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Jenseits der Tagespolitik: Ein etwas anderes Interview mit dem Vorsitzenden des Islamrats, Ali Kizilkaya

Ein Blick zurück auf die Anfänge

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(iz). Seit nunmehr sechs Jahren ist Ali Kizilkaya Vorsitzender des Islamrats. Der studierte Politikwissenschaftler spricht im IZ-Interview einmal nicht zu aktuellen politischen Fragen oder Debatten, sondern erzählt von seiner Kindheit und Jugend im Deutschland der 70er und 80er Jahre und der damaligen allmählichen Entwicklung muslimischer Strukturen.

Islamische Zeitung: Herr Kizilkaya, wann sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ali Kizilkaya: Das war 1972, ich wurde von meinen Eltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, nachgeholt. Ich war damals acht Jahre alt. Ich wuchs in Bremen auf.

Islamische Zeitung: Wie haben Sie ihre Jugend erlebt, wie war es zu jener Zeit als junger Türke in Bremen?

Ali Kizilkaya: Eigentlich eher freundlich, damals waren Ausländer ja Exoten. Es wurde einem eher wie einem bunten Vogel begegnet, etwas anders als man es heute tut. Jedenfalls habe ich das so in Erinnerung. Ich sprach anfangs kein Deutsch, das war schon eine Belastung für mich und irgendwann fast eine Qual, denn ich wollte verstehen und mich auch mitteilen können. Ich hatte dann die Erfahrung gemacht, dass wenn man die Sprache nicht kennt, Menschen auch anders mit einem umgehen; man hat das Gefühl, nicht ganz ernst genommen zu werden. Wenn man gebrochen Deutsch spricht, erlebt man auch, dass andere in gebrochenem Deutsch antworten, das war nicht so erfreulich.

Islamische Zeitung: Haben Sie damals auch Vorbehalte seitens der deutschen Bevölkerung erlebt?

Ali Kizilkaya: Daran kann ich mich nicht konkret erinnern; wir wurden als Ausländer behandelt, das spürte man schon, wenn auch nicht so stark, wie es heute der Fall ist. Etwas später war es dann so, dass es bei uns in der Straße einige Leute gab, die über Türken immer sehr schlecht sprachen. Ich fragte sie immer wieder, warum sie dies täten, denn ich sei ja auch einer, und sie antworteten dann stets: „Du bist anders, du bist in Ordnung“. Das habe ich so oder ähnlich in der Nachbarschaft erlebt, in der Schule und auch im Studium, dass Leute, die ich kannte, sagten: „Die Türken sind so, aber du bist anders, du bist besser“. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass das nicht nur an mir lag, sondern auch daran, dass die Leute, die dies gesagt haben, außer mir keine Türken persönlich kannten. Und wenn man sich nicht kennt, dann beurteilt man den anderen über Dritte oder über Vorurteile.

Islamische Zeitung: Sind Sie mit vielen Kontakten zu Deutschen aufgewachsen, oder eher in einem türkisch geprägten Umfeld?

Ali Kizilkaya: Ich hatte immer auch Kontakt zu Deutschen, aber mehr natürlich zur türkischen Community. Das lag in der Natur der Sache, denn um sich in der Mehrheitsgesellschaft zurechtzufinden, braucht man natürlich die Sprache. Und die sollte man sehr schnell und auch gut lernen. In meiner Jugend gab es dazu nicht so viele Angebote und Förderungen, sodass ich nach meinem Ermessen eher langsam Deutsch gelernt habe. In der türkischen Community fand man sich dann eben besser zurecht. Aber ich habe mich nicht darauf beschränkt, sondern auch viel Kontakt zur Außenwelt gehabt, denn als ich die deutsche Sprache dann doch recht gut beherrschte, war ich im Vorteil im Vergleich zu anderen und konnte dadurch anderen helfen. Ich habe ältere Menschen zu Ärzten, Rechtsanwälten oder Behörden begleitet, was sehr bereichernd für mich war, da ich den Menschen helfen und gleichzeitig auch die deutsche Lebenswelt schneller kennen lernen konnte.

Islamische Zeitung: Wie war das muslimische Leben in den 70er und früher 80er Jahren in Deutschland? Es gab damals ja noch kaum Moscheevereine.

Ali Kizilkaya: Die erste Moschee, in die ich gegangen bin, war eigentlich keine Moschee, sondern ein Nebenraum in einem Arbeiterwohnheim, wo Arbeiter sich zum Gebet versammelten und an den Wochenenden auch die wenigen Kinder, die hier waren, unterrichtet wurden, denn damals waren nicht alle mit Familie hier. Es waren eher Gebetsecken, Provisorien. Es gab noch nicht genügend Gemeinde, um eine Moschee zu errichten, und man wusste auch nicht, wie lange man hier bleiben würde. Vielleicht wusste man damals auch nicht, wie man eine Moschee in Deutschland errichten soll, ob man eine bauen kann oder darf. Später wurden dann die ersten Moscheen oder besser Gebetsräume angemietet. Die Moschee, die ich damals besuchte, war eine ehemalige Sporthalle. Leider sind auch heute noch viel zu viele Moscheen in solchen provisorischen Räumlichkeiten untergebracht, die einer Moschee eigentlich nicht würdig sind. Jede Moschee die hier gebaut wird, ist ein Zeichen der Integration, weil sie ein Abschied vom Provisorium ist. Das ist ein Akt von heimisch werden und Niederlassen. Traurig ist aber, dass Moscheebau heute auf großen Widerstand und Vorurteile stößt und teilweise versucht wird, mit albernen Argumenten außerhalb des Baurechts, wie der Höhe der Minarette, Schikanen in den Weg zu legen, weil angeblich an der Höhe ein Dominanz-Anspruch zu erkennen sei. Das ist absurd und traurig zugleich. Diese Haltung ist kein Zeichen von Toleranz und Selbstbewusstsein.

Islamische Zeitung: Erst in den letzten Jahren ist ja vermehrt von Mus­limen die Rede, während diese früher in erster Linie als Türken oder Ausländer gesehen wurden. War das ­Thema Islam und Muslime damals für die Mehrheitsgesellschaft eher irrelevant, und hat auf der anderen Seite das Muslimsein auch für die Zuwanderer eine weniger große Rolle gespielt als heute?

Ali Kizilkaya: Meiner Beobachtung nach muss man das aus zwei Perspektiven sehen. Zum einen war die Mehrheitsgesellschaft damals so gut wie nicht am religiösen Leben der Türken interessiert, sie haben es nach meinem Empfinden einfach ignoriert, sodass die Türken als Ausländer, nicht als Muslime wahrgenommen wurden. Auf der anderen Seite waren die Muslime damals zwar gläubig, aber nicht fromm, würde ich sagen, da sie auch in der Türkei nicht alle die Möglichkeit hatten, die Religion so zu lernen wie es vielleicht für einen gläubigen Muslim nötig ist. Hinzu kommt natürlich auch, dass sie der unteren Bildungsschicht angehörten, und daher auch über wenig religiöse Bildung verfügten. Mit der Zeit und je länger man hier geblieben ist, hat man natürlich versucht, bessere Räumlichkeiten zu finden, mehr und bessere religiöse Angebote und religiöse Bildung, und das religiöse Bewusstsein hat sich dann mit der Zeit erweitert und die Menschen wurden mit der Zeit zu selbstbewussten Gläubigen, die zu ihrer Religion stehen. Das zeigte sich auch im Äußerlichen; man hat dann zum Beispiel mehr Kopftücher getragen. In der ersten Zeit war mein Eindruck, dass sich viele Muslime gar nicht so getraut haben, ihr Muslimsein so in der Öffentlichkeit zu zeigen, weil sie nicht wussten, ob und inwieweit man in Deutschland die Religionsfreiheit in Anspruch nehmen und die Religion praktizieren kann. Und mit der Zeit wurden die Muslime natürlich auch mehr, und je mehr sie wurden, umso sichtbarer wurden sie. Sie bauten größere, schönere und bessere Moscheen, und lernten auch mit der Zeit die Sprache, und damit hatten sie auch die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit über ihre Religion zu sprechen und darüber zu informieren. Es gab dann Tage der offenen Moschee und ansatzweise Kontakte zu Medien. Man ging mehr an die Öffentlichkeit; je mehr man spürte, dass man zu dieser Gesellschaft gehört, versuchte man auch, sich als Muslime in die Gesellschaft einzubringen. Aber all das kam erst viel später, erst ab Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. Dadurch veränderte sich auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, es gab die ersten Vorbehalte. In meiner Jugend, in den 80er Jahren, haben leider auch im DGB und in anderen Institu­tionen türkische ­Linke, die teilweise im Zuge des Militärputsches aus der Türkei nach Deutsch­land geflüchtet waren und hier Positionen erlangt hatten, mit ihrer Ideologie sehr stark gegen Islam und Muslime agitiert. Das hat in Deutschland damals auch Vorurteile geschürt.

Islamische Zeitung: Was hat Sie bewogen, sich als Muslim zu engagieren?

Ali Kizilkaya: Meine Eltern waren gläubige Menschen, die in die Moschee gingen, und auch ich. In der Moschee habe ich mich schon früh in sozialen Tätigkeiten engagiert, zum Beispiel Gemeindemit­glieder als Dolmetscher zu Behördengängen begleitet, das hat mir Spaß gemacht und ich habe mich dabei auch wohl gefühlt, weil ich immer das Gefühl hatte, etwas gutes für die Menschen zu tun. Ich habe in der Moschee dann auch gelernt, meine Religion zu leben und zu lieben. Die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, benötigen viele Mitarbeiter und vor allem Experten, die uns leider noch nicht in dem Maße zur ­Verfügung stehen, wie wir uns das wünschen. Ich glaube aber, dass wir mit ­unseren bescheidenen Möglichkeiten schon jetzt sehr viel leisten. Trotz der Niederlagen, dies es teilweise auch gibt, bin ich überzeugt, dass ich für eine gute Sache stehe, und das ermutigt mich ­immer wieder.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Kizilkaya, vielen Dank für das Gespräch.

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