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Jüngste Tagung des Zukunftsforums Islam dokumentiert Probleme im Umgang mit Muslimen. Von Murat Kayman

Dicke Luft in Brühl

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(iz). Es gibt geschützte Räume, die es unbedingt zu bewahren gilt. Sie sind notwendig, um durch die freie und auch kritische Rede Entwicklungen anzustoßen. Manchmal dienen sie dazu, Befindlichkeiten und Erwartungen auszudrücken. Manchmal ermöglichen sie es, Schwächen zu zeigen, die man sich und anderen in der Öffentlichkeit nicht eingestehen möchte. Manchmal bieten sie auch nur Gelegenheit, Wut auszudrücken über Enttäuschungen, vielleicht auch der grundsätzlich empfundenen Ablehnung eine Sprache zu geben.

In jedem Fall sollten sie – selbst in ihrer kritischsten Manifestation – eine konstruktive Wirkung entfalten, Denkanstöße liefern, Anlass oder auch Auslöser einer Selbstreflexion sein. Dann sind sie wertvoll, sind sie fruchtbar und verdienen es, unbedingt geschützt und ausgebaut zu werden.

Vielleicht war das Zukunftsforum Islam der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) als ein solcher Raum gedacht. Es fand am 19. und 20. September in der zehnten Auflage statt. Der Verfasser dieser Zeilen hat zum zweiten Mal daran teilgenommen. Bereits während der ersten Teilnahme im vergangenen Jahr war deutlich zu spüren, dass die Einladung und Anwesenheit von Verbandsvertretern Gegenstand interner Diskussionen der Steuerungsgruppe gewesen sein müssen, die sich für die Planung und Durchführung des Zukunftsforums verantwortlich zeichnet.

Die angespannte Atmosphäre gegenüber Verbandsvertretern strapazierte schon damals deutlich die Grenzen eines kritischen oder kontroversen Umgangs. Das kann an dem Konzept des Zukunftsforums liegen, über dessen Natur durchaus unterschiedliche Annahmen formuliert werden. Das Forum mag die Möglichkeit bieten, außerverbandlich organisierten Muslimen und Einzelpersonen einen gedanklichen Austausch zu ermöglichen.

Es mag interessierten Personen über religiöse Unterschiede hinweg die Gelegenheit zur Diskussion über die Rolle des Islam in unserer Gesellschaft bieten. Es mag aber vielleicht auch Ausdruck eines Bestrebens sein, außerverbandliche Muslime zur Gestaltung einer Art Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Verbänden zu motivieren. Diese Annahme drängt sich jedenfalls angesichts der auffällig ausgeprägten verbandskritischen Prädisposition vieler Teilnehmer auf.

Seiner Selbstbeschreibung nach ist das Forum eine überparteiliche Plattform für den Austausch und die Vernetzung muslimischer und nichtmuslimische Bürger, also „ein großes zivilgesellschaftliches Treffen“, und zeichnet sich aus durch „Offenheit, Partizipation und Vielfalt“. Sicher will das Forum dies sein und sicher sind die sehr unterschiedlichen Verantwortlichen in der Steuerungsgruppe auch von diesem offenen, partizipatorischen Ansatz überzeugt.

Gerade deshalb müssen die Ereignisse im Verlauf des jüngsten Zukunftsforums auch öffentlich problematisiert werden. Denn sie konterkarieren die durch die Verantwortlichen des Forums artikulierten Motive und Arbeitsansätze in so gravierender Intensität, dass die konstruktive Zukunft des Zukunftsforums auf dem Spiel steht. Diese öffentliche Kritik möge deshalb nicht als Vertrauensbruch, sondern als besorgte Intervention verstanden werden.

Als teilnehmender Verbandsvertreter will man aus einem solchen Forum Denkanstöße, Nachfragen zur bisherigen Tätigkeit, sicher auch Kritik und womöglich auch kontroverse Positionen mitnehmen. Dies ist in der Gestalt des jüngsten Zukunftsforums allerdings unmöglich geworden.

Viele Teilnehmer überschreiten in ihrer Haltung gegenüber den islamischen Verbänden die Grenzen sachlicher Kritik dermaßen, dass ein fruchtbarer Gedankenaustausch kaum gelingen kann. Man muss den Eindruck haben, dass diese geradezu aggressive Atmosphäre nicht allein der Auswahl der Teilnehmer geschuldet ist, sondern sich ihre Ursachen auch in dem Verhalten der Veranstalter finden.

Bereits die Eröffnung des dreitägigen Zukunftsforums war geprägt von einem Eklat, der den weiteren Verlauf der Veranstaltung prägen sollte. Er ist in seiner Prägnanz so gewichtig, dass eine inhaltlich-thematische Reflexion des Programms bedeutungslos und die Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen und dem Verhalten der Veranstalter zwingend erforderlich wird.

Die Einführung zu dem diesjährigen Thema des Zukunftsforums „Islamische Wohlfahrtspflege“ sollte in zwei Impulsreferaten erfolgen. Nach der Darstellung der Position eines etablierten Wohlfahrtsverbandes durch einen Gastredner hätte ein Kommentar aus muslimischer Perspektive, vorgetragen durch ein Mitglied der Steuerungsgruppe des Zukunftsforums, folgen sollen.

Was dann tatsächlich folgte, kann man aber selbst wohlwollend nur als eine überengagierte, emotional entgleitende, inhaltlich kurzsichtige Tirade gegen die Arbeit und Existenzberechtigung der islamischen Verbände bezeichnen. Begeisterter Applaus durch das Publikum war ihr sicher.

Sie hätte nur noch übertroffen werden können von einer szenischen Unterbrechung, in der ein Rentner der ersten Moscheegründergeneration auf die Bühne hätte gezerrt werden müssen, dem man dann öffentlich anprangernd vorwirft, 30 Jahre in 12-Stunden-Schichten am Fließband geschuftet zu haben, statt sich als heute dringend benötigter Suchttherapeut ausbilden zu lassen.

Dazu ist es zwar nicht gekommen, der hetzerische Ausfall gegenüber den muslimischen Verbänden hat aber so sehr den Nerv des Publikums getroffen, dass der sich bestätigt fühlende Referent und Mitveranstalter als Teilnehmer des anschließenden Podiumsgesprächs unter der Leitung des Präsidenten der BpB sich in eine Terminologie steigerte, die in ihrer Unerträglichkeit und in der ambi­valenten Reaktion darauf ihresgleichen unter dem Dach der Bundeszentral und damit auch des Innenministeriums suchen dürfte:

Im Zusammenhang mit der Forderung der Verbände nach finanzieller Förderung ihres Engagements im Wohlfahrtsbereich wurden diese als „Parasiten, die aus ihren Löchern kriechen“ bezeichnet. Sekundenlang lief die Diskussion weiter, ohne dass der Präsident der BpB oder Verantwortliche der Steuerungsgruppe zu diesem Ausfall – wohlgemerkt des Referenten aus den eigenen Reihen – Stellung genommen hätten.

Nach einem diese Terminologie verurteilenden Zwischenruf aus dem Publikum zögerten die Anwesenden auf dem Podium und im Publikum spürbar, ob sie die hetzerische Schmähung selbst oder doch den kritischen Zwischenruf unterstützen sollten. Nach einem den Protest unterstützenden Applaus von Teilen des Publikums lief die Diskussion weiter – wieder ohne Stellungnahme des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung oder der anwesenden Verantwortlichen. Auch zu einer kritischen Rezeption der Ereignisse ist es an diesem Eröffnungsabend nicht gekommen.

Am zweiten Tag folgten Inhalt und Form der Teilnehmerbeiträge in Teilen der Veranstaltung dieser höchstproblematischen Weichenstellung des Vorabends. In keinem der Beiträge, die der Verfasser dieser Zeilen persönlich anwesend mitverfolgen konnte, wurde die ­Position der Verbände zu dem Veranstaltungsthema auch nur ansatzweise erfragt. Vielmehr folgten Stellungnahmen gegen die islamischen Verbände, die teilweise erschreckend substanzlos und von Unkenntnis über die rechtlichen Grundlagen der Religionsgemeinschaften geprägt waren.

Auf diesen Umstand und auf ihre für den Anspruch politischer Bildung unangemessene Passivität angesichts einer ungesunden Diskussionsatmosphäre wurden die Veranstalter ausdrücklich hingewiesen. Gleichzeitig wurde die Erwartung zum Ausdruck gebracht, dass der referierende Mitverantwortliche der Steuerungsgruppe und die Veranstaltungsleitung sich für die Ereignisse des Eröffnungsabends nicht bloß im persönlichen Gespräch, sondern auch in Anwesenheit der Teilnehmer entschuldigen sollten.

Vor der Abschlussrunde des letzten Veranstaltungstages wurde im persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass der für die demagogische Terminologie verantwortliche Teilnehmer der Steuerungsgruppe sowohl eine persönliche, als auch eine öffentliche Entschuldigung ablehne und dazu nicht gezwungen werden könne. Die Ereignisse würden aber Konsequenzen für die Arbeit der Steuerungsgruppe haben. Auch in diesem persönlichen Gespräch wurde erneut die Erwartung formuliert, dass auch die Veranstaltungsleitung sich zu ihrer Passivität am Eröffnungsabend äußern muss.

Auch dazu wäre es fast nicht gekommen. Erst auf dringlichen Zuruf aus dem Publikum unmittelbar vor Abschluss der Veranstaltung hat sich die Veranstaltungsleitung zu einer Stellungnahme bewegen lassen. Die vom Mitglied der Steuerungsgruppe verwendete Terminologie werde von der Bundeszentrale nicht geteilt, man distanziere sich aufs Schärfste von ihr. Es handle sich um eine sprachliche Verirrung. Es bringe jetzt aber nichts, den Verantwortlichen vor das Publikum zu zerren und ein Volkstribunal abzuhalten. Wenn keine weitere Aussprache gewünscht werde, sei die Veranstaltung damit geschlossen.

Es wurde keine weitere Aussprache ­gewünscht.

Was bleibt, ist ein schlechter Eindruck. Eine katastrophale Terminologie unter dem Dach der BpB. Ein Publikum, dem vor lauter Aversion gegenüber den muslimischen Verbänden das Gespür für inakzeptable Umgangsformen abhanden gekommen ist. Eine Veranstaltungsleitung, die in Gestalt ihres Präsidenten selbst nach Protest aus dem Publikum sprachlos bleibt. Organisatoren, die eine offene Kritik an einem Mitorganisator meiden und die Ereignisse in persönlichen Aussprachen abwickeln wollen und förmlich zu einer Distanzierung getragen werden müssen.

Das alles ist keine gute Werbung für das Konzept des Zukunftsforums und für die Reputation der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Veranstalter müssen sich fragen, ob ein Forum, das über die Zukunft des Islam in Deutschland diskutieren will, als Selbsthilfegruppe für Verbandsallergiker selbst eine sinnvolle Zukunft haben kann.

Natürlich kann man über die Zukunft des Islam diskutieren, ohne Verbandsvertreter einzuladen. Ein solches Selbstgespräch ist wenig sinnvoll – aber legitim. Wenn man aber – was einem offenen, partizipatorischen Selbstverständnis näher kommen würde – weiterhin muslimische Verbandsvertreter zum Zukunftsforum Islam einladen will, muss man sich entscheiden, welches Verhalten dem Anspruch des Bildungsauftrages der BpB tatsächlich angemessen ist.

Eine Steigerung zum Schlechten ist eigentlich nur noch möglich, wenn man die Verbandsvertreter darum bittet, am Eröffnungsabend welkes Blattgemüse mitzubringen, mit welchem sie auf der Bühne beworfen werden.

Eine therapeutische Veränderung in die andere Richtung, etwa in Gestalt eines Workshops mit dem Titel „Was ich schon immer über DITIB wissen wollte, mich aber nie getraut habe zu fragen“ wäre denkbar, vielleicht sogar heilsam, muss es aber nicht geben.

Es würde schon genügen, wenn die Bundeszentrale für politische Bildung sich ihrer Selbstdarstellung besinnt und wieder ihre „besondere Verantwortung, Werte wie Demokratie, Pluralismus und Toleranz im Bewusstsein der Bevölkerung zu festigen“ in die Tat umsetzt – erkennbar im eigenen Verhalten als Vorbild für ihre Teilnehmer.

Denn eine Zukunft des Islam in Deutschland ist ohne die islamischen Verbände vielleicht im geschützten Raum des Zukunftsforums möglich, in der Realität ist eine Leugnung der Selbstorganisation der Muslime mit all ihren Ausprägungen, Perspektiven und Positionen aber kaum förderlich. Wir leben zusammen. Wir sollten daran arbeiten, vernünftig und zivilisiert miteinander zu reden – auch unter dem Dach der Bundeszentrale für politische Bildung.

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