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Jenseits der Norm. Über den Paderborner Schützenkönig Emin Özel

Jeder Schuss ein Treffer

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(iz). Während in Großbritannien beispielsweise Kopftuch tragende muslimische Polizistinnen zum Straßenbild gehören, ist es in Deutschland noch immer beinahe eine Sensation, wenn Muslime in Ämtern, Funktionen oder Tätigkeiten erscheinen, in denen sie zuvor kaum vertreten waren – insbesondere wenn es sich um exponierte Positionen handelt, die von öffentlichem Interesse sind. Wenn es sich dann noch um so typisch deutsche handelt wie das Amt des Schützenkönigs, ist bundesweite Aufmerksamkeit garantiert, wie der Paderborner Unternehmer Emin Özel erfahren hat.

Islamische Zeitung: Herr Özel, wie kam es dazu, dass Sie als erfolgreicher Unternehmer zum Schützenkönig wurden?

Emin Özel: Ich bin 1960 in Tokat in der Türkei geboren und 1971 nach Deutschland gekommen; meine Eltern lebten damals in Göttingen. Ich habe im Jahre 1987 in Paderborn meinen Abschluss als Diplom-Kaufmann gemacht, als erster Türke an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Ich arbeite mit meiner Frau in unserer gemeinsamen Werbeagentur im Paderborner Technologiepark zusammen. Wir haben etwa 30 Personen in unserer Agentur beschäftigt, die verschiedenster Herkunft und Abstammung sind. Im Jahre 2002 hat mich ein Freund, der auch im Technologiepark arbeitet, gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zu einem Schützenfrühstück in einer Schützenkompanie mitzukommen. Ich habe nein gesagt. Ich hatte meine Vorurteile über die Schützen mit ihrer grünen Jacke. Die Institution Schützen in Paderborn war mir am Anfang suspekt. Ich war ein bisschen voreingenommen, obwohl ich nichts über die Schützen wusste. Die Einladung, zum Schützenfrühstück mitzugehen, habe ich dann doch angenommen, weil ich auch neugierig war, wie so etwas abläuft. Man muss dazu sagen, dass die Schützenfrühstücke in Paderborn zum festen Repertoire für die Persönlichkeiten und die Geschäftsleute der Stadt gehören, da geht es um Sehen und Gesehen werden, es sind gesellschaftliche Veranstaltungen, die für die Geschäftsleute gewissermaßen ein Muss sind. Ich habe an diesem Tag dort beim Frühstück auch andere Freunde und Bekannte getroffen, und wir haben einen sehr schönen und lustigen Vormittag verlebt. Während des Frühstücks wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, Mitglied zu werden, und ich habe sofort ja gesagt. So bin ich 2002 Mitglied der Königsträßer Kompanie der Paderborner Schützen geworden. In Paderborn gibt es fünf Schützenkompanien. In den Folgejahren 2003 bis 2006 bin ich nur zu den Schützensfrühstücken gegangen; ich habe keine Uniform getragen und war sozusagen nur passives Mitglied. Im Jahre 2006 wollte der Schützenverein einen Slogan entwickeln lassen, von einer Werbeagentur. Da der Rendant der Paderborner Schützen auch im Technologiepark arbeitet, und weil ich ja auch Mitglied im Schützenverein bin, kam man auf unsere Agentur. Wir haben das dann unentgeltlich gemacht und für den Paderborner Schützenverein den Slogan „Wir haben nen Vogel und stehen dazu“ entwickelt. Das ist natürlich auch etwas selbstironisch – die Schützen schießen ja auf einen Adler aus Holz. Dieser Spruch ist allgemein sehr gut angekommen. Der Schützenverein wollte sich bei uns dafür erkenntlich zeigen. Bei einer Veranstaltung der Schützen im Jahr 2006 wurden dann Personen geehrt, die sich um das Schützenwesen verdient gemacht haben. Ich wurde nach vorne gerufen und der Hauptmann meiner Kompanie hat sich für den Slogan bedankt und dafür, dass wir alles ohne Rechnung gemacht haben. Er wollte mir einen Orden anhängen, den zweithöchsten Orden des Bataillons. Er hielt den Orden an mein schwarzes Jacket und fragte dann die anwesenden Schützen, wie das denn aussehen würde. Sie sagten natürlich, dass das nicht gut aussehe. Und wie sähe das gut aus? Natürlich an einer Uniform. Da das ganze mit meiner Frau abgesprochen war, hatte man bereits eine Uniform in meiner Größe, eine Joppe, wie man hier sagt, bereit. So wurde ich kurzum mit einer grünen Uniform-Jacke, einer weißen Krawatte und einer Mütze als Schütze eingekleidet – die schwarze Hose hatte ich ja schon an. Dann bekam ich den Orden verliehen. 2007 haben meine Frau und ich dann eine Einladung zu einer Veranstaltung der Schützen als Ehrengäste bekommen. Ich saß neben dem Hauptmann, der mich dann fragte, ob ich nicht auf den „Vogel“ schießen und Schützenkönig werden möchte. Ich habe gesagt, „nein, erstens trinke ich keinen Alkohol, und mit Festen und Feiern habe ich es nicht so.“ Und da ist der Ludger Konersmann, der Hauptmann der Königsträßer, ein bisschen ernst geworden und hat gesagt: Überleg’ mal, wenn du als praktizierender Muslim und Türke den Adler abschießen würdest, welche Signale du damit aussenden würdest, in beide Gesellschaften, sowohl in die Majorität, die deutsche Gesellschaft, als auch an die Menschen mit Migrationshintergrund?“ Da habe ich kurz darüber nachgedacht und gesagt: „Ludger, da hast du mich jetzt gepackt, da komme ich nicht mehr heraus. Ich kann es versuchen – obwohl ich nicht schießen kann.“ Der Entschluss entstand für mich aus der Überlegung heraus, Signale an die Gesellschaft auszusenden, um zu zeigen, dass Integration möglich ist, wenn beide Seiten es wollen. Ein wenig Neugier war natürlich auch dabei, und so habe ich dann am Tag danach zunächst einen kurzen theoretischen Einblick in das „Vogelschießen“ bekommen und dann ging es los. Und bei meinem zweiten Schuss, dem zehnten Schuss insgesamt, ist der Adler heruntergekommen und ich bin König geworden.

Islamische Zeitung: Obwohl Sie keinerlei Schützenpraxis hatten?

Emin Özel: Überhaupt nicht. Man muss dazu noch sagen, dass der Paderborner Schützenverein der größte Schützenverein Deutschlands ist, mit mehr als 4.100 Mitgliedern. Ich repräsentiere nun seit Mitte Juli den Paderborner Schützenverein bei allen offiziellen Terminen.

Islamische Zeitungen: Wie war das Echo der Medien auf Sie als neuen Schützenkönig?

Emin Özel: Direkt am Tag danach stand natürlich in allen Paderborner Zeitungen die Nachricht „Der erste Moslem als Schützenkönig“. Dann habe ich eine Einladung ins Bielefelder Studio des WDR-Fernsehens bekommen. Auch in den überregionalen Medien gab es viele Berichte, etwa in der „Welt“, der „FAZ“, dem „Tagesspiegel“ oder der „Berliner Morgenpost“. Ich habe allen gesagt, dass meine Motivation unter anderem die war, den Menschen gewissermaßen exemplarisch zu zeigen, dass Integration möglich ist und Integration nicht gestorben ist. Es gibt viele Gruppen, die Interesse daran hätten, wenn es hieße, dass Integration nicht möglich ist oder dass sie tot ist. Wenn man es mal aus der Sicht der Werbebranche betrachtet: Wenn man mit einem Produkt nicht wirbt, dann heißt das nicht, dass dieses Produkt schlecht oder nicht tauglich wäre, aber erst wenn man für das Produkt Werbung macht, nehmen die Menschen es wahr. So ist es auch mit der Integration. Integration braucht auch positive Beispiele, damit die Leute nicht denken „Wo findet denn Integration statt? Wir hören ja nichts“. Ich denke dass bei meinem Beispiel die Signale angekommen sind, sowohl bei der Mehrheitsbevölkerung als auch bei den Menschen mit Migrationshintergrund, die sagen „Guck mal, dass sogar in einer Stadt, die als konservativste in Deutschland gilt, ein Muslim und Türke Schützenkönig werden kann“. Ich habe immer gesagt, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich in ihrer Stadt, in der sie leben, sei es eine Kleinstadt oder Großstadt, in die Gesellschaft einbringen sollen. Wenn wir in dieser Gesellschaft leben, dann sollten wir teilhaben, mitbestimmen und mithalten. Das ist mein Anliegen. Meine Frau und ich sind beide in diversen Vereinen und Institutionen in Paderborn tätig. Wir fühlen uns auch sehr wohl in Paderborn, und dass ist auch der Grund, warum wir uns hier engagieren, uns einbringen und mitgestalten.

Islamische Zeitung: Gab es nur positive Reaktionen, oder auch negative?

Emin Özel: Offiziell gab es nur positive Reaktionen, ich habe schon am nächsten Tag Telefonanrufe aus ganz Deutschland bekommen, von Menschen, die ich nicht kannte und die gesagt haben, wir finden das ganz toll, was Sie gemacht haben, wir unterstützen Sie, und ich habe auch innerhalb des Vereins von den Schützenbrüdern viel Unterstützung zugesichert bekommen. Auch der Bürgermeister und die Parteien in Paderborn unterstützen mich und haben mir von Herzen gratuliert, mir alles Gute gewünscht und mich ermutigt, dieses Jahr als Schützenkönig zu gestalten. Es gibt natürlich auch Töne, Misstöne, die ich selber nicht gehört habe, die aber an mich herangetragen wurden, die ich aber nicht ernst nehme. Da heißt es zum Beispiel, die Damen des Hofstaates würden wohl demnächst mit Kopftüchern erscheinen oder auf dem Schützenplatz würde demnächst eine Moschee errichtet. Das sind, auf Deutsch gesagt, Frotzeleien, die eigentlich nicht ernst zu nehmen sind.

Islamische Zeitung: Haben Sie sich unter den Schützen anfangs nicht doch wie ein Exot gefühlt? Mit Schützen verbindet man ja doch auch das Alkoholtrinken oder eine Art zu feiern, die für Muslime ungewohnt ist…

Emin Özel: Ich selbst trinke keinen Alkohol, aus religiösen Gründen, das habe ich nie verheimlicht. Ich habe auch immer gesagt, dass ich kein Schweinefleisch esse. Die Schützen haben sich unheimlich schnell darauf eingestellt, und auch bei den offiziellen Veranstaltungen wird immer dafür gesorgt, dass ich alkoholfreies Bier, Cola oder Wasser bekomme. Das war eigentlich überhaupt kein Problem. Natürlich war die Art und Weise, wie man feiert, für mich nicht so geläufig gewesen, aber ich halte auch die Aussage, dass nur getrunken werde, nicht für allgemein gültig. Natürlich wird auch das eine oder andere Bier getrunken, aber dass die Leute dann nur noch betrunken in der Ecke herumliegen würden, das ist nicht der Fall. Ich habe schon gesehen, dass die Schützen sich in der Jugendarbeit und in der Seniorenarbeit engagieren, das ist auch der Grund, warum ich die Schützen unterstütze, durch meine Mitgliedschaft und jetzt auch durch meine aktive Zeit als König.

Islamische Zeitung: Welche Reaktionen haben sie von den Paderborner Muslimen darauf erhalten, dass sie Schützenkönig geworden sind?

Emin Özel: Fast die Hälfte derer, die mich angerufen haben, waren Türken beziehungsweise Muslime. Ich habe auch Briefe bekommen von Muslimen, die gesagt haben, wir finden es toll, was du gemacht hast – zu zeigen, dass die Muslime sich in dieser Gesellschaft nicht zurückziehen und für sich leben, sondern dass sie auch offensiv sind und bereit für eine Integration, ohne sich assimilieren zu lassen. Einer hat erzählt, dass er seit Jahren in einem deutschen Unternehmen arbeitet, aber bisher kaum Kontakt mit dem Geschäftsinhaber hatte. Nachdem der Chef von mir gehört hatte, ist er auf den Mitarbeiter zugegangen und hat gesagt „Mensch, hast du gehört, ein Landsmann von dir ist Schützenkönig geworden!“, sodass sich auch einfach Gesprächspotenziale dadurch ergeben haben und dass mehr miteinander kommuniziert wird, was natürlich absolut erfreulich ist.

Islamische Zeitung: Haben sie das Gefühl, für das Klima zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Paderborn etwas erreicht zu haben?

Emin Özel: Ich habe daran schon vorher gearbeitet, ich war auch eine Zeit lang im Vorstand einer DITIB-Moschee und mache noch immer Moscheeführungen. Ich habe damals auch eingeführt, dass Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zum Fastenbrechen in die Moschee eingeladen werden. Aber durch meine Funktion als Paderborner Schützenkönig habe ich natürlich mehr Aufmerksamkeit, und diese Aufmerksamkeit nutze ich natürlich, um im Gespräch mit Menschen, die in Paderborn leben und die zu wenig Informationen über den Islam haben oder falsch informiert sind, bestimmte Dinge richtig zu stellen. Ich nutze jedes Gespräch, um zu zeigen, dass der Islam eine Religion ist, die Frieden predigt und nicht Gewalt und dass für die Muslime auch der Dialog mit den Buchreligionen Judentum und Christentum dazugehört. Wir werden ja im Qur’an dazu aufgefordert, mit den Leuten der Schrift zu reden. Ich finde es gut, dass ich auch in der Öffentlichkeit die Möglichkeit habe, zu informieren – nicht so wie es in den Medien gegenwärtig geschieht, nämlich einseitig, sehr aufreißerisch und in erster Linie auch negativ zu informieren.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Özel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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