IZ News Ticker

Köln: Rund 18.000 Menschen feierten den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Von Yasin Alder

Nicht mehr "die Anderen" sein

Werbung

(iz) Annähernd 18.000 Menschen waren am Sonntag in die Köln-Arena gekommen, um den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sprechen zu hören. Organisiert worden war die Veranstaltung von der UETD, der Union Europäisch-Türkischer Demokraten, welche der AKP, der Partei Erdogans, nahe steht. Erdogan betonte dabei unter anderem, dass die Türken in Deutschland sich nicht selbst isolieren, sondern als Bestandteile dieser Gesellschaft einbringen sollten, ohne sich allerdings gänzlich zu assimilieren.

Da der Beginn des Einlasses sich verzögert hatte, warteten schon am späten Vormittag einige Tausend vor allem türkische Besucher vor der großen Halle, in der sonst vor allem große Pop-Konzerte und ähnliche Events stattfinden. Viele waren wohl mit der ganzen Familie gekommen, alle Altersgruppen waren vertreten. Nachdem es noch einige Probleme mit der Kartenvergabe und dem Einlass gegeben hatte (der Eintritt war kostenlos), öffneten sich schließlich ab 13.00 Uhr die Türen der Köln-Arena.

Bilder von der Veranstaltung finden Sie hier

Von dem ursprünglich geplanten Musikprogramm im Rahmen der Veranstaltung hatte man aus Rücksicht auf die Opfer des Ludwigshafener Brandes, für die zu gleicher Zeit eine Trauerfeier in Ludwigshafen stattfand, Abstand genommen. Zum Auftakt sprachen in kurzen Reden einige AKP-Abgeordnete aus der Türkei, darunter mehrere Minister – Erdogan war offensichtlich mit einem umfangreichen Stab angereist. Auch der türkische Botschafter in Deutschland und sein künftiger Nachfolger waren anwesend. Danach gab es eine längere Pause, in der auf der Bühne eine große Bildershow lief, die Erdogan in den verschiedensten Situationen zeigte, begleitet von dramatischer Musik. Die Spannung im Publikum stieg; mehrmals brach Begeisterung aus, als der Eindruck aufkam, dass Tayyip Erdogan nun die Bühne betreten würde. Menschen standen auf, stiegen auf die Stühle, schwenkten türkische Fahnen und riefen Slogans wie “Türkiye!” und „Wir lieben dich!“. Als Erdogan dann wirklich kam, begleitet von seiner Frau Emine und in Szene gesetzt von einer Lightshow, gab es kaum noch ein Halten – das Publikum spendete tosenden Beifall und Ausrufe der Begeisterung. Von einem solchen Zuspruch, sowohl was die Größe des Publikums als auch dessen Sympathie betrifft, können deutsche Politiker heute wohl nur noch träumen.

In seiner Rede, die lediglich für die anwesenden Journalisten simultan übersetzt wurde – der allergrößte Teil des Publikums war ohnehin türkischer Herkunft – rief der charismatische Ministerpräsident die Türken in Europa auf, auch hier ihren Charakter zu zeigen, dessen Grundlage Barmherzigkeit und Wohlwollen sei. „Seid eine Gemeinschaft und ein Volk der Brüderlichkeit. Mit Hass, Feindschaft, Widerwillen, Streitereien und Gewalt haben wir nichts zu tun!“, sagte er unter Beifall. Erdogan bat um Allahs Barmherzigkeit für die Opfer von Ludwigshafen und sagte: „Hoffentlich erleben wir so etwas nie wieder.“ Die Türken in Deutschland hätten in den letzten 50 Jahren mit ihrer Arbeit zu Stärke und Wohlstand Deutschland beigetragen, würdigte er die Leistungen der türkischstämmigen Zuwanderer, und rief sie gleichzeitig auf, sich nicht zu isolieren, sondern sich stärker in die Gesellschaft einzubringen, ohne die eigene Identität jedoch vollständig aufzugeben. Niemand könne von ihnen verlangen, sich völlig zu assimilieren, so Erdogan, der dies im Folgenden noch stärker formulierte: „Assimilation kann als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstanden werden“. Diese zugespitzte Aussage wurde im Nachhinein von den deutschen Medien besonders aufgegriffen und stark kritisiert. Erdogan sagte allerdings auch zum Publikum, dass man sich im Europa von heute nicht mehr als „der Andere“ sehen könne und die hier lebenden Türken und Türkischstämmigen ihr Eigenverständnis als „die Anderen“ ablegen müssten. „Wir dürfen uns nicht als Fremde, als Gäste oder als die Anderen verstehen, sondern als dazugehörige Elemente dieses Landes.“ Kinder sollten die deutsche Sprache schon vor der Einschulung lernen, damit sie nicht in Nachteil seien. Man solle die Distanz zur Politik und zum sozialen Leben in Deutschland aufgeben und stattdessen in allen Bereichen aufmerksam sein und sich einbringen, in der Politik oder auch als NGOs. „Warum soll es nicht auch türkischstämmige Bürgermeister geben?“, fragte Erdogan.

Seine zuvor in den Medien viel kritisierte Anregung nach der Gründung türkischsprachiger Schulen und Universitäten in Deutschland wiederholte Erdogan in Köln nicht. Der größere Teil der Rede widmete sich dann den Erfolgen seiner Regierung in der Türkei, die in der Tat deutlich sichtbar sind, wenn man sie mit den früheren Zuständen vergleicht, etwa im Bereich des Gesundheitswesens und der medizinischen Versorgung, wo früher fast katastrophale Zustände herrschten, aber auch im Pro-Kopf-Einkommen, der Inflationsrate, die enorm gesunken ist, der Exportquote, im Wohnungsbau oder der Schul- und Bildungspolitik. Mit Blick auf die angestrebte EU-Mitgliedschaft der Türkei sagte Erdogan, dass sein Land die Maastrichter Kriterien bereits heute erfülle, anders als manche EU-Mitgliedsstaaten, und dass man weiterhin eine Vollmitgliedschaft anstrebe. „Eine privilegierte Partnerschaft können wir nicht akzeptieren, diese steht nicht auf unserer Agenda“. Und er machte deutlich: „Aber wenn Europa uns nicht will, dann werden nicht wir daran schuld sein.“ Ohnehin lebten bereits jetzt rund 5 Millionen Türken in Europa.

Erdogan appellierte immer wieder an die Einigkeit und den Zusammenhalt der Türken, egal welcher ethnischen Abstammung „Die Schwierigkeiten, die es in Europa gibt, werden durch euren Zusammenhalt überwunden werden, und die Türkei ist immer auf eurer Seite,“ sagte der türkische Ministerpräsident, dar dabei stets auch ausdrücklich die Aleviten mit einbezog; er kritisierte auch die Darstellung dieser Glaubensgemeinschaft in einem deutschen Fernsehkrimi, gegen die die Alevitische Gemeinde protestiert hatte.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte es Kritik daran gegeben, dass die großflächigen Plakate, mit denen vor allem in Köln für die Veranstaltung geworben worden war, von wenigen Ausnahmen abgesehen ausschließlich in türkischer Sprache waren, was viele deutsche Bürger verständlicherweise irritiert hatte. Offenbar war man nicht in Betracht gezogen, auch Bürger, die nicht türkischer Abstammung sind, mit der Veranstaltung ansprechen zu wollen. Konsequenterweise waren auch, abgesehen von den Journalisten, fast ausschließlich Türkischstämmige im Publikum. UETD-Sprecher Saban Ergün, nahm diese Kritik an. Auch der Kölner Oberbürgermeister Schramma habe dies gegenüber Erdogan und den Veranstaltern angesprochen. Insgesamt zeigte Ergün sich zufrieden mit der Veranstaltung und dem, was Erdogan gesagt hat. Die Frage, ob man sich vorstellen könne, eine solche Veranstaltung in Zukunft mit entsprechender Übersetzung auch für ein nicht-türkischsprachiges Publikum zu öffnen, bejahte der UETD-Sprecher.

„Es war eine Mischung zwischen dem Besuch eines Ministerpräsidenten und Wahlkampf, das spielt immer ein bisschen mit hinein, wie sollte man das auch ganz trennen. Der Ministerpräsident hat eben seine Leute in Deutschland besucht“, meinte ein Besucher gegenüber der IZ. Die Kritik an Erdogans Besuch in Ludwigshafen, die dahingeht, dass dies auch ein Wahlkampfauftritt gewesen sei, kann der Besucher nicht nachvollziehen. „Das war eine menschliche Geste, jenseits von Politik. War wäre gesagt worden, wenn Erdogan nicht dort hingegangen wäre? Zumal sein Deutschlandbesuch ja vorher schon geplant war.“

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen