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IZ-Serie: Ein Abriss der bisherigen Geschichte der deutschen Qur’anforschung. Von Musa Bagrac

Beinahe schon wie ein Krimi (2)

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Die Berliner Islamwissen­schaftler haben sich um die Wissenschaftlerin Angelika Neuwirth geschart. Ihrer Auffassung zu Folge ist der Qur’an das Resultat von interreligiösen Debatten der im Orient ansässigen Religionen. Aus dieser inter­aktiven Kommunikation zwischen dem Propheten Muhammad und seiner Gemeinde auf der einen Seite sowie der Juden, Christen und Polytheisten auf der anderen Seite sei dann der Qur’an entstanden.

Der Qur’an sei demnach nicht vom Himmel herabgesandt worden, sondern ein Produkt der spätantiken gesellschaft­lichen Zustände und Rahmenbedin­gun­gen. Wenn man den Qur’an, als ein solches Produkt, verstehen will, müsse man den geistesgeschichtlichen ­Kontext der Spätantike (Ursache) erforschen. Doch was war eigentlich aus dem Gotthelf-Bergsträsser-Archiv geworden? Damit an die Öffentlichkeit zu treten, hatte man sich wohl nicht so recht getraut. Otto Pretzl starb 1941 bei einem Flugzeugabsturz, und der Zweite Welt­krieg tat sein Übriges. Die Weltöffent­lichkeit beschäftigte sich damals mit anderen Dingen. Nach dem Krieg ließ man verlauten, alle Archive der Koran­kommission seien 1944 bei der Bombardierung von München zerstört worden. Die Forschung der beiden Orien­talisten geriet in Vergessenheit – und mit ihr auch ihr peinliches Resultat: nämlich dass der Qur’an von heute tatsächlich mit dem Qur’an von damals identisch war. So ersparte man sich, vor einer Verheißung des Qur’ans kapitu­lieren zu müssen: „Wahrlich, Wir, Wir Selbst haben diese Ermahnung [Qur’an] hinabgesandt, und sicherlich werden Wir ihr Hüter sein.“ (Al-Hidschr, 9).

Lange Zeit schenkte man dem My­thos von den zerstörten Archiven Glau­ben. Doch über ein halbes Jahr­hundert später, 2008, kam plötzlich die Wahr­heit ans Licht, dass sich die Archive die ganze Zeit über in der Obhut von Anton Spitaler (1910-2003) befunden hatten, einem wissenschaftlichen Mit­arbeiter der Korankommission von 1930. 2002 machte ein anonymer Autor, möglicherweise jemand aus der Saarbrücker Gruppe, zum ersten Mal auf die Existenz der Archive aufmerksam. Rund sechs Jahre später gab Prof. Angelika Neuwirth zu, im Besitz der Archive zu sein. Spitaler, deren Schüle­rin sie war, habe ihr die Dokumente 1990 übergeben.

Weshalb Spitaler fast 50 Jahre zu diesen Archiven schwieg und warum er sie dann stillschweigend an seine Schülerin übergab, bleibt ungeklärt. Auch wissen wir nicht, weshalb Angelika Neuwirth die Existenz des Archivs über 18 Jahre lang (bis 2008) verschwieg. Eines aber ist dafür umso klarer: Aus den Trümmern dieser Archive ging 2008 der Corpus Coranicum hervor, ein Projekt, dass zehn Jahre durch öffent­liche Mittel gefördert wird. Was einst an der Bayrischen Akademie der Wissenschaften begann, soll nun an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fortgeführt werden.

Das damalige Ziel hat weiterhin Bestand: endlich einen historisch-kriti­schen Qur’an im Geiste von Abraham Geiger herauszugeben beziehungsweise einen „Urkoran”, wie ihn sich der Ori­en­talist Lüling einst gewünscht hatte. Ganz gleich, wie man zu diesem Projekt stehen mag, eines jedenfalls ist sehr verdächtig: Noch vor Abschluss der Studie, der für 2018 anvisiert ist, nimmt die Berliner Gruppe bereits wie selbstverständlich vorweg, dass der Qur’an ein durch die historischen Umstände determiniertes Produkt sei. Angelika Neuwirth unterstellt der Saarbrücker Gruppe politische Motive, kann sich aber selbst keineswegs davon freisprechen. Mit neutraler Forschung hat das wenig zu tun. Anscheinend hat sich die Motivation seit Geiger und Bergsträsser kaum verändert.

Denn wie lässt sich von Objektivi­tät sprechen, wenn sie schon heute Ergebnissen vorgreift, die sie doch erst 2018 – in acht Jahren also – erbringen möch­­te, und wenn sie den Muslimen bereits im Voraus rät, ihren ontologi­schen Wahrheitsanspruch aufzugeben, so sie denn nicht unmündig bleiben wollen? Inwieweit eine solche Wissen­schaft objektiv sein kann, ist mehr als nur fraglich.

Auf den ersten Blick scheinen sich die Saarbrücker und die Berliner Grup­pe spinnefeind zu sein. Doch bei genau­erem Hinschauen erkennt man, dass sie im Gegenteil gar nicht so schlecht aufeinander zu sprechen sind und dass durchaus gegenseitige Wertschätzung vorhanden ist. Die Thesen der Saarbrücker finden in den Arbeiten der Berliner Zuspruch und umgekehrt. In Münster konnte man sich unlängst im Rahmen eines Vortrages von Frau Neuwirth (11.07.2009) ein Bild davon machen, dass der Corpus Coranicum ein politisch motiviertes Projekt ist.

Dort erklärte sie, die Sure Al-Ikhlas sei gewissermaßen eine schlechte Kopie des Nicäno-Konstantinopolitanums (Glaubensbekenntnis). Dies erkenne man – angeblich – an der Ungramma­ti­ka­lität des Wortes Ahad (das eigentlich Wahid heißen müsse), die auf einen anderen (Ursprungs)-Text hinweise. Laut Neuwirth geht die gegenwärtige Qur’an­forschung in die Richtung, gerade den gläubigen Muslimen eine Sprache anzubieten, die sich nicht auf einen onto­logischen Wahrheitsanspruch beruft.

Diese Sprache verspreche ihnen Mün­­­dig­keit. Nur stellt sich in dem Zusammenhang doch fast zwangsläufig die Frage, ob man den Qur’an wirklich verstehen oder ihm eine bestimmte Richtung zuweisen will. Schließlich stellt doch jede solche Richtungszu­weisung einen Eingriff dar, der eine Ver­ände­rung des Forschungsgegenstands zur Folge hat.

Ankündigung der Redaktion:
Diese Kurzserie über ein Jahrhundert ­deut­scher Qur’anforschung hat eine inhalt­liche Debatte mit einer im Artikel erwähnten ­Berliner Forschungseinrichtung ange­stoßen. In der kommenden Ausgabe, zum Ende des Artikels von Musa Bagrac, werden wir eine inhaltliche Replik von Michael Marx vom Corpus Coranicum veröffent­lichen, in der auf einige der Kritikpunkte eingegangen werden soll.

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