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Kommentar: Frankreich fliegt und diskutiert. Deutschland gewinnt und vergleicht. Von Morad Bouras, Bielefeld

Der Fußball und die "Integration"

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(iz). Vor zwölf Jahren gewann Frankreich die Fußball-Weltmeisterschaft, zwei Jahre später die Europameisterschaft. Das Team bestand überwiegend aus Spielern, die aus ehemaligen Kolonien stammen. Das Land war stolz. Eine gelungene „Integration“ schien vollendet. Heute, zwölf Jahre später, hat eine ähnliche Mannschaft eine miserable WM abgeliefert. Mit nur einem Punkt in der Gruppe A verlässt Frankreich als Gruppenletzter das Turnier.

Dass Fußball eine Sprache ist, die überall verstanden wird, ist bekannt. Jedoch scheint die hiesige medial-politische Lesart eine andere Dimension zu sein. In Frankreich werden Stimmen laut, die behaupten, dass Frankreichs „Kolonial-Importe“ doch keine „Integrationskünstler“ sind. Das Fußballerische wird wegen mangelhafter Leistung kaum analysiert. So wird eine gelungene Integration mit positiven Leistungen gleichgesetzt. Negative Leistungen und Fehlverhalten stehen damit für eine misslungene Integration.

Währenddessen vergleicht Deutschland seine neue „Multi-Kulti“-Nationalmannschaft mit der Französischen zu Ende der 90er Jahre. Nach dem Sieg gegen Australien gab es ein „Wir“, nach dem verlorenen Spiel gegen Serbien war man sich unsicher, ob es das „Wir“ noch gibt. Danach waren „Wir“ alle gegen England. Doch auch bei uns schleicht sich schon jetzt eine Lesart ein, die leistungsgebunden und mit einer Fülle an Konstruktionen von „Traditionen“ und „Ideologien“ (Eric Hobsbawm) ist.

Thematisiert werden Özils Bittgebete, das Nicht-Singen der Nationalhymne, die recht frische Einbürgerung Cacaus und der polnische Teil einer deutschen Nation. In den Hintergrund tritt fast schon die spielerische Bereicherung der aktuellen Nationalmannschaft. Özil, Khedira, Cacau, Podolski usw. stehen für einen Teil der neuzeitlichen Geschichte Deutschlands. Auch ohne ihren Bekanntheitsgrad würden sie diese Stellung in der Historie einnehmen. Fakt ist, dass der Mensch sich seinen Geburtsort und den Ort, an dem er aufwächst, nicht aussuchen kann. Gleichzeitig kann sich niemand seine Eltern aussuchen.

Doch seit dem 19. Jahrhundert und der „Erfindung der Nation(en)“, wie der Historiker Benedict Anderson titelte, scheint das „Nationale“ in den Köpfen festgesetzt zu sein; die Suggestion der Nation als etwas immer dagewesenes und selbstverständliches. Zumal das individuelle Befinden und Bedürfnis über die Wahl einer oder mehrerer Identitäten entscheidet.

Meine subjektive Erfahrung lehrte mich bisher, dass die Mehrheits­ge­sellschaft unseres Landes – und damit meine ich die Gesellschaft, die keinen sogenannten „Migrationshintergrund“ besitzt – die „Anderen“ als Fremde betrachtet. Name, Aussehen, Kopftuch, Kippa, Kleidung und andere Zeichen werden dafür als Kennzeichen genommen. Sogar der Fußball, der durch den Hinzugewinn technischer Fähigkeiten und Potenziale nicht als „deutsch“ gesehen wird, bleibt davon keineswegs verschont.

Mir fehlt es in der Gesellschaft an Anerkennung von Differenz. Differenzen von Religion, lokalen und regionalen Traditionen, Aussehen und einen etwas anderen Stil, Fußball zu spielen, sehe ich als Bereicherung für unsere Nation an. Es gibt sowohl jüdische als auch muslimische Deutsche. Atheistische, buddhistische und alevitische Deutsche. Wir verlieren zusammen, wir gewinnen zusammen. Wir überwinden zusammen die Wirtschaftskrise und geraten zusammen hinein. „Der beste Weg die Zukunft vorauszusagen, ist, sie (gemeinsam) zu gestalten.“ Das sagte bereits Willy Brandt.

So sollte Deutschland nicht nur Exportweltmeister sein, sondern auch gesellschaftlicher Weltmeister für Offenheit, Anerkennung und Toleranz.

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