IZ News Ticker

IZ-Serie über verdrängte Elemente der Geschichte unseres Kontinents. Von Silvia Horsch, Berlin

Eine europäische Tradition (4)

Werbung

(iz). Es gibt manchmal erhitzte Debatten über Fragen, die auf den ersten Blick völlig harmlos erscheinen. Ein Beispiel aus der Mediävistik hat die amerikanische Literaturprofessorin Maria Rosa Menocal in ihrem Buch „Die arabische Rolle in der mittelalterlichen Literaturgeschichte“ als Anekdote beschrieben: Sie besuchte als Studentin der Romanistik aus Interesse Arabisch-Kurse und lernte dort das Verb taraba kennen , das unter anderem „singen“ oder „mit Musik unterhalten” heißt. Dieses Wort wurde von ihrem Arabischlehrer als Ursprung für das französische Wort Troubador (mittelalterliche Dichter, Komponisten und Sänger in Südfrankreich) vorgestellt. Sie war darüber sehr erstaunt, da sie wusste, dass es eine lange Diskussion über die Herkunft des Wortes Troubadour gab und die Frage als ungeklärt galt (das gilt sie bis heute). Menocal fand dann heraus, dass dieser Vorschlag für die Entstehung des Wortes bereits 1928 von dem Arabisten Ribera gemacht wurde. Die Erklärung aus dem arabischen „taraba“ hat gegenüber anderen Erklärungsmodellen den Vorteil, dass sie relativ unproblematisch und plausibel ist (taraba – singen, Troubador – Sänger; und der Vermittlungsweg über Spanien nach Südfrankreich ist auch relativ einleuchtend). Aber dieser Vorschlag wurde einfach nicht ernsthaft diskutiert – die Reaktion war Abwehr und Verdrängung. Ein Romanist schrieb zum Beispiel einfach: „Die arabische Etymologie, die Ribera dem Wort Troubadour zuschreibt, kann sicherlich niemanden überzeugen.“ Als Favorit gilt stattdessen ein konstruiertes, also nicht belegtes lateinisches Wort, „tropare“, aus dem sich Troubador abgeleitet haben soll. Ein solcher Vorgang ist symptomatisch für diesen Prozess der Verdrängung, und ähnliche Beispiele findet man in anderen Bereichen. Diese Prozesse laufen häufig auch unbewusst ab. Es ist einfach nicht möglich, das, was Jahrhunderte lang als das „Andere“ gegolten hat (und immer noch gilt), in die eigene Geschichte und damit das Selbstbild zu integrieren.

Es geht auch anders Ein vernünftiges und abgeklärtes Verhältnis zum Islam kann sich für (nichtmuslimische) Europäer nur dann einstellen, wenn diese Gegenbildfunktion des Islams aufgegeben wird. Das erscheint schwer, ist aber nicht unmöglich. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Vorbildern in Geschichte und Gegenwart, auf die man sich dabei besinnen könnte. Ich möchte nur drei aus der deutschen Geschichte nennen.

Friedrich II. von Hohenstaufen war der Sohn des deutschen Kaisers Heinrich VI. und Konstanzes von Sizilien. Von 1220 bis zu seinem Tod war er römisch-deutscher Kaiser. Er hatte den Beinamen „stupor mundi“, „Erstaunen der Welt”, und wurde als der „erste moderne Mensch auf dem Thron“ bezeichnet. Er konnte nicht nur Deutsch, Italienisch, Französisch, Griechisch und Latein, sondern auch Arabisch. An seinem Hof arbeiteten muslimische Wissenschaftler, er führte mit muslimischen Philosophen einen Briefwechsel über Probleme der Ewigkeit und die Erschaffung der Welt. Die Kirche erwartete von ihm wie von den anderen europäischen Herrschern, dass er zum Kreuzzug ins Heilige Land aufbrach. Das tat er dann auch, aber anstatt zu kämpfen, schloss er nach fünfmonatigen Verhandlungen einen Friedensvertrag mit Sultan Al-Kamil, dem Neffen von Saladin. Von Al-Kamil wurde er nach Jerusalem eingeladen. Von arabischen Berichterstattern wird überliefert, dass er, als der Muezzin aus Rücksicht auf Friedrich II. seinen morgendlichen Ruf zum Gebet nicht erschallen ließ, ihn mit den Worten zur Rede stellte: „Ich habe in Jerusalem übernachtet, um dem Gebetsruf der Muslime und ihrem Lob Gottes zu lauschen.“ Natürlich kann man Johann Wolfgang Goethe in diesem Zusammenhang nicht auslassen. Die Germanistin Katharina Mommsen, Autorin des maßgeblichen Buches über Goethes Verhältnis zum Islam, schreibt von ihm, dass „er eine ganz besondere innere Anteilnahme für die Religion der Muslime entwickelt hat und daß der Koran nach der Bibel die religiöse Urkunde gewesen ist, mit der er am vertrautesten war“.

Insbesondere während seiner Arbeit am West-Östlichen Divan beschäftigte er sich intensiv mit dem Islam und fand darin Werte und Tugenden, die ihn sehr ansprachen, vor allem Wohltätigkeit, Ergebung in Gottes Willen und Vertrauen in Vorsehung. Zu einem Gesprächspartner sagte er einmal: „Im Grunde liegt von diesem Glauben doch etwas in uns allen“. Aus dem West-Östlichen Divan stammt der Vers: „Wenn Islam Gott ergeben heißt, Im Islam leben und sterben wir alle.” Goethe erkannte auch den tiefen Zusammenhang zwischen der islamischen und europäischen Kultur und fasste diese Einsicht in die Verse: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen, Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Obwohl Gotthold Ephraim Lessing Goethe zeitlich vorausging, will ich dennoch mit ihm schließen, zum einen weil darin mein spezielles Interesse liegt, zum anderen, weil die Beschäftigung mit seinem Werk, insbesondere „Nathan dem Weisen“ zeigt, dass aufklärerisches Denken und Islam kein Widerspruch sind. Das gilt insbesondere für die Forderung nach Toleranz. „Nathan der Weise“ ist sicherlich den meisten bekannt, weshalb ich nur auf eine zentrale Stelle eingehen will, die bekannte Ringparabel: Saladin stellt dem weisen Juden Nathan die Fangfrage, welche Religion die beste sei. Nathan antwortet mit einer Geschichte: Ein Mann besaß einen Ring, der die besondere Kraft hatte, „seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen.“ Dieser Ring wurde seit Generationen immer an den Sohn weitergegeben, den der Vater am liebsten hatte. Dieser Mann hat nun aber drei Söhne, die er alle gleich liebt – und damit ein Problem. Er lässt schliesslich zwei Imitationen anfertigen und gibt jedem seiner Söhne einen Ring. Nach dem Tod des Vaters bricht natürlich ein Streit aus, welcher Ring/welche Religion die echte ist. Dieser Streit bringt die drei Brüder vor einen Richter. Der gibt er den drei Brüdern folgenden Rat:

Es strebe jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit ­Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kraft
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad’ ich über tausend tausend Jahre,
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
Als ich; und sprechen.

Dieser Rat des Richters enthält gleich zwei Anspielungen auf den Qur’an. Das wurde lange nicht gesehen, denn die Lessing-Forschung ist ein weiteres Beispiel für den beschriebenen Verdrängungsmechanismus. Natürlich konnte man nicht übersehen, dass Lessing mit Saladin einen toleranten muslimischen Herrscher auf die Bühne gestellt hat, aber was lange nicht erkannt wurde, ist, dass mit der Kernaussage, die in der Ringparabel liegt, Lessing islamische Anregungen aufgenommen hat.

Es gibt eine zentrale Formulierung im Drama, die nicht nur im Rat des Richters auftaucht, sondern auch noch an anderer Stelle. Dies ist die Formulierung „Ergebenheit in Gott“. Man hat für diese Formel jüdische, christliche und andere Bezüge gefunden, aber es hat exakt 217 Jahre gebraucht, bis man entdeckt hat, dass „Ergebenheit in Gott“ nichts anderes ist, als die wörtliche Übersetzung des arabischen Wortes „islam“. Erst 1996 hat Friedrich Niewöhner in einem Zeitungsartikel in der „FAZ“ darauf aufmerksam gemacht. Auch für die Empfehlung, dass man anstatt über die Wahrheit zu streiten lieber gut handeln sollte, sowie für den Aspekt des Wettbewerbs im guten Handeln gibt es eine Parallele im Qur’an. Das ist der Vers 48 aus Sure Al-Ma’ida: „Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Lebensweise bestimmt. Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum wetteifert um die gottgefällig guten Taten. Zu Allah werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins wart.“

Diese drei Persönlichkeiten sind Beispiele dafür, dass man nicht darauf angewiesen ist, sich von anderen abzugrenzen, um seine Identität zu finden, und nicht andere abwerten muss, um sich selbst aufzuwerten. Diese Haltung können sich Nichtmuslime wie Muslime zum Vorbild nehmen, denn die Konstruierung eines negativen Gegenbildes ist kein spezifisch europäisches, sondern ein menschliches Problem.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Der Hinweis darauf, dass Europa auch islamische Wurzeln hat, ist nicht so zu verstehen, dass dies der Grund sein sollte, aus dem die Muslime als gleichberechtigte Europäer anerkannt werden sollten. Die Muslime sollten in Europa anerkannt werden, weil sie in Europa leben, und nicht, weil sie in der Vergangenheit irgend etwas geleistet haben. Leistungen in der Vergangenheit zu einem Kriterium für Anerkennung zu machen, würde wieder zu einem Ausschluss führen – von Angehörigen anderer Religionen und Kulturen, bei denen kein so direkter Bezug zur europäischen Geschichte herzustellen ist.

Die Kenntnis dieser Tradition kann aber uns Muslimen helfen, uns nicht einreden zu lassen, dass der Islam in Europa etwas Fremdes sei. Sie sollte nicht Anlass sein, einen Stolz auf eine glorreiche Vergangenheit zu entwickeln, um Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren, die aus der Gegenwart entstehen. Das Wissen um diese Tradition sollte vielmehr zu der Einsicht führen, dass Kulturen immer plurale Ursprünge haben – was auch für die islamische Kultur gilt, die so vielfältige Einflüsse aufgenommen hat.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen