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Kommentar: Der negativ gestimmte Identitätswahn in Frankreich nimmt langsam groteske Züge an, meint Sulaiman Wilms

Die Gefahren des Halal-Burgers

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(iz). Ganz Frankreich hat Angst. Nein, nicht vor dem Verlust seiner vorbildlichen Lebenskultur oder vor den gar nicht zu kalkulierenden Folgen der Finanzkrise, deren Auswirkungen die Realökonomien Westeuropas noch gar nicht erreicht haben. Und wie immer, wenn die Menschen Angst ­haben, schalten sie ihren Verstand aus und Emotionen bekommen die Oberhand. Der Gegner im Visier der „Grande Nation“ sind ihre Muslime.

Wer glaubt, die Debatte in Deutschland habe ein nicht zu unterschreitendes Nie­drig­maß erreicht, sollte seinen Blick nach Westen schweifen lassen, wo das bröckelnde Selbstwertgefühl nur dadurch zu halten ist, dass man sich auf der Suche nach der verlorenen Identität vom „Anderen“ abgrenzt. Dieser Trugschluss liegt der hysterischen Debatte über das nicht existente Problem in Sachen „Burka“ zu Grunde.

Wer meint, es handele sich um ein politisches Problem, der übersieht, dass diese Debatte in Frankreich seltsam entpolitisiert ist. Alle Parteien, von ganz Links bis Rechtsaußen, haben ihren gemeinsamen Feind gefunden, an dem sie sich – aus Ermangelung von Lösungsansätzen für reale Probleme – abzuarbeiten versuchen. Debattieren oder das „Für“ und „Wider“ abwägen findet in Paris nicht statt. Ein Indiz für Irrationalität, wenn Säkularisten aus ihrer Meinung eine Religion machen. Die Nation, die uns ein enormes kulturelles und kulinarisches Erbe hinterlassen hat und deren Denker von Foucault bis Bourdieu die Moderne wie kein anderer dekonstruierten, wittert in allem, was ihre scheinbare Laicité zu stören scheint, eine tödliche Gefahr.

Diese „Gefahr“ muss bekämpft werden, selbst wenn es lächerlich wird. Der neue Zankapfel ist die Marketingstrategie der Fastfoodkette „Quick“, durch Halal-Burger neue Kunden unter Muslimen zu finden. Der sozialistische Bürgermeister von Roubaix, René Vandierendonck, kündigte an, Klage gegen das Schnellrestaurant einreichen zu wollen. Hintergrund ist, dass „Quick“ in seiner Niederlassung in Roubaix nur noch Burger anbietet, für die ausschließlich als „halal“ zertifiziertes Fleisch verarbeitet wird. Darin sieht der Bürgermeister eine Diskriminierung von Nichtmuslimen.

Würde sich die Politik gegen die kulinarisch inhumane Fastfoodkultur im Allgemeinen wenden, hätte sie meine volle Zustimmung. Macht das Zeug doch tödlich dick, sättigt nicht und verdirbt den Geschmack. Frankreichs Küche hat weit mehr zu bieten als lasche Burger und fettige Fritten. Nein, hier wird im Schnellrestaurant Identitätspolitik betrieben.

Eigentlich schade, hatte uns Frankreich doch Selbstbewusstsein vorgelebt, die globali­sierungskritische Bewegung hervorgebracht und gezeigt, dass eine Bevölkerung nicht ­alles mit sich machen lässt. Manchmal ­würde man sich sogar wünschen, wir Deutsche könnten uns von der französischen Anarchie inspirieren lassen.

Aber so … so kann man nur mit den Worten von Obelix schließen: „Die spinnen, die Franzosen!“

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