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Kampf der Symbole

Über beiden Kandidaten stehen reale Probleme. Sie entscheiden über Amerikas Zukunft

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Foto: Michael Vadon | Lizenz: CC BY-SA 4.0

(iz). Das Spektakel ist zu Ende. Spätestens nach dem Ende des Wahlkampfes reibt sich die Welt erstaunt die Augen. Das Fazit ist der Situation angepasst, also paradox: „Schrecklich, dass Trump gewonnen hat, aber wenigstens hat Clinton verloren.“ Monatelang hatten weniger Fakten, als Symbole die Auseinandersetzung bestimmt. Hillary Clinton stand für die Bekämpfung des Feindes jenseits amerikanischer Grenzen, Trump widmete sich dem inneren Feind. Hinter Clinton wurde „Wallstreet“ vermutet, hinter Trump gar der russische Geheimdienst.

Es gehört zur Ironie dieses Wahlkampfes, wenn nun ausgerechnet die Medien beklagen, dass die Wähler auf Grundlage Emotionen entschieden hätten. Der Versuch, das Wählen mit der Kategorisierung von „die Gute“ gegen „den Bösen“ zu vereinfachen, ist jedenfalls krachend gescheitert. Zu verlockend war das populäre Angebot, der Metasprache internationaler Werte und angeblicher globaler Verpflichtungen im Dienste der Menschheit eine Abfuhr zu erteilen. Die amerikanische Entscheidung versteht sich auch als Plädoyer gegen Washington, für eine Dezentralisierung; nicht nur in der Welt, sondern gerade in den USA selbst.

Hier strahlt die US-Wahl auch auf andere Erdteile aus. Ein Punkt, an dem sich Nationalisten aller Länder in ihrer Sympathie für Trump treffen, ist dabei der simple Glaube, dass das Phänomen der Technik entweder einfach dem eigenen politischen Willen zu unterwerfen ist oder durch einen Rückzug hinter die imaginären Mauern des Nationalstaates in seiner Wirkung begrenzt werden kann. Die Zeiten einer „Deutschen“ Bank sind aber – um nur ein Beispiel im hiesigen Kontext zu nennen – längst vorbei.

Spätestens im Januar werden auch die USA wieder ihre realen Probleme wahrnehmen. Über beiden Kandidaten thront ein gigantischer, faktischer und realer Schuldenberg, dessen Existenz beide Kandidaten im Wahlkampf geflissentlich ignorierten. Ein Präsident Trump wird wie jeder andere Präsident der letzten Jahrzehnte die Notenpresse anwerfen müssen, um seine Versprechen zu finanzieren. Die Diskussion um die charakterliche Eignung der Kandidaten verdrängt dabei nicht nur die bedeutendere Frage nach der Ethik dieser maßlosen Geldproduktion, sondern auch eine nüchterne Debatte über die globalen Folgen, die sie zeitigt.

Man darf Trumps Rhetorik nicht verharmlosen. Besonders Muslime sorgen sich diesseits und jenseits des Atlantiks über eine reale, nicht abzuschaffende Möglichkeit des Politischen: die Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Hier beweist sich die Politik – in einer von ökonomischen Interessen bestimmten Zeit – ihren verbliebenen Anspruch auf konkrete Macht. Das macht sie gefährlich. Hier sind die Muslime auch eins im Widerstand aller Minderheiten gegen den Trend.

Wir können bejammern, dass auf dem Rücken der Muslime die schwierige Identitätsfindung westlicher Gesellschaften abgewickelt wird. Nichtsdestotrotz sollten sich aber Muslime auch erinnern, dass die Flucht in die Metapolitik einer imaginären Weltgemeinschaft oder in jede andere Uniformität ebenso gescheitert ist. Vielmehr muss die Community lokal an Boden gewinnen, in Europa ankommen, sich dem postfaktischen Zeitalter stellen, aber eben ohne ihre Praxis und ihr Wissen über die Lage des Menschen im 21. Jahrhundert zu verleugnen. Gerade hier wird die nüchterne und rationale Sicht des Islam auf das ökonomische und soziale Feld, also die realen Probleme, bei denkenden Menschen Gehör finden.

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Abu Bakr Rieger

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