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Kobalt aus dem Kongo

Deutsche Firmen und die Frage nach der Moral. Bericht von Anne-Sophie Galli und Ralf E. Krüger

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Foto: Julien Harneis, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Was in Textilfabriken in Bangladesch geschieht oder in Minen im Kongo – dafür sollen bald auch deutsche Unternehmen verantwortlich sein, wenn ihre Produkte von dort stammen. Ein Blick in die Ferne. Auch da gibt es Ideen für Verbesserungen der Lieferketten.

Kinshasa/Neu Delhi (dpa). Willy Kitobo hat eine klare Vision. Der kongolesische Bergbauminister will erreichen, dass Umwelt und Gesellschaft beim Abbau von Rohstoffen in dem zentralafrikanischen Staat nicht mehr zerstört werden. „Wir haben zuvor gesehen, dass Ausländer die Bodenschätze ausbeuten und dabei das Ökosystem zerstören“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur und betonte: „Wir wollen, dass nur unter würdigen Bedingungen abgebaute Mineralien zertifiziert und im Namen des Kongos ins Ausland verkauft werden.“

So werden nun die für die Elektromobilität wichtigen Kobaltminen im Lande in einen Kodex eingebunden, der über ein Zertifizierungssystem diese negativen Bedingungen eindämmen soll. Der Kongo ist ein Beispiel für eine Problematik, die in Deutschland über das geplante nationale Lieferkettengesetz den Druck auf internationale Akteure zum nachhaltigen Produzieren verstärken soll. Denn der Kleinbergbau geht dort oft mit prekären Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, großen Umweltrisiken und der Finanzierung militärischer Konflikte einher.

Dabei können Firmen aus Deutschland und anderen Industrieländern Situationen am Anfang ihrer Lieferketten verbessern. Das hat man etwa in Bangladesch, dem nach China zweitgrößten Herstellungsland von Textilien gesehen. Vor gut sieben Jahren stürzte dort die achtgeschossige Textilfabrik Rana Plaza in knapp 90 Sekunden ein. Rund 1100 Menschen starben in den Trümmern. Das Unglück schockierte die Welt, Modefirmen fürchteten einen Kundenboykott. So unterschrieben 200 europäische Firmen ein Abkommen für Brandschutz und Gebäudesicherheit.

US-Firmen schlossen ein freiwilliges Abkommen für Arbeitersicherheit. Darauf wurden 2266 Fabriken kontrolliert, Alarmanlagen und Feuerlöscher eingebaut. Der gesetzliche Mindestlohn stieg von 5300 Taka auf 8000 Taka (gut 83 Euro) pro Monat. Doch inzwischen ist die Laufzeit der Abkommen vorbei und ein nationales Gremium aus Fabrikbesitzern, Arbeitervertretern und der Regierung hat die Aufgaben übernommen.

Von den Textilfabriken in Bangladesch laufe weiterhin viel Färbewasser kaum gereinigt in die Umwelt, in Flüsse, ins Grundwasser, sagt Forscher Mohidus Samad Khan von der Bangladesh University of Engineering and Technology. Das habe sich in den vergangenen Jahren kaum geändert. Den Modefirmen sei dies nicht so wichtig gewesen. Es brauche aber ihren Druck für eine Verbesserung.

Zudem droht die Corona-Pandemie gewisse Fortschritte wieder zunichte zu machen und Probleme zu verschärfen. In Bangladesch haben laut Gewerkschafterin Taslima Akhter mehr als 28 000 Fabrikbeschäftigte – hauptsächlich Frauen – ihre Jobs verloren, nachdem internationale Modeketten coronabedingt viele Aufträge stornierten.

Nach jahrelangem Rückgang scheint auch Kinderarbeit in Corona-Zeiten wieder zuzunehmen, wie Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen warnen. In vielen Ländern haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie dazu geführt, dass Erwachsene ihre Arbeit verloren und somit ihr Einkommen. Schulen, in denen Kinder zuvor teils kostenlose Mahlzeiten erhielten, sind zudem geschlossen.

Die Hilfsorganisation World Vision, die Familien in sechs asiatischen Ländern zum Thema befragt hat, spricht von einem erhöhten Druck auf die Familien. „Diese Tendenz sehen wir auch in anderen Teilen der Welt, besonders in Afrika und Lateinamerika; die Folgen sind extrem, denn die Kinder werden so ihrer Zukunft beraubt“, betont World-Vision-Referentin Antje Lüdemann-Dundua.

Kinderarbeit wird von den Profiteuren nicht gern offen zur Schau gestellt – das zeigte sich auch bei einem Besuch von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in Indien. Kurz vor Beginn der Corona-Krise in Deutschland hatte er sich ein Bild von den Problemen am Anfang der Lieferkette machen wollen und unter anderem eine Steinmühle und eine Teeplantage besucht. Arbeitende Kinder sah er mit seiner offiziellen Delegation dort aber nicht. Aber es gibt sie, obwohl das offiziell verboten ist.

Deutlich wird dies im Zentrum des Friedensnobelpreisträgers Kailash Satyarthi, der sich seit Jahrzehnten gegen die Ausbeutung von Kindern einsetzt. Er rettet Kinder, die in Steinbrüchen, Teppichfabriken und Plantagen gearbeitet haben und kämpft dafür, dass sie zur Schule gehen und der Armutsspirale ihrer Eltern entfliehen können.

Müllers Lieferkettengesetz hält Satyarthi für ein gutes Mittel gegen Kinderarbeit. Denn diese sei nun mal am günstigsten – und wenn europäische Firmen in armen Ländern produzieren ließen, griffen Subunternehmer oft auf Kinderarbeit zurück. Mit dem geplanten Gesetz wären die deutschen Firmen direkt für solche Kinderarbeit verantwortlich.

Doch nicht jeder ist glücklich über das neue Gesetz. „Wer deutsche Unternehmen pauschal an den Pranger stellt, der leistet einen Beitrag gegen Umweltschutz und gegen die Schaffung von Arbeitsplätzen auf dem afrikanischen Kontinent“, wettert etwa Stefan Liebing, der Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Er warnt vor einem Arbeitsplatzabbau durch den Rückzug deutscher Unternehmen, den skrupellose Wettbewerber ausnutzen könnten. Statt eines nationalen deutschen Gesetzes schlägt er einen Maßnahmen-Mix vor – darunter das auch von Bergbauminister Kitobo umgesetzte Zertifizierungssystem.

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