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Jenseits des Tatarenturms

Interkulturelle Projekte aus Sachsen-Anhalt lernen bei Fachkräfteaustausch mit Tatarstan

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Foto: Autor

(iz). Ammar und Amer sind tief enttäuscht. Eine Visaerteilung für syrische Staatsbürger, Geflüchtete in Deutschland, für die Russländische Föderation erfolgt erst nach 8 bis 10 Wochen Tiefenprüfung – oder eben auch nicht. Die Beiden Syrer arbeiten bei der Landesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V. (lkj) und wollten mitreisen zum Fachkräfteaustausch in die Republik Tatarstan. Doch die Tiefenprüfung seitens Außenministerium und Geheimdienst der russländischen Seite ließ das Visa-Begehren ins Leere laufen. Die Gruppe um den Turkologen Dr. Mieste Hotopp-Riecke machte sich schließlich ohne die beiden Kollegen auf den Weg nach Osten zu den Partnern an Kama und Wolga. Die lkj Sachsen-Anhalt als auch das Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien (ICATAT) pflegen seit Jahren engen Kontakt zu Migrantenselbstorganisationen und Islamischen Gemeinden Mitteldeutschlands einerseits sowie der Akademie der Wissenschaften, Universitäten und NRO´s in Tatarstan andererseits.

Das lkj-Austauschprojekt für Fachkräfte und Jugendliche wird gefördert durch die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und stand unter dem Motto „Jenseits des Tatarenturms“. Namensgebend seien die beiden Türme an den Endpunkten der Bildungsreise, so Hotopp-Riecke: „Während der Tatarenturm in Magdeburg im Jahre 1241 aus Angst vor den Muslimen aus dem Osten gebaut wurde, steht der sogenannte Teufelsturm am Hochufer der Kama bei Alabuga für die lange europäische Tradition des Islam seit dem 9. Jahrhundert“. Alabuga, russisch Jelabuga, liegt 300 Kilometer östlich der Hauptstadt Tatarstans, Kasan, und geht zurück auf die Gründung einer Festung durch den Wolga-Bulgaren Emir Ibrahim I. ben Muhammad. Symbolisch spiegeln die beiden Türme so die Antipoden europäisch-islamischer Geschichte wider. Ablehnung, Angst und Krieg auf der einen Seite, Integration, Neubeginn und Tradition andererseits.

Um diese lange ambivalente Geschichte ging es bei dem Fachkräfteaustausch, denn sie ist im heutigen Tatarstan auch eine Erfolgsgeschichte und bekommt seit drei bis vier Jahren mittels kultureller Bildung von Jugendlichen für Jugendliche einen neuen Stellenwert. Tatarische Jugendliche thematisieren ihre Geschichte, ihre Gegenwart, ihre Lebensfreude und Schwierigkeiten in vielen neuen Bandprojekten, in web-basierten Kampagnen wie „Sprich tatarisch!“ oder der „Offenen Universität“. In der Fülle war dies noch vor ein paar Jahren nicht vorstellbar, so Lenariya Möslim vom TatForum. Dieses „Forum der tatarischen Jugend“ arbeitet unter dem Dach des „Weltkongresses der Tataren“ und entwickelt neue Formate kultureller Jugendbildung und Jugendbeteiligung. Die Resonanz ist beeindruckend. So meldeten sich allein beim letzten Bandwettbewerb über 20 neue Musikgruppen aller Genres und am 19. Oktober wurde der „Tag des tatarischen Diktats“ durchgeführt, an dem über 85.000 Menschen aus 1410 Orten weltweit teilnahmen.

Dr. Marat Gibatdinov von der Akademie der Wissenschaften Tatarstans erklärt das Phänomen so: „Gerade nach oder während immenser gesellschaftlicher Umbrüche verzeichnen wir eine Renaissance alter Werte wie Sprache und Religion gekoppelt mit einem Innovationsschub“. Waren dies Anfang des 20. Jahrhunderts junge Intellektuelle zum Beispiel mit einer Alphabet-Reform auf den Spuren von der Reformer Mardschani und Ismail Gaspiralı, so sind es nun Anfang des 21. Jahrhunderts die Jugendlichen in diversen Initiativen mit vielfältigen Aktionen. Ein Wissenstransfer vom akademischen Elfenbeinturm in die kulturelle Jugendbildung hinein und umgekehrt Bedarfe einer vielfältiger gewordenen Gesellschaft nach fachlicher Expertise ergänzten sich, so Gibatdinov.

Shihabutdin Mardschani, Namensgeber des Instituts für Geschichte und der ältesten Moschee in Kasan, war der erste tatarische Historiker, der sich mit der Ethnogenese des tatarischen Volkes befasste und verfasste das Werk „Mustafad al-ahbar fi ahwali Kazan va Bolgar“ (Eine Fülle von Nachrichten über die Angelegenheiten von Kasan und Bolgar). Es zeigt die Kontinuität zwischen den Kulturen der Wolga-Bulgaren, die vor 1200 Jahren den Islam annahmen und den heutigen Tataren.

Die Gruppe aus Deutschland war zusammen mit Lehrern, Studenten und Künstlern unterwegs in der Provinz und in der Hauptstadt, bei staatlichen und ehrenamtlichen Institutionen, überall ist derzeit eine Begeisterung für Bildung zu spüren: An der Islamischen Universität Kasan als auch an der neu gebauten Islam-Akademie in Bolgar erhöhen sich die Absolventenzahlen kontinuierlich. An der Islamischen Universität in Kasan werden deshalb auch neue Studienfächer angeboten. Die exzellent ausgebildeten Lehrkräfte – tatarische Absolventen von Al-Azhar Kairo und Ez-Zitouna Tunis – werden die vollen Studiengänge von Scharia-Studium, Philologie, Geschichte und islamischem Journalismus nun um islamische Pädagogik und internationale Beziehungen erweitern. Konkrete Ergebnisse des Gruppenbesuches

sind der Wunsch nach Einschreibung eines deutschen Mitreisenden zum Fernstudium und die Beteiligung an Redaktionsarbeiten der Zeitschrift „Minbar. Islamic Studies“.

Der Schriftsteller Ammar Awaniy und Marat Gibatdinov, der syrische Magdeburger und der tatarische Forscher wollen nächstes Jahr weitermachen. Dann erfolgt der Gegenbesuch der Fachkräfte und Jugendlichen aus Tatarstan an die Elbe. Zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen von lkj und ICATAT aus Deutschland wird dann an einem kontinuierlichen Austausch geplant. Denn auf den Spuren von Mardschani, Gaspralı und Ibn Fadlan soll die Zusammenarbeit weitergehen. Eine nächste Studienreise nach Tatarstan dann mit allen Interessierten zusammen, so Ammar und Amer aus Magdeburg, denn das Interessante seien ja schließlich die Wege zu mehr Erkenntnis, auch wenn sie weit sind.

Islamische Universität Kasan: http://www.kazanriu.ru

Islamische Akademie Bolgar: https://bolgar.academy/

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