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IZ-Interview mit dem Wissenschaftler Dr. Peter Widmann über die Ursachen anti-muslimischer Ressentiments

"Islamfeindlichkeit ist feststellbar"

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(iz). Der erschreckende Mord an einer Muslimin in einem Dresdner Gericht am 1. Juli dieses Jahres hat nicht nur die muslimische Community erschüttert, sondern national wie international seine Kreise gezogen. Nicht erst seit diesem Verbrechen beklagen Muslime, aber auch Wissenschaftler, den Anstieg und die Ausbreitung eines Phänomens, das bisher vielleicht etwas unscharf mit dem Begriff „Islamophobie“ beschrieben wurde.

Um mehr über Entstehung von Ressentiments zu erfahren, sprach die IZ mit dem Politikwissenschaftler Dr. Peter Widmann. Er ist Wissenschaftlicher Assistent am renommierten Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA). Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Migrations- und Minderheitenpolitik, Sinti und Roma sowie Analyse der Massenmedien.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Widmann, haben wir es bei der erschütternden Gewalttat in Dresden mit dem berühmt-berüchtigten „Einzeltäter“ zu tun, oder hat sich hier ein Ressentiment neuer Qualität Bahn gebrochen?

Dr. Peter Widmann: Es lässt sich auf jeden Fall sagen, dass es in Deutschland in einigen Bereichen der Gesellschaft eine Islamfeindlichkeit gibt. Die Beleidigungen, die der Täter von sich gegeben hat, sind kein Einzelfall. Die Gewalttätigkeit ist bisher zum Glück sicherlich ein Einzelphänomen geblieben, aber die Ideologie, die sich in diesen Beschimpfungen spiegelt, geht möglicherweise auf ein breiteres Phänomen zurück.

Islamfeindlichkeit ist feststellbar und auch schon in verschiedenen Studien nachgewiesen worden. Inwieweit der Täter mit solchen Kreisen in Kontakt stand, muss man den Ermittlungen überlassen.

Islamische Zeitung: Es gab in der Vergangenheit in linken wie in anti-rassistischen Kreisen eine Debatte über die Gültigkeit des Begriffs der „Islamophobie“ (den wir selbst nur ungern verwenden), in der einige Publizisten meinten, dass es dieses Phänomen nicht gebe. Glauben sie, dass diese Stimmen ihre Ansicht nach dem Dresdner Verbrechen ändern müssten?

Dr. Peter Widmann: Es gibt zwei Ebenen, auf der wir das besprechen müssen. Auf der einen haben wir die Diskussion über einen Begriff; ob ich „Islamophobie“, „Islamfeindlichkeit“ oder „anti-muslimischer Rassismus“ sage. Dies ist eine Debatte, die im Rahmen der Wissenschaft geführt wird.

//2//Die andere Ebene ist die des eigentlichen Phänomens. Ich selber verwende den Begriff der „Islamfeindlichkeit“, weil er meiner Meinung nach deutlich sagt, mit was wir es zu tun haben. Man kann, wenn man sich vorliegende Studien ansieht, nicht umhin kommen, dass es hier in spezifischen Teilen der Bevölkerung eine Feindschaft gibt; radikal natürlich am rechten Rand des politischen Spektrums, aber bis weit in die Mitte hinein reichend. Mit diesen Studien muss man sich auseinander setzen.

Islamische Zeitung: Manche Beobachter äußerten, dass es ein Irrtum sei, das anti-muslimische Ressentiment ausschließlich „rechts“ verorten zu wollen. Wie kommt es, dass dieses auch in der Mitte der Gesellschaft zu finden ist, wo man doch bisher dort die verfassungsmäßigen Werte und Ideale vermuten wollte?

Dr. Peter Widmann: Es gibt ja beides. Zum einen gibt es viele in dieser gesellschaftlichen Mitte, die das Problem sehen und die Islamfeindlichkeit wahrnehmen und auch bereit sind, etwas dagegen zu unternehmen.

Es gibt auf der anderen Seite Phänomene in den Mainstreammedien und auf dem Buchmarkt, bei denen eine pauschale Dämonisierung des Islam zu beobachten ist. Wir sind erst am Anfang der Forschung, aber ein Punkt scheint mir wichtig zu sein: Ich habe den Eindruck, dass es hier nicht nur um so genannte „Integrationsdefizite“ geht, sondern dass sich hier auch eine Feindschaft etabliert, die gegen eine sich vollziehende Integration gerichtet ist. Betrachten wir die Debatten um Moscheen, dann handelt es sich dabei ja nicht um Gebetsräume in Hinterhöfen, sondern diese Debatten flammen dort auf, wo diese Moscheen sichtbar werden und wo eine sichtbare, bauliche Integration einer Religion im Stadtbild stattfindet.

Ein zweites Beispiel wären die Kopftuch-Debatten. Diese entzünden sich ja nicht an Reinigungskräften, die Kopftücher tragen, sondern vielmehr an Menschen, die im öffentlichen Dienst, beispielsweise als Lehrerinnen, Karriere machen wollen; die gewissermaßen im Prozess der Integration begriffen sind.

In der Mehrheitsgesellschaft wird einigen deutlich, dass sich mit der Integration auch die Dominanzverhältnisse einer Gesellschaft ändern – beispielsweise die Dominanz über die Symbolik im öffentlichen Raum. Das erfüllt Menschen mit Unbehagen. Sie beobachten einen sozialen Wandel, der sie mit Angst erfüllt. Diese projizieren sie auf den Islam, wobei die Abwehr eine spezifische Schärfe gewinnt. Dass natürlich radikaler Islamismus, Terrorismus und Gewalttaten in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle spielten und pauschal allen Muslimen zur Last gelegt wurden, ist ein zweiter Faktor, der ebenfalls eine Rolle spielt. Wir dürfen aber nicht übersehen, dass es sich hierbei um einen Konflikt handelt, in dem über sozialen Wandel gestritten wird.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Widmann, haben wir es jenseits der konkreten Islamfeindlichkeit mit ­einem gesellschaftlichen Zerfall, ­beispielsweise wohlfahrtsstaatlicher Struk­­­turen, zu tun? Wird dieses Maß an Ressentiment ihrer Ansicht nach noch steigen, wenn Finanz- und Wirtschaftskrise, aber auch die Abkopplung von Teilen der Bevölkerung vom gesellschaftlichen Reichtum sich fortsetzen beziehungsweise verschärfen?

Dr. Peter Widmann: Das steht zu befürchten. Sobald sich das gesellschaftliche Klima verschärft, fördert das natürlich Angstgefühle, die dann auf Minderheiten gerichtet werden können, die aus Sicht mancher Menschen die Bedrohung personifizieren. Insofern ist die Prognose, die sich zur Zeit stellen lässt, keine positive.

Islamische Zeitung: Wie ist es denn um Möglichkeiten bestellt, dem anti-muslimischen Ressentiment zu begegnen? Bisher kam ja vor allem ein pädagogischer Ansatz zum Tragen, die Menschen gewissermaßen „dort abzu­holen, wo sie sich befinden“. Angesichts einer teils tendenziell negativen Islamberichterstattung in Massenmedien oder dem massenhaften Auftreten von muslim-feindlichen Webseiten scheint das ja weniger gefruchtet zu haben…

Dr. Peter Widmann: Ich möchte zuerst einmal den Befund etwas differenzieren. Ich würde widersprechen, wenn sie sagen, dass diese Projekte alle nichts genutzt haben. Wir reden ja von sehr unterschiedlichen Ebenen. Die eine ist die lokale vor Ort, wo die Projekte durchaus etwas bewegen. Das andere ist Internet-Propaganda.

Es bleibt nichts anderes übrig, als in der Öffentlichkeit für Aufklärung zu streiten. Im vorliegenden Fall der Islamfeindlichkeit heißt das etwa, öffentlich deutlich zu machen, wo eine seriöse Kritik an Muslimen, an muslimischen Verbänden und an Regierungen von muslimisch geprägten Ländern aufhört und wo ein pauschales Feindbild beginnt. Dies wäre ein Punkt, an dem solche Unterscheidungen öffentlich deutlich gemacht werden müssten, um die Diskussion voran zu bringen.

Es gibt kein Pauschalrezept, sondern man wird über einen längeren Zeitraum versuchen müssen, die Diskussionen in andere Bahnen zu lenken. Die Gewalt ist etwas, mit dem sich zuallererst die Polizei beschäftigen muss, aber wir reden hier über den gesellschaftlichen Diskurs. Da bleibt nichts anderes übrig als Aufklärung.

Islamische Zeitung: Als IZ-Redaktion sind wir keine Freunde einer unterscheidungslosen Medienkritik, aber können sie unseren Lesern kurz erläutern, welche Rolle Medien bei der Vermittlung und Verstärkung von Ressentiments spielen?

Dr. Peter Widmann: Es ist aufwendig, Rezeptionsforschung zu betreiben und danach zu fragen, wie Medien auf den Einzelnen wirken. Es lässt sich aber auf jeden Fall sagen, dass die Medien, insbesondere die Massenmedien, ein gewisses Angebot schaffen. Wenn wir über Islamfeindlichkeit sprechen, dann müssten wir vor allem über die Bildwelt sprechen, die uns in den letzten Jahren präsentiert wurde – und zwar durchaus auch in jenen Fällen, in denen die Artikel differenzierter sind als die Bilder.

//3//Wenn wir uns daran erinnern, dass der „Spiegel“ vor einiger Zeit ein Titelbild brachte, auf dem die Schlagzeile „Die stille Islamisierung“ stand und dann ein Halbmond über dem Brandenburger Tor zu sehen war, dann wird damit eine Dominanzfantasie, wonach der Islam die Weltherrschaft will, repräsentiert. Dies hängt dann in allen Städten an den Kiosken und bestätigt möglicherweise vage Befürchtungen, welche die Bevölkerung hegt. Dies wirkt sogar auf jene Menschen, die den „Spiegel“ gar nicht lesen. Dieses Titelbild war durchaus typisch für eine ganze Reihe von Bildern und Fotomontagen, die wir in der Tages- und Wochenpresse sehen konnten.

Hierbei kann durchaus davon ausgegangen werden, dass solche Präsentationsweisen zumindest einen bestätigenden Effekt haben, vages Unbehagen erzeugen und ihm eine anti-muslimische Richtung geben. Es lässt sich nicht in Prozentzahlen ausdrücken, wie sehr dieser oder jener einzelne Artikel wirkt, aber in der Masse kann auf jeden Fall davon ausgegangen werden, dass hier eine Wirkung eintritt.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Widmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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