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Jenseits von ­Rassismus

Zur Herausforderung, ein islamisches Ideal Realität werden zu lassen. Von Abdullah bin Hamid Ali

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Foto: Library of Congress | Lizenz: Public Domain

Viel wurde über die transformierende Kraft der Glaubenstraditionen geschrieben. Und die Geschichte ist voller Beispiele von Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, die von Religion inspiriert wurden. In modernen Zeiten mobilisierte das Leben sowie die Autobiografie von Malcolm X – insbesondere seine Erfahrungen in Mekka – nicht nur unzählige persönliche und soziale Veränderungen, sondern verbreitete auch die Erkenntnis, dass der Islam die Religion der Wahl ist, um jahrhundertlange Ungerechtigkeit auf Grundlage der Hautfarbe zu überwinden.

Malcolm X glaubte, dass das Christentum und Judentum nicht die nötige Durchsetzungskraft hätten, soziale Institutionen zu reformieren. Er machte negative Erfahrungen mit weißen amerikanischen Christen. Er kannte die Geschichte ihrer Übernahme des „hamitischen Fluchs“ zur Rechtfertigung der Versklavung von Schwarzen. Und das prägte zweifelsohne seine Ansichten. Gleichfalls dürfte der Gegensatz jüdisch vs. nichtjüdisch im Judentum ebenfalls nicht anziehend für ihn gewesen sein.

Für Muslime bestätigten seine Schriften die ansonsten wacklige Idee einer nicht-rassischen oder nach-ethnischen muslimischen Gemeinschaft. Die Wahrheit ist komplexer. Sie wurzelt in einer Geschichte, welche die angebliche Farbblindheit der betroffenen Gesellschaften herausfordert. Jahrzehnte vorher kam ein weiterer Reformer zu ähnlichen Schlussfolgerungen über den Islam. Ghandi fühlte, dass dieser mehr als der Hinduismus eine deutliche und absolute Vision der menschlichen Brüderlichkeit hatte.

Beide Worte mögen heute zu Stolz unter Muslimen führen. Aber solch ein Stolz kann schlimmstenfalls ein Gefühl der Außergewöhnlichkeit hervorrufen, mindestens jedoch allgemeine Aussagen über eine farbenblinde muslimische Geschichte produzieren. Das geschieht, wenn es gleichzeitig an einer kritischen Einschätzung von Rasse und Rassismus in der muslimischen Geschichte fehlt. Eine abgewogene Untersuchung jedoch kann uns etwas über das Potenzial des Islam mitteilen, zur Lösung der verzwickten Probleme des Rassismus und der ethnischen Vorherrschaft beizutragen.

Farbenblindheit
Die Vorstellung von Rasse als biologischem Fakt – im Gegensatz zu einem sozialen Konstrukt – kompliziert das Gespräch hierzu. Wir verstehen Ideen wie „Weißheit“, „Schwärze“ oder „Arabertum“ als Erfahrungskategorien, die homogene Genotypen repräsentieren. Die drei abrahamitischen Religionen lehren, dass alle Menschen Nachkommen Adams sind. Wissenschaftliche Beweise deuten an, dass wir gemeinsame Vorfahren haben. Trotzdem haben viele die polygenetische Herkunftstheorie der menschlichen Entwicklung aufgenommen, die von einer Minderheit vormoderner Philosophen wie Voltaire, Hume, Atkins gehegt wurde. Die heute in wissenschaftlichen Kreisen nahezu einhellig vertretene Theorie des einzigen Ursprungs lokalisiert unsere Wurzeln in Ostafrika.

In der Vormoderne waren Ethnie und Gruppenzugehörigkeit weitgehend durch kulturelle Merkmale – wie Sprache und gemeinsame Bräuche – und nicht durch die Hautfarbe bestimmt. So legte die Übernahme arabischer Eigenschaften das authentische Arabertum jener fest, die außerhalb ihrer Halbinsel lebten. Und während der stereotypische Araber heller ist, hatten die meisten ursprünglichen Araber – zumindest jene der frühislamischen Periode – nach Angaben von Historikern und Lexikografen braune Haut. Diese Differenz zwischen kultureller und biologischer Ethnie kompliziert unser Verständnis der Vergangenheit. Die ­gegenwärtige Forschung zu ethnischen Fragen missdeutet weiterhin die zugrundeliegenden Ursachen des Problems.

Uns könnte eine gewisse Klarheit über mögliche Definitionen von Rassismus helfen, bevor wir dessen Präsenz in der muslimischen Geschichte untersuchen. Das „New Oxford American Dictionary“ bietet zwei Definitionen für Rassenvorurteile: 1.) Vorurteil, Diskriminierung oder Feindschaft, die sich gegen jemand aus einer anderen Ethnie richtet. Basierend auf dem Glauben, die eigene Ethnie wäre überlegend. 2. Der Glaube, dass alle Mitglieder jeder Ethnie bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten besitzen, die nur für sie gelten. Das sind insbesondere jene, die sie höher- oder minderwertig im Vergleich mit anderen machen.

Die erste Begriffsbestimmung spricht kritische Theoretiker an, denn sie ist breit genug zur Untermauerung ihres Anspruches, dass Rassismus systemisch sei und dass Diskriminierung von Minderheiten eingebettet ist in wirtschaftliche und politische Strukturen. Bei der zweiten Definition wäre Ethnozentrismus passender. Eine Person – ob aus einer ethnischen Mehrheit oder Minderheit – ist ethnozentrisch, wenn sie ihre eigene Ethnie in Bereichen wie Heirat oder enge Freundschaft bevorzugt. Die kritischen Rasse-Theoretiker jedoch unterscheiden Ethnozentrismus vom Rassismus. Denn Letztere muss institutionell oder systematisch sein.

Das Problem ist, dass solch eine Grenzziehung bequemerweise ethnozentrische Vorurteile ignoriert, wenn sie von einer ethnischen Minderheit ausgeht, die keine politischen oder ökonomischen Institutionen besitzt. Das kann dazu führen, dass eine eindeutig rassistische Ideologie als nichtrassistisch deklariert wird, weil ihre Vertreter keine ethnische Mehrheit mit politischer Macht sind. Bei muslimischen Immigranten im Westen trägt dieses Denken dazu bei, dass sie farbenblind sind. Denn sie sind meistens Mitglieder verschiedener ethnischer Minderheiten. Viele der neueren muslimischen Einwanderer in die Vereinigten Staaten hatten wenig Grund, Minderheitsan­sprüche über Rassendiskriminierung, ob individuell oder institutionell, ernsthaft zu prüfen.

Muslime, die bei Rassismus-Fragen „Agnostiker“ sind, mögen die Existenz von Rassismus anerkennen. Sie scheitern aber oft bei der Eingrenzung seiner Täter und Opfer. Tendenziell meiden sie Diskussionen dazu. Und beruhigen sich mit dem Gedanken, dass ethnische Diskriminierung ein Gräuel für die islamische Lehre ist. Das gilt insbesondere im Lichte der Lehren, die vom Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, selbst kommen. Dazu gehören berühmte Aussagen wie: „Es gibt keine Überlegenheit der Araber über Nichtaraber, noch von Nichtarabern über Araber.“ Daher könne in ihren Augen kein Muslim je Rassist sein. Ein Fokus auf entweder strukturellen oder individuellen Rassismus stellt demnach die eigene Aufrichtigkeit in Frage.

Starke Positionen in Qur’an und Sunna
Was macht nun Islam, wie Malcolm oder Ghandi glaubten, so außergewöhnlich, das Rassenproblem anzusprechen? Tatsächlich können seine egalitären Lehren bei dem Thema direkt auf den Qur’an und das Beispiel des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, zurückgeführt werden. Im Qur’an werden wir angehalten, über die Bruderschaft der gesamten Menschheit nachzudenken. Darin heißt es: „Oh ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch. Gewiss, Allah ist Allwissend und Allkundig.“ (Al-Hudschurat, Sure 49, 13)

Bei vielen Gelegenheiten widersprach der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm, ethnische Vorurteile einiger seiner arabischen Gefährten. Als einige beklagten, dass Bilal, ein Äthiopier, ausgewählt wurde, zum Gebet zu rufen, tadelte sie der Prophet. Er sagte ihnen: „Es gibt zwei Arten von Menschen. Diejenigen, die gottesfürchtig und gewissenhaft sind. ­Allah betrachtet sie als wertvoll. Und andere sind boshaft und erbärmlich. Sie sind unbedeutend in Allahs Wertschätzung. Ihr seid alle von Adam. Und Allah erschuf Adam aus Dreck.“ In einem anderen Moment wies er seine Gefährten zurecht, da sie ihn nicht aufweckten, um die Bestattungsrituale für Umm Mih­dschan durchzuführen. Sie war eine, häufig übersehene Afrikanerin, welche die Moschee sauber hielt.

Durch den Qur’an und das prophetische Vorbild wird gelehrt, dass jede Person das Recht auf gute Behandlung durch andere hat. In Allahs Buch werden die Gläubigen als Brüder beschrieben. Darin heißt es unter anderem: „Und dient Allah und gesellt Ihm nichts bei. Und zu den Eltern sollt ihr gütig sein und zu den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem verwandten Nachbarn, dem fremden Nachbarn, dem Gefährten zur Seite, dem Sohn des Weges und denen, die eure rechte Hand besitzt. Allah liebt nicht, wer eingebildet und prahlerisch ist.“ (An-Nisa, Sure 4, 36) Und der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte beispielsweise: „Ihr seht die Gläubigen in ihrer gegenseitigen Barmherzigkeit, Zuneigung und Sympathie wie den Körper. Wird ein Teil krank, reagiert der Rest mit Schlaflosigkeit und Fieber.“

Es ist nicht zulässig im Din, über den anderen herabwürdigend oder unter Bezugnahme rassischer Verächtlichmachung zu sprechen. Im Qur’an heißt es hierzu: „Oh, die ihr glaubt, die einen sollen nicht über die anderen spotten, vielleicht sind eben diese besser als sie. Auch sollen nicht Frauen über andere Frauen (spotten), vielleicht sind eben diese besser als sie. Und beleidigt euch nicht gegenseitig durch Gesten und bewerft euch nicht gegenseitig mit (häßlichen) Beinamen. Wie schlimm ist die Bezeichnung ‘Frevel’ nach (der Bezeichnung) ‘Glaube’! Und wer nicht bereut, das sind die Ungerechten.“ (Al-Hudschurat, Sure 49, 11)

Muslimischer Rassismus
Diese Lehren der rassischen Gleichheit stehen nicht nur für die Ideale, sondern auch für gelebte Realität in einigen Perioden muslimischer Geschichte. Nichtsdestotrotz gilt: Wenn Familien ihre Angehörigen bevorzugt behandeln, werden Mitglieder einer Ethnie die Angehörigen der eigenen Gruppe anderen vorziehen. Trotzdem betont die Lehre des Islam – und die meisten Muslime – die Wichtigkeit der gerechten, wenn nicht gar komplett gleichwertigen Behandlung aller Gläubigen. Sie duldet keine Vorurteile, Unterdrückung, Verächtlich­machung oder Entwürdigung einer Person auf Grundlage ihrer Ethnie oder Hautfarbe.

Die frühen Muslime kämpften mit dem Übergang einer Identität, die auf der Abstammung eines gemeinsamen Stammvaters beruhte, hin zu einer des Glaubens. So kam es in den ersten Jahrhunderten auf Seiten neuer Muslime – wie Persern oder Ostafrikanern – zu Unzufriedenheit oder gar Rebellionen. Diese hatten ihren Ursprung in der Schlechterbehandlung aufgrund der ­Abstammung der betroffenen Bevölkerungen. Die Tatsache, dass Gelehrte Arbeiten zur Verteidigung von Schwarzen schrieben – Bücher, die untypisch für den religiösen „Kanon“ waren – legt den Schluss nahe, dass Schwarze, die in abbasidischen Städten lebten, Diskriminierungen ausgesetzt waren.

Antiafrikanische und -persische Gefühle in muslimischen Gebieten untergraben die Vorstellung von farbenblinden muslimischen Reichen. Das Gleiche gilt für offizielle Entscheidungen, die bestimmte Bevölkerungen auf Grundlage ihrer Ethnie benachteiligten. Wenn wir die Rassismusdefinition auf kulturelle und politische Dominanz ausweisen, finden sich Beispiele in der vormodernen muslimischen Welt. Außerdem sehen wir ethnozentrische Vorurteile als eine Form von Rassismus. Demnach müssen wir ­sagen, dass es diesen nicht nur unter ­vormodernen Muslimen gab, sondern dass er auch einen kleinen Teil der rechtlichen und theologischen Schriften des Islam ausmachte.

Die Überwindung des Mythos einer farbenblinden muslimischen Welt und die Anstrengung auf die Abschaffung von Rassismus sind keine leichten Aufgaben. Aber Muslime können damit anfangen, die islamischen Ideale Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu müssen sie die komplexen Elemente ansprechen, die zum Problem Rassismus beitragen. Die wirkliche Herausforderung besteht in einer farbbasierten sozialen Schichtenbildung, die durch pseudowissenschaftliche Theorien bestärkt werden, wenn man Minderheiten bestimmte Eigenschaften und Charakteristika zuschreibt.

Muslime müssen sich daran erinnern, dass der Prophet Muhammad, möge ­Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, Menschen aus verschiedenen ethnischen Minderheiten in führende Positionen brachte. Und er verordnete die Identität im eigenen Charakter und der Gottesfurcht.

Der Text ist die Zusammenfassung eines längeren Aufsatzes, der am 11. Dezember 2017 im US-Magazin „Renovatio“ erschien.

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