde, scheint diese Beziehung alles andere als entspannt zu sein. Um mehr darüber zu erfahren, sprachen wir mit dem Düsseldorfer Polizeibeamten Dirk Sauerborn. Dirk Sauerborn ist Kontaktbeamter und Ansprechpartner für Interkulturelle Angelegenheiten im Polizeipräsidium Düsseldorf. Dazu gehört auch der Kontakt zu den Düsseldorfer Muslimen und Moscheegemeinden. Sauerborn organisiert und moderiert den Runden Tisch „Polizeipräsident – Vertreterinnen und Vertreter muslimischer Vereine und Gemeinden“ und nimmt auch polizeiintern Beratungsaufgaben zum Umgang mit Muslimen und Migranten wahr; daneben ist er im Leitungsstab für Öffentlichkeitsarbeit tätig.

Islamische Zeitung: Können Sie Ihren Tätigkeitsbereich ein wenig umschreiben? Welche Aufgaben haben Sie speziell hinsichtlich der muslimischen Bevölkerung?

Dirk Sauerborn: Der damalige nordrhein-westfälische Innenminister Dr. Behrens hat 2004 gesagt, dass wir die Kontakte zu den in NRW lebenden Muslimen und ihren Gemeinden stärken sollen. Polizeibehörden in den Städten und Landkreisen sollten einen Mitarbeiter vorhalten, der genau diese Kontakte pflegen soll. Im Jahre 2004 erfolgte dann die Einrichtung des Islambeauftragten der Polizei, wie er damals noch hieß. 2005 wurde diese Funktion umbenannt, was ich auch gut finde, denn ich fühle mich auch eher als Kontaktbeamter, als jemand der Brücken zwischen der Polizei und muslimischen ­Mitbürgerinnen und Mitbürgern baut. Unsere Aufgabe ist es ja nicht in erster Linie, über Religion und Kultur zu ­sprechen, sondern es geht uns um Sicherheitsfragen. Und dabei geht es uns um jeden Bürger und jede Bürgerin, egal welchen kulturellen oder religiösen ­Hintergrunds. Wir haben allerdings festgestellt, dass die Kontakte zu den muslimischen Gemeinden und einzelnen muslimischen Mitbürgern verbessert werden können durch einen speziell ausgebildeten Polizisten, der sich natürlich durch Fortbildung auch interkulturelle Kompetenz angeeignet hat, der auch mitreden kann, wenn es um kulturelle und religiöse Fragen geht, der bestimmte Dinge einfach akzeptiert. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Polizisten, die eine Moschee besuchen und in den Moscheeraum gebeten werden, müssen eben ihre Schuhe ausziehen. Wenn ich darüber mit Kollegen spreche, gibt es immer wieder den einen oder anderen, der das unangenehm findet und nicht möchte. Wenn man auf der anderen Seite zum Beispiel bei der Straftatverfolgung eine Familie oder auch eine Moschee besucht, wenn Not und Eile gegeben ist, geht dies nicht. Aber diese Sensibilität muss bei Kollegen und Kolleginnen ­einfach da sein, insbesondere natürlich bei Kontaktbeamten für muslimische Einrichtungen. Unsere Aufgabe ist es, Kontakte zu muslimischen Gemeinden aufzunehmen und zu pflegen. In Düsseldorf haben wir etwa 20 Moscheen, und bei den meisten davon werde ich vorstellig. Bei 20 Gemeinschaften ist es schwierig, den Kontakt zu allen ganz regelmäßig zu pflegen. Wir bedienen uns dabei auch unserer Bezirksbeamten, die unmittelbar vor Ort und dezentral wirken und sich vor Ort um die Moscheen kümmern. Durch meine Tätigkeit im Leitungsstab habe ich eine enge Anbindung an unseren Polizeipräsidenten, der diesen Aufgabenbereich auch als sehr wichtig ansieht. Ich betreue auch den Runden Tisch zwischen dem Polizeipräsidenten und den muslimischen Gemeinden, der im Jahre 2001 nach den Anschlägen vom 11. September eingerichtet wurde. Wir wissen, dass es Vorbehalte gegenüber Muslimen gibt. Wir wissen aber auch, dass der allergrößte Teil der Muslime in Deutsch­land mit unserem Rechtsstaat kon­form ist und jedweden Terrorismus und Anschläge absolut ablehnt. Wir möchten, dass die Muslime nicht das Ge­fühl haben, dass ihnen die Verantwortung für solche Dinge zugeschoben wird, mit denen sie nichts zu tun haben wollen. Der neue Polizeipräsident Herbert Schenkelberg hat den „runden Tisch“ mit mehr Inhalten gefüllt, wobei unter anderem die Düsseldorfer Erklärung der Moscheevereine entstanden ist. Herr Schenkelberg, der 2006 aus Essen kam, hatte im Rahmen eines anderen Dialogkreises an einer ähnlichen Erklärung, der „Essener Erklärung“, mitgewirkt, die von vielen Vereinen gezeichnet worden ist.

Islamische Zeitung: Es entsteht der Eindruck, dass Muslime insbesondere seit dem 11. September ein stärkeres Interesse seitens der Sicherheitsbehörden und der Polizei weckten. Geht es dabei vor allem um Muslime als potenzielles Sicherheitsrisiko?

Dirk Sauerborn: Die Erklärung wurde den Düsseldorfer Vereinen auch insbesondere mit Blick auf die nichtmuslimische Bevölkerung angeboten, um sehr deutlich zu machen, dass die Muslime sich zum einen distanzieren, aber auch das eine oder andere anzumerken haben. Zum einen geht es darum, zu sagen, „wir wollen mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten und sind uns unserer Verantwortung bewusst“ – übrigens wie alle anderen hier in Deutschland lebenden Menschen auch, das war denen, die diese Erklärung erarbeitet haben, auch wichtig. Zum anderen war es der Wunsch der Muslime, einiges anzumerken, zum Beispiel dass es Defizite in der Medienberichterstattung gibt, und teilweise auch eine eingefärbte Berichterstattung, die Muslime in ein schlechteres Licht rückt. Es wurde recht kontrovers diskutiert, ob es überhaupt eine solche Erklärung geben solle. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass viele Moscheegemeinden die Erklärung ganz bewusst in ihrem Eingangsbereich ausgehängt haben und sagen, dass sie froh seien, dies unterschrieben zu haben, weil man damit der teilweise zweifelnden Bevölkerung zeigen könne, dass Sicherheit ihnen ein ganz wichtiger Begriff ist und man sicher mit allen in Düsseldorf lebenden Menschen zusammenwirken will. Es geht um Vertrauensbildung. Als es in einem Stadtteil bei einem Moschee-Neubau Vorbehalte von Anwohnern gab, konnte der Verein selbstbewusst sagen, dass er Mitglied des Runden Tisches ist und die Erklärung mit unterzeichnet hat. Man kann nicht oft genug betonen, dass wir mit den meisten Muslimen hier in Düsseldorf keine Probleme haben. Dass es auch Problemfälle gibt, ist uns glaube ich allen bewusst. Und daran wollen wir arbeiten. Es geht zum Beispiel um Bereiche, wo es unter Umständen „Hass­prediger“ gibt und wo Rekrutierung stattfindet. Wir wollen aber auch eine Brücke in andere Bereichen schlagen. Ein Beispiel dafür: Man hat bei Untersuchungen im Bereich der Verkehrssicherheit festgestellt, dass Menschen mit tür­kischem Migrationshintergrund ein schlechteres Anschnallverhalten aufweisen, insbesondere bei Kindern. Das Ergebnis war, dass die Unfallfolgen sich bei diesen Kindern als erheblicher erwiesen als bei Kindern, die richtig angeschnallt waren. Es ist daher wichtig, mit verkehrserzieherischen Maßnahmen auf die Moscheevereine zuzugehen und so die Eltern zu erreichen. Wir haben zwar auch Verkehrserziehung an den Schulen, doch da erreichen wir nur die Kinder. Wir wollen aber auch die Eltern erreichen. Diesbezüglich arbeiten wir derzeit an Konzepten. Oder auch Drogenberatung, häusliche Gewalt – es gibt eine ganze Menge an Themenfeldern. Kürzlich haben wir in einer Moscheegemeinde einen Film zur Kriminalprävention gezeigt, der auch darstellt, in welchen Feldern wir als Polizei agieren und welche Hilfen wir geben können.

Islamische Zeitung: Nach 2001 gab es unschöne Erfahrungen, die Muslime machen mussten, etwa wenn Moscheen auf recht rabiate und unsensible Weise durchsucht wurden…

Dirk Sauerborn: Uns ist es wichtig, bevor wir polizeiliche Maßnahmen er­grei­­fen, sehr genau die Erforderlichkeit zu prüfen. Ich kann jetzt nicht aus der Ferne überprüfen, inwiefern diese Einsätze im Einzelnen notwendig gewesen sind. Ich würde mir wünschen, dass wir alle in der Vorbereitung von solchen Einsätzen möglichst kultursensibel vorgehen und schauen, wie man es hinbekommt, dass die Betroffenen so wenig wie möglich in ihren Rechten eingeschränkt werden. Dabei kann uns ein solcher Kontaktbeamter helfen, oder Personal mit Zu­wanderungshintergrund. Darum werben wir sehr intensiv. Und wir schulen mittlerweile auch sehr intensiv in Fortbildungen im Bereich interkulturelle Kompetenz und Verhaltenstraining. Es geht um die interkulturelle Öffnung der Polizei.

Islamische Zeitung: In den letzten Jahren werden Muslime zunehmend als solche gesehen, nicht mehr nur als Migranten. Welche Rolle spielt diese Differenzierung in Ihrer Arbeit?

Dirk Sauerborn: Meine Funktion als interkultureller Ansprechpartner gibt es seit 2001, meine Aufgabe ist die Kontaktpflege zu Migrantenvereinen, egal ob es muslimische Vereine sind, Spätaussiedlervereine oder andere. Wir machen da keinen Unterschied. Ich habe auch sehr gute Kontakte zu einem russischsprachigen Verein, zu kroatischen Vereinen und so weiter. Wir wollen nicht aus der Gruppe der Migranten eine herausnehmen und den Fokus nur auf diese legen, sondern mit unseren Kontakten in die Breite gehen. Es geht einfach darum, einen Beamten vorzuhal­ten, der zu Zuwanderern regelmäßig Kon­takt hält. Es geht also nicht nur um Muslime. Muslime sind uns aber auch deshalb wichtig, weil sie organisiert sind, vielfach in Vereinen und Moscheegemeinden, und wir versuchen, die Moscheen gezielt anzusprechen, auch die Jugendlichen. Unser Ziel ist es, dass wir alle sicher in diesem Land leben, mit weniger Straftaten und weniger Verkehrsunfällen.

Islamische Zeitung: Wie werden Sie in den Moscheegemeinden oder bei Veranstaltungen aufgenommen?

Dirk Sauerborn: Es braucht zum Teil relativ lange Zeit, um Vertrauen aufzubauen, gerade gegenüber der Polizei, das habe ich auch lernen müssen. Menschen aus der Türkei oder Marokko haben mir gesagt, dass das Bild der Polizei in ihren Herkunftsländern ein ganz anderes ist. Diese Prägung haben sie auf das Bild von der deutschen Polizei übertragen, und sie haben mir selbst gesagt, dass sie lange gebraucht hätten, bis sie zu mir Ver­trauen fassen konnten. Bei einigen Vereinen gingen die Türen fast von selber auf, bei anderen musste man erst einmal „dicke Bretter bohren“. Da war auch ein bisschen Argwohn vorhanden, was denn der Polizist in Uniform von einem will. Mittlerweile hat aber bei einigen Gemeinden ein Generationswechsel stattgefunden, wo ältere Vorstände durch jüngere ersetzt wurden. Dadurch sind die Vorstände auch offener geworden. Das heißt nicht, dass die älteren Vorstände völlig abgeblockt hätten, aber die jüngeren gehen einfach offensiver auf die Gesellschaft und auch auf die Polizei zu. Ich glaube, dieser Trend ist ganz gut – dass nicht nur wir als Polizei dorthin gehen, sondern man auch auf uns zukommt. Manchmal ist es schwierig, mit bestimmten Leuten zu sprechen, es mangelt zum Beispiel bei manchen Imamen an Sprachkompetenz. Da wären bessere Sprachkenntnisse wünschenswert.

Islamische Zeitung: Was sehen Sie als positive Potenziale der muslimischen Bevölkerung? Welche Rolle könnten zum Beispiel die Moscheen in der Kriminalprävention spielen?

Dirk Sauerborn: Das wird derzeit überlegt. Wir sind hier allerdings noch nicht so weit wie in Essen, woher ja unser Polizeipräsident kommt. Dort gibt es es in Essen-Katernberg ein gut funktionierendes Jugendschutz-Netzwerk, wo der Moscheeverein eingebunden war, und unser Landesintegrationsbeauftragter Herr Kufen einmal vorgeschlagen hat, dass wir auf der Straße mit Imamen Streife gehen sollten. Das wollen wir allerdings nicht tun, denn mit Imamen auf klassische Weise Polizeistreife zu gehen, ist schon aus rechtlichen Gründen nicht durchführbar. Aber ein enges Zusammenarbeiten und ein Austausch auf einer Ebene, die datenschutzrechtlich einwandfrei ist, vielleicht auch mit einem Aufsuchen bestimmter Klienten wie in Essen, kann ich mir schon vorstellen. Wichtig ist mir auch, dass Polizeibeamte einmal mit dem Imam sprechen, sich vielleicht auch den einen oder anderen Tipp zu Verhaltensweisen holen. Ich sehe eine ganze Menge an Potenzial, was das Zusammenwirken von Polizei, Staat und bürgerschaftlichen Institutionen angeht. Und eine Moscheegemeinde sehe ich auch als eine bürgerschaftliche Institution an. Da gibt es noch viel zu tun, von Informationsveranstaltungen bis zu Exkursionen und vieles mehr.

Islamische Zeitung: Was erwarten Sie von der muslimischen Bevöl­kerung? Was wünschen Sie sich, wo ­sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Dirk Sauerborn: Ich würde mir wünschen, dass wir bei der Polizei mehr jugendliche Bewerberinnen und Bewerber aus diesem Bevölkerungskreis haben. Das sind Kompetenzen, die wir gerne bei uns hätten. Ich habe vor kurzem mit einem Mitarbeiter des Ordnungs- und Servicedienstes der Stadt Düsseldorf gesprochen, der mir gesagt hat, dass man dort zwei junge marokkanische Mitarbeiter habe, die ein wirklicher Zugewinn seien. Ich sehe das auch bei unseren Mitarbeitern, die Türkisch, Russisch oder eine andere Sprache können und die wegen ihrer Sprach- und Kulturkompetenz viele Einsätze schneller, besser und deeskalierender bewältigen können. Ich würde mir ein noch stärkeres Zugehen der Moscheegemeinden auf die Institu­tionen wünschen, mehr Aufeinanderzugehen von beiden Seiten. Ich würde mir wünschen, dass sich Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und Muslime stärker in der Gesellschaft, insbesondere in Bereich der Sicherheitspolitik, einbringen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Sauerborn, vielen Dank für das Gespräch.

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