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Kein Interesse an der muslimischen Mitte: Der Ansatz der politischen Stiftungen ist nicht wirklich liberal. Von Abu Bakr Rieger

Die Parteien und der Islam

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„Wenn man sich gegen die Kategorisierung der Muslime in ‘liberal-konservativ’ und damit gegen die Politisierung der Muslime wehrt, nimmt man für keine der beiden Seiten Partei.“

(iz). Manchmal fragt man sich wirklich, ob die Parteien in Sachen „Islam“ gut beraten sind. Die meisten ihrer politischen Stiftungen (und ihrer Berater) stärken indirekt den Gegensatz „ulltraliberal“ versus „salafistisch“. Dieser dialektische Weg ist durchaus problematisch.

Die zahlreichen Muslime der Mitte, die ihre Position islamisch einwandfrei, berechenbar und zuverlässig begründen können, scheinen für die Parteistrategen wenig interessant zu sein. Stattdessen geht es um eine ominöse Reformierung der Muslime. Paradox ist auch – sieht man sich entsprechende Programme und Veranstaltungen an –, dass dabei gerne ulltraliberale Positionen gefördert werden. Allerdings auf recht einseitige Weise, sodass dieser Ansatz selbst nicht wirklich als offen und liberal gelten kann.

Der fragwürdige Versuch, die innere Logik und Substanz des Islam, die sich in den anerkannten Rechtsschulen manifestiert, aufzubrechen, hat übrigens zahlreiche Risiken. Das kleinste ist dabei für die Politik der Verlust der intelligenten muslimischen Wählerschaft, die sich von dem durchsichtigen „liberalen“ Spektakel bereits instinktiv abwendet. Größere Sorgen macht mir die langfristige Wirklichkeit eines „politischen Islam“, der sich heute als gefügig anbietet, aber auch aus Mangel an überzeugender Lehre den Muslimen künftig jede Berechenbarkeit nimmt. Geradezu fatal ist es, jungen Menschen den Gegensatz anzubieten, die „guten“ Muslime praktizieren nicht, die „bösen“ schon.

Gerade die Parteien sollten wissen, dass Politik flexibel ist: Wer heute also als handzahm gilt, kann morgen schon radikal sein. Zudem entfalten exotische Positionen gegenüber der muslimischen Jugend, die nach Orientierung sucht, keine besondere Integrationskraft. Fakt ist: Über Jahrhunderte war der Gerade Weg – fernab der Extreme – durch das islamische Recht definiert. Eine gute islamische Ausbildung, nicht die Reformierung der Muslime, ist der beste Schutz vor Extremen. Über Jahrhunderte lebten Muslime dabei in ihrer Zeit, waren durchaus flexibel und erkannten Prioritäten ihrer Lebenswirklichkeit – natürlich ohne davon zu träumen, dass die Vergangenheit zurückkehrt.

Ein weiteres Missverständnisse der Debatte: Wenn man sich gegen die Kategorisierung der Muslime in „liberal-konservativ“ und damit gegen die Politisierung der Muslime wehrt, nimmt man für keine der beiden Seiten Partei. Mir und vielen anderen Muslimen geht es so, dass sie in ihrer muslimischen Existenz liberale und konservative Elemente erkennen können. Die – wenn man das überhaupt so bezeichnen will – „Lager“ dürfen aus unserer Sicht ihre jeweiligen Positionierungen, Einwände und Überzeugungen gerne präsentieren, noch besser ist es aber, wenn sie ihre Thesen auch islamisch sauber begründen können.

Diesen Pluralismus gab es im Islam viele Jahrhunderte lang. Solche Debatten sind gut, und verdienen es auch, von einer interessierten Öffentlichkeit gefördert zu werden. Die Förderung „neuer“ Religionen dürfte dagegen nicht Auftrag politischer Stiftungen sein. Der konstruktive Streit um die Sache war von jeher Teil des Selbstverständnisses der Rechtsschulen, die eben keine Ideologien waren. Hier müssen Muslime sicher wieder zuhören lernen. Der erkennbare Mittelweg sollte dann das natürliche Ergebnis der gemeinsamen Absichten der Muslime sein. Natürlich ist diese Hoffnung, diese Balance, nicht mehr möglich, wenn „liberal“ heißen soll, den Islam zu verlassen, oder „konservativ“, den Islam ideologisch umzusetzen.

Das Programm des „Münchner Forums“, initiiert vom Imam Benjamin Idriz, um ein positives Beispiel zu nennen, gefällt gut, weil es wirklich die Bezeichnung „liberal“ verdient. Während „liberale“ und „konservative“ Ideologen die jeweils andere Position nicht hören wollen, und eher diffamieren müssen, finden hier ganz unterschiedliche Beiträge ihren Raum. So kann auch der allgegenwärtigen Assoziation von Muslimen mit Terror und Gewalt begegnet werden.

In diesem unparteiischen Forum erkennt man einen ganzheitlichen Gesamtkontext, in den das streitbare Gespräch über den Islam eigentlich eingebettet sein muss; sei es die Erinnerung an die Barmherzigkeit in Zeiten unbarmherziger Politisierung, die Frage nach der authentischen Organisation der Muslime oder eben die zeitlose Dimension des islamischen Wirtschaftsrechts.

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