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Kein Tod auf Golgatha?

Der Historiker Johannes Fried auf der Suche nach der Wahrheit

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Foto: Edvard Munch, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

(iz). Theologie- und Religionsgeschichte: So spannend erzählt wie in einem Krimi! Johannes Frieds Streitschrift „Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebendem Jesus“ hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, bewegt und bereichert. Die Lektüre hat mich überdies von einer Glaubensnot ­befreit. Seit meiner Konversion vom Christentum zum Islam vor fast 30 Jahren hatte ich große Probleme damit, die christliche Darstellung des Todes Christi am Kreuz und seiner Wiederauferstehung am dritten Tag mit dem Bericht des Korans in Einklang zu bringen.

Doch jetzt hat mich Johannes Fried – wohlgemerkt kein Theologe, sondern ein weithin anerkannter Historiker – eines Besseren ­belehrt. Sollten sich Frieds geschichtswissenschaftlich begründete Erkenntnisse durchsetzen, so könnten der ins Stocken geratene christlich-muslimische Dialog und die Suche nach mehr Religionsfrieden ganz neue Impul­se erhalten.

Folgt man dem nüchternen Kreuzigungs­bericht des Johannesevangeliums, dessen Verfasser mit großer Wahrscheinlichkeit dabei gewesen ist, erlitt Jesus bei seiner Folterung eine Lungenverletzung und fiel am Kreuz in eine todesähnliche Kohlendioxydnarkose. Nur eine gezielte Punktion kann das Leben retten, und genau dafür sorgte der Lanzenstich eines römischen Kriegsknechtes. Jesus wurde, weil er für tot gehalten wurde, ungewöhnlich früh vom Kreuz abgenommen, ins Grab gelegt und bald darauf lebend gesehen, so von Thomas, der Jesus Wundmale berührt hat. Sein Grab war am Ostermorgen leer.

Johannes Fried beschreibt, wie sich daraufhin im Römischen Reich nicht zuletzt unter dem Einfluss von Paulus die Theologie vom auferstandenem Gottessohn verbreitete, während der überlebende Jesus zunächst in den kleinen Städten östlich vom See Genezareth Zuflucht suchte und später aus Furcht vor den römischen Verfolgern weiter nach Ostsyrien auswich, um dort unter anderen Vorzeichen als Wunderprediger, Heiler und Wundertäter seine Botschaft von Gottes Barmherzigkeit zu verkünden. Spuren vom Jesu Wirken östlich des Römischen Reiches finden sich in vielen Sagen, märchenhaften Erzählungen und von den westlichen Kirchenvätern und Päpsten als häretisch verworfenen Berichten. Der überlebende Jesus soll nach weit verbreiteten Legenden bis nach Ägypten, Indien und Kaschmir gezogen sein.

Ein Christ im Sinne der hellenistischen Trinitätslehre, schlussfolgert Fried, ist der orien­talische Jesus sicher nicht gewesen, er ist Jude geblieben. Seine wundersame Errettung, von Karfreitag bis Ostern, erinnert an Joseph, der drei Tage im Brunnen lag, und an Jonas, der drei Tage im Bauch des Wals gefangen war, und fügt sich somit ein in die jüdische ­Heilsgeschichte.

Im Qur’an heißen die Christen des Orients „nazara“. Der Name geht vermutlich unmittelbar auf Jesus, den „Nazaräer“ des Johannesevangeliums zurück. Die unterschiedlichen Namen verweisen auf dieselbe Person, wenn auch in unterschiedlicher Gestalt. Das ist wichtig, um häufige Missverständnisse im christlich-muslimischen Dialog zu vermeiden. Wenn der Qur’an von den „nazara“ – in den Regel mit „Christen“ übersetzt – spricht, dann sind damit nicht die an die Auferstehung und die Trinität glaubenden Christen der Gegenwart gemeint, sondern die Anhänger des im Orient überlebenden und seinem Selbstverständnis nach jüdisch gebliebenen Jesus.

Für Johannes Fried ist seine Geschichte vom überlebenden Jesus „das unglaublichste und widersinnigste Geschehen, an dessen Erforschung ich mich gewagt habe. Die ent­scheidenden Beobachtungen stammen nicht von mir. Sie sind Ergebnisse unterschiedlicher Disziplinen, der Unfallchirurgie, der neutestamentlichen Theologie, der Orientalistik, der Alten Geschichte. Allein die kritische Wertung und Zusammenführung dieser ­verstreuten Ergebnisse und die Suche nach einer möglichen, in sich widerspruchsfreien Ordnung ist das Werk des hier tätigen Historikers“.

Dieses Buch des Altmeisters der deutschen Historikerzunft ist in der Tat ein Wagnis. So ein im besten Sinn des Wortes „gewagtes“ Werk zu schreiben, erfordert Mut, Wagemut und Bekennermut. Er hat von der ersten bis zur letzten Seite Hochspannung erzeugt. (von Peter Schütt)

Johannes Fried, Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebendem Jesus. 189 Seiten, 19.95 Euro, C.H.Beck Verlag München 2019

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Peter Schütt

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