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IZ-Gespräch mit Dr. Cornelia Schu von der Stiftung Mercator über die Aktivitäten der Körperschaft in Sachen Islam in Deutschland und über das Stiftungswesen in der Berliner Republik

„Wir sehen uns als eine Art ‘Starthelfer’“

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Dr. Cornelia Schu ist seit 2010 bei der Stiftung Mercator tätig und leitet den Themenschwerpunkt Integration der Stiftung. Zuvor war sie sieben Jahre in verschiedenen Positionen in der Geschäftsstelle des Wissenschaftsrats tätig. Nach einer Station im Referat Hochschulbau und Akkreditierung war sie drei Jahre Persönliche Referentin des Vorsitzenden und des Generalsekretärs. Seit 2008 arbeitete sie im Forschungsreferat als Referentin und übernahm dort die Funktion der stellvertretenden Referatsleiterin. Promoviert wurde Sie im Jahr 2000 mit einer Arbeit zur Erzählweise von Wolframs von Eschenbach Parzival, einem der zentralen Werke der mittelalterlichen deutschen Literatur.

Wir befragten Frau Dr. Schu über die Arbeit ihrer Stiftung im Rahmen des deutschen Islam und potenzielle Einflussnahme auf die muslimische Debatte und die Selbstorganisation.

Islamische Zeitung: In einer Publikation vom letzten Jahr heißt es, „gemeinnützige Stiftungen investieren nicht in Märkte, sondern in die Zukunft der Gesellschaft“. Mittlerweile gehört die Stiftung Mercator – soweit es das Volumen der eingesetzten Mittel und der geförderten Projekte betrifft – zum größten Akteur auf dem Gebiet „Islam in Deutschland“ in der deutschen Stiftungslandschaft. Warum ist es Ihrer Körperschaft so wichtig, hier mit relativ hohen Mitteln zu agieren?

Dr. Cornelia Schu: In Deutschland leben rund 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime, das sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Wir setzen uns als Stiftung für ihre strukturelle Gleichbehandlung im Bildungssystem, kulturelle Vielfalt und mehr Austausch zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ein. Das Engagement für die genannten Ziele ist begründet in dem übergeordneten gesellschaftspolitischen Ziel der Stiftung, Menschen mit Migrationshintergrund eine chancengleiche Bildungsteilhabe zu ermöglichen. Mit Blick auf die Teilhabe von Muslimen gibt es da Nachholbedarf. Wir sehen uns in diesem Feld daher als eine Art „Starthelfer“ oder Impulsgeber für Projekte, die ohne unsere Förderung so nicht zustande kommen würden. Beim Avicenna-Studienwerk etwa fördern wir den Aufbau bis 2018, weil dies von den muslimischen Religionsgemeinschaften und Vereinen noch nicht geleistet werden konnte. Wir haben uns für diese Förderung entschieden, um zeitnah eine strukturelle Gleichbehandlung zu erreichen. Wir gehen jedoch davon aus, dass dieses Begabtenförderwerk in Zukunft von Muslimen und ihren Gemeinschaften selbst getragen werden wird.

Islamische Zeitung: Nach welchem Kriterien entscheiden Sie über die Vergabe von Förderungsmitteln im Bereich Islam? Welches Gremium setzt hier die relevanten Impulse?

Dr. Cornelia Schu: Unser primäres Kriterium für die Förderung von Projekten ist, dass sie zu unseren strategischen Zielen, chancengleiche Bildungsteilhabe und strukturelle Gleichbehandlung, passen. Wenn es beispielsweise Begabtenförderwerke für Katholiken oder Studierende evangelischen und jüdischen Glaubens gibt, ist es nur konsequent, dass auch für muslimische Studierende ein Begabtenförderwerk geschaffen wird. Vor diesem Hintergrund fördern wir seit dem Jahr 2013 das Avicenna-Studienwerk. Ein weiteres Kriterium, ob wir ein Projekt für förderwürdig einschätzen, ist eine aus unserer Sicht überzeugende Konzeption, also Qualität. Diese Kriterien gelten für alle Projekte, unabhängig davon, ob die Initiative zu den Projekten von der Stiftung ausgeht oder ob wir als Förderer angefragt werden.

Islamische Zeitung: Immer wieder werden Befürchtungen laut, dass institutionelle Beteiligungen bei islamischen Fragen auch zu einer Einflussnahme auf die Debatte über den Islam in Deutschland führen könnte. So wurde im Rahmen der „Islamischen Theologie“ von einem legitimen „Zähmungsinteresse des Staates“ gesprochen. Auch finden „liberale Muslime“ einen überproportionalen Anteil in der medialen, akademischen und öffentlichen Debatte. Können Sie diese Sorgen entkräften?

Dr. Cornelia Schu: Für unsere Projekte gilt, dass wir keinen inhaltlichen Einfluss auf den Islam in Deutschland nehmen wollen. So liegt die inhaltliche Arbeit des Graduiertenkollegs Islamische Theologie ausschließlich bei den beteiligten Professoren und Doktoranden des Faches. Bei der Auswahl der Doktoranden des Graduiertenkollegs hatte die Stiftung Mercator kein Stimmrecht. Das gleiche gilt für das Avicenna-Studienwerk, welches plant, noch in diesem Jahr die ersten Stipendiatinnen und Stipendiaten aufzunehmen.

Islamische Zeitung: Im Rahmen der Debatte um die so genannte „Theologie der Barmherzigkeit“ werden ihre Repräsentanten erkennbar gegenüber Muslimen favorisiert, die der Mehrheitsmeinung angehören. Wie stellen Sie bei Ihren entsprechenden Förderprogrammen sicher, dass alle relevanten muslimischen Positionen proportional vertreten sind?

Dr. Cornelia Schu: Das Graduiertenkolleg für Islamische Theologie, welches seitens der Stiftung Mercator initiiert wurde, wird von allen Standorten der Islamischen Theologie in Deutschland gleichberechtigt getragen. Damit ist die Vielfalt aller muslimischen Theologen, die derzeit an deutschen Universitäten tätig sind, im Graduiertenkolleg abgebildet. Das Avicenna-Studienwerk ist seinerzeit auf uns zugegangen mit der Bitte um Förderung. Hier ist unsere Einschätzung, dass aufgrund der Beteiligung der muslimischen Religionsgemeinschaften eine große Bandbreite der Muslime vertreten ist. Der Stiftung Mercator ist es ein Anliegen, dass die innerislamische Pluralität berücksichtigt wird. Dafür Sorge zu tragen, obliegt allerdings allein den Partnern in den Projekten. Wir maßen uns nicht an, darüber zu entscheiden.

Islamische Zeitung: Im Zeitraum von 2012-2016 fördert die Stiftung Mercator die „Junge Islam Konferenz“ mit einer Fördersumme von 2 Mio. Euro. Was soll mit diesem Projekt erreicht werden?

Dr. Cornelia Schu: Die „Junge Islam Konferenz“ ist ein Forum, um den Dialog zwischen Jugendlichen mit und ohne muslimischen Hintergrund zu fördern. Dabei werden auch in der Öffentlichkeit vorherrschende anti-muslimische Stereotype kritisch analysiert. Es geht aber weniger um eine spezifische Beschäftigung mit muslimischer Religiosität als darum, den Diskurs über Muslime als exemplarisches Beispiel für den Umgang der Gesellschaft mit Minderheiten zu reflektieren. Mit den Empfehlungen, die die „Junge Islam Konferenz“ erarbeitet, soll ein gesamtgesellschaftlicher Diskussionsprozess rund um das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft angestoßen werden.

Islamische Zeitung: Bewegt sich die JIK nicht auch im Bereich der legitimen muslimischen Selbstorganisation?

Dr. Cornelia Schu: Es geht in dem Projekt nicht um theologische oder religiöse Fragen oder den Anspruch der Repräsentation bei Themen, welche in die Zuständigkeit der Religionsgemeinschaften fallen, sondern um gesellschaftspolitische Fragen. Es ist ein Projekt von Jugendlichen, die unverkrampft und mit einem frischen Blick Empfehlungen abgeben, wie das Zusammenleben besser funktionieren kann. Das ist aus unserer Sicht eine Bereicherung für die Diskussion.

Islamische Zeitung: In einem Artikel zur Berliner Stiftungswoche 2012 heißt es: „Wie wirken wir effektiv in den politischen Raum?“ Inwiefern ist eine Wirkung in politischen Raum hinein wichtig für Sie und welche Ziele möchten Sie dort anbringen?

Dr. Cornelia Schu: Unser Ziel im Themenschwerpunkt Integration ist die Verringerung von Bildungsungleichheit. Das ist ein gesellschaftspolitisches Ziel, entsprechend wirken wir auch in den politischen Raum hinein mit unserer Forderung, dass Bildungsteilhabe unabhängig von sozialer, ethnischer, kultureller oder religiöser Herkunft für alle hier Lebenden chancengleich zugänglich sein muss. Wir setzen uns beispielsweise auch für eine Versachlichung von Debatten ein, indem wir gemeinsam mit vielen anderen Stiftungen den Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration ins Leben gerufen haben, der wissenschaftliche Expertise in integrations- und migrationspolitische Debatten einspeist und Optionen für politisches Handeln transparent aufbereitet.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen die Stiftungen in der Berliner Republik?

Dr. Cornelia Schu: Ich kann nur für die Stiftung Mercator sprechen und wir empfinden uns als politischen und gesellschaftlichen Impulsgeber. Uns ist aber natürlich bewusst, dass wir – um eine möglichst große Wirkung erzielen zu können – auf staatliche und vor allem auch andere zivilgesellschaftliche Akteure angewiesen sind, die mit uns an einem Strang ziehen. Wir sehen unsere Stärke vor allem im Zusammenbringen von Partnern unterschiedlicher Herkunft und im Vermitteln unterschiedlicher Interessen.

Islamische Zeitung: Kann das Stiftungswesen in Zeiten einer zerbröckelnden sozio-ökonomischen Kohäsion und der größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich eine konstruktive Rolle spielen

Dr. Cornelia Schu: Die Vision der Stiftung Mercator ist Gerechtigkeit und die chancengleiche Partizipation aller Menschen an zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Gerechtigkeit und Partizipation sind Grundlage und Ziel unseres Handelns. Sie sind daher auch die übergreifenden Ziele des Engagements der Stiftung. Das bedeutet für uns im Bereich Integration, dass die Bildungsungleichheit in diesem Land reduziert werden muss. Wir sind davon überzeugt, dass die gleichberechtigte Teilhabe an Bildung eine wichtige Voraussetzung für Teilhabe an zentralen gesellschaftlichen Lebensbereichen generell ist. Insofern versuchen wir auch, um Ihre Frage aufzugreifen, unseren Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu leisten.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Dr. Schu, vielen Dank für das Gespräch.

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