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Jemen und Somalia sind zum Zentrum der Terror-Dialektik geworden. Von Parvez Asad Sheikh

Die unregierbaren Räume

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(iz). Die unregierbaren Räume der Welt werden zunehmend zu Brennpunkten, in deren Umfeld eine Dialektik des Terrors zur unbe­haglichen Aufmerksamkeit unter der internationalen Gemeinschaft führt. Vom politischen Strudel der Stammesgebiete Pakistans bis zur anachronistischen Pira­terie am Golf von Aden haben sich ­diese zersplitterten Zonen zu Kernzonen einer postmodernen Geopolitik entwickelt. Der Fakt, dass es solche Räume gibt, und ihr Erscheinen in den globalen Zusammenhängen belegen, dass es sich hier nicht nur um schemenhafte terroristische Gruppierungen handelt, die auf der Suche nach fruchtbaren Nährböden umherziehen. Vielmehr ist es ein Zeitzeichen, dass ein Symptom sein mag. Es hilft uns, die allgemeine, uns umgebende Instabilität zu verstehen. Leiden diese Regionen unter den gleichen politischen Symptomen, dann müssen sie auch die gleiche Krankheit haben.

Jemen ist ein Beispiel dafür. Der gescheiterte Versuch eines jungen Nigeria­ners, seine Unterwäsche in einem US-Flugzeug zu detonieren, erneuerte das Interesse am ärmsten Land der Arabischen Halbinsel. Angeblich erhielt er hier den Großteil seines Trainings. Der ­Jemen wurde von sensibleren Beobachtern als “beinahe gescheiterter” Staat bezeichnet. Andere sehen das Land als “ernsthaft herausgefordert”, da es – obwohl es sich seit dreißig Jahren im Niedergang befindet – noch nicht seinen Tiefpunkt erreicht hat. Das Land verfügt angesichts der Instabilität und der Reichweite zentraler Regierungsstrukturen und -systeme über breite Zonen, die als unregierbare ­Räume eingestuft werden können.

Auf der anderen Seite des Golfes von Aden – entlang am Horn von Afrika – liegt ein weiteres Land, das wegen ­seiner unregierbaren Natur die internationale Aufmerksamkeit auf sich vereint. Nach allgemeiner Meinung hat Somalia ­einen Tiefpunkt erreicht. Sämtliche Versuche seit dem Untergang des Barre-Regimes (1991) zur Schaffung einer Zentralregie­rung scheiterten samt und sonders. Und es gibt zwei separate, obwohl nicht aner­kannte Staaten innerhalb dieses ­Staates.

Sowohl der Jemen als auch Somalia teilen sich das Scheinwerferlicht, da das Interesse an dieser Region zunimmt. Beide Länder gelten als potenzielle “Brutstät­ten” für Terroristen, auch weil sie längst unregierbar geworden sind. Neben der Beteiligung von Jemeniten und Somali­ern an Piraterie und dem angeblichen Potenzial als Heimstätte des Terrors, haben beide Staaten Eigenschaften, die sie berüchtigt werden ließen.

Nationalismus
Die erste dieser Gemeinsamkeiten ist die Existenz nationalistischer Bewegungen. Wie bereits erwähnt verfügen ­beide über Zonen innerhalb ihrer Grenzen, in denen es an direktem Regierungseinfluss fehlt. Das Machtvakuum wird durch alter­native Herrschaftsformen gefüllt, die üblicherweise spaltend sind, was wieder­um den ganzen Nationalstaat in ­Unruhe bringt.

Im Jemen kommen jene destabilisierenden Kräfte in Form der sezessionistischen Bewegung des Südens und der bewaffneten, nationalistischen Bewegung der schiitisch-zaiditischen Houthis (im Norden) daher. Das Regime von Präsident Ali Abdallah Saleh wurde durch eine Kombination aus Gewaltherrschaft und eines Systems der informellen Förderung von Stammeshäuptlingen zusammen gehal­ten. Er selbst beschrieb diese Form des politischen Opportunismus in Inter­views als ein “Tanz auf Schlangenköpfen”. Die Fähigkeit der Regierung, ein System der Erlangung von Loyalität ­unter den Stämmen aufrechtzuerhalten, geriet unter Druck, seitdem die Erdölreserven des Jemen langsam austrocknen.

Nach dreißig Jahren Opportunismus, die ihm das Überleben sicherten, erreicht Saleh das natürliche Ende eines Staatschefs. Bereits jetzt kommt es zu Hofintrigen zwischen seinem ältesten Sohn – der dazu ausersehen wurde, das Amt zu übernehmen – und anderen Clan-Mitgliedern, der Präsidentenamt dominiert. Während die Houthi-Miliz à la Hisbollah die permanente Aufmerksamkeit der Regierung auf sich zieht, gewinnt die ­sezessionistische Bewegung des Südens bei ihrem Versuch, einen unabhängigen südjemenitischen Staaten zu gründen, immer mehr Zustrom.

Eine weitere, grundlegende ­Dimension des jemenitischen Problems ist die Tatsa­che, dass dem Land das Wasser ausgeht. Früher reichte es, zehn Meter tief zu graben, um Wasser zu finden. Mit dem drastischen Fall des Grundwasserspiegels vervielfacht sich diese Zahl auf 500 Meter – in einigen Gebieten sogar auf einen Kilometer. Dies ist die Folge einer industri­ellen Landwirtschaft, die seit den 1970er Jahren eingeführt wurde. Studien ergaben, dass 80 Prozent aller bewaffneter Konflikte im Kern durch den Wettbewerb verschiedener Gruppen um grundlegende Naturschätze geführt werden. Was einstmals als Symbol des Sieges der Menschen über die Natur galt, ist dafür verantwortlich, dass Sana'a die erste Hauptstadt sein wird, der das Wasser ausgeht. Mit bereits entvölkerten Ortschaften und einer schwer bewaffneten Zivil­bevölkerung bleiben die Folgen zukünftiger Massenwanderungen für ­Konflikte im Norden und Süden unklar.

In Somalia haben Versuche der politis­chen Elite, eine föderale Politik auf der Basis von Stammesgrenzen im Norden zu schaffen, zu einem begrenzten ­Erfolg geführt. Dabei handelt es sich um die beiden, wenn auch nicht anerkannten, Republiken von Puntland und Somaliland. Der Gebrauch parlamentarischer Strukturen innerhalb dieser Minirepubliken führte zu einer Legitimitätskrise, da ein solches System unvereinbar ist mit den traditionellen Regierungsformen. Agiert ein Parlament im Rahmen der von Stämmen geführten Politik, wird es zum Schauplatz der Dominanz eines Clans (oder Unterclans) über alle anderen. Dies führt – dank sinkender Legitimität – zu einer steigenden Destabilisierung. Die Clanmilizen Südsomalia kämpften wenige Jahren zuvor gegen die Allianz für die Wiederherstellung von Frieden und Gegenterrorismus, die von den USA gestützt wurde. Dieser Konflikt ruinierte das Land. Somalia hat keine Zentralregie­rung und Somaliland treibt auf seinem Weg in die Unabhängigkeit.

Grenzen
Die Existenz nationalistischer Bewegungen im Jemen und in Somalia leitet sich überwiegend aus der ethnischen Unvereinbarkeit von Grenzen ab, die ­diesen Nationalstaaten ihren Stempel aufdrücken. Daraus folgt, dass beide Länder in Grenzkonflikten mit ihren Nachbarn verwickelt sind. Jemens Houthie-Nationalisten im Norden provozierten mili­tärische Vergeltungsschläge der saudiara­bischen Regierung, nachdem sie Grenzposten des Nachbarlandes angegriffen haben. Das erdölreiche Saudi-Arabien und der Nordwesten Jemens sind die Heimat schiitischer Stämme, die durch eine internationale Grenze geteilt werden.

Während der Herrschaft von ­General Siad Barre in Somalia bemühte sich sein sozialistisches Regime um die Schaffung einer nationalen somalischen Identität und die Gründung eines Großsomalias. Dies führte unausweichlich zu Ansprüchen auf somalische Gebieten im Besitz des Nachbarn Äthiopien – die Region Ogaden. 1978 kam es hier nach grenzübergreifenden Scharmützeln zu einem vollen Krieg. Ogaden ist immer noch ein Unruheherd und einer der ­Hauptgründe für die aktuelle Einmischung Äthiopiens in die inneren Angelegenheiten ­Somalias. Die Nationale Befreiungsfront des Ogaden kämpft weiterhin um die Unabhän­gigkeit der Region von Äthiopien.

Diese beiden Eigenschaften, wie sie dem Jemen und Somalia gemein sind, sind als wichtige Charakterzüge von Staaten, die Zonen innerhalb ihres Gebiets haben, die entlegen sind oder – im ­Sinne einer modernen Republik – dem Einfluss der Zentralregierung entzogen werden. Das heißt, dass Nationalismus und Grenzstreitigkeiten die normale Funktion von Zentralregierungen beeinträchti­gen – wenn sie vorhanden sind. Dies ist der Effekt massiver ethnischer Unterschiede und von Zentrifugalkräften ind Stammesgesellschaften.

Barres Versuch, die Clan-Identitäten zu Gunsten einer nationalen, somalischen Identität aufzuhben, waren erfolglos. Sein Scheitern bewirkte, dass sich das Land nach seinem Sturz – so gut es konnte – entlang Trennungslinien von Stämmen und Unterstämmen organisierte. Grenzkonflikte entfachten im Verlauf jene natio­nalistischen Bewegungen, die durch eine künstliche Grenze getrennt wurden. Dank menschlicher ­Wanderbewegungen werden Grenzen immer weiter aufgelöst. Diese Erosion von Grenzen hat eine weitere Folge, die sogar noch schwerwiegen­der ist: Je mehr sich militante Bewegun­gen ausbreiten, desto wichtiger werden ausländische Interessen.

Fremde Einmischung
Die Bewegung der Houthie ist der libanesischen Hisbollah nachempfunden. Beide sollen Unterstützung durch den Irans für ihre Sache erhalten – insbesondere, nachdem im letzten Jahr eine iranis­chen Waffenlieferung abgefangen ­wurde. Dies hat Saudi-Arabien veranlasst, ­Sana'a im Kampf gegen die Rebellen beizustehen. Außerdem attackierte Riad Ende letzten Jahres die Houthie im Jemen, nachdem es zu einer Verletzung seiner Grenzen kam. Angeblich soll Israel (der unwahrscheinlichste aller Verdächtigen) militante Islamisten in deren Kampf ­gegen die Houthie unterstützt haben, um die Ausbreitung der vom Iran bestärkten schiitischen Militanten zu stoppen. M.K. Bhadrakumar ging in der “Asia Times” noch weiter: Er ist der Ansicht, dass Isra­el, “dessen Leistungsfähigkeit als Regionalmacht immer durch das Fehlen ­eines Zugangs zum Persischen Golf beeinträchtigt war”, dabei ist, einen Brücken­kopf im Jemen zu bilden. Dieser ­könnte auch als Ausgangspunkt für Angriffe auf den Iran dienen.

Die sich aus Grenzkonflikten speisende Regionalisierung beschleunigt die Auflösung von Grenzen und den Zerfall des Nationalstaats als Einheit – so wie in der Region Afghanistan-Pakistan (Af-Pak). Somalias umstrittene Grenze mit Äthiopien führte zu Unterstützung Adis Abebas für die Schaffung des Ministaates Puntland und trug zur Auflösung der Union der Islamischen Gerichte im ­Jahre 2006 bei. Amerikas Hilfe für eine Clan-Miliz gegen die andere kann nur zu ­einer weiteren Destabilisierung führen.

Im Hintergrund spielt sich der wachsende Wettbewerb zwischen Amerika und China um den Indischen Ozean ab. Im letzten Jahrzehnt steigerte China seine Präsenz in Afrika erheblich. Der ­Sudan ist eng mit Peking verbunden und es gibt erste diplomatische Fühler in Richtung Kenia. Angesichts der ­jüngsten Veröffentlichung chinesischer Pläne zur Schaffung eines Marinestützpunktes am Horn von Afrika und dem anhaltenden Aufbau von Marinebasen entlang der Pekinger Handelsrouten, muss Amerika sicherstellen, dass es sämtliche Optionen Chinas im Blick hält. Jemen und Somalia stellen zwei Möglichkeiten dar, die das Gleichgewicht zu Gunsten der ­Chinesen wenden könnte. Peking hatte Erfolg, mit Sudan (ein anderes Land, das unter den Folgen der Clan-Dynamik leidet) das stärkste unter den instabilen Ländern der Region zu unterstützen.

Nach der postmodernen Geopolitik
Es gibt ein somalisches Sprichwort, dass sich ungefähr so übertragen lässt: “Bin ich verrückt geworden, oder höre ich den Gesang aus Aden?” Somalia und Jemen sind – im Zeitalter der Terror-Dialektik – miteinander historisch und kulturell verbunden. Die tausenden, im Jemen lebenden somalischen ­Flüchtlinge, sowie menschliche und kommerzielle Verbindungen weisen darauf hin, dass beide, mit Problemen belastete Staaten als Teile einer einheitlichen Region unregierbarer Räume betrachtet werden müssen.

Der Hauptgrund für diese sensible Natur kann nicht im angeblichen sicheren Hafen für “Islamisten” gefunden ­werden, sondern in der Inkompatibilität eines Nationalstaats mit der ethnischen Struktur seiner Bevölkerung. Die Lösung für die Probleme des Regierens findet sich nicht im Aufbau einer handlungsfähigen Zentralregierung, während Grenzen durch Gewalt aufgelöst werden. Vielmehr braucht es eine Regierungsweise, die den örtlichen Realitäten gerecht wird.

Während seines Wahlkampfs ­erklärte der damalige US-Senator Barack ­Obama, dass es die “verarmten, schwachen und nicht-regierten” Staaten seien, die den “Nährboden für länderübergreifenden Bedrohungen” darstellen. Darin wieder­holte er die Aussage der Bush-Regierung, wonach Amerika “heute weniger durch erobernde Staaten”, sondern durch “gescheiterte” bedroht werde. Jenseits des technokratischen Jargons findet sich hier der grundlegende Fehler in der Terror-Dialektik. Diese “gescheiterten” und “nicht-regierten” Staaten erleiden nur dann eine Eskalation von Gewalt und Instabilität, wenn ausländische Mächte einzugreifen versuchen. Und, die ­Instabilität breitet sich wegen der Auflösung von Grenzen weiter aus.

Robert Kaplan schrieb in seinem Aufsatz “Die Rache der Geografie” über die Weise, in der wir zu einem Realismus zurückkehren. Dieser wird dadurch gekennzeichnet, dass “das Augenmerk weniger auf universalen Idealen liegt, als auf den jeweiligen Unterschieden – von der Ethnizität, über die Kultur bis zur ­Religion”. Teil dieses Realismus ist es, zu erkennen, dass diese nicht-regierten Gebiete jene sind, in denen das parlamenta­rische System einer Regierung innerhalb eines künstlichen Nationalstaates einfach nicht Fuß fassen kann.

In der Zwischenzeit macht des erneuerte Interesse am Jemen und Somalia ein Umdenken von Strategien seitens Amerika und seiner Verbündeten nötig. Während seine Militärs in der Af-Pak­-Region festsitzen, kann es sich der Westen einfach nicht leisten, dem gleichen neokon­servativen Militarismus der Bush-Regierung zu folgen. Daher sollten sie ­ihren Blick von den verkopften Idealen ab- und sich “den Bergen und den Männern, die darin wohnen” zuwenden.

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