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Karlsruhe: Die Entstehungsgeschichte des Halima-Kindergartens zeigt, wie sich ein Projekt erfolgreich realisieren lässt. Von Mesut Palanci

Erfahrung durch das alltägliche Vorleben

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(iz). Es war einmal in Karlsruhe: Eine Handvoll Eltern wollte den Kindern die Möglichkeit bieten, viel Zeit miteinander im Spiel zu verbringen. Sie organisierten aus ­diesem Grund freitags ein, für alle offenes „Kindertreffen“. Das war im Jahr 1993. Dort wurden Geschichten über die Propheten erzählt, gemalt, gebastelt, gesungen, gekocht, gebacken, Ausflüge, Fahrradtouren und Grillfeste organisiert; man verrichtete das Gebet gemeinsam, übte für das Opferfest spielerisch die Hadsch, und im Ramadan wurde gemeinsam gefastet.

Die Kinder bastelten aber im Novem­ber auch Laternen und machten einen Umzug, bei dem sowohl Laternen, als auch islamische Lieder geträllert wurden, die man sonst im Kindertreffen sang. Zu Weihnachten wurde die Geschichte vom Propheten Jesus (‘Isa), Friede sei mit ihm, erzählt, die Kinder brachten Freunde mit oder wollten zum Ramadan- oder Opferfest den anderen Kindern in ihrem Kindergarten bei Gebäck und Kakao vom „eigenen Fest“ erzählen. Der Termin beim Karlsruher Jugendamt war schnell vereinbart: Eine Elterninitiative will einen Kindergarten eröffnen.“

Später war dann klar, dass die Zuständigen bei der Stadt nicht mit muslimischen Eltern gerechnet hatten und schon gar nicht mit Kopftuch tragenden Frauen. Da der Islam in Deutschland leider von vielen immer noch als „fremde Religion“ eingestuft wird, ist es nicht verwunderlich, dass die Beamten den Geschwistern dieses Argument als Begründung für ihre erste Skepsis gegenüber dem Kindergartenprojekt vorgelegt haben. Aber es war allen Geschwistern von Anfang an sehr wichtig, ehrlich und aufrichtig an die Kindergartenplanung heranzugehen, so dass es keinen Grund gab, mit irgendetwas hinterm Berg zu halten.

Eine Satzung wurde ausgearbeitet, ein Vorstand gewählt, und jedem wurde ein Aufgabenbereich zugeteilt. Weitere Gänge zu den Karlsruher Behörden folgten. Der nächste Schritt war die Ausarbeitung eines pädagogischen und eines finanziellen Konzeptes. Denn früher oder später bräuchte man Geld, Erzieher/innen, eine Mindestanzahl von Kindern und geeignete Räumlichkeiten mit Garten. Um zu sehen, wie ein pädagogisches Konzept aussieht, erbat man sich entsprechende Exemplare anderer, zum Teil auch muslimischer Kindergärten, wovon es damals deutschlandweit zwei gab.

Die längste, erhaltene Ausführung umfasste wenige Seiten. Man stellte in etwa diesem Umfang das Wichtigste zusammen, um es später mit der/dem Erzieher/in weiter auszuarbeiten. Die Entwür­fe für das pädagogische und finanzielle Konzept mussten natürlich mehrfach überarbeitet werden, und so kam es, dass das pädagogische Konzept des Halima-Kindergartens ein über 50-seitiges Dokument wurde.

Um auf das Projekt aufmerksam zu machen, beteiligte man sich mit Ständen auf Flohmärkten oder Info- und Verkaufsständen auf Festen, sammelte Spenden und zinslose Darlehen. Während dieser Zeit war man ständig mit den Zuständigen der Jugendämter in Kontakt. Es stellte sich heraus, dass es sinnvoll war, sich einem bereits bestehenden Dachverband anzuschließen. Dafür standen die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und die freien Kindergärten zur Auswahl. Man zögerte nicht lange. Der Dachverband der freien Kindergärten war ein bisschen erstaunt, dass eine Gruppe von muslimischen Eltern an der Errichtung eines Kindergartens interessiert war. Nach dem ersten Gespräch war jedoch schnell klar, dass muslimische Eltern ähnliche Anliegen hatten und sich mit solch einem Kindergarten nicht abgrenzen, sondern aufeinander zugehen wollten.

Der Termin vor dem Jugendhilfeausschuss war bis 1999 mehrmals von Seiten der Stadt verschoben worden. Doch endlich war es soweit: Räume standen in Aussicht, und zwei Erzieherinnen hatten zugesagt.

Man durfte nun auch bei den Behörden öffentlich von der Idee des unabhängigen Kindergartens von Muslimen sprechen und davon, dass die Karlsruher Muslime kein Ghetto für ihre Kinder wollten. Im Gegenteil: Man wollte nicht einen Kindergarten für Muslime, sondern von Muslimen eröffnen. Es sollten dort nicht nur muslimische Kinder aus den verschiedensten Kulturkreisen gemeinsam spielen und lernen, sondern auch Kinder andersgläubiger Eltern. Dabei sollte die deutsche Sprache gezielt gefördert werden. Der Verein wollte auch gerade das Vertrauen der Eltern ­erlangen, die Bedenken hatten, ihre Kinder in katholische, evangelische oder städtische Einrichtungen zu schicken, und Kinder erreichen, die sonst gar keinen Kindergarten besuchen würden. Einige Eltern hatten in anderen Kindergärten viele Missstände diesbezüglich hautnah miterleben können und wussten, wie man es auf jeden Fall nicht machen wollte.

Diese Missstände waren natürlich nicht nur auf das jeweilige Konzept dieser Kindergärten zurückzuführen, sondern wurden auch im Umgang der Erzieher/innen mit den so unterschiedlichen Eltern und Kindern und umgekehrt verursacht. Aus diesem Grund, und um ein solches Szenario zu vermeiden, beschloss man, dass im Halima-Kindergarten regelmäßige Seminare für das Kindergartenteam sowie die Eltern angeboten würden, die nicht nur Themen der religiösen Erziehung sondern auch viele andere aufgreifen und das Miteinander fördern. Man hatte vor, viele Kontakte zu anderen Einrichtungen zu knüpfen, und wollte verschiedene Elemente aus den unterschiedlichen Erziehungsmethoden der Waldorf- und Montessori-Einrichtungen in den Kindergarten einbringen. Der Halima-Kindergarten sollte für alle ein Ort werden, an dem man sich aktiv für das bessere Verständnis der verschiedenen Religionen, des Islam, der Menschen untereinander und der Schöpfung allgemein sowie für die Freiheit und den Frieden hier und jetzt einsetzen kann.

Religiöse Erziehung
Religiöse Erziehung fängt nicht irgendwann an. Sie beginnt bereits mit der Geburt und umfasst das ganze Leben. Die ersten religiösen Begegnungen ­finden in der Regel in der Familie beziehungsweise mit der Mutter statt. Sobald das Kind das erste Urvertrauen gewonnen hat, entstehen schon die ersten Fragen.

Wieso. Weshalb. Warum
Weder Eltern, Großeltern, Freunde noch Erzieher(innen) entkommen dieser Neugierde. In unserer Einrichtung erfahren die Kinder durch das alltägliche Vorleben und gemeinsames Miteinander die Antworten dazu. In erster Linie ist es wichtig, dass die Kinder die Liebe und das Vertrauen zu Gott entwickeln. Die religiöse Erziehung geschieht bei uns durch das Erzählen religiöser Geschichten, durch Singen, Beten und das Feiern der religiösen Feste.

Unsere Ziele sind:
• Respekt und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen vermitteln.
• Vorurteilen entgegenwirken und vorhandene abbauen.
• Kennenlernen der eigenen und Nachbarreligion.
• Mit Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten leben lernen.

Um diese Ziele erreichen zu können, erfolgt die Erziehung unserer Kinder auf Basis der gegenseitigen Akzeptanz ­sowie Toleranz Andersgläubigen gegenüber. Das bedeutet, wir feiern sowohl das Ramadanfest sowie das Opferfest als wichtigste islamische Feiertage. Beispielsweise zu Weihnachten sprechen wir uns mit den christlichen Eltern ab, sodass eine Geschichte erzählt oder etwas gebacken wird. Dabei sollen die muslimischen Kinder die Religion und Bräuche der Anderen kennenlernen. Wir feiern nicht Weihnachten, sondern möchten dass die Kinder optimal auf das Leben nach dem Kindergarten vorbereitet sind.

Wir wollen den Kindern in unserer Einrichtung folgende Werte vermitteln: Gott ist Allbarmherzig, wir alle sind Teil von Gottes Schöpfung und somit alle Geschwister. Mit dieser positiven Grundeinstellung zum Leben sind entscheidende Voraussetzungen geschaffen, die innere Freiheit ermöglichen, Vertrauen zum Leben eröffnen, Sinnerfüllung erfahren lassen, zur Lebensbewältigung befähigen sowie Menschlichkeit und Brüderlichkeit unter den Menschen fördern. Daraus leitet sich unser konkretes Handeln ab: In der „Woche der Waisen“ oder im Monat Ramadan leben wir soziale Verantwortung vor, indem wir Spenden sammeln und barmherzig sind gegenüber den Bedürftigen.

Elternarbeit
Die Elternarbeit ist einer der Hauptpfeiler unserer Arbeit. Wobei sich diese stark auf die Mütter konzentriert. Die Eltern (Mütter) müssen teilweise an die Hand genommen und auch angeleitet werden. Dazu gehört, dass man mit den Müttern in die Bibliothek geht oder „Hausaufgaben“ mitgibt, die aie dann zusammen mit ihren Kindern erledigen können.

Mutter-Kinder-Frühstück
Da ist ganz schön was los, wenn alle Mütter mit ihren Kindergartenkindern und den kleinen Geschwistern zum Mutter-Kind-Frühstück in den Halima-Kindergarten kommen. Alle zwei bis drei Monate findet dieser „Elternabend“ an einem Vormittag statt. Die Mütter können eher vormittags als am Abend kommen – das zeigt die Erfahrung. Also warum aus der Not keine Tugend machen und den Elternabend einfach auf den Vormittag verlegen? Gesagt, getan.

Los geht’s mit einem gemütlichen Frühstück, das von den Erzieherinnen vorbereitet wird – ergänzt von Leckerei­en, die Mütter mitbringen. Während des Essens kommt es „ganz nebenbei“ zu interessanten Gesprächen unter den Frauen ganz unterschiedlicher Herkunft (türkisch, deutsch, arabisch, bosnisch). Während die Kinder dann mit einer Erzieherin spielen, erfahren die Mütter von einer anderen Erzieherin Neuigkeiten aus dem Kindergartenalltag, zum Beispiel zur Sprachförderung oder zu aktuellen Projekten. Oder die Mütter werden selbst kreativ und probieren unter pädagogischer Leitung neue Maltechniken aus. So lernen sich zum einen die Mütter der Halima-Kinder immer besser kennen und es entsteht ein vertrautes Miteinander. Zum anderen erfahren die Mamas so, was ihre Kinder im Kindergartenalltag alles erleben und was für ihre Entwicklung wichtig ist.

Unser Erfolg
Ein messbarer Erfolg unserer Arbeit ist das mind. 70 Prozent der Kinder die den Halima-Kindergarten vollständig besucht haben, später das Gymnasium besuchen. Alhamdulillah, haben wir dieses Jahr die ersten Abiturienten, die inscha’Allah studieren werden.

Unsere Motivation
Der Gesandte Allahs hat gesagt: „Ich wurde gesandt, um Charakter und Benehmen (der Menschen) vollkommen zu machen.“

Wir vergessen auch den Ausspruch unseres Propheten nicht, worin er uns mitteilt, dass das beste Erbe der Eltern für ihre Kinder eine gute Erziehung ist.

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