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IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in ­Deutschland. Zusammengestellt von ­Massouda Khan und ­Sulaiman Wilms

Wie begehen Muslime den Ramadan?

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(iz). Die Verse, in denen Allah im Qur’an den Ramadan erwähnt, sind bekannt: „Oh, die ihr Iman (Vertrauen in Allah) habt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren, damit ihr Taqwa habt. Es sind nur abgezählte Tage. Und wer von euch krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten). Und denen, die es mit großer Mühe ertragen können, ist als Ersatz die Speisung eines Armen auferlegt. Und wenn jemand freiwillig Gutes tut, so ist es besser für ihn. Und dass ihr fastet, ist besser für euch, wenn ihr es (nur) wüsstet! Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, dass Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein.“ (Al-Baqara, 183-185)

In jedem grundlegenden Element unseres Din – aus der religiösen Praxis sowie der Aspekte unserer inneren Glaubenslandschaft – lassen sich bei aller Einfachheit doch unzählige Bedeutungen finden. Der englische Gelehrte Schaikh Abdulhaqq Bewley beschrieb einmal ein Erlebnis mit seinem Lehrer Schaikh Muhammad ibn Al-Habib. In jungen Jahren begleitete er diesen auf verschiedene Vorträge im marokkanischen Meknes, die alle das gleiche Thema zum Inhalt hatten. Darauf befragte er einen der ältesten Schüler dazu. Dieser meinte, dass es zwei Arten von Wissen gebe: ein breites und ein tiefes. Ihm begegneten bei jeder dieser Erläuterungen des Lehrers zum gleichen Thema immer neue Aspekte des Wissens, was zu seiner Vertiefung führte.

So ist auch beim Ramadan. Die Reflexion über ihn und unsere Erfahrungen in ihm eröffnen immer neue Facetten. Nichtsdestotrotz lassen sich gleichzeitig „Leitmotive“ hervorheben.

Das Fasten ist – abgesehen von seiner spezifischen Form, die es endgültig im Islam gefunden hat – ein Aspekt von Anbetung insgesamt, seit den Tagen unseres Urvaters Adam. „Oh, ihr Gläubigen euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es auch denjenigen vorgeschrieben war, die vor euch waren“, heißt es hierzu in der Sura Al-Baqara. Und im gleichen Vers erfahren wir – entgegen einer heute immer modernistischer werdenden Argumentation (siehe auch S. 10/16) – auch etwas über den Grund, warum wir uns zwischen der frühesten Morgenhelle und dem Sonnenuntergang unter anderem bestimmten weltlichen Dingen zu enthalten haben. Wir müssen fasten, so offenbart Allah im gleichen Vers, damit wir „Gottesfurcht (Taqwa) erlangen mögen“.

Und, um jedes Missverständnis aus dem Weg zu räumen, es handle sich dabei um eine Nachahmung irgendeiner „Askese“ oder Selbstkasteiung, erinnert Allah uns ebenfalls in der gleichen Sura an Folgendes: „Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen.“

Wie wird gefastet?
Für viele Muslime ist der Ramadan etwas Besonderes. Die Vorbereitungen hierzu fangen schon zu Beginn der vorherigen Monate Radschab und Scha’ban an. Zwar kann das Fasten anstrengend sein, da von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken wird, trotzdem ist die Freude der Muslime über diesen Monat groß. Deshalb gilt es sozial als Ehrensache, nicht in der Öffentlichkeit zu essen. Selbst wenn jemand aus Gesundheitsgründen nicht fasten kann, wird er es vermeiden, in Anwesenheit anderer zu essen oder zu trinken.

Durch das gemeinsame Fasten entsteht, insbesondere in westlichen Gesellschaften, ein wesentlich größeres Gemeinschaftsgefühl. Dies beginnt in der Familie: Vor der Morgendämmerung steht man gemeinsam auf, um vor dem Beginn des Fastens noch eine Mahlzeit zu sich zu nehmen (Suhur). Dies geht auf die Tradition des Propheten zurück, und zumindest ein Glas Wasser sollte dabei getrunken werden.

In der Türkei findet man, dass Männer mit großen Trommeln durch die Gassen gehen und laut trommeln, damit auch jeder wach werden kann, um noch rechtzeitig etwas zu essen. Zudem rufen auch die Gebetsrufer von den Minaretten, um zum Aufstehen zu ermuntern. Im Alltag haushalten viele Muslime mit ihrer Energie, um bis zum Abend ohne Probleme durchzuhalten.

Ramadan bedeutet daher nicht nur zeitweiligen Verzicht auf Nahrungsaufnahme, es bedeutet auch, dass Augen, Ohren und Zunge sich enthalten. Man ist bewusster, auch in seinem Verhalten, achtet genauer darauf, was man tut oder sagt. Ramadan ist ein sich Abwenden von unwichtigen Dingen und die Konzentration auf das Wesentliche.

Sozialer Moment
Während des Fastenbrechens sind die Familien selten allein; gegenseitige, familiäre und freundschaftliche Einladungen zum Abendessen, mitunter auch mehrfach an einem Abend, sind keine Seltenheit. Durch den Gebetsruf (‘Adhan) zum Abendgebet wird das Zeichen zum Fastenbrechen gegeben.

Gemäß eines prophetischen Ratschlages bricht der Muslim sein Fasten mit einer weichen Dattel, diese soll den Magen vorfeuchten und den Appetit anregen. Häufig wird dazu ein Glas kalte Milch getrunken. Wer keine Dattel zur Hand hat, die insbesondere gerade im Ramadan in den muslimischen Ländern gut verkauft wird, bricht sein Fasten einfach mit einem Glas Wasser. In den arabischen Ländern ist es üblich, direkt nach der Einnahme der Dattel das Abendgebet in Gemeinschaft zu verrichten und sich dann erst zum Essen zu begeben. Türken beten gewöhnlich erst nach dem Essen. Beide Vorgehensweisen sind möglich.

In vielen Ländern hat diese Zeit ihre besonderen Speisen: Die „Harira“, eine Gemüsesuppe, wird bei den Marokkanern fast nur im Ramadan eingenommen – dafür dann aber täglich, zusammen mit speziellem Ramadan-Brot und typischen Süßspeisen. Die Palästinenser stellen ein spezielles, sehr süßes Getränk her. In der Türkei hat unter anderem Baklava, eine honigsüße Teigspezialität, absolute Hochkonjunktur.

Die Einnahmen der Konditoreien, die diese süßen Nachspeisen herstellen, verdreifachen sich und auch viele Lebensmittelhändler machen schon einmal dreißig Prozent mehr Umsatz als üblich. Ernährungswissenschaftler raten aber zu einer sehr mäßigen Einnahme von Süßspeisen im Ramadan. Zu den negativen Begleiterscheinungen dieser Zeit gehört leider auch, dass sich in einigen muslimischen Ländern viele Händler hier „eine goldene Nase“ verdienen. Sie nutzen ironischerweise die Fokussierung vieler Fastenden auf das Essen, um Lebensmittelpreise trotz gesetzlicher Verbote um bis zu 30 Prozent anzuheben.

Vertiefung der Praxis
Nicht nur Essen und Beisammensein nehmen im Ramadan zu; besonders die religiöse Praxis, der Aufenthalt in der Moschee und die Rezitation des Qur’an, nehmen einen wesentlich wichtigeren Platz im Leben der Menschen ein. In dieser Zeit gibt es jeden Abend nach dem Nachtgebet ein spezielles Gebet, das Tarawwih-Gebet, bei dem die Moscheen gefüllter sind als außerhalb des Fastenmonats. Allerdings ließ sich in unseren Breiten in den letzten Jahren feststellen, dass die späten Zeiten für dieses Gebet unter der Woche dazu führen, dass viele Muslime, die tagsüber arbeiten, nur anfänglich oder gar nicht mit dabei sind.

In Moscheen rufen Imame dazu auf, Allah um Vergebung zu bitten und so viele Bittgebete wie nur möglich auszusprechen, da Er in diesem Monat diese Bittgebete ganz besonders erhört. Einige Muslime ziehen sich im letzten Drittel des Ramadan vollkommen in die Moschee zurück (‘Itikaf) und übernachten auch dort, um ungestört zu beten und den Qur’an rezitieren zu können. Muslime, die den Qur’an auf arabisch lesen können, bemühen sich während des Fastenmonats um eine vollständige Rezitation des Qur’an. Moscheegemeinden in den westlichen Ländern, die es sich leisten können, lassen gelegentlich Imame einfliegen, da diese den Qur’an meist auswendig lesen können und oft einen sehr schönen Art Rezitationsstil beherrschen. Viele sind speziell hierfür geschult worden.

Abschluss des Fastens
Am Ende des Ramadan wird das ‘Id-Al-Fitr, das Fest des Fastenbrechens, begangen. Es ist neben dem ‘Id Al-Adha, dem Opferfest, das zweite große Fest im Islam. Türkische Muslime kennen das ‘Id Al-Fitr auch als Ramazan Bayrami (Ramadanfest) oder Seker Bayrami (Zuckerfest), während im Arabischen das ‘Id Al-Adha auch als ‘Id Al-Kabir (das große Fest) und das ‘Id Al-Fitr als ‘Id As-Saghir (das kleinere Fest) bekannt ist.

Zum morgendlichen ‘Id-Gebet sind die Moscheen an beiden großen Festen so voll wie sonst nie, sodass bei vielen der Platz kaum ausreicht. Auch viele Muslime, die sonst kaum in die Moschee gehen oder den Islam nicht konsequent praktizieren, gehen an diesem Tag in die Moscheen. Nach dem Gebet trifft man sich dann zu einem festlichen Frühstück, denn das ‘Id Al-Fitr ist der erste Tag nach dem Fastenmonat, an dem man tagsüber wieder essen und trinken kann.

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Massouda Khan

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