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Kommentar: Die ökonomische Inspiration der Muslime ist von Freiheit geprägt, nicht von dummen Ressentiments gegen Juden. Von Abu Bakr Rieger

Aus der Welt des Erbakan

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(iz). In den guten alten Zeiten – als der Konflikt um den Islam und die Muslime zumindest an der Heimatfront noch nicht im Kriegsmodus geführt wurde – galten auch in führenden Medien beschauliche Grundsätze. Neben journalistischen Standards bestand das einfache Prinzip der Ausgrenzung von Radikalen. Dieses Prinzip gilt nicht mehr – zumeist mit durchsichtiger Intention. Heute bekommt ein Radikaler wie Wilders kostenlose Werbefläche beim SPIEGEL und ein Politgreis wie Necmettin Erbakan ein ellenlanges Interview in der WELT. Zufall?

Im Falle Erbakans und seiner von Neid geprägten “Abrechnung” mit Erdogan – dem genialen türkischen Ministerpräsidenten – geht es nicht wirklich um türkische Innenpolitik. Vielmehr stützt das Interview einen bestimmten Zusammenhang, der mittelfristig in der Öffentlichkeit zu einer Pawlowschen Reaktion ausgebaut werden könnte. Islamisch begründete ökonomische Kritik – so hört sich das bei Erbakan ja an – führt letztendlich und notwendigerweise zu einer drittklassigen Verschwörungstheorie. In diesem so denkfeindlichen wie dümmlichen Bild wird die Welt von “bösen Juden” regiert.

Man kann tatsächlich nicht ausschließen, dass einige muslimische Zyniker solche ekligen Bilder aufsaugen oder gar unsere jüdischen Mitbürger angreifen. Nach den Erfahrungen des Holocaust und der Judenverfolgung wird jeder denkende Mensch in Deutschland zustimmen, dass die Ideologie Erbakans nicht nur dumm, sondern auch gefährlich ist. Bleibt nur noch weiter zu fragen, warum dieser Schwachsinn gerade von der WELT transportiert wird, statt ignoriert zu werden.

Natürlich sind Verschwörungstheorien nicht nur gefährlich, sondern auch philosophisch unhaltbar. Das Ereignis der Finanztechnik ist ja gerade deswegen so unheimlich und destruktiv, weil seine globalen Strukturen nicht mehr vom Menschen gesteuert und reformiert werden können. Die modernen Finanzstrukturen sind ein Phänomen der Technik, kein Phänomen der Religion. Es kann gerade nicht im Erbakanschen Unsinn religiös gedeutet werden, weil es Atheisten, Muslime, Juden und Christen selbst sind die es befördert haben. Man denke auch nur an das naiv anmutende Mitspielen unserer arabischen Freunde beim internationalen Monopoly.

Wahr ist, dass Erbakan – in Deutschland zum Techniker ausgebildet – die moderne Welt nie verstand. In seiner Regierungszeit war der Erbakansche Modernismus, wie jeder Modernismus, allein von der Idee geprägt, die westlichen Machtapparate zu kopieren. Erbakan wollte die “Macht”: eine islamische Nato, eine islamische UEFA, eine islamische Bank. Aus der Technik sollte eine “islamische” Technik werden, ohne zu verstehen, dass diese Techniken ihre ideellen Grundlagen zerstört. Eine islamische Bank bleibt eine Bank. Erbakan verstand das nie.

Eine weitere Episode aus der Erbakanschen Welt könnte weitere Einsicht bringen. Bei den Koalitionsgesprächen vor seiner “Macht”-Übernahme saß Erbakan in seinem weißen Anzug gegenüber Tansu Ciller. Er wurde von ihr informiert, dass es bei diesen Gesprächen zwei absolute Tabus gäbe: die Mitgliedschaft der Türkei in der NATO und die Einführung des islamischen Dinars im Außenhandel. Ciller klärte ihn auf, dass sie sofort aufstehen würde, wenn das Gespräch auch nur annähernd in diese Richtung gehe. Erbakan – ganz Politiker – blieb, wie man weiß, sitzen.

Es gibt viele Menschen, denen die Verschwörungstheorien zu dämlich und die Lage zu hoffnungslos erscheint und die deshalb keinen geistigen Ausweg mehr sehen. Die Antwort des Islam ist aber nicht, dass der Mensch ideologisch aufrüsten sollte, sondern eher, dass er gelassen seine Nicht-Macht eingesteht, ohne aber tatenlos zu sein. Es sind nicht wir, die Geschichte machen. Die islamische Lebenspraxis – insbesondere seine ökonomischen Komponenten – mit dem Wissen um die Millionen Opfer dieser Zeit lassen keine Passivität zu.

Im Kern der ökonomischen Sicht des Islam steht weder ein törichtes Ressentiment gegen Juden, noch ein ideologisches System, sondern ein einfaches Postulat der Freiheit: Auf dem freien Markt sollten die Menschen die Währung, die sie benutzen, frei wählen können. Die wichtigste Abstimmung dieser Tage werden nicht durch einige tausende sich vor Züge werfende Demonstranten repräsentiert, sondern durch die Millionen Menschen aller Konfessionen, die sich jeden Tag Gold kaufen.

Link zum Erbakan-Interview in der “WELT”:
http://www.welt.de/politik/ausland/article10769062/Erdogan-ist-ein-Kassierer-des-Zionismus.html

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