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Kommentar: Auch in Deutschland kommen Mechanismen ins Spiel, die wir sonst nur aus fremden Konfliktgebieten kennen, meint Sulaiman Wilms

Schock und Trauma auch hier bei uns

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(iz). Wir blicken auf das Ende eines gesegneten Ramadans, der uns hoffentlich allen wieder die Köpfe gerade gerückt hat und die tatsächlich relevanten Dinge unserer persönlichen wie gemeinschaftlichen Existenz vor Augen geführt hat. So sehen wir im Rückblick auf das vergangene Jahr einen Umgang mit dem Islam, in dessen medialem Mittelpunkt wieder einmal eine Reihe von Aufregungen und vermeintliche Skandalen standen. Von den mutmaßlichen Sauerländer Terroristen (zugleich so genannte „Konvertiten“), über die Deutsche Islam Konferenz (und der Kritik von Feridun Zaimoglu an ihrem symbolischem Charakter), von der steigenden Anzahl neuer Muslime (vom Sicherheits-Establishment zur Gefahr ausgerufen) über rechtsextreme Mobilmachung des braven kleinbürgerlichen Mobs gegen den verfassungsgemäßen Neubau repräsentativer Moscheen bis zur Profilierung ehemals wichtiger Publizisten auf Kosten der muslimischen Minderheit. All dies – neben den durchaus auch positiven Erfahrungen – prägte die öffentliche Wahrnehmung der deutschen Muslime.

Seien wir ehrlich: Die mediale Position der Muslime in diesem Land – inklusive der wenigen geduldeten unter unseren Repräsentanten – ist denkbar ungünstig. Daran ändern auch präsidiale Grußworte und das öffentliches Händeschütteln mit politischen Funktionsträgern nicht wirklich etwas. Dabei ist hier auch klar, dass wir eigentlich von von zwei Dingen sprechen müssen. Die privaten Muslime machen – wenn sie sich nicht gemeinschaftlich verstehen – jenseits des alltäglichen, latenten Rassismus, der immer noch virulent ist und in die Zone des linksliberalen Bildungsbürgertums vordrang, durchaus auch positive Alltagserfahrungen mit ihrer nicht-muslimischen Umwelt. Dies liegt dankenswerterweise daran, dass der Austausch mit den diversen Lebenswirklichkeiten der Muslime sich, von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, bisher relativ unbeeindruckt von der medialen Aufmerksamkeitsökonomie zeigte.

Jedes Mal, wenn die sprichwörtliche „Sau“ durch die mediale Provinz (welche immer mehr um sich greift) getrieben wird oder wenn die Muslime in diesem Land betreffende populistische Panik ein bisschen angeheizt wird, bleiben die muslimischen Gemeinschaften – allen voran ihre öffentlich erkennbaren Personen – wieder ein bisschen mehr defensiv zurück und sind wieder ein bisschen weniger handlungsfähig geworden. So zeichnet sich für Muslime wie für die nichtmuslimische Öffentlichkeit ein eher verwirrendes Bild. Während auf der einen Ebene symbolische Treffen (gerne als „Dialoge“ verhübscht) bestehen bleiben und manche Einzelpersonen eine gute Medienpräsenz erhalten, bekommen die gleichen muslimischen Organisationen auf anderer Ebene massiven Druck. Sie müssen sich, so ein Islamwissenschaftler im Rahmen des jüngst zu Ende gegangenen Orientalistenkongress in Freiburg, einen „ehrabschneidenden Umgang“ gefallen lassen. Ein Blick auf die Polemik gegen die Gemeinden einfacher Arbeiter und Rentner, die sich einfach nur eine schöne Moschee wünschen, belegt dies eindrücklich.

Um den Vorgang zu verstehen, empfiehlt sich an dieser Stelle die Lektüre des neuen Buches von Naomi Klein (Die Schock-Strategie), mit dem wir unsere letzte Ausgabe aufmachten. Auch wenn ihre Grundthesen auf ganz anderem, globalen Gebiet gilt, so beschreibt sie die Auswirkung von wiederholt schockierenden Erschütterungen auf ein Gemeinwesen. Dieses System des „Shock and Awe“ (anfänglich die Kriegsstrategie des Pentagon im Irak) desorientiert seine Opfer und macht sie in Folge willenlos für die folgenden, einschneidenden Veränderungen. Gleiches gilt in Deutschland. Jeder vermeintliche Skandal, jeder gerade noch abgewendete Anschlag und jede Polemik sekundärer Alt-Prominenter (in einschlägigen neo-konservativen Medien) gegen eine Moschee oder den Islam im Ganzen schwächt die Position muslimischer Repräsentanten und der Muslime als Ganzes.

Im Dauerfeuer permanenter Angriffe und des dauernden Zwangs stehen die (noch) öffentlichen Vertreter des organisierten Islam im Dauerzwang, sich verteidigen zu müssen. Eine Aufgabe, um die sie niemand beneiden kann. Angesichts dieser Taktik ist es mehr als nur empfehlenswert, dass sich eine Kultur der Solidarität für all jene Muslime entwickelt, die in der Öffentlichkeit für uns alle sprechen.

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Sulaiman Wilms

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