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Kommentar: Der Papst geht, die Kirche bleibt. Von Abu Bakr Rieger

„Unter Spannung“

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(iz). „Wir“ sind bald nicht mehr Papst. Diese Nachricht beherrschte heute den Tag, denn der Papst fühlt sich wohl endgültig nicht mehr als Herr der Lage. Im fortgeschrittenen Alter konnte der „einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn“ auf Dauer dem gnadenlosen Programm eines Staatsoberhauptes und Kirchenführer nicht mehr standhalten. Verständlich, denn wie kein Zweiter musste der Papst sich nicht nur einem Berg von Aufgaben stellen, sondern er hatte auch mit Intrigen und Skandalen – immer unter den verschärften Bedingungen unseres Medienzeitalters – umzugehen.

Eine ganze Amtszeit lang musste der brillante Rhetoriker seine Zunge im Zaum halten, und verprellte doch Muslime und Kritiker mit einer manchmal ungeschickten Auswahl von Vergleichen und Pointen. Dabei immer auch der machtbewusste Papst, insbesondere auch im Umgang mit der Konkurrenz, sodass er zum Beispiel auf seinem Kölner Besuch – der in die deutsche Geschichte eingehen wird – nicht etwa die Muslime und ihre Moschee besuchte, sondern sie schlicht zur Audienz einbestellte.

Der scheidende Papst könnte als ein „Katechon“, also ein Aufhaltender, in die Geschichte eingehen. Denn im Kern ging es ihm um die Wahrung von festen Formen – in einer sich de facto in Auflösung und Aufruhr befindlichen Kirchengemeinde. Der Papst wollte mit dem christlichen Ritus die Moderne beeinflussen und nicht etwa rituell modern sein. Die Abschiedsworte waren also nicht zufällig auf Latein verfasst. Das ist ein Symbol dafür, dass der Papst nie willens war, dem Kirchenvolk nach dem Mund zu reden. Hinter ihm liegt eine enorme Kraftanstrengung, der andauernden Versuchung des Populismus zu widerstehen; in einer Zeit, die zu Nivellierungen neigt. Ein Projekt, dass man auch als Nicht-Christ durchaus respektieren kann.

„Was wird aus der Kirche?“, hieß es gleich zwei Mal bei Günther Jauch – mit skeptischem Unterton in den letzen beiden Wochen präsentiert. Ja, sie provoziert, denn sie ist, wie Carl Schmitt formulierte, ein „complexio oppositorum“, und verbindet Monarchie, Aristokratie und Demokratie. Der Papst verteidigte in diesem Sinne nicht nur seine Autorität, sondern auch, aus seiner Sicht, wesentliche Glaubensinhalte gegen die schnelle Demokratisierung und den launischen Zeitgeist. Einfach gesagt: Den Kern des Glaubens und die offizielle Glaubensausübung betrachtete er nicht als für Abstimmungen geeignet. Für diese unbequeme Position gegen die “Diktatur des Relativismus” nahm er Gegenwind in Kauf.

Das eigentliche Problem des Christentums in unserer Zeit bleibt aber das Verhältnis zur ökonomischen Macht. Hier fehlte es dem Papst an einer klaren Stimme, an Tatkraft und intellektueller Überzeugung; und vielleicht auch – zumindest wenn man an die Vatikan-Bank denkt – auch an entsprechender Macht. Christliche Positionen zum Zins, zu den Banken oder zur „Ethik der Geldproduktion“ hört man nicht mehr von der Amtskirche, sondern nur noch von einigen Außenseiters. Dafür streitet man über – für Außenstehende zumindest – manch merkwürdiges Detail. Der alte Vorwurf des Opportunismus, hier klingt er wohl wieder an.

Der deutsche Papst geht also und hinterlässt nicht nur in Deutschland eine Kirche unter enormen Spannungen. Auch wenn seine Sprache oft barock war, immerhin musste man anerkennen, dass er manch allgemeingültigen Glaubenssatz – für das Christentum – auf höchstem Niveau formulieren konnte.

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Abu Bakr Rieger

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