IZ News Ticker

Journalismus in einer globalisierten Welt

Wie gestaltet sich die Verantwortung von Medien in Zeiten der Marktkonzentration? Interview mit Dr. Sabine Schiffer

Werbung

(iz)Von Hause aus ist Sabine Schiffer Sprachwissenschaftlerin und arbeitet seit nunmehr 14 Jahren als Medienpädagoge. Sie hat im letzten Jahr zur „Islamdarstellung in der Presse“ promoviert und beschäftigt sich derzeit in Seminaren, auf Vorträgen und für eine größere Publikation mit dem Ausgangsthema „Diskriminierung durch Sprache“ allgemein. Zur Zeit ist sie hierfür Lehrbeauftragte an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Dr. Schiffer, Sie haben jüngst die öffentliche Gründung des „Instituts für Medienverantwortung“ begangen. Können Sie uns etwas über dessen Aufbau und Zielsetzungen mitteilen?

Dr. Sabine Schiffer: Wir sind ein unabhängiges Institut, ein Privatinstitut, dessen Grundkonzeption auf den Ergebnissen meiner medienpädagogischen Arbeit der letzten Jahre beruht. Es gibt derzeit außer mir noch eine feste Mitarbeiterin und viele viele engagierte Leute, die zum großen Teil noch ehrenamtlich arbeiten. Derzeit werden die Unkosten von meinen Honoraren bestritten. Fördergelder sind teilweise beantragt, teilweise steht die Ausarbeitung konkreter Projektanträge an. Das nächste Jahr wird entscheidend sein, ob wir die breite Ausrichtung realisieren können, wie sie derzeit angestrebt ist. Neben Begutachtungen von Medienprodukten bieten wir auch Medienkompetenzschulungen für Medienmacher und -nutzer an – für jung und alt. Übergeordnetes Ziel ist die Entwicklung eines Lehrplans für Medienbildung an Schulen, weil diese bisher immer noch dem Zufall überlassen wird. Hier werden wir eng mit Kooperationspartnern zusammen arbeiten. Teilweise müssen wir das Rad nicht neu erfinden, aber es hat sich auch gezeigt, dass viele Ansätze noch nicht in Bezug auf die Wahrnehmungsbeeinflussung und Werte- und Einstellungsvermittlung geprüft wurden. Einige weitere Projekte können Sie auf unserer Website www.medienverantwortung.de einsehen.

Islamische Zeitung: Für wie relevant erachten Sie diese Frage, und auf welchen Feldern missachten Medien beziehungsweise die in ihnen agierenden Akteure diese Verantwortung?

Dr. Sabine Schiffer: Die Rolle der Medien in einer sich globalisierenden Welt wird entscheidend sein für die Frage, ob wir in Zukunft demokratische oder andere Ordnungen erzeugen. Während die Wirtschaft in Riesenschritten global voranschreitet, sollten sich Politik und Medien allerdringendst in diesem Zusammenhang definieren, verantwortungsbewusste Standards festlegen, um gestalten zu können, anstatt nur zu reagieren. Unter Medienverantwortung verstehen wir eine doppelseitige Relation. Zunächst die Verantwortung der Medienschaffenden gegenüber ihrem Produkt. Diese Verantwortung ist besonders groß angesichts der Öffentlichkeit, die Medien erreichen. Hier ist noch einige Bewusstseinsbildung nötig, weil die Berücksichtigung des Kontextes, also die Stimmung, in die hinein man berichtet, bisher nicht ausreichend beachtet wird. Aber auch die Mediennutzer haben ihren Teil der Verantwortung: Erstens sich über die WIE-Konstruiertheit unserer medial geprägten Vorstellungen von der Welt Kenntnisse zu verschaffen, um eine kritische Distanz zu den Darstellungen zu erwerben – denn das meiste, das wir lernen, lernen wir indirekt über Bücher, Fernsehen usw. – und zweitens auch, sich als aktive Teilnehmer am öffentlichen Diskurs wahrzunehmen. Wer die Regeln der PR beherrscht, hat gute Chancen, auch Gehör zu finden und sich über eine Phase des Vertrauensaufbaus als gewinnbringender Ansprechpartner zu etablieren.

Islamische Zeitung: Frau Dr. Schiffer, würden Sie dem zustimmen, dass, nach Wahrnehmung mancher Muslime, Medien vor allem in der Berichterstattung über den Islam und die Muslime öfter einmal Grenzen überschreiten?

Dr. Sabine Schiffer: Ja, das ist eines der vielen Missverständnisse, die im öffentlichen Diskurs – woran Medien den Löwenanteil haben – genährt werden und das meiner Einschätzung nach derzeit gefährlichste. Es gibt neben diesem derzeit dominanten Thema aber auch noch andere diskriminierende Diskurse, die unter anderem in Medien immer wieder neue Nahrung finden: Vom so genannten Ossi-Wessi-Konflikt bis hin zu einer USA-Diskriminierung, die auch das Potenzial dazu hat, sich zu einem Feindbild auszuwachsen. Auch in Bezug auf die US-Politik haben wir es ja mit kritikwürdigen Aspekten zu tun, die aber niemals verallgemeinert werden dürfen. Ich kann aber durchaus auch selbstkritische Ansätze bei einigen Medien erkennen, wie etwa den Programmen der Deutschen Welle oder einigen Zeitungskolumnisten usw. Diese gilt es aufzugreifen und sich am konstruktiven Miteinander zu orientieren. Diese brauchen auch die Gewissheit, dass sie mit ihren Programmen ankommen – denn Medien sind nun einmal wirtschaftlich organisiert. Eine schwierige Basis für einen demokratiestützenden Auftrag. Wir dürfen als Nutzer nicht darin verfallen, nur das Schlechte zu sehen, dann machen wir genau das gleiche, wie das, was wir Medien vorwerfen. Unser Media-Watch-Islam-Projekt, das wir in Erlangen 1 1/2 Jahre durchgeführt haben, hat unter anderem dies deutlich gemacht. Das Ergebnis der Negativfokussierung durch viele Medien ist, dass sich auf Grund einzelner Ereignisse ein äußerst ungünstiger Misstrauensdiskurs entwickelt, der Negatives stark vergrößert und Positives oft unter den Tisch fallen lässt. Und dies treibt die Menschen auseinander. Es dient den Maximalisten auf allen Seiten, die es ja leider auch gibt. Und Medienvertreter müssen erkennen, dass sie hier teilweise solchen Maximalisten zuarbeiten. Wir müssen sehen, dass im Laufe der Jahre in Bezug auf den Islam falsche Überzeugungen entstanden sind, die nicht leicht wieder aufzulösen sind – und eine Vertrauensbildung wird angesichts des offiziell angesagten Misstrauens erschwert. Wir haben es mit einem hierarchischen Diskurs zu tun, wo eine Seite die Themen definiert, auf die die andere Seite allenfalls reagieren kann – hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, damit verstanden wird, dass in einer Hierarchie der Mächtigere die größere Verantwortung trägt und der weniger Mächtige nur ein eingeschränktes Feld zur Handlung hat, er also nicht in gleicher Weise beurteilt werden kann, wie die andere Seite. Die Zuordnung von Macht und Ohnmacht wechselt aber immer mit dem jeweiligen Bereich, den man betrachtet. Auf jeden Fall gilt, dass es bestimmte Spielregeln gibt, wie man in der machtloseren Position einer Hierarchie dennoch erfolgreich agieren und argumentieren kann – mit viel Geduld und Verständnis für das Halbwissen des Gegenübers.

Islamische Zeitung: Wo sehen Sie die Ursachen für eine eventuelle Fehlentwicklung in dieser Hinsicht?

Dr. Sabine Schiffer: Grundsätzlich verkauft es sich gut, wenn Nachrichten spektakulär sind. Das meine ich auch mit dem Appell an die Verantwortung der Mediennutzer! Wir kaufen das. Nun gibt es in unserem Fall genügend Ereignisse, die dazu geeignet sind, sie im Kontext des Islams wahrzunehmen – zumal wenn einige Akteure sich auch explizit darauf berufen oder über Fernsehen und Internet ihre Aggressionsbotschaften ausstreuen. Dies erzeugt Angst und Angst lässt das Blickfeld verengen. Außerdem denken wir alle sehr traditionell, das heißt, es gibt Themen, die haben eine lange Diskurstraditionen – wie die Darstellung des Islams – mit den entsprechenden sich ständig wiederholenden Motiven, die wir ja alle kennen. Die Wiederholung wirkt aber wie ein Beweis und darum sind aus den Informationsfetzen, auf die man sich sozusagen eingeschossen hat, inzwischen Überzeugungen geworden, die nicht dadurch aufzulösen sind, dass man hingeht und einfach das Gegenteil behauptet. Das alles können wir aus dem antisemitischen Diskurs des 19. Jahrhunderts lernen.

Islamische Zeitung: Haben Sie selber Vorstellungen und Vorschläge, wie einer Missachtung der medialen Selbstverantwortung entgegen getreten werden kann?

Dr. Sabine Schiffer: Ich würde hier das Wörtchen „entgegen“ schon problematisieren, wenn Sie erlauben. Es wird nicht „gegen“ die Medien gehen, wir brauchen sie. Wie wollen wir die Menschen sonst erreichen? Das heißt, wir müssen sie ins Boot kriegen, Visionen vermitteln von einer Welt, die anders strukturiert wahrgenommen sich auch anders entwickelt. Wenn man ohne Vorwurf versteht, dass es bestimmte Mythen in der Berichterstattung gibt, etwa die Vorstellung, dass man ja nur berichte ohne zu beurteilen, dann ist schon viel möglich. Das erlebe ich in entsprechenden Seminaren immer wieder. Warum wird in Bezug auf den Nahostkonflikt immer dann berichtet, wenn es knallt und eskaliert? Welches Potenzial würde darin stecken, den Friedensinitiativen vor Ort einmal (über)gebührenden Raum zuzugestehen? Dies wird oft als Eingriff empfunden, aber Medienmacher können verstehen, dass sie ebenso in das Geschehen eingreifen, wenn sie diese Initiativen ausblenden, oder allenfalls mal einen Ausnahmestatuts zubilligen – wie es schon lange Tradition ist. Dies ist eines von vielen Beispielen, wo noch diskutiert werden muss, ob man die Welt „schön reden darf“ – dies macht oft erst deutlich, dass man sie unbewusst sehr oft schlecht redet und dies mit einer abbildenden Berichterstattung verwechselt wird. Natürlich gibt es auch die „Sich-Berufen-Fühlenden“, die gerne etwas anheizen und zuspitzen. Aber, warum sollten wir diesen zuarbeiten, indem wir auf ihre Provokationen eingehen und damit im konfrontativen Diskurs verbleiben?

Islamische Zeitung: Welchen Einfluss hat der Konzentrationsprozess auf dem deutschen Medienmarkt für die Qualität der Berichterstattung?

Dr. Sabine Schiffer: Weniger als wir denken. Eine politische Konzentration ist weniger ausschlaggebend, weil niemand im redaktionellen Alltag die Zeit hat, jedes Produkt genau zu kontrollieren. Außerdem sind die Publikationen eines Hauses doch durchaus unterschiedlich – allerdings scheint es in einzelnen Redaktionen auch eine Art vorauseilenden Gehorsams zu geben. Vereinheitlichend wirkt jedoch die Diktatur der Nachrichtenagenturen, der sich viele Redaktionen freiwillig unterwerfen. Eine wirtschaftliche Konzentration ist allerdings ein viel größeres Problem und zwar mit Blick auf die „Optimierung von Produktionsabläufen“, sprich: Es gibt weniger gesicherte Arbeitsverhältnisse, weniger Zeit für die Recherche, man wird mehr zum Abschreiber vorgefertigter Pressemitteilungen. Das wissen einige Organisationen bereits jetzt zu nutzen – sie werden darum häufig unterstellten konspirativen Kreisen zugeordnet, dabei leisten sie sich nur eine professionelle Pressestelle.

Islamische Zeitung: Welche Verantwortung haben die deutschen Muslime im Umgang mit den Medien und was können sie selber tun?

Dr. Sabine Schiffer: Auch unter den Muslimen – wenn ich das mal so verallgemeinernd sagen darf – gibt es einige Mythen über Medienmacht und dahinter steckende Interessen in Verkennung politischer Prozesse und den üblichen Verläufen öffentlicher Diskurse. Auch die Vorstellung, dass mehr Muslime in den Medien das Islambild verbessern könnten, ist ein Nährer von Verschwörungstheorien, denn man impliziert hiermit, alle Muslime seien der gleichen Meinung – also ein homogener Block. Auch hier können wir aus dem antisemitischen Diskurs lernen. Ich denke, es wäre hier schon viel gewonnen, sich als Opfer eines großen ungünstigen Missverständnisses zu begreifen und zur Aufklärung des Mechanismus beizutragen. Sich zu verteidigen und dabei auch fast zwangsweise sich selbst zu idealisieren, ist hingegen kontraproduktiv und steigert das Misstrauen nur. Es ist wahrlich keine leichte Aufgabe, einen kühlen Kopf zu bewahren angesichts der sich häufenden Angriffe auf das eigene Wertesystem. Aber genau dieses Wertesystem ist eigentlich nicht gemeint, denn die Angreifer kennen es nicht einmal, sie haben ein Sammelsurium an Bruchstücken negativer Eindrücke im Kopf – sie sind auch Opfer. Ich denke, Muslime – wie auch andere Betroffene von Diskriminierung – haben am besten Chancen, wenn es gelingt, die diskriminierenden Diskurse gleichwertig nebeneinander zu stellen und zu durchschauen. Sie verlaufen alle nach dem gleichen Muster: Auswahl, Verallgemeinerung, Zuspitzung, Umdeutungen. Und sie wirken in alle Richtungen, denn auch die Nichtmuslime können so zum Feindbild werden. Hier ist ein kritischer Blick in alle Richtungen zu wahren – auch keine leichte Übung, wenn man sich zu Unrecht angegriffen und beschuldigt fühlt. Aber, als besonders stark erweist man sich dann, wenn es einem gelingt, bei allen Ungerechtigkeiten, die einem passieren, die kritische Selbstbetrachtung nicht zu verlernen. Besonders die Dialogisten – wie ich sie ohne zu werten nennen möchte – sind aufgefordert, in der jeweiligen Community um Verständnis für das Nichtwissen des Gegenübers zu werben, statt noch Gefühle zu verstärken, die von der bösen Absicht des Gegenübers ausgehen. Der Diktatur des Negativismus dürfen wir uns nicht unterwerfen. Als ungünstig erweist sich jedoch noch ein Phänomen, das ich noch nicht systematisch beschreiben kann. Mir fällt auf, dass es teilweise eine falsche Solidarität unter Muslimen gibt, das heißt man widerspricht keinem Muslim in der Öffentlichkeit, auch wenn man nicht seiner Meinung ist. Das wirkt nicht gerade plural. Auf der anderen Seite gibt es Einzelne oder Gruppen, die sich auf Kosten der anderen Vorteile verschaffen wollen und sich etwa als „die besseren Muslime“ anbieten – wobei sie verkennen, dass dies von nichtmuslimischer Seite nur als besonders gewichtiger Beweis dafür interpretiert wird, dass „die ja selber sagen, dass ,der Islam’ problematisch“ sei. Dieses Verhalten ist übrigens typisch für einen hierarchischen Diskurs und wird nach Henri Tajfel als „unsolidarisches Minoritätenverhalten“ bezeichnet, welches die gesamte Gruppe insgesamt schwächt. Es wird eine wichtige Aufgabe für die Muslime in Deutschland und Europa sein, nicht als homogener Block zu erscheinen, aber auch nicht dem anderen in den Rücken zu fallen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Dr. Schiffer, vielen Dank für das Interview.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen