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Jenseits der Hashtags wartet das Offene

Wohin treiben wir? Fragmentarische Reflexionen aus einem fordernden Ramadan

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Foto: Wikimedia Commons, Taste of Cinema | Lizenz: Public Domain

(iz). Der vierte Kalif des Islam, ‘Ali ibn Abi Talib, sagte sinngemäß über die Zeit, dass sie wie ein Schwert sei. Schneiden wir nicht mit ihm, würde es uns schneiden. Wie kaum eine andere Phase ist der Ramadan die Zeit, die uns auf diese Weisheit zurückwirft. Vor allem, wenn der Nachmittag des letzten Fastentages voranschreitet und man sich fragt: Wie habe ich meine Zeit genutzt?

Der Fastenmonat war auch Einladung zum Nachdenken. Wie wir sie – als muslimische Gemeinschaft – genutzt haben, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die vergangenen Monate machten deutlich, dass es erheblichen Bedarf für ein kollektives Nachdenken der deutschen Muslime gibt. Zu oft handeln Muslime – individuell oder kollektiv – leider noch ohne den nötigen Austausch untereinander. Der Segen einer selbst-korrigierenden Gemeinschaft geht im Zeitalter des medialen Instinktivs und der Suche nach symbolischem Kapital allzu leicht verloren.

Es gibt genug Phänomene in den muslimischen Gemeinschaften Deutschlands, die ein Nachdenken nötig machen

Auftakt: Durch die Erkenntnisse der „neuen“ Physik zu Beginn des letzten Jahrhunderts wissen wir, dass – im subatomaren Bereich – der Beobachter selbst Teil der Versuchsanordnung ist. Hier werden die Grenzen zwischen Objekt und Subjekt sowie zwischen Beobachter und dem Beobachteten nicht nur unscharf – die Absicht und der Blick des Experimentierenden nehmen auch Einfluss auf das potenzielle Ergebnis der Untersuchung. Das korrespondiert mit unserer Erkenntnislehre, wonach wir es sind, die in jedem Atemzug von Allah beobachtet werden.

Angesichts der erhitzten Gemütslage, welche die „Islamdebatte“ negativ beeinflusst, stellt sich die Frage, inwiefern wir nicht auch von dieser Erkenntnis profitieren sollten. Allzu oft geistern wir somnambul durch die Gegend, ohne zu realisieren, welche Wirkung wir auf andere haben. Und häufig agieren wir im irrationalen Glauben, wir seien teilnahms- und wirkungsloser Bestandteil der Versuchsanordnung „Islam in Deutschland“.

Gespräch: Zu den heiklen Tendenzen des muslimischen Diskurses gehört die Vorstellung, wir müssten uns (aufgrund einer selbstbejahten Opferrolle) dem Anderen gegenüber nicht erklären und nicht artikulieren. Dabei ist das Miteinander sprechen, Sprache überhaupt, Teil der elementarsten Schichten des menschlichen Phänomens; von der Offenbarung ganz zu schweigen. Eine solche Einstellung ignoriert die Notwendigkeit, dass wir uns nicht auf solch eine Reaktivität zurückziehen können. Sie entbindet uns nicht von der Pflicht, konstruktiv mit unserer Mitwelt zu interagieren. Von ­spiritueller Warte betrachtet, ist dieser Zustand darüber hinaus das Gegenteil von echter Selbstermächtigung, weil er postuliert, der böse Andere hätte alles in der Hand zur Verbesserung des eigenen Zustands.

Diese fragwürdige wie populäre Identitätsmarkierung als „Opfer“ außer Acht lassend, bricht eine solche Denke mit der Lehre und der Tradition. Als Gemeinschaft stehen wir in der Pflicht, „auf die beste Art und Weise“ über Allahs Din zu informieren und dazu einzuladen.

Auf praktischer Ebene verhindert dergleichen die Bildung von Koalitionen mit Gutwilligen und den Aufbau von Kommunikationskanälen mit solchen Menschen, die zu einem Gespräch bereit sind. Individuell ignoriert sie alle, deren Herzen näher gebracht werden können (eine Empfängerkategorie für Zakat) und die, deren Herzen bereit sind für Allahs Din. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Ich wurde nur entsandt, um guten Charakter zu vervollkommnen.“ Was mehr können wir von unserem Gegenüber erwarten?

Im Sumpf der Identität(en): Der britische Cambridge-Professor Abdul Hakim Murat beschreibt in seinem Vortrag „Riding the Tiger of Modernity“ (auf YouTube zu finden) den Veränderungsprozess unseres innersten Kerns. Wo bei den Muslimen früher Allah und transzendente Fragen im Kern der Sache standen, gehe es heute um die Suche nach „Identität“.

In unseren Gefilden zeichnet sich der Umgang mit dem schwierigen Thema (in Anlehnung an recht spezifische Verhältnisse in den USA) bisher auch dadurch aus, dass es ihm an der nötigen Rückbindung zu Allahs Din fehlt, diese zumindest aber geschwächt wird. So steht der identitätspolitische Diskurs der Muslime nicht nur hypothetisch in der Gefahr, dass er den Din relativiert, marginalisiert und schließlich ignoriert.

Ein banaler Hinweis darauf ist, dass (in steigender Frequenz) in Erklärungen von muslimischer Seite eine Referenz zur islamischen Lehre nicht selten schmerzlich vermisst wird. Oft stellt sich die Frage, was bei emotional diskutierten Themen eigentlich der „islamische“ Aspekt sein soll.

Last der Kritik(er): Kritiker sein ist keine abendfüllende Tätigkeit, noch ist es Ausbildungsberuf. Kein Frage, gelegentlich müssen wir alle den Müll runterbringen oder unser System reinigen. Aber es ist wie das sprichwörtliche Bein, auf dem man nicht alleine stehen kann.

In einer Lage, in der die bürokratisch-politische Selbstorganisation deutscher Muslime oft strukturalistisch ist, läuft Kritik mehrheitlich ins Leere. Es fehlt ihr häufig an einem persönlichen Empfänger, der sie empfangen und verarbeiten könnte oder wollte.

Sand im Getriebe: Unser Denken und Sprechen finden nicht im luftleeren Raum statt. Der innermuslimische Diskurs ist natürlich auch eine Reflexion der übergeordneten Verhältnisse. Sogar im muslimischen Ethos hat das ellbogelnde Ideal des Neoliberalismus Einzug gehalten.

Junge, hippe Strukturen der vermeintlich Zukünftigen, auf welche die öffentliche Elitenförderung ein Auge warf, bieten Seminare zum Eigenmarketing und Selbstmanagement an. Was zählt, ist die Optimierung des Selbst. Das Besser-Werden übertragen auf die spirituelle Sphäre. Jeder kennt die hilfreichen Webseiten, auf denen wir beispielsweise lernen können, auch im Ramadan „produktive Muslime“ zu sein.

Und die, nach symbolischem Kapital suchenden, muslimischen Repräsentanten wirken nicht selten wie Jobber der Wallstreet. Sie wollen nach oben, vulgo an die Öffentlichkeit, die ihnen das dringend benötigte Kapital liefert, das sie nicht mehr in Koordination und gemeinsamem Handeln zu finden glauben.

Wiederholungen langweilen: Wiederholungen langweilen und nerven. „Zu schreiben“, wie Goethe sagte, „bedeute auch, aus sich heraus zu kriegen, was im Inneren brüte“. Das Ergebnis echten Nachdenkens muss nutzbringendes Wissen sein, das uns zu besseren Alternativen führt. Anlässe für das Reflektieren sollte es also genug geben.

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Sulaiman Wilms

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