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Kaiser Wilhelm II. und die deutsch-osmanischen Beziehungen. Von Thomas Weiberg

Zwei befreundete Herrscher (1)

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(iz). „Aber wer im Okzident kennt unsere Geschichte? Wer unterzieht sich der Mühe, sie kennenzulernen?” So fragte Sultan Abdul Hamid II. vor fast einhundert Jahren in einem Kapitel seiner politischen Erinnerungen. Daran hat sich bis heute auf den ersten Blick nicht allzu viel geändert.

2009 fand im Istanbuler Yildiz-Palast unter dem Titel „Iki dost hükümdar – Zwei befreundete Herrscher” eine Ausstellung statt, die erstmals seit mehr als einhundert Jahren die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die intensiven freundschaftlichen Beziehungen lenkte, die zwischen Sultan Abdul Hamid II. und Kaiser Wilhelm II. bestanden hatten. Der Ausstellungsort war gut gewählt – denn der hoch über dem europäischen Ufer des Bosporus gelegene Yildiz-Palast war die Residenz Abdul Hamids II. – und Kaiser Wilhelm II. hatte bei seinen drei Besuchen in Istanbul stets dort in einem eigens für ihn im Park errichteten Schloss gewohnt. Seine dreißig Jahre währende Regierungszeit zwischen 1888 und 1918 war eine Epoche enger Beziehungen zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich auf nahezu allen Gebieten, und beide Staaten profitierten davon in erheblichem Maß.

Noch 1876 hatte Reichskanzler Fürst von Bismarck in einer Reichstagsrede erklärt, dass ein deutsches politisches Engagement in den orientalischen Angelegenheiten keinesfalls „die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers werth wäre” – 1892, nur sechzehn Jahre später, schrieb der nationalliberale Publizist Friedrich Dernburg voller Enthusiasmus: „Wenn einmal am Bahnhof zu Angora [Ankara] der klassische Ruf erschallt: Warme Würstchen, Glas Bier gefällig! dann wird Deutschland in Kleinasien den Fuß im Steigbügel haben.” Was war seit der Reichstagsrede Bismarcks geschehen? Was hatte diese tiefgreifende Änderung in weiten Kreisen von Politik und Wirtschaft bewirkt? Die deutsche Politik im wilhelminischen Kaiserreich beschritt neue Wege, deren Beginn die Regierungsübernahme Wilhelms II. 1888 markierte, der knapp zwei Jahre später die Entlassung des Reichskanzlers folgte. Doch das allein hätte wohl kaum zu einem solch nachhaltigen Umschwung führen können, der erst durch die Niederlage beider Staaten am Ende des Ersten Weltkrieges 1918 sein Ende fand.

Reichskanzler Fürst von Bismarck war nicht daran gelegen, eine eigenständige deutsche Orientpolitik zu entfalten, um nicht mit den übrigen europäischen Großmächten, die im Orient alle eigene Ziele verfolgten, in Konflikt zu geraten. Das änderte sich, als im Sommer 1888 Kaiser Wilhelm II. den Thron bestieg und sich bestrebt zeigte, die Zügel der Regierung in die Hand zu nehmen. Bereits im Oktober 1889 reiste der junge Monarch, gegen das erklärte Unbehagen Bismarcks, gemeinsam mit seiner Gemahlin Auguste Victoria zu einem offiziellen Staatsbesuch an den Bosporus.

Mit dieser wohlüberlegten Reise erreichte Wilhelm II. geschickt zweierlei: Zum einen trat er auch außenpolitisch aus dem Schatten Bismarcks, indem er der deutschen auswärtigen Politik ein neues Feld eröffnete, und griff zum anderen die zunehmend deutlicheren Forderungen der deutschen Wirtschafts- und Finanzkreise nach staatlicher Unterstützung im Zusammenhang mit dem sich abzeichnenden deutschen Engagement beim Eisenbahnbau in Anatolien auf. Ironisch wurde in den folgenden Jahren dann davon gesprochen, der Kaiser sei der erste Handlungsreisende des Deutschen Reiches. Sultan Abdul Hamid II. profitierte seinerseits von engen Beziehungen zur stärksten Kontinentalmacht Europas und konnte damit seine Position vor allem gegenüber Großbritannien und seinen europäischen Kritikern stärken.

Doch auch menschlich waren sich der deutsche Kaiser und der Sultan offenbar näher gekommen. Zahlreiche Geschenke legen davon Zeugnis ab – und die bemerkenswerteTatsache, dass Wilhelm II. eine ganze Reihe jener Präsente zusammen mit anderen Erinnerungen an seine Reisen nach Istanbul 1918 in sein niederländisches Exil mitnahm. In Istanbul zeugt der am 27. Januar 1901 – dem Geburtstag des Kaisers- eingeweihte Brunnen auf dem Platz zwischen Hagia Sophia und Sultan-Ahmed-Moschee noch heute von der Freundschaft beider Monarchen. Wilhelm II. hatte den Brunnen bei seinem Istanbul-Besuch 1898 immerhin eigenhändig entworfen und dem Sultan eine Skizze überreichen lassen.

In der Regierungszeit Abdul Hamids II. besuchte der deutsche Kaiser zwei Mal – 1889 sowie 1898 – die Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Ein letztes Mal reiste Wilhelm II. dann im Herbst 1917 an den Bosporus. Doch zu diesem Zeitpunkt regierte bereits Sultan Mohammed V. Reschad, wobei die eigentliche Macht in den Händen der Jungtürken lag. Für den ersten Staatsbesuch Wilhelms II. und der Kaiserin Auguste Victoria 1889 berief Sultan Abdul Hamid II. eine spezielle Kommission des Hofes, die sich um die Planung sowie die Umsetzung des Besuches akribisch und in enger Abstimmung mit dem deutschen Botschafter von Radowitz zu kümmern hatte. Der Sultan sparte für seine Gäste an nichts – Porzellan aus Meißen wurde für den Besuch ebenso beschafft wie vergoldete Porzellanteller, Schildpattlöffel, deren Stiele aus Korallen gefertigt waren, verschiedenste Kristallgläser, darunter sogar solche für das damalige Modegetränk Punsch, wobei bei den Banketts alkoholische Getränke nicht an die Muslime unter den Gästen ausgeschenkt wurden.

Der erste Besuch des jungen Kaiserpaares fand zwischen dem 2. und 6. November 1889 statt. Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder des Kaisers, gehörte zusammen mit Graf Herbert von Bismarck, dem Staatssekretär des Äußeren und Sohn des Reichskanzlers, ebenfalls zu den Mitreisenden.

Am Palast von Dolmabahçe gingen Kaiser und Kaiserin, von Abdul Hamid II. auf der wasserseitigen Terrasse erwartet, am 2. November 1889 unter Kanonendonner an Land. Nach einer kurzen Ruhepause fuhren der Sultan und seine Gäste dann mit zwei Kutschen durch ein Spalier von Soldaten unter Hochrufen und Militärmusik zum Yildiz-Palast hinauf. Sie waren dort im eigens für diesen Besuch neu eingerichteten Sale-Kasri untergebracht. Neben kurzen politischen Gesprächen und einer Militärparade war an allen Tagen ein reichhaltiges Besichtigungsprogramm für die Gäste vorgesehen.

Der Kaiser und die Kaiserin absolvierten es teils getrennt, teils gemeinsam: die Hagia Sophia, Süleymaniye Moschee, der Große Basar, die Bosporus-Schlösser Dolmabahçe und Beylerbey, die Moschee in Eyüp, die Stambuler Altstadt, die byzantinische Chora-Kirche, die 1889 noch eine Moschee war (sie ist heute ein Museum), die Moschee in Fatih, die Landmauern sowie die Yedikule-Festung standen auf dem Programm.

Wilhelm II. besichtigte außerdem noch verschiedene militärische Einrichtungen in der Stadt. Die Spitzen der „Bosporus- Deutschen” empfingen Kaiser und Kaiserin gemeinsam in der deutschen Botschaft. An einem Abend unternahmen die Gäste auf Einladung Abdul Hamids II. auf der kaiserlichen Jacht Sultaniye eine Bosporusfahrt – entlang der festlich illuminierten Ufer – bis zum Eingang des Schwarzen Meeres. Zweimal war Kaiserin Auguste Victoria zudem in den Harem des Sultans eingeladen, um dort die Sultan Valide (Sultansmutter), die erste Frau am Hof, sowie die Gemahlinnen des Padischahs zu besuchen. Auf Wunsch Abdul Hamids II. hatten die deutschen Gäste die Abreise um einen Tag verschoben, sodass sie Istanbul erst am Nachmittag des 6. Novembers verließen. Gegen Mittag dieses Tages begab sich dann der Sultan in das Sale-Kasri; er überreichte Kaiser Wilhelm II. ein Prunkschwert. „Der Kaiser war sichtlich davon gerührt; überhaupt war die Abschiedsstimmung eine überaus befriedigte und herzliche” stellte Botschafter von Radowitz fest. Durch das Spalier der Soldaten fuhr Abdul Hamid II. dann mit seinen Gästen hinunter zum Dolmabahçe Palast. Die Einschiffung erfolgte wieder von der Terrasse des Schlosses aus – Kanonendonner verabschiedete die Gäste.

Die Freude über den gelungenen Besuch war beiderseits – und auch nachhaltig. Botschafter von Radowitz besuchte Ende November 1889 Berlin und traf mit dem Kaiserpaar in dessen Wohnung im Berliner Schloss zusammen: „Im übrigen war nur von der Orientreise und dem Aufenthalt am Bosporus die Rede, den die hohen Herrschaften nicht genug preisen konnten.”

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