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Jemen: Wie der Krieg den Menschen zusetzt

Vier Wochen war Care-Nothelferin Jennifer Bose vor Ort unterwegs und berichtet von Bombenhagel und „Extremen der Menschlichkeit“. Von Christian Michael Hammer

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Foto: UNICEF Photography

Bonn (KNA). „Als mir einer unserer Mitarbeiter erzählt hat, dass seine Kinder Maschinengewehre an ihrem jeweiligen Knattern erkennen, sprach das für mich Bände“, sagt Jennifer Bose. Die 31-Jährige Nothelferin der Hilfsorganisation Care ist vor wenigen Tagen aus dem jemenitischen Aden nach Deutschland heimgekehrt. Hier könne sie endlich wieder ruhig schlafen: „Während meinem vierwöchigen Aufenthalt im Jemen ist keine Nacht vergangen, ohne dass ich Schüsse, Granaten oder Bomben gehört habe, von denen ich nicht wusste, wo genau sie herkamen.“ Der Tod sei im Jemen allgegenwärtig. „Ich habe mich in dem gefährlichen Land mit meinem eigenen möglichen Tod auseinandergesetzt“, sagt Bose.

Im Jemen kämpft eine von Saudi-Arabien angeführte Militärallianz seit 2015 an der Seite von Regierungstruppen gegen schiitische Huthi-Rebellen. Sie wird unter anderem von den USA, Frankreich und Großbritannien unterstützt.

Für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ist es laut Care-Informationen „extrem schwer“, in die Kriegsgebiete einzureisen – und auch gefährlich. Um Boses Aufenthalt überhaupt möglich zu machen, waren demnach etwa zwei Jahre Vorbereitungszeit notwendig. Vor Ort sei es dann auch eine „große Herausforderung“ gewesen, berichtet sie: „Ich musste als Frau jeden Tag komplett verschleiert sein, um nicht von jedem als Nothelferin erkannt zu werden“. Nur so habe sie zu manchen notleidenden Frauen und Mädchen überhaupt Kontakt aufnehmen können. „Im Krieg müssen besonders die Frauen leiden, da ihre Rechte weiter aufgehoben werden.“ Mütter müssten sich, weil ihre Männer getötet wurden, um die Kinder kümmern und zudem Geld verdienen.

Bose ist oft in den Kriegsgebieten der Welt unterwegs. Sie will „dafür sorgen, dass die Krisen nicht vergessen werden“, betont sie. Bei ihren Einsätzen berühre sie aber trotz ihres „nötigen emotionalen Panzers“ jedes Mal das Schicksal der Menschen. „Man kann sich einfach nicht vorstellen, was manche ertragen müssen“, sagt sie.

Da ist zum Beispiel die Geschichte der trotz allem fröhlichen 17-jährigen Thaibah. Als Schafhirtin ist sie auf dem Weg von der Weide nach Hause auf eine Mine getreten. Ihr rechtes Bein wurde zerfetzt, die nötige Amputation schlug fehl. Einen Rollstuhl hat sie nicht. Was ihr bleibt, ist, auf dem schmutzigen Boden zu sitzen und auf die Hilfe anderer zu vertrauen. Das Unglück ist zwei Tage vor ihrer geplanten Hochzeit passiert. Thaibahs Verlobter werde sie aber nicht mehr heiraten, erzählt Bose.

Ein anderes Schicksal lässt die Krisenhelferin ebenfalls nicht los: eine ältere krebskranke Frau, die kein Geld für eine medizinische Behandlung im eigenen Land habe und auch nicht ausreisen könne, weil sie „so arm sei“. Sie sei „gefangen im Krieg“, so formuliert es Bose.

Flucht, Tod und Vertreibung seien weiterhin an der Tagesordnung, fügt sie hinzu. Ein Flüchtlingscamp aus Zelten sei für viele „schon eine Verbesserung“, da die Menschen oft „lange unter freiem Himmel ausharren“ und die „pralle Sonne“ ertragen müssten.

Care hat den Anspruch, nachhaltig zu helfen. „Mit dem Programm ‚Cash for Work“ versuchen wir zum Beispiel, den Menschen ein Stück von einem normalen Leben zurückzugeben“, berichtet Bose. Der Projekt-Gedanke: Krisengebeutelte Menschen arbeiten, bekommen dafür Bargeld und können sich selbst damit beispielsweise einen kleinen Laden aufbauen. Die etwa 300 oftmals einheimischen Care-Mitarbeiter organisieren den Wiederaufbau von Schulen und versuchen, den Menschen „eine Perspektive für die Zukunft“ zu geben.

Bose hat eine klare Botschaft von ihrer Reise mitgebracht: „Es braucht eine politische Lösung für den Jemen, sonst gibt es dort keinen nachhaltigen Frieden für die Menschen“, mahnt sie. „Die Weltöffentlichkeit, die Vereinten Nation und jedes Land stehen hier in der Verantwortung.“ Mit jedem Tag, der verstreiche, schlitterten das Land und seine Menschen tiefer in die humanitäre Krise.

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