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Jemen: „Wir kleben großflächige Pflaster“

Experte sieht das vom Krieg zerrissene Land in chronischer Krisensituation. Von Paula Konersmann

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Foto: WFP, Fares Khoailed

Bonn (KNA). 1,4 Millionen Menschen hat die Hilfsorganisation Care im vergangenen Jahr im Jemen erreicht. Zehnmal so vielen Menschen droht in dem vorderasiatischen Land nach Einschätzung der Vereinten Nationen eine Hungersnot. Der Generalsekretär von Care Deutschland, Karl-Otto Zentel, war kürzlich als einer der wenigen Deutschen vor Ort. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er über die Lage im Land und über die Grenzen der humanitären Hilfe.

KNA: Herr Zentel, wie sieht es im Jemen derzeit aus?

Karl-Otto Zentel: Der Krieg, der inzwischen mehrere Jahre andauert, hat sämtliche Reserven aufgezehrt. Die Währung ist im freien Fall, die Gehälter sind nicht entsprechend gestiegen. Im Norden des Landes werden viele Regierungsangestellte, etwa Lehrer und Gesundheitspersonal, gar nicht bezahlt. Zudem gibt es etwa zwei Millionen Binnenvertriebene, die in vielen Camps auf sich allein gestellt sind. Die Armut nimmt zu, tagsüber suchen Menschen auf Müllhalden nach Nahrung. Der öffentliche Sektor funktioniert nicht, dadurch sind etwa die Entsorgung von Müll und Abwasser nicht gewährleistet. Auch die Hilfswerke kommen an die Grenzen dessen, was sie leisten können.

KNA: Sie waren 2017 schon einmal im Jemen. Was hat sich seither verändert?

Karl-Otto Zentel: Durch den Währungsverfall sind die Preise extrem gestiegen. 90 Prozent der Nahrungsmittel müssen importiert, also mit harten Währungen auf dem Weltmarkt gekauft werden. Zudem ist unsicher, wie lange die Zulieferwege noch offen sind. Ärzte berichten erstmals davon, dass Menschen verhungern.

KNA: Wo fängt eine Hilfsorganisation in einer solchen komplexen Lage an?

Karl-Otto Zentel: Ein fernes Land wird gern als einheitliches Gebilde betrachtet. Dabei kennen wir in Deutschland regionale Unterschiede, und die gibt es auch im Jemen. Im ländlichen Raum unterstützt Care mit “Cash for work” Projekte, die die Kommunen auswählen. Das schafft ein Einkommen und verbessert die Lebensbedingungen. Ein Beispiel ist die Wasserversorgung: Wir arbeiten mit Speicherbecken, fassen Quellen, sichern Brunnen und legen Wassernetzwerke an. Die Frauen, die traditionell Wasser holen, berichten, dass sie im vergangenen Jahr neben dem Brunnen geschlafen haben, weil es so lange dauerte, bis ihr Kanister gefüllt war. Wenn sie ihn heute einfach und zügig auffüllen können, reagieren sie so begeistert – das kann man sich kaum vorstellen.

KNA: Und in anderen Regionen?

Karl-Otto Zentel: Insbesondere in den Städten leben viele Vertriebene: Menschen, die absolut nichts mehr haben. Hier verteilen wir Bargeld, Nahrungsmittel, Hygienepakete – kurzfristige Nothilfe-Maßnahmen. Trotzdem steigt momentan die Zahl der Cholera-Fälle, zum dritten Mal in Folge.

KNA: Gibt es in dieser Lage überhaupt noch so etwas wie einen Alltag?

Karl-Otto Zentel: Im Norden funktioniert keine staatliche Schule mehr, weil Lehrer nicht mehr bezahlt werden – und selbst ums Überleben kämpfen. Auf Privatschulen können nur die Eltern ihre Kinder schicken, die noch über ein Einkommen verfügen. Helfer brauchen dort für alle Bewegungen eine Genehmigung von verschiedenen Behörden – und teilweise erhalten sie schlichtweg keine. Im Süden haben wir ein Projekt gestartet, um Schulen wieder aufzubauen und zu erweitern. Das Bildungsministerium hat Lehrer zugesagt, die Kommunen versprechen, dass auch Mädchen auf die Schulen geschickt werden können.

KNA: Nun warnen die Vereinten Nationen vor einer Hungersnot …

Karl-Otto Zentel: Das ist sehr realistisch, fürchte ich. Die Zivilbevölkerung im Jemen befindet sich in Geiselhaft. Durch die Schließung des Flughafens in Sanaa vor zwei Jahren kann niemand zu einer medizinischen Behandlung ausgeflogen werden. Die Blockade von Seehäfen und die Kämpfe um Zugangswege betreffen nicht nur humanitäre Güter, sondern auch Güter für den kommerziellen Handel – und wenn dieser Handel gefährdet ist, haben wir ein schreckliches Szenario vor uns. Insofern kann es im Jemen nur eine politische Lösung geben.

KNA: Welche Rolle spielt es, dass der Jemen hierzulande wenig Beachtung findet?

Karl-Otto Zentel: Care ist seit 1993 im Jemen, mit Büros an zentralen Orten wie Aden oder Sanaa. Trotzdem habe ich mein Visum beim ersten Mal erst nach fünf Monaten erhalten, das letzte Mal sogar erst nach acht Monaten. Das heißt, es kommt so gut wie niemand in den Jemen hinein. Wir haben uns monatelang bemüht, eine Jemen-Reise von Journalisten zu unterstützen – keine Chance. Es wird alles getan, um eine Berichterstattung zu erschweren. In der Folge ist der Jemen, verglichen etwa mit Syrien, fast unsichtbar, obwohl dort 14 Millionen Menschen akut von einer Hungersnot bedroht sind. Bei vielen entlegenen Gebieten weiß zudem niemand, wie es dort wirklich aussieht, weil keine Informationen hinaus gelangen.

KNA: Könnte die aktuelle Zuspitzung immerhin für mehr Aufmerksamkeit sorgen?

Karl-Otto Zentel: Die Frage ist: mit welchem Ergebnis? Im vergangenen Jahr haben die Cholera-Zahlen für Aufmerksamkeit gesorgt, viele Privatmenschen haben gespendet, und das Depot der Geberländer für den Jemen wurde zu über 70 Prozent gefüllt. Dieser Einsatz ist gut und wichtig, ohne ihn könnten wir unsere Arbeit nicht weiterführen. Aber: Humanitäre Hilfe klebt Pflaster, im Jemen sind es großflächige Pflaster. Entscheidend ist die Frage, ob sich politisch etwas ändern wird. Wenn nicht, was ist dann 2019? Und 2020? Ohne eine politische Lösung führt keine noch so großzügige Hilfe der Zivilgesellschaft wirklich zum Ziel.

KNA: Was müsste also geschehen?

Karl-Otto Zentel: Die EU-Staaten müssten realisieren, wie dramatisch die Situation ist, und eine gemeinsame politische Position einnehmen. Nur so könnten sie die Kriegsakteure dazu bringen, ernsthafte Friedensgespräche zu führen oder zumindest die Versorgungssituation im Land zu verbessern. Eine Eskalationsstufe wie in Syrien hält der Jemen nicht aus. Er gilt als das ärmste Land der Arabischen Halbinsel, und durch die geografische Lage des Landes haben die Jemeniten keine Chance, als Flüchtlinge in Nachbarländer zu gelangen.

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