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IZ-Gespräch mit der Bloggerin und Journalistin Kübra Yücel

„Etwas zurückgeben“

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(iz). In einem immer stärker werdenden Maße sind Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten von den nicht mehr ganz so „neuen Medien“ geprägt. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen haben diese so genannten „sozialen Netzwerke“ teils drastische Veränderungen hervor gerufen. Um mehr darüber zu erfahren, sprachen wir mit der freien Journalistin und Bloggeirn Kübra Yücel. Sie ist 21 Jahre alt und wohnt in Hamburg, wo sie auch geboren wurde. Ihre Eltern kommen ursprünglich aus der Türkei. Yücel studiert heute Politikwissenschaften im vierten Semester.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Yücel, könnten Sie sich am Anfang kurz vorstellen?

Kübra Yücel: Ich bin in meiner Schulzeit als Schülersprecherin auf Länder- und Bundesebene aktiv gewesen. Nach meinen schulpolitischen Aktivitäten habe ich begonnen, mich für Journalismus zu interessieren. Ich war knapp zwei Jahre Chefredakteurin des Hamburger Jugendmagazins „Freihafen“. Das war ein ideelles Magazin von Hamburger Jugendlichen mit einer Auflage von 20.000. Wir hatten unseren Vertrieb an allen Hamburger Schulen, in Szenecafés und Restaurants.

Ich habe mehrere Praktika im journalistischen Bereich gemacht, unter anderem bei dem muslimischen Lifestyle-Magazin „emel“ in London und bei der „taz“ in Hamburg.

Lange habe ich viele Dinge gleichzeitig gemacht. Ich habe mich im Jugendausschuss der SCHURA in Hamburg engagiert – dem hiesigen Rat der islamischen Gemeinden. War aber auch bei vielen anderen nicht-muslimischen Projekten dabei.

Seit über einem Jahr bin ich nun Bloggerin. Grund war nicht nur, dass ich mich journalistisch weiter erproben wollte, sondern auch, weil ich einige Diskriminierungserfahrungen hatte. Das gab mir den Anstoß zum Bloggen.

Islamische Zeitung: Was war der Anlass für den Beginn ihrer journalistischen Tätigkeit?

Kübra Yücel: Wie viele andere Jugendliche habe auch ich unter dem Weltretter-Syndrom gelitten und wollte mich gesellschaftlich engagieren. Zwischenzeitlich überlegte ich mir, in die Politik zu gehen. Doch ich wollte nicht auf mein Kopftuch reduziert werden. Nicht ich sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Inhalte. Und weil ich schon immer gerne geschrieben habe, entschied ich mich für den Journalismus. So kann man gesellschaftlich mehr bewegen, indem man auf Probleme und Missstände hinweist und vielleicht sogar Lösungen anbieten kann – ohne dass dies an eine Person gebunden wäre. Später war ich in einem Hamburger Verband für junge Journalisten aktiv und bin so vollends in den Journalismus gerutscht. Ich weiß allerdings noch gar nicht, ob ich nur Journalistin werden will – das Akademische reizt mich nämlich auch sehr.

Islamische Zeitung: Die „taz“ hat Sie einerseits als „konservativ“, andererseits als „modern“ beschrieben. Das ist für viele ein ungewohntes Gegensatzpaar, das selten dem Klischee entspricht. Wie hat man in den verschiedenen journalistischen Projekten auf sie reagiert?

Kübra Yücel: Ich muss sagen, dass meine Kollegen häufig sehr engagierte junge Leute waren, die nicht den deutschen Durchschnitt repräsentierten. Sie waren offen und interessierten sich auch privat für andere Kulturen, Länder und Religionen. Daher hatte ich es immer sehr einfach. Als ich in der Schulpolitik aktiv war, arbeitete ich mit engagierten Jugendlichen zusammen, die sich für Minderheiten eingesetzt haben. Später, beim „Freihafen“, hatte ich Umgang mit jungen Menschen, die ebenfalls kreativ, offen und interessiert waren. So hatte ich nie Probleme und wurde sehr gut aufgenommen. Außerdem gibt es sehr viele Muslima wie mich, die studieren, religiös, aktiv sind und sich am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen. Muslima wie ich sollten daher nicht mehr überraschen.

Islamische Zeitung: Sie erwähnten eingangs, dass sie auch Erfahrungen mit Diskriminierungen hätten machen ­mussten…

Kübra Yücel: Ich hatte nie so schlimme Diskriminierungserfahrungen wie einige Freundinnen von mir. Konkret hatte ich mein erstes Erlebnis in dieser Richtung mit 14 Jahren, als ich mit meiner Schwester in der Bahn saß und eine Frau von uns wissen wollte, warum wir ein Kopftuch trügen. Sie war gar nicht an einer wirklichen Antwort interessiert, sondern wollte nur ihre Vorurteile – in Richtung elterlichem Druck oder Zwangsheirat – loswerden.

In den letzten zwei Jahren hatte ich aber immer öfter das Gefühl, dass die Leute mir nicht unbedingt wohlwollend begegneten. So hat sich eine sehr gebildet und wohlhabend aussehende Frau sogar die Mühe gemacht, von ihren Fahrrad abzusteigen, um mir „Schleiereule“ zuzurufen und dann schnell wegzufahren. Ich war ziemlich überrascht in dem Augenblick.

Was einigen meiner Freundinnen widerfahren ist, hat mich jedoch sehr schockiert: Eine Freundin war in einem vornehmen Hamburger Einkaufszentrum, wo sie sich ein Eis kaufen wollte, und ein wohlhabend-aussehender Herr flüsterte ihr dabei ständig zu, dass sie „hässlich“ sei und was sie „hier“ denn überhaupt wolle. Das hat mich wirklich schockiert.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Yücel, sprechen wir kurz über den Blog-Wettbewerb von MyUmma.de, bei dem Sie in der Jury waren. Es gibt eine wachsende Zahl von Webseiten und Blogs, die von jungen Muslimen gemacht werden. Wie sehen Sie diese im Hinblick auf Qualität und Inhalt?

Kübra Yücel: Die muslimischen Blogs haben sich sehr positiv entwickelt. Als der Wettbewerb begann, waren die Bewerber in der Regel alle noch ziemlich neu und mussten ausloten, wie viel sie von sich preisgeben wollen und – besonders wichtig – was sie überhaupt vermitteln wollen. Ich denke aber, dass sich diese frischen Blogs mittlerweile gut orientiert haben und ihren eigenen Stil entwickelt haben. Anfangs jedoch hat mir bei vielen Blogs die persönliche Note gefehlt, die einen Blog ausmacht. Manche haben den „moralischen Zeigefinger“ erhoben, religiöse Texte geschrieben und teilweise bloß kopiert. Mittlerweile haben die meisten aber ein gutes Gleichgewicht von persönlichen Themen und allgemeinen Fragen geschaffen. Das ist sehr schön, es wird das Gefühl vermittelt, dass hinter dem Blog eine konkrete – vielleicht interessante – Person steht. So macht es Spaß, diese Blogs zu lesen und sie werden auch für Nichtmuslime interessant.

Islamische Zeitung: Kommen wir zu Ihrem eigenen Blog; welche Motivation treibt Sie an, um überhaupt im Internet publizieren zu wollen, und was möchten Sie mitteilen?

Kübra Yücel: Was mich an erster Stelle am Bloggen fasziniert, gilt sicherlich für andere auch: Man ist als streitwilliger Mensch nicht auf die Zustimmung von Redaktionen oder Chefredakteuren angewiesen, sondern ist sein eigener Chef. Man kann sich jenen Themen zuwenden, die einen interessieren, und das mit anderen Menschen teilen.

Und: Ich möchte einen Einblick in das Leben einer Muslimin in Deutschland gewähren. So kann ich zeigen, dass wir nicht nur über den Islam reden oder uns gar von anderen abgrenzen. Vielmehr haben Muslime in Deutschland zwar ihre Religion, die durch die fünf Gebete stark in den Alltag integriert ist und einen großen Einfluss auf das Verhalten hat; dennoch sind wir Teil dieser Gesellschaft und interessieren uns auch für anderes wie Kunst und Kultur. Wir haben auch nicht-muslimische Freunde und besuchen nicht nur die Moschee, sondern auch andere Städte und Länder. Es geht mir um die Darstellung der Normalität im Alltag eines muslimischen Mädchens in Deutschland.

In der Universität habe ich die Erfahrung gemacht, dass einige meiner Studienfreunde noch keine türkischen, geschweige denn muslimische Freunde hatten. Da ich in einer sehr durchmischten und vielfältigen Stadt wie Hamburg aufgewachsen bin, hat mich das ehrlich gesagt erstaunt. Ich dachte zuvor, dass eigentlich jeder einen Türken oder einen Muslim kennt. Ein Blog ist daher ein schöner Ansatz, um das zu ändern.

Islamische Zeitung: Offensichtlich bewegen sich viele junge Muslime im Internet. Wie sieht es aber mit dem Lesen im Sinne von wirklicher Bildung aus?

Kübra Yücel: Bei den mir bekannten Blogs habe ich das Gefühl, dass ihre Betreiber auch privat viel lesen und einen hohen Bildungsgrad haben. Sie sind häufig Abiturienten, Studenten oder Experten auf ihrem jeweiligen Fachgebiet und bloggen über Politik, Gesellschaft, Religion und Kultur. Es bloggen auch immer mehr muslimische Männer, die sich mit Literatur oder Bildung im Allgemeinen beschäftigen. In allen Gesellschaftsgruppen gibt es jedoch Menschen unterschiedlicher Bildung: So gibt es auch unter den muslimischen Internet-Aktiven jene, die weniger an Bildung interessiert sind und sich lieber auf Foren und Chats aufhalten. Da geht es nicht darum, lehrreiche Texte zu lesen oder zu schreiben. Das ist aber normal, denke ich. Es gibt solche und solche. Man kann keine generelle Tendenz festhalten.

Islamische Zeitung: Wir sehen ihre Pläne für die Zukunft aus?

Kübra Yücel: Wenn alles gut geht, bin ich ab Ende September in England, wo ich mein Studium an der Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS) fortsetzen werde. Und wenn es klappt würde ich auch gerne ein Semester in Istanbul studieren.

Ansonsten bin ich mit muslimischen Freunden im Gespräch, ein muslimisches Lifestyle-Magazin nach dem Vorbild des britischen „emel“ zu gründen.

Ich hatte zwischenzeitlich auch mal den Wunsch, nach England auszuwandern, weil die muslimischen Gemeinden dort wesentlich weiter entwickelt sind und man es dort als Muslim deutlich einfacher hat. Doch das wäre undankbar. Ich finde, es gibt eine Verantwortung, die wir tragen. Ich habe viel von dieser Gesellschaft und diesem Land profitiert, daher muss ich den Leuten etwas zurückgeben: Hier bleiben, aktiv sein und Projekte gründen.

Islamische Zeitung: Liebe Frau ­­­Yü­cel, vielen Dank für das Interview.

K. Yücels Blog: ein-fremdwoerterbuch.com

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