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“Jeder überzeugte Imam muss heute ein 'Terrorismusexperte' sein”, meint Abu Bakr Rieger

Kommentar: Terrorexperten

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(iz). „Was also zeigt der Boom des nun allseits strapazierten ‘Experten’ aus eigenem Hause? Im Grunde ist es ein Ausdruck der Hilflosigkeit. Als Folge von 9/11 sahen sich auch die Sender zur Aufrüstung gezwungen und erfanden den allzeit bereiten Terrorfachmann: Elmar Theveßen, unsere Antwort auf Osama bin Laden.“ (Tobias Kniebe in der „Süddeutschen Zeitung“) „Terrorexperten“, so sieht es Kniebe, sind eigentlich ganz normale Journalisten mit Internetanschluss. Für eine echte Recherche fehlen oft Kontakte, Zeit, Geld – was bleibt ist das bekannte oberflächliche Surfen auf oft eher dunklen Gewässern. In den Kanälen des Internet lässt sich jede These irgendwie belegen. Interessanterweise gibt es auch wenig Muslime, die zur öffentlichen Aufklärung über das moderne Phänomen des Terrorismus beitragen. Signifikanter ist das Schweigen großer Teile der muslimischen Lehre.

Liest man muslimische Kommentare zum Terrorismus, so finden sich eigentlich alle Extreme. So hört man gelegentlich die weltfremde These, Islam und Terrorismus hätten gar nichts miteinander zu tun oder alles sei nur eine „Verschwörung“ gegen den Islam; oder aber, auf der anderen Seite, den irrationalen Versuch, praktisch jede Untat irgendeines Muslim zu entschuldigen. Grund­sätzlich können viele muslimische Kommentatoren nicht zwischen moralischer, politischer und rechtlicher Argumentation unterscheiden. Wenn die moralische oder politische Sicht dominiert, dann stören auch offene Rechtsbrüche und Widersprüche der Hamas oder Hizbollah nicht mehr.

Ein anderer Umstand zeigt das tiefer liegende Problem. Imam Malik, der größte Rechtsgelehrte des Islam, beantwortete die viele der Fragen, die ihm gestellt wurden, mit „ich weiß es nicht“ oder lehnte die Beantwortung hypothetischer Fragen sogar ganz ab. Heute erleben wir die Umkehrung: Jeder weiß über alles alles. Das Internet schafft eine Art Krämerladenmentalität: Jeder stellt sich seine religiöse, oft auch inbrünstig vorgetragene Überzeugung aus verschiedensten Regalen zusammen. Viele Muslime können heute die Hauptquellen ihrer Überzeugungen nicht einmal benennen.

Eine überzeugende Lehre und eine überzeugende Ausbildung von Muslimen sollte auch für den politischen Islam ein Anliegen sein. Natürlich begrüßen alle Organisationen eine grundsätzliche – genau genommen meist politisch formulierte – Distanzierung vom Terrorismus (allerdings ohne gleichzeitig eine rechtliche oder theologisch überzeugende Abgrenzung zur Hamas, zur Hizbollah oder zum Wahabismus zu verbreiten). Was aber, wenn Muslime auch genauso fundierte Aussagen zum „Nationalismus“, zur „Kultur“, zum „Zins“ oder zur „Zakat“ erwarten? Was aber, wenn die Lehre frei genug wäre, diese Debatte in den Moscheen anzutreiben? Für viele Organisationen und ihre Funktionäre wären diese substanziellen Debatten wohl eher ein Greuel.

Fakt ist: Jeder überzeugende Imam muss heute ein „Terrorismusexperte“ sein, die Sprache seines Landes beherrschen, aber auch die Klaviatur einer ganzheitlichen Lehre spielen können. Vergessen wir nicht, die islamische Lehre gehört heute längst zur am schärfsten überwachten Klientel der Welt, sei es durch islamische Organisationen selbst oder durch „säkulare“ Staaten. Wer echtes Interesse an einer authentischen, ausformulierten Lehre hat, sollte den alten Grundsatz bedenken: „Wessen Brot ich ess’, dessen Lied ich sing’“.

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Abu Bakr Rieger

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